Ausgabe 
7.2.1930
 
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Oer Lapps Tu».

Von Per Schwenzen.

Meine freieste, wildeste Zeit, ganz unter Natur, Tier und un­mittelbaren Erlebnissen, die aus Erde, Wasser und Gestirnen quollen, war meine Zeit unter den Lappländern in Schwedisch-Lappland und im Norwegischen Finnmarken. Es gibt heute in ganz Norwegen insgesamt 20 000 Lappen. Davon sind die Hälfte -etwa fest angesiedelte Bauern, die ihre Felder bestellen, in Erdhütten, sog.Gammen" oder auch, untereu: opätzch m' Ei' stütz stehend, sch)» in richtigen Holzhäusern wohnen. Die andere Hälfte besteht größtenteils aus Küsten-Üappen, die sich mit Fischfang und in Nähe der Anlaushäfen durch Ausbeutung der Fremden ernähren. Sie sind im Sinne eines Nomadenvolkes völlig demoralisiert, haben mit dem Segen der Zivilisation Tuber­kulose bekommen, ihre starke Naturnähe und Sinnesschärfe eingebüßt und gehen demselben Schicksal entgegen wie die Indianer Nordamerikas. Sie tragen nicht mehr ihre farbenfrohe und überaus zweckmäßige Tracht, die mehrzipfelige Lappenmütze, die hohen bunten Stiefel voll Seegras, sie laufen in der biü gen Konfektion Amerikas umher und find das zeitgemäße Beispiel eines sterbenden Volkes. Die wirklichen Wander­kappen, die mit ihren nach Tausenden zählenden Renntierherden die lappischen Hochebenen durchqueren, zählen nicht viel mehr als zwei­tausend Seelen. Ein Tropfen in dem Riesenbecken der unermeßlichen Steppen! Sie allerdings sind, obschon getauft und in die L sie» der norwegischen Staatsbürger eingetragen, der letzter europäische Rest archaischen Nomadentums. Mongolenjplitter, die seit der ahasverischen Zeit des Aufbruchs aus der Volkerwiege Asiens bis heute nicht zur Ruhe kamen.

Im Eissturm wandert dies Volk, wenn der späte Frühling sich an­kündigt, den nördlicheren Weideplätzen zu, tagelang gegen den rasenden, mörderischen Orkan, die Tiere versinken im Schnee,' werden hochge­peitscht, der Pulk, der kleine, kufenlose, bootartige Schütten, ist das Leben. Im Winter liegen sie mit ihren Herden an den südlicheren Weide­plätzen in den Tälern. Die Renntiere scharren das harte Moos unter der barschen Sch" erwecke hervor. Dann aber, im Frühjahr, wenn die Geister durch die Lüfte brausen, geht es nordwärts. Die Sonne, die all- mäbiich die Winter- acht niederzwang, lockt den rührenden, verschwende­rischen lappischen Sommer aus der Erde, fett werden die Renntiere und dn Zelt freut sich der Lappe!

So ungefähr sah auch Tuis Leben aus, bevor er auf die Idee kam, mit einem Schütten voller Felle zu den Küstlappen hinunter zu fahren und einen guten Handel abzufchließen. Dieses Volk ist von keiner Stundenregel gebändigt. Sie zählen nach den Gestirnen, nicht nach der Uhr. Also wanderte und fuhr Tui Tage, Wochen, ehe er an einen Hafen kam. Hier setzte er sieh auf einen Stein und wartete achtund­vierzig Stunden lang, bis ein Dampfer kam. Er ah von den Fischen, die zum Trocknen in einem großen Holzrahmen am Kai hingen (Klipv- sisch), und niemand wehrte es ihm. Hier lernte ich ihn kennen, als ich von der Lofoteninsel Melbo auf der Reise nach Hammerfest war. Er bat mich durst Gesten um Tabak. Wir konnten uns nicht verständigen. Später, als er an Bord gekommen war, fand sich ein Dolmetscher, und ich erfuhr, er wolle nach Hammerfest und einen Mann finden, der ihm hundert Felle 'abkaufe, die er dann im nächsten Jahre bringen werde. Ich hatte eigentlich den Eindruck, es mit einem Menschen zu tun zu haben, dessen Abnungz'osig'eit kommerzieller Vorgänge noch die meine überstieg: In Wirklichkeit aber sind ja alle diese ewig dörrfleischkauen­den Zeltbewohner ganz stattliche Kapitalisten. Ein Renntier hat den Barwert von 50 norweg'schen Kronen und folglich hatte der bescheidene Tui bei seiner Herde von etwa 1000 Tieren ein Vermögen von 50000 Kronen, was schließlich nicht jeder von sich behaupten kann. Ich erfuhr so allerlei aus seinem Nomadenleben, und zum Schlüsse unserer Unter­redung lud er mich in aller Form ein, ihn bei seinem Stamme zu be­suchen, im nächsten Frühling, wenn er das viele Geld haben werde, da solle ich immer dicken Kasfee kriegen und so viel Fleisch und Felle ich wolle!

Ich vergaß das Erlebnis, wie man auf einer Reise die meisten Eindrücke nicht fest in sich verankern kann.

Als ich mich nach zwei Jahren wieder in den Lofoten herumtrieb, hörte ich von einem Manne erzählen, einem Lappen, der ein riesiges Vermögen gemacht haben sollte. Ich erkundigte mich in einer Fell- exportsi ma richtig: Tui!

Er halle eine glänzende Idee gehabt, oder richtiger, die Idee hatte, wie meistens auf dieser Erde, ein anderer gehabt, aber er hatte das Geld oder, in diesem Fall, die Renntiere. Kurz, es handelte sich damals darum, daß man den Versuch machen wollte, das Renntier nach Alaska und Labrador auszuführen und dort einzubürgern, da es dort die gleichen Lebensbedingungen hat wie in Lappland. Man erhoffte sich eine bessere Wirtschastsgestaltung der dortigen Eingeborenen von diesem Experi­ment. Da aber war Tui gerade mal zur rechten Zeit gekommen. Er hatte es übernommen, eine Herde von 600 Stück zusammenzustellen und in gutem Zustand an der Küste abzuliefern. Man machte einen Vertrag mit ihm und er verdient«' mehr Geld, als er jemals geglaubt hatte, daß der Pfarrer oder der König zusammen besaßen! Er kaufte auf, mit dem Gelds der Kanadier, trieb ab, und bekam eine große Summe auf dis Bank in Narvik überwiesen. Unter dem Renntiersell, das er wie alle Lappen mit der Haarseite auf der Haut trägt, dicht am alten Lappenherzen, darin noch die Spukgesichte lappischen Aberglaubens hausen, über dem Herzen trägt er das Scheckbuch!

Ich besuchte ihn, denn an Bekanntschaften, die etwas einbringen, erinnert man sich nur zu gerne. Und ich trinke so gerne starken Kaffee! Tui war außer sich vor Freude, wie ein kleines Kind hüpfte er auf feinen krummen Beinen und schrie sein:Borl Beinri! Bori Belnri!" (Gott grüße dich!) Ja, und dann machte er einen Kaffee, zu dem wirklich alle schwarzen Hexen Lapplands Pale gestanden hatten. Und

dazu gab es das unvermeidliche Dörrfleisch, das einen herrlichen wür­zigen Geschmack hat, nach Kräutern, Freiheit, Wildheit! Es ward ein herrlicher Sommer. Die Ebene hob sich mit Millionen Blüten gen Himmel, die Tiere wurden fett, stolz warf Tui das Lasso und brannte seine glühende Stempelzange in die Ohren der unmündigen Jung- renntiere. Als es gegen Herbst ging, stellte er aus feiner und den Herden der Nachbarn die obligaten sechshundert Renntiere zusammen und trieb ab. Ich hatte keine Zeit, diesen phantastischen Herdenzug über die Hoch­ebenen zu begleiten, ich trank einen letzten Lapplandmokka und schlug mich ins schwedische Karasjok, um nach Haparanda zu reifen.

Jetzt ist man in Norwegen dabei, eine Autostraße quer durch das jungfräuliche Finnmarken zu bauen. Die Straße wird kommen, auf ihr die Autos der internationalen Globetrotter. Der amerikanische Kon­fektionsanzug wird kommen, und der Lappe wird Sitten und Trachten der Väter, als selbstempfundene Maskerade für Trinkgeld zurshow" entwerten, letzte Bettlerreste der großen Freiheit, wie jene erschütternd lächerlichen Kriegstänze der Indianer auf den Bahnsteigen in Nord- Dakota.

Oas Theater der Welt.

Ium 1000. Geburksiag der Roswita von Gandersheim.

Von Alfred Richard Meyer.

Die Aebtissin Gerberga, die Nichte des sächsische» Königs Otto I., den die Geschichte später den Großen nannte, verneigte sich tief vor dem Erz­bischof Wilhelm von Mainz und küßte ihm die beringte Hand. Es war der Abtei von Gandersheim großer Tag, da vor hundert Jahren Herzog Ludolf von Sachsen dieses Stift adliger Damen begründet und nun heule durch solch hohen Besuch ausgezeichnet wurde. Die unter dem Schutze des Markgrafen Gero stehenden, im Wendenlande neugegrünbeten Bis­tümer Havelberg, Brandenburg, Meißen hatten es sich nicht nehmen lassen, mit einer Vertretung im (Befolge des Erzbischofs zu fein. Gestickte seidene Fahnen bauschten sich prunkvoll im Winde. Rings an den Wegen kniete das festtäglich gekleidete Volk und empfing den Segen.

Und dieses ist Roswita, unsere Meisterin und Dichterin in der latei­nischen Sprache!" zog die Aebtissin eine der jüngsten Nonnen heran und stellte sie dem Erzbischof vor.Sie wird uns hernach aus ihrem Epos der Taten Ottos etwas vorlesen, aus der Flucht der Königin Adelheid, die ja nun unseres königlichen Herrn angetraute Gemahlin ward."

Berengar hat sich als Vasall unterworfen!" gab der Erzbischof kund. Die italienischen Großen huldigten zu Pavia unserem königlichen Herrn. Aber der Zeiten schlimme nahen den deutschen Stämmen. Liudolf von Schwaben und Konrad von Lothringen drohen mit Empörung. Die Un­garn fielen über die Grenze ein. Sonst hätte vielleicht längst der Papst die deutsche Kaiserwürde erneuert. Gott segne dich, Roswita, und stärke deinen Glauben. Dichtung sei dir die Sprache Gottes und entkleidet aller weltlichen Lüste, die des Teufels sind."

Der Erzbischof hatte das Zeichen gegeben, die festliche Tafel aufzu- heben. Seine Hände falteten sich zum Dankgebet. Im Klosterhof, in abend­licher Dämmerung, sollte der jungen Nonne Vorlesung ftattfinben.

Ganz bleich trat sie vor, legte die beschriebenen Blätter bei Seite, neigte sich demütig, hob die starren Augen über die ehrwürdigen Gäste hinweg in den Himmel und begann mit leiser Stimme ihre Verse, wie Berengar von Jvrea Adelheid, des Königs Lothar, burgundischen Ge­schlechtes, Witwe verfolgt:

Dieser nun schickt', urplötzlich unmäßigem Toben verfallend, Rings in die Runde sofort die Mannen, so viel er ernährte. Selber mit einer Kohorte der tapferen Scharen dann folgt er, Grad' als wollt' im Gefecht er die grimmigsten Feinde besiegen. Und im stürmischen Laufe durcheilt er das nämliche Kornfeld, Wo sich just eben verbarg in krummer Furche die Herrin, Sie, die er doch suchte, gedeckt von den Schwingen der Ceres. Denn gleichwohl er das ganze Gefilde hinab und hinauflief. Dort, wo geborgen sie tag, von schwerer Befürchtung betastet. Und obgleich er versuchte, die rings aufstarrenden Halme Mit weitreichendem Speer mit allen Kräften zu trennen, Dennoch sand er sie nicht, die Christi Gnade beschirmte."

Schon bei den letzten Versen war die Sprecherin mehr und mehr ins Stocken gekommen. Dunkle Wolken, die wie große schwarze Vögel her­aneilten, ballten sich dichter am Himmel. Aus dem Purpur der unter- gehenden Sonne formten sich grinsende Fratzen, die griffen nach ihr und zerrten mutwillig an den Falten der Kutte. O, sie kannte diese bösen Wesenheiten nur zu gut aus den Komödien des Römers Terenz, die sie heimlich neben ihren Gedichten übersetzte und so ziemlich aller Weltlichkeit zu entkleiden suchte, Legenden dafür spreche» zu taffen. Da aber raffte sie auch schon eine tiefe Ohnmacht hinweg.

Als Roswita in ihrer Zelle die Augen wieder aufschlug, standen die Wände rings um sie wie die Blätter unbeschriebenen Papiers. Sie bat die Freundinnen, sie doch allein zu lassen, einsamstes Gebet werde ihr bald alle Kraft wieder geben; der Erzbischof möge ihr verzeihen. Die vielen Nächte, die sie über ihren Verse» gesessen habe, das strenge Fasten, das sie sich zur Buße aufertegte, seien vielleicht schuld an ihrer Schwäche.

Nun, da sie allein war und in die Stille horchte, schwang schon wieder der Chor der Stimmen durcheinander, der sie stets bedrängte und sie wider Willen zwischen Himmel und Hölle taumeln ließ, daß es sie graute. Das war ein Theatrurn, aus vielen bunten Szene» aneinandergereiht. Da war zuerst ein Rhythmus gewesen, eine Musik, der sich die Sprache zärtlich hingab. Bald aber wurden die Worte, die klingenden, die locken­den, zu Gestalten, deren Rede handel» wollte, deren Schemen Körperlich­keit annahm, Liebe und Haß aus sich heraus schrie und sich von allem Göttlichen mehr und mehr entfernte. Das war die heidnische Lust, die sie zuerst aus dem Terenz aussog, aus dem Virgil und dem Ovid, die sich zu einem Mysterium wandelte, in dem des Teufels Flammen aufbe­gehrten und alles Göttliche sengend zu vertreiben schiene». Das Theater