SietzenerFamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1930
Freitag, den r.Mrz
Nummer (9
Nacht.
Von Albert Ehren stetig Was lallen die Worte? Wohin fallen die Blätter? Wohin weht uns der Wind? Warum sinken die Blüten? Warum stirbt ein Kind?
Ich weih nicht Antwort — Zu fern leuchten die Sterne, Ich gehe den Weg des Elends. Die Nacht spricht: Die Sterne Lallen ins Nichts.
Wir gehen Wohin die Blätter gehen, Wir sinken, Wohin die Blüten sinken, Wir fallen Ins Grab.
Oer arme Jonathan.
Novelle von Manfred Georg.
(Nachdruck verboten.)
Jonathan Holst stand, schon im Abenddreß, am großen Fenster seines Hotelzimmers und schaute mißmutig auf die breite Straße Er lehnte die Stirn gegen die kalte Scheibe. Wie wohl das tat: die Kälte des Glases minderte für einen Augenblick das Fieber, das ihm den Kopf zu sprengen drohte, |o es betäubte sogar, wenn auch nur für wenige Sekunden, die Gedanken, die sich in den letzten Tagen erneut in den Vordergrund drängten. Draußen zog die Reihe der Automobile, dicht gedrängt und in breiten Reihen sich nebeneinander über den Asphalt schiebend vorbei, eine Kette von Lichtern, die sich ohne Aufhören fortwährend ineinander stürzte. Die Doppelfenster ließen kaum ein Geräusch herauf. Aber in der Ferne sah er, wo die Seitenstraße in die große Avenue sprang, den Schutzmann stehen und dessen Leuchtstab sich heben und senken. Die Kette hielt, die Kette schnurrte ab, es war ein unwirkliches Anhalten und Weitergleiten der schwarzlackierten Wagendächer, die eine beweg- udje Einheit zu bilden schien wie ein dunkler Wurm mit glühenden -tiingen, der sich abwechselnd streckte und zusammenzog.
Es klopfte. Jonathan fuhr nervös zusammen. Dann ärgerte er sich Wort über diese Reflexbewegung. Hier im Claridge, einem der ersten Hotels von Paris, würden sie ihn kaum suchen. Und es war wirklich nur DdAte, seit Jahren die Kameradin seiner Abenteuer, die hereintrat. Wieso überhaupt suchen? Dieser Diamantenraub im „Blue Train", dem
Nizza-Expreß, schien ja überhaupt noch nicht einmal entdeckt. Die Pariser Blätter hätten das sicher nicht aus Diskretion der Polizei gegenüber verschwiegen. Dazu wäre die Sensation der Ueberschrift zu gewinnbringend gewesen. Auch war er sich nicht bewußt, bei diesem irgend eine Vorsichtsmaßregel vernachlässigt zu haben. Es war ganz leicht gegangen. Vor allem hatte er ohne Odette und Raoul gearbeitet. U' brauchte also nur für feine Aufmerksamkeit einzustehen. Und nicht auch !ur Duettes Leichtsinn und Raouls Großzügigkeit, die dieser allzu leicht ui leider verkehrten Momenten zu beweisen pflegte. Das war es aber auch eigentlich gar nicht, was ihn quälte. Außerdem kannte er seine Kom- n-li DOn bcr Sicherheits-Brigade zu gut, um zu wissen, daß sie sich nicht gerade heute, am Abend des Polizeiballs, die Mühe eines Streif- Zuges machen würden. Was ihn beunruhigte, war etwas ganz anderes. „ ne Beobachtung, die er beim Absprung vorn Trittbrette des v-Zuges gemacht hatte. Er war noch einige Schritte gelaufen und hatte sich
Quer in dem Acker zur Erde geworfen. Als er aber aufstehen konnte er es nicht. Heftige Stiche vom Herzen aus bohrten sich irayienformig in feinen ganzen Körper. Erst nach einer Viertelstunde eßen die Krämpfe nach. Zwei Tage später war er in Toulon beim cJSt gewesen. Der hatte bedenklich den Kopf geschüttelt: „Schwerer Derzsehler. Durch Ueberanstrengung erworben. Größte Schonung ober —" ltt^^le.Ja!lel!-:>e</)an^,ca)eÜlln9 hatte die Konsulatton beendet.
Jonathan Hosst nagte wütend an der Unterlippe. Es war aus. Glatt hn&' „„ e. be£ b*c Kasse des Credit Lyonnais in Mülhausen geplündert, kein Juwelengeschäft in der Rue de la Paix ausgeraubt und — berufjmtefb <5 Fall — die Postsäcke des Finanzministeriums, die die
spanische Anleihe nach Madrid bringen sollten, geleert hatte, sollte jetzt vielleicht zu kleinen Scheckschwindeleien ober faulen (Brünbungen zurückkehren ? O nein, da wurde er nicht mitmachen. Dann lieber gleich das mit &«”!.,rotelJ Ziegeldach in der Normandie, einen Garten mit JBlumen und Kohl, und am Abend die Whist-Partie mit den Hono-
St$e3: &.r böse in den Spiegel. Ueberanstrengung! Herzfehler! Das Rentnerleben tauchte an der Schwelle dieses Jahres aus
'T‘fTuf HE an der linken Schläfe aus. Hinter ihm kicherte 5 ’n h£mUmAerU1rn ^"„?dette hörte einen Augenblick
fahren-* 6 $ Poliertuch über die Nagelreihe der linken Hand zu
n /'^cU du wie eine Frau tust die ihre erste Falte bemerkt. Hast du mal' mich e7 ja IchließlichseK" ^Enterkopf grau ist? (Sott,
ÄWÄta? 9°natf,an u^^mittelt vor Odette und „Soll das heißen daß du mich verlassen willst, um auf eigene Faust tteine bTnfA V“' 003 ™ lunf Jahren warst? Eine elende twa/hLmnmeb‘<: ^k^rme» Marktfrauen die Portemonnaies aus der Wirst h t2u ■ Endest im Polizedericht hinter den Verftelgeninqen. Wirst du heute einmal geschnappt, bann bringt der „Malin" dein Bild Ü erste» Seite und irgend ein Reporter erfindet eine Lebensgeschichte von zwei Spalten Länge dazu.
Sie stieß ihn leicht zurück.
„Laß mich doch los. Du tust |a wie ein Liebhaber, der sich seiner gegenüber in o schwacher Position fühlt, daß er sie anbinden ?*■ ,^arum soll ich dich denn verlassen? Wenn du nicht mehr arbeiten fannft, Ist Ja Raoul da. Er wird dich und mich schon ernähren."
Jonathan wandte sich ab. Er lachte kurz und knurrig.
, „Dein Raoul! Ein paar Heiratsschwindeleien kann er machen mit etnem Puppengesicht! Aber weiter nichts. Hat er Verstand? Hai er Mut? (Stnen Dreck hat er. In seinem Alter hätte ich mich bedankt an seiner Wo"jst 6er übrigens?"1 r Schuhputzer und Postensteher zu spielen. „n/'®b.er bast du denn vergessen, daß wir für deine Geburtstagsfeier
Ä1!^" Salon' einen Tisch bestellt haben. Er erwartet uns tung'en^"ht udngens schon etwas von der letzten Sache in den Zei-
T^in. Was kümmert dich denn das außerdem? Du bitt doch nicht „3le5mat können sie doch höchstens mich hochgehen lassen.
Jonathan beugte sich über Odettes Hand und küßte sie. Immer noch berau chte ihn der feine unnatürliche Duft, der von keinem Parfum verfälscht, daraus ausstieg, immer noch empfand er ein leises, heftiges Ziehen im Rucken, wenn er diese fünf langen, stets etwas gekrümmte» tjinger küßte.
Unten erhob sich Raoul und ging ihnen entgegen, als sie in der Tür bes Saales erschienen. Er verbeugte sich zeremoniell, gratulierte Jo- naHmn zu seinem 50 Geburtstage und pries begeistert die Zusammenstellung des Geburtstag-Soupers, das er bestellt hatte. Fröhliche Stirn« iniing an ben übrigen Tischen, die Wärme des Raumes, die Festlichkeit der Stunde und der Wein, der überall in großen Mengen getrunken suurde, schafften eine Art gedämpfter Gemeinsamkeit, die die sonst hier übliche steife Zurückhaltung bald aufhob. Die Mitte des Saales wurde von den großen Anrichte-Bufetts geräumt. Schon starteten im rasche» Jazz-Takt die ersten Tanzerpaare.
„Komm, Jonathan, wir wollen tanzen."
Odette erhob sich.
„Gern."
,~..?b.cr er aufstehen wollte, spürte er wieder einen so verdammt«« Stich in der rechten Brustseite, daß er abwinkte und sagte:
„Nachher. Tanze doch erst mit Raoul.
Er blieb am Tische sitzen und beobachtete still und verbissen M* Paare Und wie er sah, daß Odette sich heftiger an Raoul drängte, als es scuft der tfaU zu fein pflegte, konnte er die Augen nicht mehr ad- wenden. Er mußte daran denken, wie er als Junge in feiner kleine» luxemburgischen Heimatstadt immer vorn Vater dazu angehalten worden war, am Geburtstagsabend eine Art Bilanz des verflossenen Lebensjahres zu machen, wie er sich gemüht und gemüht hatte, alles Gute und alles Schlechte zusammen zu finden und wie er beim Schlechten immer etwas gemogelt hatte, um doch für das Gute einen kleinen Ueber- schuß zu erzielen. Aber diesmal ging das nicht so einfach. Geld war da. Schön. Aber wo blieb die Kmft und die Zukunft? Das war ja nicht morgen der erste Tag eines neuen Lebensjahres, das war ja ein Abschluß für immer. Und Odette?


