eine größere Gesellschaft tagelang durch die Wildnis auf der einen Seite wandern kann, ohne daß ein Bewohner auf der anderen sie zu sehen oder ihre Rufe zu vernehmen braucht. So hätte auch Hunilla, die die mögliche Ankunft von Schiffen natürlich auf ihrer Seite erwartete, bis zuletzt über unsere Gegenwart in Unkenntnis bleiben können, wäre ihr nicht, wie unsere Matrosen versicherten, eine geheime Ahnung durch die verzauberte Luft der Insel zugetragen worden. Und diese Annahme wurde durch die Antwort der Witwe keineswegs widerlegt.
„Wie kamst du dazu, Hunilla, die Insel an diesem Morgen zu durchwandern?", fragte unser Kapitän.
„Seöor, etwas zuckte an mir vorüber. Es berührte meine Wange, mein Herz, Seöor."
„Was sagst du da, Hunilla?"
„Ich sagte, etwas kam durch die Luft geflogen."
Es war in der Tat ein großer Zufall. Als Hunilla beim Durchqueren der Insel das Hochland in der Mitte erklommen hatte, mußte sie zum erstenmal unsere Masten erspäht und zugleich bemerkt haben, daß die Segel gesetzt wurden; vielleicht hörte sie auch den Wechselgesang der Leute am Spill. Das fremde Schiff war also im Begriff, abzusegeln und sie blieb allein zurück. Mit aller Hast eilt sie nun den jenseitigen Abhang hinunter, verliert aber im tiefliegenden Dickicht am Fuße des Berges das Schiff bald aus den Augen. Sie erkämpft sich ihren Weg weiter durch die dürren Zweige, die ihr bei jedem Schritt den Pfad versperren wollen, bis sie an jenen einzelnen Felsen kommt, der vom Meer noch ziemlich entfernt ist. Sie klettert hinauf, um sich zu vergewissern: das Schiff liegt noch deutlich in Sicht. Ermattet von der übermäßigen Anstrengung, bricht Hunilla beinahe zusammen; sie fürchtet sich, von der ragenden Höhe wieder hinabzusteigen; sie möchte gerne auf ihrem Standort verharren, und in ihrer Verzweiflung reißt sie sich den Turban vom Haupt, entfaltet ihn und winkt über das Dickicht hinweg uns zu.
Während sie ihre Geschichte erzählte, bildeten die Matrosen schweigend einen Kreis um Hunilla und den Kapitän; und als schließlich der Befehl erteilt wurde, das schnellste Boot zu bemannen, zum jenseitigen Strande zu rudern und Hunillas Truhe und das Schildkrötenöl zu verladen, gehorchten sie mit so froher und doch trauriger Bereitschaft wie kaum jemals zuvor. Alles verlief sehr einfach. Der Anker war schon wieder in die Tiefe versenkt worden und das Schiff lag ruhig da.
Aber Hunilla bestand darauf, daß sie als unentbehrliche Führerin zu ihrer versteckten Hütte das Boot begleiten dürfe. Nachdem man sie mit dem Besten, was unser Steward bieten konnte, gestärkt hatte, fuhr sie mit uns los. Und die Frau des berühmtesten Admirals hat auf ihres Gatten Schiff niemals mehr stumme Achtung und Verehrung erfahren, als der armen Hunilla von der Bemannung dieses Bootes zuteil wurde.
Wir ruderten an manchem spiegelglatten, schroffen Kap vorüber, und nach zwei Stunden befanden wir uns innerhalb des verhängnisvollen Riffs. Wir bogen in eine verborgene Bucht ein, sahen an einer grünen, vielgezackten Lavamauer hinauf und erblickten die einzige Behausung der Insel.
Sie befand sich auf einer überhängenden Klippe, war an zwei Seiten durch dichtes Gestrüpp geschützt und von vorne durch die Vorsprünge der roten Stufen, die von der Seeseite aus den steilen Abhang hinaufführten, dem Blickfeld halb entzogen. Die Hütte war aus Rohr gebaut, mit langem, brandig gewordenem Gras bedeckt und glich einem verlassenen Heuschober, in dem kein Mäher mehr Heu einführt. Das Dach neigte sich nur nach einer Seite, die Traufen reichten bis fast zwei Fuß auf den Boden herab. Und da war eine einfache Vorrichtung, um den Tau, oder besser die in ihre feinsten Bestandteile ausgelösten Regentropfen zu sammeln, die der Nachthimmel bisweilen huldvoll oder höhnisch auf diese verwunschenen Inseln herabsinken läßt. Unter den Dachtraufen war ein vom Wetter hart mitgenommenes, fleckiges Tuch längsgespannt und an kurzen, senkrechten, in den seichten Sand gegrabenen Pfühlen befestigt. Ein kleiner Ziegelstein war in das Tuch gelegt und zog die Mitte nieder, so daß alle Feuchtigkeit in einen darunter befindlichen Flaschenkürbis geträufelt wurde. Dieses Gefäß lieferte die wenigen Tropfen Wassers, die die Cholos je auf dieser Insel getrunken hatten. Hunilla erzählte uns, daß der Kürbis sich manchmal, aber nicht oft, über Nacht bis zur Hälfte füllte. Er faßte etwa sechs Liter. „Aber," so sagte sie, „wir sind an Durst gewöhnt. In dem sandigen Payta, wo ich wohne, fällt kein Regen vom Himmel; alles Wasier wird dort von Mauleseln aus den Tälern des Hinterlandes gebracht."
Etwa zwanzig bekümmerte Schildkröten, die Hunillas einsame Speisekammer versorgten, waren im Gestrüpp festgebunden, während Hunderte von großen, schwarzen Schildpattpanzern, wie ausgegrabene, zerstörte Grabsteine, allenthalben herumlagen. Das waren die Rückenschilde jener großen Schildkröten, von denen Felipe und Truxill ihr kostbares Del gewonnen hatten. Mehrere große Kürbisse und zwei stattliche Fäßchen waren voll davon. In einem Topf in der Nähe waren die hartgewordenen Stücke einer Menge, die sie hatte verdunsten lassen. „Sie wollten es am nächsten Tage durchseihen'', sagte Hunilla und wandte sich ab.
Ich vergaß, den allereigentllmlichsten Anblick zu erwähnen, der sich uns gleich nach der Landung darbot.
Etwa zehn kleine Hunde mit weichem, lockigem Haar von einer schönen, in Peru heimischen Rasse, begannen ein Konzert frohen Willkommgeheuls, als wir den Strand erreichten, und Hunilla rief ihnen antwortend zu. Einige von diesen Hunden, die Nachkommenschaft der beiden von Payta mitgebrachten, waren erst geboren worden, seitdem sie Witwe geworden. Durch den Verlust eines Lieblingshundes gewarnt, der den zackigen Felsen, den versteckten Spalten und Abgründen, dem wirren Gestrüpp oder einer anderen Gefahr des Geländes im Inneren der Insel zum Opfer gefallen war, gestattete Hunilla diesen zarten Geschöpfen niemals, sie bei ihren gelegentlichen Klettereien nach Vogelnestern oder auf ihren Wanderungen zu begleiten. Infolgedessen hatten sie auch keine Lust gezeigt, ihr zu folgen, als sie an jenem Morgen die Insel durchquerte, und sie selbst war zu voll von anderen Dingen, als daß sie ihr Zurückbleiben beachtet hätte. Aber in dieser ganzen Zeit waren sie ihr so sehr ans Herz ge
wachsen, daß sie selbst den Tau ihres Kürbisses mit ihnen geteilt hatte, die doch am frühen Morgen aus kleinen Löchern des nahen Fel ens etwas Feuchtigkeit lecken konnten. Nie hatte sie eine größere Menge Wassers für den Fall einer anhaltenden, völligen Dürre für sich angesammelt, von der jene Inseln in schlimmen Zeiten heimgesucht werden.
Auf unseren Wunsch bezeichnete sie nun die wenigen Dinge, die sie mit ins Schiff nehmen wollte — ihre Truhe, das Oel, sowie die lebenden Schildkröten, die sie unserem Kapitän in Dankbarkeit schenken wollte. Wir machten uns sofort ans Werk und schleppten die Sachen die langen, abschüssigen Stufen des Felsens hinunter, der nun in tiefem Schatten lag. Während meine Kameraden so beschäftigt waren, blickte ich um mich — Hunilla war verschwunden.
Ich glaube, es war nicht Neugierde allein, sondern noch ein anderes Gefühl, das mich veranlaßte, meine Schildkröte abzusetzen und nochmals um mich zu schauen. Ein schmaler Pfad führte zum dichtesten Teil des Gestrüpps. Ich folgte ihm auf feinen vielen Windungen und gelangte so zu einem kleinen, offenen Kreisrund, das hier wie ein Zimmer versteckt lag.
Der Grabhügel erhob sich in der Mitte — ein kahler Hansen feinsten Sandes, wie das Sandhäuflein am Grunde eines ausgeronnenen Stundenglases. Zu Häupten stand das Kreuz aus dürren Aesten; die trockene, abgeschabte Rinde hing noch in Strähnen herunter; der Ouerstab war mit einem Stricke befestigt und ragte schräg und kläglich in die schweigende Luft.
Hunilla lag halb ausgeftreckt auf dem Grabe, ihr dunkles Haupt gebückt und verdeckt von ihrem langen, aufgelösten Indianerhaar. Ihre Hände streckten sich zum Fuße des Kreuzes vor und umklammerten ein kleines Kruzifix aus Bronze — ein Kruzifix, dessen Züge unkenntlich geworden waren wie die eines alten, getriebenen Türklopfers, mit dem man lange vergeblich gepocht hat. Sie sah mich nicht, und ich war ganz still, schlich beiseite und verließ den Platz.
Kurz ehe alles zum Aufbruch bereit war, erschien sie wieder bei uns. Ich sah ihr in die Augen, bemerkte aber keine Träne. Cs war etwas seltsam Stolzes in ihrer Haltung, und doch war es die Haltung des Schmerzes. Ein spanischer oder indianischer Schmerz, der nicht in laute Klagen ausbrach. Ein hoher Sinn, vergeblich zur Folter erniedrigt; ein natürlicher Stolz, der die Martern der Natur überwand.
Wie Pagen umringten sie die kleinen, seidenhaarigen Hunde, als sie langsam zum Strande hinabstieg. Die zwei zutraulichsten hob sie in ihre Arme: „Mia Tita! Mia Tomotital", und sie streichelnd, fragte sie, wie viele wir an Bord nehmen könnten.
Unser Führer war der Steuermann, — kein hartherziger Mensch, aber vom Leben so geschult, daß er auch in den kleinsten Dingen sich nur von der Zweckmäßigkeit leiten ließ.
„Wir können sie nicht alle mitnehmen, Hunilla; unsere Vorräte sind knapp; die Winde sind unsicher; es kann noch viele Tage dauern, bis wir nach Tombez kommen. So nimm die, die du im Arme hast, Hunilla; aber nicht mehr."
Sie war im Boote; auch die Ruderer saßen, bis auf einen, der sich zum Abstößen bereit hielt und dann nachsprang. Mit der Klugheit ihrer Rasse schienen die Hunde jetzt zu begreifen, daß man sie auf einem unfruchtbaren Strande zurücklassen wollte. Das Dollbord des Bootes war hoch, sein landwärts gerichteter Bug erhob sich steil; und da die Hunde das Wasser instinktiv zu scheuen schienen, konnten sie nicht gut in das kleine Fahrzeug springen. Aber ihre geschäftigen Pfoten kratzten eifrig am Bug, wie an der Türe eines Bauernhauses, das ihnen in winterlichem Sturm kein Obdach gewährte. Ein lautes Hilferufen in Todesangst. Sie heulten nicht, sie winselte nicht; sie schienen zu sprechen.
„Stoßt ab! Los!" schrie der Steuermann. Das Boot empfing einen gewaltigen Ruck, und im nächsten Augenblick schoß es geschwind vom Strande, machte eine Wendung und legte los. Die Hunde rannten kläffend am Rande des Wassers entlang; bald hielten sie inne, dem entschwindenden Boote nachzusehen, bald schienen sie mit kühnem Sprung die Verfolgung aufnehmcn zu wollen und fühlten sich doch geheimnisvoll zurückgehalten; und dann rannten sie wieder heulend am Ufer hin und her. Wären es menschliche Wesen gewesen, hätten sie bas Gefühl der Verlassenheit nicht deutlicher ausdrücken können. Die Ruder bewegten sich wie das verbündete Gefieder zweier Flügel. Niemand sprach. Ich blickte nach dem Strande zurück und dann nach Hunilla, aber ihr Antlitz bewahrte eine harte, dunkle Ruhe. Die Hunde, die in ihrem Schoße lagen, leckten ihr vergebens die starren Hände. Sie schaute nicht hinter sich, sondern saß bewegungslos, bis wir ein letztes Vorgebirge umschifften und von dem, was hinter uns lag, nichts mehr sahen und hörten. Sie glich jemandem, der, nachdem er die schlimmste aller irdischen Qualen erlitten, gleichgültig dagegen geworden ist, wenn die geringeren Fasern seines Herzens einzeln zerreißen. Hunilla hielt den Schmerz für so notwendig, daß sie auch von anderen Wesen, selbst wenn sie sich diese durch Liebe und Mitgefühl zu eigen gemacht hatte, erwartete, Schmerzen klaglos zu erdulden. Ein fühlendes Herz in einem stählernem Gehäuse. Ein Herz, von irdischem Gefühl, erfroren durch den Frost, der vom Himmel füllt.
Was folgte, ist bald erzählt. Nach einer langen Fahrt, die durch Windstille und Gegenwinde erschwert wurde, erreichten wir den kleinen Hafen von Tombez' in Peru, wo wir frische Vorräte aufnahmen. Payta lag nicht sehr weit entfernt. Unser Kapitän verkaufte das Schildkrötenöl an einen Händler in Tombez; und indem er dem Erlös noch eine Gabe von uns allen hinzufügte, gab er das Silber unserem stummen Passagier, der nicht wußte, was die Seeleute getan hatten.
Zum letzten Male sahen wir die einsame Hunilla, wie sie auf einem kleinen, grauen Esel in die Stadt Payta einritt und, vor sich hinstarrend, die Bewegungen des Wappenkreuzes* zwischen den Schultern des Tieres betrachtete.
* Das „Wappenkreuz" des Esels ist die feine, kreuzförmige Haarzeichnung zwischen den Schulterblättern, die nach einer frommen englischen Legende der Heiland dem Palmesel bei seinem Einzug in Jerusalem zur Erinnerung an seinen Kreuzestod aufgedrückt habe. Anm. d. Ueberf.
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


