Wieder blickte er zu ihr hinüber und zuckte zusammen. Sie hatte leicht Mit dem Kopfe genickt, aber nicht zu Raoul hin, sondern zu einem Herrn im Smoking, der an einer Säule lehnte und schelnbar gleichgültig in das Getriebe des Vergnügens schaute.
Jonathan erkannte ihn sofort. Es war der Agent Perrier, der ihn schon mehrere Male vergeblich zu fassen versucht hatte. Und richtig, sieh da' fiel)’ da! wer ging denn mit merkwürdig unsicheren Schritten, ats Kellner verkleidet, zur Tür? Das war doch Lefövre, der bestechliche Spitzel des Sicherheits-Departements, der von ihm einmal dreitausend Franken erhalten hatte.
Jonathan verzog verächtlich die Lippen. So früh hatte ihn Odette schon ausgegeben?! Sie hatte ihn also bereits zum alten Ersen geworfen. Und sein Nachfolger würde Raoul werden. Diese Kanaille., dachte er. Also auch sie zog an diesem Abend Bilanz. Der Zeitpunkt war incht Übel gewählt. Diesmal waren Odette und Raoul in nichts verwickelt Und die Depot-Nummer und den falschen Namen seines Kontos auf der Nationalbank wußten sie auch. Zwei Fliegen mit einer K-appe: ihn würden sie los sein und zudem sein Geld haben. Das war eine qair zschöne Spekulation. Während er noch grübelte, kamen die beiden zurück. Odette fuhr sich mit dem Taschentuch über das erhitzte Gesicht:
„Wollen wir nicht in unserem Zimmer weiter feiern? Hier ist ja solch schrecklicher Lärm. Man versteht kaum sein eigenes Wort!"
Jonathan sah sie von unten herauf an. Sie wollten ihn auf dem Zimmer haben, damit es keinen Lärm gäbe. Er lächelte niude und nickte nur.
„Du, denk mal," fuhr Odette fort, „Raoul hat hier einen Freund getroffen und ihn eingeladen. Kann er nicht mit uns trinken?"
„Wenn er nett ist, warum nicht!" fagte Jonathan und stand auf. Da "kam auch schon der Eingeladene heran.
„Mister Robert Pensy aus Birmingham, ein alter Bekannter von mir", stellte Raoul vor.
Oho der Herr Präfekt bemüht sich selbst, wenn auch in einer mangelhaften Kostümierung", dachte Jonathan. Laut aber sagte er: „ „Dann wollen wir uns aber einen besonders guten Tropfen spendieren.
Mister Pensy, alias Präfekt Milhaud, der dem Besitzer des Hotels Claridge versprochen hatte, die Arretierung so unauffällig wie irgend ipöglich vorzunehmen, sah in dem von Jonathan reichlich bestellten Sekt einen willkommenen Helfer.
Oben in seinem Zimmer entwickelte sich der bisher mürrische Jonathan zu einem ganz entzückenden Gastgeber. Er erzählte Anekdoten und Schnurren aus seiner Miiitärzeit, besprach die neuesten Einbruchdiebstahle und ihre Verfolgung durch die Polizei in einer Weise, daß der Präfekt gleichzeitig lachte und rot wurde, kurz er war in einer übertriebenen Laune, die Raoul und Odette so hinritz, datz sie weit mehr tranken, als sie ursprünglich beabsichtigt hatten. Immer luftiger, immer heiterer wurde Jonathan. Er merkte wohl, wie Pensy sein Glas immer wieder heimlich in den Sektkühler leerte. Aber rauschselig erhob er sich, umarmte plötzlich seinen Gegner und brüllte:
„Kinder, ihr gefallt mir. Ich bin so glücklich mit euch. Ich mutz euch was schenken." Er holte seine Brieftasche hervor und schwenkte sie in der Luft. „Raten sie mal, Mister Pensy, was hier drin ist?!"
„Hoffentlich ihr Geld, Herr Holst!" ' .
„Und ob es mein Geld ist! Dreißigtausend Franken sind es. Meine dreißigtausend Franken! Oder vielmehr sie waren es —"
Mit einem mächtigen Schwung ritz Jonathan das Bündel Scheine heraus und warf es mitten in das flackernde Kaminfeuer.
„Jonathan", kreischte Odette und fuhr aus ihrer Trunkenheit auf. Sie warf einen Blick auf den Präfekten, der sich zur Tür wandte.
Aber davor stand bereits Jonathan und grinste mit der Miene eines total Berauschten. .
„Regen Sie sich doch um das bißchen Lumpengeld nicht auf, Herr Pensy, ich habe ja viel mehr. Heben Sie doch nicht so beschwörend den Arm' Sie wollen mich wohl um etwas bitten? Gern, ich bin in Geberlaune. Sie sollen alles haben. Hier —" er ritz einen Kalenderzettel von der Wand und kritzelte ein paar Buchstaben und eine Nummer daraus. „Hier ist meine Depotnummer von der Nationalbank. Hben Sie ab, Herr Pensy, heben Sie ab! Bitte schön."
„Er ist ja gar nicht betrunken, Raoul!" rief Odette wütend.
Der Präfekt hatte bereits den Zettel an sich genommen. Er verbeugte sich höflich: „
„Wir werden ihrem Wunsche Nachkommen, Herr Holst,-und jetzt —
„Gar nichts und jetzt, Herr Präfekt", entgegnete Jonathan. „Diese beiden Schufte hier sind schachmatt, denn ohne mich und ohne mein Geld, das Sie ja wohl in Verwahrung nehmen werden, können die nichts anfangen. Und die Prämie, die sie bekommen sollen, wird ja auch nicht überwältigend fein, wenn sie schon Straffreiheit für die Kronzeugenschaft zugesichert erhalten haben. Greisen Sie doch nicht nach den Handschellen in der Tasche. Ich schieße nicht. Haben Sie keine Angst. Ich habe ein schwaches Herz. Sie lächeln! Aber wissen Sie, was ein schlechtes Herz für einen Mann meines Berufes bedeutet? Schluß bedeutet es, Schluß. Ich habe Ihnen meine Kontonummer verraten. Eine Liebe ist der anderen wert. Würden Sie, bitte, gestatten, daß ich mich in diesem Raum —", er öffnete eine Tür, die in ein kleines Garderobezimmer führte, „zu unserem Spaziergang umkleide?"
Der Präfekt sah, daß der Raum ohne Fenster war. Dann nickte er: „Bitte."
Jonathan verschwand in dem Nebengelaß. In diesem Augenblick begannen die Glocken von Notre-Dame bis St. Sulpice zu läuten. Eine melodramatische Bilanz, mußte Jonathan denken, als er den Revolver an die Stirn hob. Aber der Odette geschieht es schon recht. So ein dummes Weibchen —."
Wilhelm Heinrich Niehl über hessische Dichter.
Von Dr. Carl Walbrach.
I.
In einer heute kaum noch dem Namen nach bekannten Zeitschrift, dem „Telegraph für Deutschland" veröffentlichte Wilhelm Heinrich Riehl 1846 einen Aufsatz „liniere modernen Lyriker, gruppiert nach den deutschen Gauen". Er machte damit auf einem Teilgebiet einfcn frühen Versuch zu einer Geschichte der deutschen Literatur, die die Dichter und Schriftsteller nach ihrer Gebundenheit an Landschaft und Stamm ihres Geburtsortes betrachtet. Und man darf vielleicht feinen Aufsatz eine kleine Vorarbeit zu Joseph Nadlers großer Literaturgeschichte nennet). De maus diesem Aufsatz unten abgedruckten Auszug über die „Hessen" sind einige biographische Bemerkungen über Riehst und ote von ihm besprochenen Lyyriker vorangestellt: Dingel st e d t, Zollen, Diefenbach. _ . m
Wilhelm Heinrich Riehl, der „gegen Sozialismus und Materialismus die Neubegründung der dreifach gegliederten Gefellschaft" angebahnt hat ist Hessen-Nassauer. Er wurde am 6. Mai 1823 als Sohn des herzoglichen Schloßverwalters in Biebrich geboren. In Marburg, Tübingen, Gießen und Bonn horte er Vorlesungen und kam 1844 noch einmal nach Gießen, um sich auf feinen Beruf als freier Schriftsteller vorzu- bereiten. Seit 1845 war er im Zeitungsdienst und begann 1851 die Ergebnisse seiner Forschungen über die Lebensbedingungen, Sitten und Seele unseres Volkes in verschiedenen Büchern zu veröffentlichen. Neben musikgeschichtlichen Arbeiten und noch heute gern gelesenen Novellen waren es vor allem seine kulturgeschichtlichen und sozialpolitischen Werke, durch die er sich einen Namen gebracht. 1853 wurde er Professor für Kulturgeschichte und Staatswissenschaft in München, wo er die Sozialwissenfchast einführte. Er wurde Mitglied der bayerischen Akademie der Wissenschaften, lehrte außer an der Universität auch am Konservatorium und wurde 1885 noch Direktor des Bayerischen Nationalmuseums, welches Amt er bis zu seinem am 16. November 1897 erfolgten Tod beibehielt. Die Bedeutung dieses alle Lebenserscheinungen umfassenden Geistes beruht heute vornehmlich darauf, daß man , ihn den Begründer der deutschen Volkskunde nennen darf.
Franz Dingelstedt ist 1814 zu Halsdorf in Kurhessen geboren. Er war ein ausgezeichneter Schüler und begann schon als 17iahriger sein Studium in Marburg, nach dessen Abschluß er Gymnasiallehrer in Kassel wurde. Seine dichterische und schriftstellerische Begabung machte sich früh bemerkbar: sie brachte ihm aber 1838 ob der freiheitlichen Gesinnung feiner „Bilder aus Hessen-Kassel" eine Strafversetzung nach Fulda ein und veranlaßte ihn 1841 den Lehrberuf überhaupt aufzugeben. Jni Auftrage des Cottaschen Verlages machte er Reisen, ote seine schlummernden aristokratischen Neigungen an die Oberfläche brachten Er wurde damit nicht etwa seinen freiheitlichen Jugendidealen untreu. Es war aber nur der Tribut, den er, unter der klemstaatlicheii Misere' seufzend, den in dem Kreise der Jugend herrschenden Ideen ad- aestattet hatte." Er wurde, durch Gönner empfohlen, Bibliothekar und Vorleser des Königs von Württemberg. Die damit begonnene höfische Laufbahn führte ihn 1851 als Intendanten an das Münchener Theater, wo er sich besonders als Dramaturg betätigte, 1857 als Generalinten- dairten nach Weimar und 1870 als Direktor des Hofburgtheaters nach Wien Er hat dort bis zu feinem Tod am 15. Mai 1881 ein ehren- und erfolg>-eiches Leben geführt; fein überlebensgroßes Marmorbild fand einen Platz im Burgtheater. — Als Schriftsteller hat er eine ganze Reihe Romane, Novellen, Erzählungen und Reisebilder geschrieben. Auch als Dramatiker ist er hervorgetreten, aber die rechte Begabung für dieses Gebiet der Poesie hat ihm offenbar gefehlt. Aehnlich ist es niet seinen Gedichten, so daß der Gießener Literarhistoriker Hillebrand, der Vater Carl Hillebrands, sagen konnte, er sei in der L-phare der Prosa heimischer gewesen als in der des lyrischen Gedichts. — Als Mensch war Dingelstedt eine gerade, ehrliche Natur und ein guter Deutscher, den „die Hoffnung auf eine gesegnete Entwicklung und Einheit des Vaterlandes" niemals verließ.
Earl Fallen. Sowohl Hessen und Deutschland als auch den Vereinigten Staaten von Nordamerika gehört dieser glänzende Kopf an. Er wurde am 4. September 1796 in Romrod geboren, war in Gießen Frdr. Gott! Weickers Schüler, unter dessen Führung er 1814 als freiwilliger Jäger ins Feld zog, und wurde in Gießen der Begründer der Burschenschaft. Er sammelte einen Kreis gleich ihm freiheitlich und deutsch gesinnter Jünglinge um sich, der im schärfsten Gegensatz zu Metternichs Politik stand: bie „Gießener Schwarzen". Die Wirkung ferner im Ehrenspiegel" — den ich 1927 in Brömers Verlag in Frankfurt neu her- ausgegeben habe — niedergelegten Gedanken ist noch heute in der deutschen Studentenschaft fühlbar. Die Reaktionszeit machte aus dem Schwärmer für deutsche Kaiserherrlichkeit einen kaltentschlofsenen Jakobiner, der sich den unheimlichen „Grundsatz" zu eigen machte, „wonach derjenige, der aus freier sittlicher Ueberzeugung zu des Vaterlandes Bestem zu handeln sich bewußt ist, stets recht hat, auch gegnuber dein Sittenge etz". Die Frucht dieser Lehre war Kotzebues Ermordung 1819, in deren Verfolg Fallen ins Ausland fliehen mußte. Aber infolge seiner Berschwörungspläne muhte er 1824 auch aus Basel entweichen. In Amerika faßte er nun festen Boden und setzte alle Kraft daran, „der deutschen Literatur und der deutsch-idealistischen Philosophie eine führende Stellung im geistigen Leben Amerikas zu gewinnen". Aber seine glänzende Stellung an der Harvard-Universität und alles durch rastlose Arbeiten Errungene gab er auf, als er sich zum Vizepräsidenten der Anti-Sklaverei-Gesellschast wählen ließ (1834). Sein feuriger Geist und harter Wille lietz ihn auch diese schweren Jahre überwinden und 1t»» wurde er als Prediger nach Ost-Lexington berufen. Die Stelle anzutreicn, war ihm nicht mehr vergönnt; er fand bei dem Brand des Dampfers, den er benutzte, den Tod. Er hat wie wenige der Landsleute, die > jener Zeit der alten Heimat den Rücken kehrten, für das Deutschtum in Nordamerika gewirkt. „Als ein Apostel echt deutscher Wisftnschm, so kennzeichnet Gustav Körner treffend sein Lebenswerk, hat Foue,


