Der ganze Boden von Agrigento, das P i n d a r einst als die „schönste Stadt der Sterblichen" bezeichnete, steckt voll von Scherben antiker Gefäße, Münzen und Tonstatuctten, die von den Bauern und den Hirten aus der Erde geholt werden. Es unterliegt daher nicht dem mindesten Zweifel, daß die Fortführung der Arbeiten weiters bedeutsame Funde ergeben wird. Aber schon das bisher Erreichte darf uneingeschränktes Lob beanspruchen: handelt es sich doch hier um die größte Tempelstätte der griechischen Welt, deren Wiederaufrichtung ein Wunsch nicht nur Italiens, sondern der ganzen zivilisierten Menschheit ist.
Carsten Curator.
Novelle von Theodor Storm.
(Schluß.)
Er wandte sich ab; mit der einen Hand die qualmende Kerze vor sich haltend, die andere abwehrend hinter sich gestreckt, wankte er nach der Tür des Seitenbaues. Als er hindurchschritt, fühlte er sich an seinem Rocke gezerrt; aber er machte sich los, und es wurde finster im Pesel, und von der anderen Seite drehte sich der Schlüssel in der Tür.
Der Trunkene war plötzlich seiner Sinne mächtig geworden. Wie aus dem Nebel des Traumes erwachend, fand er sich allein in dem ihm wohlbekannten, dunklen Raume; er wußte mit einem Male jedes Wort, das zu ihm gesprochen war. Er tastete an der verschlossenen Tür, er rüttelte daran. „Vater! hör' mich!" rief er, „hilf mir, mein Vater! nur noch dies eine, letzte Mal!" Und wieder rüttelte er, und noch einmal mit lauter Stimme rief er es. Aber, ob der Sturm es verwehte, oder ob seines Vaters Ohr für ihn verschlossen war, ihm. wurde nicht geöffnet; nichts hörte er als das Toben in den Lüften und zwischen den Schluchten der Höfe und Häuser.
Eine Weile noch stand er, das Ohr gegen die Tür gedrückt; dann endlich ging er fort Aber nicht durch den Hof nach der Twiste, wo die Tür vielleicht noch frei von Wasser war; er ging durch den Flur an die Schotten der offenen Haustür, an denen schon bis zur halben Höhe das Wasser hinausklatschte. Der Mond war aufgestiegen; aber am Himmel flogen die Wolken; Licht und Dunkel jagten abwechselnd über die schäumenden Wasser. Vor ihm über der Schleuse, wo es ostwärts durch die Häuserlücke nach den Gärten und Wiesen geht, schien jetzt ein mächtiger Strom hinabzuschießen; er glauhte den Todesschrei der Tiere zu hören, welche die erbarmungslosen Naturgewalten wie im Taumel dort vorüberrissen. Ihn schauderte; — was wollte er hier? — Aber gleich darauf wars er den bleichen, noch immer jugendlich schönen Kopf zurück. „Oiho, Jens!" rief er plötzlich; er hätte seitwärts unter den Häusern ein mit zwei Leuten bemanntes Boot erblickt, das zu einem der früheren Austerschiffe gehörte. Ein trotziger Uebermut sprühte aus seinen eben noch so stumpfen Äugen. „Gib mir das Boot, Jens! Oder habt ihr selbst noch was damit?"
„Diesmal nicht!" scholl es zurück. „Aber wohin will der Herr?" „Wohin? Ja, wohin? Dort, nur querüber nach der Krämerstraße!" Das winzige Boot legte sich an die Schotten.
„Steigt ein, Herr; aber setzt uns hier nebenan beim Schlachter ab!" Heinrich stieg ein, und die beiden anderen wurden, wie sie es verlangten, ausgesetzt. Als sie aber dort hinter den Schotten in der Haustür standen, sahen sie bald, daß das Boot nicht, wie Heinrich angegeben, in den sicheren Paß der Straße lenkte. „Herr, zum Teufel", schrie der eine, „wo wollt Ihr hin?"
Heinrich war noch im Schutze der Häuserreihe.
„Nach Haus!" rief er zurück.',.Hintenum nach Haus!"
„Herr, seid Ihr toll! Das geht nicht; das Boot kentert, eh' Ihr um die Schleuse seid!"
„Muß gehen!" kam es noch einmal halbverweht zurück; dann scboß das Boot in den wüsten Wasserschwall hinaus. Noch einen Augenblick sahen sie es wie einen Schatten von den Wellen auf und ab geworfen; als es über der Sckleuse in die Häuserlücke gelangte, wurde es vom Strom gefaßt. Die Leute stießen einen Schrei aus; das Boot war jählings ihrem Blick verschwunden. — — .
„War mir doch", sagte Brigitte oben in ihrer Kammer zu dem Kinde, „als hätte ich vorhin des Onkel Heinrichs Stimme gehört! Aber wie sollte der hierher kommen!" Dann ging sie hinaus und rief von der Treppe in den dunklen Flur hinab: „Heinrich, bjst du da, Heinrich?" — Als feine Antwort kam, schüttelte sie den Kopf und horchte noch einmal; aber nur das Wasser klatschte gegen die Schotten.
Sie ging vollends in das Unterhaus hinab, entzündete mit Mühe ein Licht und stellte es in das Ladenfenster; dann, nachdem sie den Wasserstand besichtigt hatte, stieg sie wieder hinauf in ihre Kammer. „Sei ruhig", Christinchen, das Wasser kommt heute nicht ins Haus; aber der Onkel Heinrich ist auch nicht dagewesen."
Wohl eine Viertelstunde war vergangen; draußen schien es ruhioer zu werden, die Leute saßen abwartend in ihren Häusern. Da setzte Brigitte plötzlich das Kind von ihrem Schoße. „Was war das? Hörtest du ba« Christinchen?" Und wieder lief sie nach der Treppe. „Ist jemand unten?" rief sie in den Flur hinab.
Eine Männerstimme antwortete durch die offene Haustür.
„Was wollt Ihr? Seid Jhr's denn, Nachbar?" fragte di« Alte. „Wie seid Ihr an das Haus gekommen?"
„Ich hab' ein Boot, Brigitte; aber kommt einmal herab!"
So rasch sie vor dem Kinde konnte, das sich wieder an ihren Rock geklammert hatte, stieg sie die Treppe hinab. „Was ist denn, Nachbar? Gott schütze uns vor Unglück!"
„Ja, ja, Brigitte, Gott schütze uns! Aber hinter der Krämerstraße auf Ken Fennen ist ein Mensch in Not."
„Allbarmherziger Gott, ein Mensch! Wollt Ihr das große Tau von unserem Boden?"
Der Mann schüttelte den Kops. „Cs ist zu weit, der Mensch sitzt auf dem hohen Scheuerpfahl, der nur noch eben über Wasser ist. Hört nur!
Man kann ihn schreien hörens — Nein, nein, es war nur der Wind. Aber drüben von des Bäckers Hausboden können fie ihn sehen."
„Bleibt noch!" sagte die Alte. „Ich will Carsten rufen; vielleicht weih der noch Rat." 0
Ein paar Worte noch wechselten sie; bann lief Brigitte nach den: Pesel. Aber es war dunkel, Carsten war nicht dort. Als sie sich mit den, Kinde nach der Ecke des Seitenbaues hingetaftet hatte, fand sie die Tüi verschlossen.
„Carsten, Carsten!" rief sie und schlug mit beiden Händen daraus tos. Endlich kam es die Treppe herab, der Schlüssel drehte sich, und durften mit der heruntergebrannten Kerze in der Hand trat ihr totenbleich end gegen.
„Um Gottes willen, Bruder, wie siehst du aus! Warum verschließt bu dich? Was hast bu oben in der Totenkammer aufgestellt?"
Er sah sie ruhig, aber wie abroefenb aus seinen großen Augen an.
„Was willst du, Schwester?" fragte er. „Ist denn bas Wasser schon im Fallen?"
„Nein, Bruber; aber es hat ein Unglück gegeben!" Und sie berichtest mit fliegenben Worten, was der Nachbar ihr erzählt hatte.
Die steinerne Gestalt des Alten wurde plötzlich lebendig. „Ein Mensch? Ein Mann, Brigitte?" rief er und packte den Arm seiner alten Schwester,
„Freilich, freilich; ein Mann, Bruder!"
Das Kind, bas Brigittens Rock nicht losgelassen hatte, streckte jetzt sein Köpfchen vor. „Ja, Carsten Ohm", sagte es wichtig, „unb ber Mann ruft immer nach feinem Vater! Von Nachbar Bäcker seinem Boden tön- neu sie ihn schreien hören.
Carsten ließ das Licht auf die Fliesen fallen und stürzte fort. Er war schon drunten vor den Schotten unb wäre in das Wasser hinausgestiegen,> wenn ihm ber Nachbar nicht noch zur Not ins Boot geholfen hätte.
Einige Augenblicke später stand er drüben in der Krämerstraße auf bent bunklen Boden des Bäckers unb ließ burch bie offene Luke feine Blich in den nächtlichen ©raus hinausirren.
„Wo? wo?" fragte er zitternd.
„Guckt nur geradeaus! Der Pfahl auf Peter Hansens Fenne!" antwortete der dicke Bäcker, der, mit den Daumen in den Armlöchern feiner Weste, neben ihm stand; „’s ist nur zu dunkel jetzt; Ihr müßt warten, bis der Mond wieder vorkommt! Aber ich geh' nach unten; ich bin zu weich; ich halt's nicht aus, das Schreien hier mit anzuhören."
„Schreien? Ich höre nichts!"
„Nicht? Nun, helfen tann’s dem drüben auch nicht weiter."
Eine blendende Mondhelle brach durch die vorüberjagenden Wolken und beleuchtete das geisterbleiche Gesicht des Greises, der fein fliegende; Haar mit beiden Händen hielt, während die großen Augen angstvoll über die schäumende Wasserwüste schweiften.
Plötzlich zuckte er zusammen.
„Carsten, alle Teufel, Carsten!" rief ber Bäcker, ber trotz feines weichen Herzens noch zur Stelle war; denn in demselben Augenblicke war Carsten lautlos in die Arme des dicken Mannes hingefallen.
„Ja, fo", setzte er hinzu, als er nun auch einen Blick durch die Luke tat; „der Pfahl ist, bei meiner armen Seele, leer! Aber was zum Henker ging denn das den Alten an!"
*
Es ist zwar nie ermittelt worden, wer der Mensch gewesen, deffea Notschrei derzeit von der Flut erstickt wurde; gewiß aber ist es, bch Heinrich weder in jener Nacht noch später wieder nach Hause gekommen oder überhaupt gesehen worden ist.
Im übrigen hat Herrn Jaspers' fröhliche Zuversicht sich mehr noch als bewährt; nicht nur das Haus in der Süderstraße, auch das an ber Twiete ging bald durch seine Hände. Nur Tante Brigittens Sarg stand noch im kühlen Pesel und wurde von ba zur ewigen Ruhe hinauegetra- gen. Carsten mußte ausziehen; während drinnen der Auktionshammer schallte, ging er, von Anna gestützt, aus seinem alten Hause, um e; niemals wieder zu betreten. Oben in der Süderstraße, weit hinter Heinrichs früherem Gewese, dort, wo die letzten kleinen Häuser mit Stroh gedeckt sind, war jetzt ihre gemeinschaftliche Heimat. Ein Amt bekleidete Carsten nicht mehr, auch sonst betrieb er keine Geschäfte; denn in jener Nacht war er vom Schlage getroffen worden, und sein Kopf hatte gelitten: dagegen war er wohlgeeianet, den kleinen Heinrich zu warten, welcher den halben Tag auf feines Großvaters Schoße zubrachte. Not litt der Alle nicht, obgleich Anna auch den letzten Bruchteil ihres Vermögens um be; Gedächtnisses ihres Mannes willen hingegeben hatte; aber ihre Hände unb ihr Mut waren nimmer müde. Sie war völlig verblüht, nur ihr schönes, blondes Haar hatte sie noch behalten: aber eine geistig« Schönheit leuchtet« jetzt von ihrem Antlitz, die fie srüher nicht besessen hotte; und wer sie damals in ihrer hohen Gestalt zwischen dem Kinde und dem zum Kind gewordenen Manne erblickt hat, dem mußten die Worte ber Bibel ins Gedächtnis kommen: „Stirbt auch ber Leib, boch wird bie Seele leben!"
Für den Greis aber bildet« es eine täglich wiederkehrende Luft, bie Züge der Mutier in dem kleinen Antlitz feines Enkels aufzusuchen. „Dein Sohn, Anna; ganz dein Sohn!" pflegte er nach längerer Betrachtung aus» zurufen. „Er hat ein glückliches Gesicht!" Dann nickte Anna unb jagte lächelnd: „Ja, Großvater; aber der Junge hat ganz Eure Augen."
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Unb so geht «s fort in den Geschlechtern: bie Hoffnung wächst mit jcbem Menschen auf; aber keiner denkt baran, daß er mit jedem Bissen seinem Kinde zugleich ein Stück des eigenen Lebens hingibt, bas von demselben bald nicht mehr zu lösen ist.
Heil dem, dessen Leben in seines Kindes Hand oesichert ist; aber auch dem noch, welchem von allem, was er einst besessen, nur eine barmherzige Hand geblieben ist, um seinem armen Haupte die letzten Kissen aufzuschütteln.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und ‘Setlag: Drühl'sche Universitäts-Buch, unb ©teinhrudetei, R. Lange, Gießen.


