pfingstliche Begegnung.
Von Alfred M. Balte.
strahe in der Ferne ein zerzauster älterer Vagabund erschien, mit lang- । samen, sicheren und gewohnten Schritten dahintippelnd, konnte Altrogg ] einfach nicht anders, es muhte irgend etwas geschehen, er muht« mit einem Menschen sprechen, um nicht zu ersticken vor Freiheit und Glücksgefühl. Er bremste scharf, kurz vor dem Vagabunden. Mitfahren? Jener nickte. Altrogg öffnete die Tür, ließ ihn einsteigen und fuhr wieder los. Und erzählte dem Vagabunden, wie herrlich dieser Tag sei, und jener nickte sachverständig und berichtete von dem Waldlager, wo er geschtasen hatte, ein bißchen feucht ist ja der Boden noch, aber das legt sich bald, dasür riecht es gut und frisch; und so plauderten die beiden, jeder sprach von sich, der Vagabund erzählte von Kunden und Tippelschicksen und daß man die Landstraße sein Leben lang nicht los werd«, wenn man sie erst so richtig geschmeckt hab«; — ach, dachte Altrogg, der Mann hat recht, was nützt uns alles, Ersolg und Freundschaft, frei sollte man sein, Vagabund; und wußte doch genau, daß man das nicht sein konnte und niemals werden könnte, einsach weil man es von innen heraus nicht konnte; das find so Gesetze, di« wir noch nicht ganz kennen, einer fühlt sie oft stärker als der andere, und nun gewahrte Altrogg auch, daß er, auf der Flucht vor den Menschen, plötzlich solch ein Bedürfnis nach Aussprache gehabt hatte, daß ihm der Vagabund als Partner gerade recht kam, schüttelte den Kopf, fand sich närrisch und widerspruchsvoll, gab das Denken wieder auf — wo kein Ziel ist, da hat auch die Logik nichts zu suchen, dachte er vergnügt, schenkte dem Vagabunden, der nun einen Fußweg seitlich einzuschlagen beabsichtigte, gute Wünsche und einen Taler auf den Weg, und landete nach langem fröhlichen Fahren gegen Abend in einem Wirtshaus an der Straße, einem kleinen anheimelnden Häuschen. Die Haut im
Gesicht prickelte von W'm8 un8 Sonne, Ser Kopf war matt vom lieber, mut der ganze Mensch merkte wohlige süße Müdigkeit wie «ine gute Sattheit in sich aufsteigen. Altrogg trank zwei Glas kuhwarmer Milch zu drei dick mit Butter bestrichenen Schwarzbrotschmtten, ertappte sich bei der letzten Schnitte, wie er müde und verträumt den Halbkreis, von seinen Zähnen in das Brot gebissen, minutenlang anstierte, gab sich als» einen Ruck, fuhr seinen Wagen schnell in den Hof, stieg in das angewiesene Zimmer hinauf, entkleidete sich langsam, schaute aus dem Fenster in die raunende dunkle Nacht hinaus, legte sich im Bett zurecht und war sofort tief eingeschlafen.
Und dann ging alles sozusagen traulhaft weiter. Sie schritten lang M durch den Wald, Altrogg hielt den Fremden unter dem Arm zart > steuernd, als führe er einen Blinden, und fragte nicht, und dann trop ten plötzlich aus dem Munde des anderen Worte, sie kamen aus ein® heißen, aufgewühlten Innern, und sie erstarrten, ausgesprochen, m Wachs, das von einer heißen Kerze auf kalten Steinboden träufelt D -
mal die herbe Klarheit dieses Gleichnisses.
Ein Kuckucksruf ließ ihn ausblicken. Er suchte den Vogel zwischen den Bäumen. Er konnte ihn nicht finden, aber er sah, an einen Baum gstehns in sich zusammengesunken einen Menschen. Lange muhte dieser Mensch so gestanden haben, unbeweglich, man sah es seiner Haltung an.
Altrogg den der Gang durch den Wald innerlich gelöst, naturmh und damit hellhörig gemacht hatte, spurte ein Schicksal Er^ wurde sich auch später nie klar darüber, warum er letzt so handelte. War es Jnstmst „ arnt,„ mumt -ns mene. . Intuition oder wirklich das Walten schicksalhafter Machte, — Altrogg,
damcsts eine^grohe Flucht und sie mißglückte; man faßte I der stets auf konziliante Formen haltende Mensch der Gesellschaft g^ 0 :r1 J hin I nur eben Mann zu, faßte dessen leblos herabhangende Hand, druckte st,
schaute, als jener langsam den Kopf Ijob in ein paar Augen, d,e schund doch nicht sahen, und so blieben diese beiden Menschen, fremd w Augenblicken zusammengekommen, stehen und sahen sich an. Augendiit! nur; o Mönch, dachte Altrogg. Und fühlte das Leben dieses anderen M® scheu langsam und bildhaft an sich vorüberziehen, erkannte mit auf blendender Klarheit, daß hier Lebendes bereit war, sich zu beenden.
Das war ...... v—. r.
den kleinen Ausbrecher und brachte ihn zuruck, ,ns Elternhaus, aus die Schulbank Dies jetzt war eine kleine Flucht, ein Fluchtchen sozusagen, eine Ausflucht ehrlich gesprochen, aber sie konnte dafür auch nicht mißglücken, denn die Rückkehr war in der Flucht schon beschlossen. Man dachte nur nicht daran, aus Stilgefühl, aus Genußsucht. Man spielte zunächst einmal Abenteuer, man möchte sich herrlich etwas vor, man war miteins unglaublich jung, frei, ungebunden, frech und köstlich gedankenlos.
Dann muckte der Motor, man muhte für einen Augenblick wieder die Gedanken zusammennehmen, anhalten, eine verruhte Zündkerze reinigen, — aber das konnte man ja Gott fei Dank alles ganz automatisch tun, das besorgte irgendein zweiter Mensch in einem, der gleich wieder bescheiden zurücktrat, um nicht sehen zu müssen, wie der dumme Junge mit dem leicht angegrauten Scheitel (köstlich, daß die Chaussee hier so durch einen . ,^15aa)9e Mw von euici »aidc“ ««q* —'"2—xtr-'m« amraut
frischen Wald führt) eine kleine Birke um einige Zweige plünderte, sie bann formten sich di« Worte zu Sätzen, blieben weich und flüssig, mn am Wagen anbrachte, sich ein paar Blättchen an die Mutze steckte, eines I »„stärkte ein wenig den Druck seiner Hand, und nun stürzten, bitter in den Mund nahm (wie würzigherb, solch ein Birkenblatt), und dann I Bekenntnisse hervor, wie sie ein Mensch nur einmal im ixaen, mit Vollgas weiter jagte. Klar klopfte der Motor, wie ein fröhlich pul- I ber Schwelle zwischen hier und dort, sagen kann. ,
sendes Herz. Run brach auch die Sonne aus den morgendlichen Schleiern, I Unb dann die Geschichte eines jungen Menschenlebens, tcm«
die Luft wurde warm und zärtlich, und als nun auf der stillen Land- I ungewöhnlichen ach nein, denn es leiden heute so viele junge »I u.-At>A m hör etsmo »in «rimtftpr älterer Vaaabund erfüllen. mit lang- I . „her äsinlicber Art aber die meisten wissen es Nicht »
glaub«?Lhalle Jugend heute'so krästig, sachlich, gefühllos und mA keitsbewuht sei. Kurz, es war die Geschichte des begabten simgen scheu unserer Zeit, bas in Einsamkeit versunkenen, träumenden, Anschluß an die lärmende Gemeinsamkeit nicht stnden kann. ihi «tz und doch meidet, und der zart behandelt und kräftig geführt wer« muß, um aufzublühen und schön reifen zu können.
Altrogg brauchte nicht zuzuhören. Er lauschte wohl dem Kl«^ Stimme, nicht den Worten. Er wußte alles. Ini dieser Süinde w° mit tiefster Hellhörigkeit begnadet. Er war vor den Menschen gefw er Altrogg, der das Leben, und war es auch schrmtr, immer wj ’ meistern verstand; hier stand nun ein Mensch, der zu den WB slüchken wollte, aber den rechten Weg nicht sand, und aus der o die Ausflucht geraten war.
Und nun sprach Altrogg. Nicht viele Worte hin
Man muh nur den Menschen hören, der sie spn^. Der ande diesen Menschen. Fühlte, daß ihm hier ein Mensch entgegenkam, ° sah und Kraft l-atte. An dieser Kmft wuchs feine eigene @r an auf. Er hatte eine dunkle Linie überschritten, lene Linie, die Mr dende Mensch einmal überschreiten muh, um sich die Kraft für zu gewinnen. Er glaubte nun wieder an die Menschen, wei . Menschen getroffen hatte, der ohne Worte verstand und au Gemeinschaftsgefühl von seiner klaren menschlichen Kraft «m etwas gab, damit er die dunkle Linie überschreiten konnte. Lin gelöst, Lebenswille neu geweckt, der Weg zu den Menschen
Jürgen Altrogg saß mißmutig an seinem Schreibtisch und spielte zerstreut mit einer Reihe von Briefen. Viele, darunter gute Freunde, manche liebenswerte Menschen, mit denen er gerne zusammen war, gleichgültige Bekannte, luden ihn zu Psingsttouren ein: Picknick Kanu- und Segelfahrten, Jagd, — er konnte wählen. Aber er wollte nicht wählen. Ler Winter bis weit in das Frühjahr hinein war von Geselligkeit.erfüllt gewesen, jede Stunde außerhalb der Arbeit hatte die Gesellschaft m Anspruch genommen; gewiß, er war gern unter Menschen, aber nun, i Erwachen am nächsten Morgen war schön. So bin ich lange nicht
dem Gedanken, eine der Einladungen anzunehmen fahte ihn «me Angst [Qnqe Das ist eigentlich so, wie als
eine richtige Slngst, wie er sie. bisher noch.nie gespurt ha e. eine Sch« M »w Morgen nach dem Weihnachtsfest. Wo bin ich? Was war doch vor Menschen. Ein großes Elnamkeltsbedurfnis wurde unversehens I schönes? Wo sind die neuen Spielsachen? Mein Schaukelpferd, ihm wach. Waren es die Nerven? Nun ja, die Vorarbeiten für «.m großen l jn Schaukelpferd! Er war aus dem Bett gesprungen, trat zum
Bau, der im Sommer in Angriff genommen werden sollte, hatten ch. I genfter braufjen siel Helles Licht vom Himmel und kräftiger Duft stieg reichlich zugesetzt. Aber deshalb Nerven? War es Nicht eher em Zeichen, I auf. Altrogg machte Kniebeuge und Gymnastik, er muhte
daß die Jahre verrannen und mit der nahenden letzten Reife sich der I P '^er an das Schaukelpferd denken und fang also, nach eigener Melodie, Wunsch nach Einsamkeit und Stille paarte? Einerlei! er.fegt ta Briefe ^mer^an o. ) ächtend, von Jodlern unterbrochen; mein Schauke,- mit unmutiger Bewegung vom Schreibtisch, hob sie »arauf roteoer & mir ?0 lieb unb wert, ich reite drauf verkehrt, was mich nicht mit einem nachsichtigen Lächeln aus,, denn er war ein ordentlicher? Mensch I I Toilette machen, rasieren, ankleiden, wie schnell geht bas und schaffte auch seinen Affekten gleich Ordnung; — einerlei ssagte er sich, I man fröbtich jst. Minuten nur, und er war unten im kleine»
woher das Verlangen kommen mag; ich gebe dem nach. Ich fluchte. Ich I ten, tränt einen bünnen Kaffee, der köstlich schmeckte, zu Sauer», fahre ins Blaue. I brot wit Butter und Honig, ließ sich mit dem Wirt in eine behagliche
Als der Feiertag mit einer sanft verschleierten Sonne erschien, packle Wetterbetrachtung ein und lief bann, mit mächtigen Sprüngen, hopp bet er ein Köfferchen, ließ feinen fixen kleinen Wagen anlaufen und fuhr lo-.. I @rab bopp be’r nächste, in den nahen Wald.
Der Motor summte fröhlich, die feiertäglich menschenleere Straße^ rollte I ber Herrlich ist seine Zeitlosigkeit. Man sieht einem
unter den Rädern ab, es tarnen Chausseen, und erst da wurde es Jürgen P l nach' der von Zweig zu Zweig hüpst, und inzwischen tann sich bi« bewußt, daß er kein Ziel hatte. Ein Uebermut packte ihn. Er begann I ^est zweimal um ihre Achse drehen, man merkt es nicht. Der Mönch me laut mit sich zu schelten. „Em anständiger Mensch hat ein Ziel S" haben, I , J U,^gg und konnte es nicht verhindern, daß ei»
Herr Oberingenieur", mahnte er sich mit t'ef«r besorgt^Stimme^,.Warum burchrann. Und ging versonnen weiter, dacht«
denn eigentlich? fragte er jungenhaft hell zuruck. „Weil , antworCt« I ßegenbe nach, wie jener Mönch, nicht begreifen könnend, btijj
er sich tief, — „weil, mein lieber Dberingemeur nur burche>n,zielstrebig me ^Sekunde so viel sein könnte wie eine Ewigkeit, eines Tages
geführtes Dasein das Geben zu einem höheren Zweck geabelt: wrb. Unb ^alb spazieren ging, unb als er zurückkam, zum Mittagsgebet, da war verfiel plötzlich in die krähende bruchige Stunrne seines einstigen Klassen- I sttofte^ mehr da, nur spärliche Überwachsene Ruinen, fremde Mc». lehrers, fuhr sich entrüstet an: „Uech fohe schon Su worden das Zul dor ^ Sten in fremden Dörfern, und sie wußten nichts von einem Klaffe wüder nücht erreichen, Altrogg , — lachte (aut, brüllte vor Lachen, I - r »nd erst ein hochbetagter Greis besann sich dunkel, in seiner gab Gas, daß der Wagen mit einem Ruck vorwartsschoß, die Chaussee I l I H 9 ba§ dort vor vielen hundert Jahren em Kloster
entlang, Tempo, Tempo, und am Steuer saß Jürgen Altrogg, ließ sich ^'geno g Y 3 9 Legende, dachte Altrogg, und schmeckte noch ein- die Haare vom Frühlingswind zausen, fang laut und grohlend lustig« I gemejen sei. , Lieder nickte mit dem Kopfe, taktierte bald mit der rechten, bald mit der linken'Hand abwechselnd dazu, und fuhr ins Blaue, einfach den Straßen nach die ihn dazu einluden. Weit hinten lag die Stadt, weit hinten all das was man Amt und Würde nennt, weit hinten die Geselligkeit mit ihren Verpflichtungen; ein kleiner dummer Junge saß am Steuer eines kleinen Autos, lachte und tobte, war wie berauscht, und fühlte sich genau so wie damals, vor vielen Jahren der kleine Jürgen, als er heimlich nach Hamburg entflohen war, um zur See zu gehen, nach 2(merita, nach Afrika, auf die große Flucht ins Weite.


