Ausgabe 
6.10.1930
 
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Sicherlich", sagte ich mit Ueberzeugung: denn auch ich fühlt« Wüste Und Meer und darüber den Sternenhimmel in seiner unergründlichen Unendlichkeit, in ihrer allumfassenden Einheit.

Ah, diese Christen! Vor einer Woche noch suchten Sie mir die drei zu erklären, die ihr anbetet", rief Halim.Wann wollt ihr denken, wie Allah den Menschen denken lehrte? Der Allgütige verlangt das Unmög­liche nicht von seinen Kindern."

Ich schwieg. Was konnte ich diesem mohammedanischen Rationalisten sagen, wenn er in seiner frommen Stimmung war? Die Nacht war nicht lang genug für eine Antwort. Aber das ferne Allahu der Derwische fing an, mir wirklich etwas bange zu machen.

El Dogan, Rames!" rief Halim.Ich will nicht, daß wir vor Mitter­nacht einschlafen. Ah so, du willst nicht. Gut, ich helfe dir. Ich erzähle Ihnen, was ich nicht jedem erzähle, Herr Eyth. Ich weiß. Sie werden nicht ausschwatzen, was Toren nicht hören können."

Er gab das leere Kaffeeschälchen zurück, winkte den Mamelucken, sich zu entfernen, rückte seine Polster zurecht und legte sich behaglich zurück. Das Allahrufen und Händeklatschen hatte plötzlich aufgehört; das Bellen der Hunde kam nur noch von Zeit zu Zeit, wie aus weiter Ferne. Ein silberner Schimmer lag über der stiller werdenden Nacht um uns her. Wir waren allein.

Sie wissen", begann Halim, langsam und leise sprechend,mein Vater war einer der Großen der Erde. Man kommt nicht aus einem albanesischen Städtchen und bringt den Thron der Kalifen ins Wanken, ohne zu den Großen der Erde zu gehören. Ihre Bücher und Zeitungen im Westen mögen schwatzen! Er war ein Mann der Tat, den Allah zur Größe geschaffen hatte. So hatte er auch Kinder wie nur ein Großer. Ich habe vierundachtzig Brüder und Schwestern gehabt. Was sagen Sie dazu?Nun wissen Sie", fuhr er fort, als ich weislich keine Bemer­kung zu dieser Seite der Größe Mohammed Alis macht«,es sagt der Koran, oder wenigstens unsre Ulemas, die den Koran je nach Bedarf erklären, sagen es, daß stets der Aelteste des Stammes einer Familie Haupt und Herrscher sein soll. Dies wurde auch in den Verträgen fest­gesetzt, welche im Jahre 1293, pardon, im Jahre 1840! der Familie meines Vaters die Erbfolge in Aegypten sicherten. So wurde mein Neffe Abhas, der Sohn meines Bruders Tuffun, vor fünfzehn Jahren Vize­könig von Aegypten als erster Thronfolger nach dem Tode Mohammed Alis Allah fei ihm gnädig! und nach der Regentschaft des ältesten unsrer Brüder, Ibrahims Allah sei auch ihm gnädig, er hat es nötig!

Abbas war ein wunderlicher Mann. Oft war ich selbst versucht, die Geschichte des Rames Beys Afrit für Wahrheit zu halten. Er war ein gutgr Moslim in seiner Art, glaubte an Gott und den Propheten, an Zauberei und allen Unsinn, den ihm die Derwische vorschwatzten. Täglich verrichtete er. seine Gebete wie der Beste von uns und haßte euch Herren aus dem Westen und alles, was mein Vater in euerm Geiste geschaffen hatte, wie Gift. Fort damit! war sein erster und letzter Gedanke; zurück in die Welt, aus der wir stammen, in die große Vergangenheit mit ihren Kalifen und Sultanen, ihrer Pracht und ihrer Gewalt, ihren Teufeln und ihrem Gott. Das war ein großer Gedanke, wenn Sie auch anders denken mögen, und er packte ihn manchmal mächtig. Dann trieften feine Hände von Blut. Dann jubelte der Afrit in ihm. Aber er war ein kleiner Mann.

Nun find eine Menge meiner Brüder früh gestorben die Schwestern zählten wir kaum, so daß zu seiner Zeit nur noch fünf übrig waren, fünf und deren Familien. Said war der älteste, ich der jüngste. Dazwischen kamen Ismael, der Vizekönig von heute, und Mustapha Fasil. Sie sind älter als ich, obgleich Enkel meines Vaters, Söhne Ibrahims*. Ich ver­gess« Achmed, meinen älteren Bruder, der vor sechs Jahren im Nil ertrank. Doch wer denkt an all die Toten, obgleich Sie, Herr Eyth, damals um ein Haar die Möglichkeit verloren hätten, mein Baschmahandi zu werden. Denn auch ich zappelte mit ihm und der halben Familie meines Vaters im Wasser, bei Kassr-Seyat. Gott weiß, wer uns hineinwarf. Es geschah per Dampf, in einem Eisenbahnwagen. Auch das ist eine Geschichte, die niemand besser erzählen könnte als Rames Bey. Heda! Schläfst du?"

Nein", sagte Rames Bey trocken.Aber ich denke daran, wie wir uns damals schwimmen lehrten, o Pascha!"

Das ist das Unglück jenes alten Gebots, das uns Gott in seinem Zorn gegeben hat", fuhr Halim fort, nachdem er, wie von einer plötzlichen Gefühlswallung ergriffen, dem Tfcherkeffen stumm die Hand gegeben hatte,

* Es wird zum Verständnis des Folgenden nützlich sein, den Stamm­baum der Familie Mohammed Alis mitzuteilen. Die mit Ziffern Bezeich­neten find die zur Herrschaft gelangten Vizekönige Aegyptens, die Jahres­zahlen geben Anfang und Ende ihrer Regierungszeit an.

1. Mohammed Ali.

1805?1848.

2. Jbrahim. Tuffun. Achmed. 4.Said. Zohra(Tochter). Halim. 18481849. | 18541863.

3. Abbas.

18491854.

Jl Hami.

5. Ismael. Mustapha Fasil.

18631879.

6. Tiufik. 8. Hussein Kiamil. 9. Ahmed Fuad. 18791891. 19141917. seit 1918 (seit 1922 König Fuad).

7. Abbas Hilmi.

18911914.

die dieser feierlich küßte.Jeder, dem der Himmel einen Sohn scheust möchte dem Jungen hinterlassen, was er selbst war und besaß. Das «i Menschenart. Keiner liebt die Brüder, die diesem Wunsch im Wege stehi! und wenn Kinder und Enkel an die Reihe kommen, so wird Neid und Haß mit ihnen geboren. Dann schreitet der Engel des Schicksals durch unser Haus und tötet rechts und links. Das ist in Kairo wie in Stambul in Tunis wie in Bagdad. Ein hartes Los für die Großen unfers bens. Aber es ist Allahs Gebot. Uns geziemt es, dem Allgütigen » vertrauen.

Abbas war wie alle. Kaum war Ibrahim tot und unser alter Vater dessen Seele schon zuvor zu seinem Schöpfer zurückgekehrt war, ehe feilt Leib starb, meinem ältesten Bruder gefolgt, so haßte und fürchtete er uns wie das Unglück. Er hatte nur ein kostbares Söhnchen, Jl Hami, der kränklich und fast so sanft war wie fein Großvater Tuffun. Die Natur spielt wunderlich mit unferm Geiste. Er liebte das Kind wie ein Panther sein Junges. Said und ich mußten auf den Zehen gehen, um den Asrii in ihm nicht zu wecken. Wir waren umringt von Spionen und bewach! wie Hälbgesangene. Doch hatte ich wenigstens in Schubra Ruhe, wo ich schon damals mit meiner Mutter wohnte. Er fürchtete ihre stummen Blicke. Said lebte meist in Alexandrien, seitdem er Marineminister geroot. den war. Es war kein sorgenvolles Amt, da unsre kleine Flotte in den letzten Kriegen des Vaters vernichtet worden war. Wir liebten uns, Said und ich, denn es schwebte eine gemeinsame Gefahr über unfern Köpfen. Jeder Tag konnte uns zerschmettern.

Aber auch Abbas lag nicht auf Rosen. Zuerst schasste er ab, was der Vater Gutes aus Europa gebracht hatte: Schulen, Gerichte, Militär- einrichtungen. Das wurde alles wieder in das alte Bett geleitet. Ä« Ulemas, die Derwische und die Fakire waren sehr zufrieden. Sie umgab« ihn mit einer Leibwache und rühmten feine Frömmigkeit. Er baute fein« Palast, die Abbasiye, wie eine Festung und brachte dort sein großes Harim unter; dann schuf er den Palast Bahr el Beda in der Wüste bei Suez; dort wimmelte es von Affen und Papageien, mit denen er platt, derte, wenn sich kein Mensch mehr vor ihm sehen ließ. Ein dritter Palas! entstand in Benha am Nil, wo er seine Pferde hielt und eine Herde » Giraffen. Er war ein unbegreiflicher Mann, wunderlich wie ein einsame! Tier, das niemand versteht; manchmal ein Tiger mit blutigen Krall«, manchmal eine zitternde Hyäne, die sich vor einer Papierlaterne versteckt

Am meisten machte ihm meine Schwester bange: Zohra Pascha. Sie haßte ihn, wie Frauen hassen. Wallah, er hatte es um sie verdient, uni) sie war nicht umsonst die Tochter seines Großvaters. Noch zu unser! Vaters Zeiten hatte er sie gezwungen, den Defterdar Achmed Bey jit heiraten. Da waren ein Löwe und eine Löwin zusammengekuppelt, uil solange die beiden an einer Kette zerrten, fühlte sich Abbas beruhigt. Als aber der Defterdar starb und die Witwe nach Kairo zurückkehrte, brat) der Streit aufs neue aus, blutdürstig, gifttriefend. Ich weiß nicht, ms Sie von ihr gehört haben. Die Basars wissen mehr Lügen als wir. Es , gelang Abbas, den Vater gegen sie aufzubringen, so daß er die Fenster und Tore ihres Harirns zumauern und nur ein einziges Türchen offen ließ, vor dem Tag und Nacht eine Wache stand. Aber was find Woche« und vermauerte Fenster gegen die Lift der Frauen? Schon im ersten Ähr der Regierung ihres Neffen Abbas gelang es ihr zu entfliehen. Said, der sie besser kannte als ich und den sie liebte, denn sie liebte große blonde Männer, behauptete, Abbas habe sie entfliehen lassen. Ihre Nähe wat Todesangst für ihn, und er wagte nicht, sie zu töten. Vor der Tochler feines Großvaters macht« er halt, Gott weiß aus welchen Gründen. Sie floh nach Stambul und kaufte einen Palast am Bosporus. Es mir fein Schicksal.

Mit jedem Jahr wurde es schlimmer für uns alle, auch für das ßrt das er ausfaugte wie ein Guhl. Das hatte der Vater wohl auch getan, aber er suchte es gleichzeitig mit all seinen Kräften zu befruchten und p heben; hierzu brauchte er Geld. Abbas brauchte es für feine Frauen, für feine Papageien und Giraffen. Daneben wuchs der kleine Jl Hami her« und mit ihm die Angst vor den Onkeln und Brüdern und Vettern und der sehnliche Wunsch, allein in der Welt zu sein mit dem Jungen.

Wir sahen es kommen, Schritt für Schritt, und Zohra mit ihren Fallw- äugen im fernen Stambul sah es deutlicher als wir. Sie warnte Seid Sie suchte ihn zu einer kühnen Tat aufzustacheln. Aber Said war gut­mütig und träge, und solange ihm niemand wehe tat, lief er feinen Schiffen nach, wenn Ebbe in feiner Kasse mar, und ging nach Poris, wenn er Geld halte. Für mich wachte meine Mutter; aber auch sie fing«» zu zittern.

Wir sahen 2lbbas fast nie mehr. Er war bald hier, bald dort, Woche» lang wie begraben bei seinen Frauen und seinen Papageien. Der Obe# der Ulemas der Moschee el Azhar, welcher Jl Hami erziehen sollte, uiw Elfy Bey, der Gouverneur von Kairo, der zugleich Kriegsminister tM waren die einzigen, durch die er mit der Außenwelt verkehrte. Da,P Frühjahr 1854, stiegen Gerüchte auf wie Nebel in den Sümpfen » Burlosfees. Man flüsterte in den Basars, in den Bädern, in den Janins, daß der Pascha ein großes Morden beschlossen habe. Alle GlöubW» sollten aufstehen und die Europäer des Landes in einer Nacht erfcW11, Das war der heilige Plan der Ulemas, und dafür sollte der Pasch« ", , Lohn des Himmels erhalten. Denn in derselben Nacht sollten auch f6 7" i Brüder und seiner Brüder Kinder für immer verschwinden, so daß M- - manb mehr dem kleinen Jl Hami im Wege gestanden hätte. Hatte w der groß« Mohammed Ali vierzig Jahre zuvor mit dem ganzen I luckenadel das gleiche getan? Und Europa? .Hatte nicht Mohammed _ j zwanzig Jahre lang ganz Europa getrotzt? War dies nicht wieder n> i, lieh, o ihr Kleingläubigen', fügten die Schriftgelehrten der Moscow Azhar, ,wenn Gottes Segen auf dem großen Werk ruht?' Meine K : wußte von dem Plan. Sie lag tagelang auf den Knien und betete» | Gott um Rettung. Aber sie fah keine.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Gieo»»-