Ausgabe 
7.2.1930
 
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SießenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1950

ßreitag, den 7-8ebruar

Nummer \\

Letzte Heimkehr.

Von Josef Freiherrn von Eichendorfs. Der Wintermorgen glänzt so klar, Ein Wandrer kommt von ferne. Ihn schüttelt Frost, es starrt sein Haar, Ihm log die schön« Ferne, Nun endlich will er rasten hier, Er klopft an seines Vaters Tür. Doch tot sind, die sonst aufgetan, Verwandelt Hos und Habe, Und fremde Leute sehn ihn an, Als käm er aus dem Grabe;

Ihn schauert tief im Herzensgrund, Ins Feld eilt er zur selben Stund. Da sang kein Vöglein weit und breit, Er lehnt an einem Baume, Der schöne Garten lag verschneit, Es wär ihm wie im Traume, Und wie die Morgenglocke klingt, Im stillen Feld er niedersinkt. Und als er aufsteht vom Gebet, Nicht weiß, wohin sich wenden, Ein schöner Jüngling vor ihm steht. Faßt mild ihn bei den Händen: Komm mit, sollst ruhn nach kurzem Gang." Er folgt, ihn rührt der Stimme Klang. Nun durch die Bergeseinsamkeit Sie wie zum Himmel steigen, Kein Glockenklang mehr reicht so weit, Sie sehn im öden Schweigen Die Länder hinter sich verblühn, Schon Sterne durch die Wipfel glühn. Der Führer jetzt die Fackel sacht Erhebt und schweigend schreitet, Bei ihrem Schein die stille Nacht Gleichwie ein Dom sich weitet, Wo unsichtbare Hände baun Den Wandrer faßt ein heimlich Graun. Er sprach:Was bringt der Wind herauf So fremden Laut getragen, Als hört ich ferner Ströme Lauf, Dazwischen Glockenschlagen?" Das ist des Nachtgesanges Wehn, Sie loben Gott in stillen Höhn."

Der Wandrer drauf:Ich kann nicht mehr Jst's Morgen, der so blendet?

Was leuchten dort für Länder her?" Sein Freund die Fackel wendet: Nun ruh zum letzten Male aus, Wenn du erwachst, sind wir zu Haus."

Oer erste rHesang.

Von Ernst L i s s a u e r.

Jubas, der jüngste Sohn des Noah, ein Bursch von vielleicht neun­zehn Jahren, war' wohl der ungebärdigste unter den Menschen in der Arche, von Stockwerk zu Stockwerk lief er zwischen den Ställen und Kojen hin und her, hielt gute Freundschaft mit den Tieren, denen er zu­redete, sie möchten noch eine Weile Drang und Gewalt bezähmen, über eine kleine Zeit werde die Arche landen und sich auftun, und die feste Erde werde ausgebreitet vor ihnen liegen wie zuvor. Noah muhte es ihm verweisen, daß er zu häufig einen Spalt öffnete, um nach dem Stande der Flut und der Dichte des Regens auszuspähen, weil Gefahr bestand, daß Wasser in die Arche rann, und sie hätten ohnedies Mühe und Arbeit genug. Als sich aber Tage an Tage und Nächte an Nächte wie Regensträhnen neben Regensträhnen reihten und die Zeit unabsehbar gleichfnrbcn grau sich dehnte wie die Wüste der Wasser, ermattete sein Wesen und schrumpfte zusammen, mißmutig tat er die notwendige Ar­beit den Unrat fortkehren, Schafe, Rehe, Hunde füttern, Lerchen, Nachtigallen, Amseln tränken und ihnen das grüne Buschwerk erneuern, und lag die übrige Zeit ohne Laut und ohne sich zu regen in einem Winkel auf dem Boden.

Wie er eben vor der männlichen Dogge kniete, einen Splitter zu ent­fernen, den sie sich in die rechte Pfote getreten hatte, erbebte die Arche plötzlich von einem starken Stoß, dessen Wucht Jubal niederwarf, sie schwankte, «in zweiter, schwächerer Ruck schlitterte durch die Balken und Bohlen, alle Tiere brüllten und schrien, trampelten und flatterten, Lau­

fen von Menschen setzte ein, Noah, Japheth und die Frau des .Ham riefen einander zu Jubal taumelte empor, die Arche schwankte, er schlug noch­mals hin, die Dogge winselte, er nickt« ihr zu, er horchte: di« Arche wiegte, doch sie bewegte sich nicht, er rannte, hielt nochmals ein, tastete mit Ballen und Sohlen, fingerte mit den Händen in die Luft, schon wiegte die Arche sanft, sie stand. Er riß den Spalt, seinen Lugaus, weit auf, und schrak zurück, denn fernhin dehnte sich unermeßlich die wüste Gräue der Wasser, nein, schwärzlich braun und verwischt grünlich, mit Teichen und Tüm­peln überfeuchtet, beinahe noch Wasserfarben, stachen Flecken Landes aus der Flut. Die Arche lag vor einem Stück Bergwiese. Ein« Lärche, den unteren Teil des Stammes noch im Wasser, Rinde und Wipfel durch­näßt, ragt« fast so hoch wie die Arche selbst, der Regen hatte fast gänz­lich aufgehört, nur ab und zu wischte und stäubt« es von Wasser, das gleichsam noch in der Luft stecken geblieben war.

Jubal eilt« zur Tür, entpflockte und entrammt«, stieß sie auf und setzte mit einem weiten Sprung hinaus. Noch hie und da watend, knöcheltief im Wasser, eilte er zu der Lärche, umschlang, herzte, halste sie, küßte die nasse Borke, klomm an dem Stamm, der wankte und ein volles Büschel Tropfen niederschüttete, hinauf, saß im Wipfel und blickte sich um: roeitum Flut; ja sie fiel, er konnte es mit den Augen abmessen, wie sie langsam schwand. Dort, zur Linken, war soeben nur blaugraues Wasser gewesen, nun tauchten Baumkron«n, drei beieinander und jetzt waren es vier aus der Fläche. Fern zur Rechten, hinter der Grenze des Wassers, lag plötzlich ein wie ein Pferdeleib länglich gestrecktes Festland, das er zuvor nicht wahrgenommen hatte. Der Tod fiel, das Leben stieg, Wald kehrte zurück, Acker kehrte zurück, Gras kehrte zurück, die Erde war wieder da. Weite, von allen Enden und Rändern, brach heran, drang in ihn ein, überschwemmte ihn inwendig; er breitete die Arme aus und um­fing die Erde wie einen Freund. Der Odem, zu innerst, dehnte sich ihm und erschwoll, ein Jauchzen sog sich ihm durch die Adern, plötzlich horchte er auf, er hörte einen Ton, wie er ihn noch nie zuvor vernom­men hatte, und noch einer, und abermals, Ton nach Tönen, er lauscht«, erschrak, Glück tief im Leib« ruhend, ungeformt und ungefüg, quoll und bildete sich empor, schlug, rollte, Jubal spürte, daß er sang. Er sang, er wußte nicht, was er tat, und was ihm geschah, niemals in der Zeit vor der großen Flut hatten die Menschen gesunken; er saß und schmettert« und brauste in immer neuen Kaskaden, weithin frohlockte der Schall.

Plötzlich aber splitterte Jubals Gesang, vier Töne fielen stumpf zur Erde, durch die Aeste herab, er verstummte. Zur Rechten, etwa dreißig Schritt entfernt, neben dem abseits aufragenden Felsen, den das Wasser vor einer Weile freigegeben hatte, lagen, aufgeschwemmt, von Fischen zerfressen, die Leichen zweier Menschen Übereinander, sie hatten sich hinauf geflüchtet und waren von den Wellen ereilt und hinabgestürzt worden. Jubal schwieg; er gedachte der Menschen. Viele hatte er gekannt, es waren arge Leute unter ihnen, jener Peleg zumal, die Tiere, zu seiner Kurzweil, geblendet hat!«, nun, er war tot, und tot war Saoath, der kleine, braunhändige, braunäugige, mit dem er gespielt hatte. Und nun sah es Jubal, mit tauben Blicken sah er es, ringsum lagen tote Menschen nah und fern auf den Inseln und Eilanden, Landzungen und Festländern, die sich aus der Flutwüste emportafteten. Stille, unend­lich, war ringsumher ausgebreitet. Plötzlich fühlte Jubal, daß die Er!» leer war.

Stumm drehte er sich im Geäst und wollte niederklimmen, zur Arche, zu den Seinen, da löste sich eine Fuge oben in dem steinern grauen Gewölk, ein Strahl Sonne stach hernieder, und die Gräue des Wassers versilberte sich in einem gülden erflimmernden Glanz, und nun sah Ju­bal, daß die Flut Überall gesunken war und die Erde sich, von keinem Wasser zerrissen, breitete. Und wiederum schwoll die Weit« von allen Seiten heran, und wiederum wollte tiefinnen in ihm der Vogel anheben, Glück zu schlagen und Lust zu rollen, jedoch am Felsen lagen die toten Menschen, und weithin Über die Erde lagen die toten Menschen, und Gram als eine Faust tat sich in ihm auf und umklammerte den Gesang. Doch der Obern in ihm ließ nicht ab, er rang wider den Griff, singende Kraft spannte sich wider die drosselnde, da erlahmte die greifende Faust und ließ nach und ab und entflammerte sich, und abermals drang Ton nach Ton aus Jubal empor, doch nun langsam, schwer von sich' selbst, lang nachhallend: wie schwarz gefieberte Vögel fliegen sie auf, doch ent­flogen nicht, sie saßen ringsum neben Jubal, und ihm zu Füßen, und ihm zu Häupten, und bedeckten bi« Aeste des Wipfels, schlagend und schluch­zend. So sang Jubal die Klage.

Da geschah ein Stampfen und Drängen in der Arche, Rehe und Ga­zellen, Hirsch« und Hasen, Schafe und Antilopen drängten sich durch die Tür und stoben in jubelndem Jagen dahin über die Erde. Noah und Japheth traten heraus und lachten und nickten und winkten ihnen nach. Da breitete Jubal die Arme wider die Erde und breitete die Arme nach den toten Menschen, sein Gram frohlockte, sein Jubel trauerte. Geschlosse­ner Augen saß er, fang Ende und Anfang.