Ausgabe 
6.1.1930
 
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sielen das Gefühl des Neides aufkommen zu lassen. Denn Las Licht, das dortige Einrichtungen in besonderem Glanze malt, wird hauptsäc^ich von dem allgemeinen Wohlstand ausgestrahlt.

So ist das Durchschnittseinkommen der jungen Aerzte, die allerdings vor ihrer selbständigen Niederlassung gewöhnlich nutzer dem Studium noch eine Krankenhaus-Ausbildung von mindestens vier Jahren hinter sich haben, etwa 30 000 Dollar, das von beschäftigten Operateuren oft viele hundert Tausende.

Diese für unsere Begriffe enorme Einkommen entstehen so, dah der amerikanische Arzt nur Privatpatienten und keine Kassenpatienten hat. Und dies aus dem sehr einfachen Grunde, weil es in den Staaten keine Krankenkassen gibt. Wohl haben einige große Krankenhäuser Polikliniken, in denen gratis behandelt wird, diese werden aber nur von Negern und den ärmsten Einwanderern ausgesucht, während 90 Prozent aller Patien­ten zum Privatarzt gehen, und ihre drei und mehr nach oben gibt es keine Schranken Dollars für die Konsultation zahlen. Die Behand­lung im Hause tritt wesentlich zurück gegen die Krankenhaus- und Klinik- bebandlung. Diese mit dem höchsten Komfort und, selbstverständlich, voll­endetsten medizinischen Einrichtungen ausgestatteten Anstalten sind, mit Ausnahme weniger staatlicher oder städtischer Krankenhäuser, meist Stif­tungen reicher Leute, die sich nicht damit begnügen das gewöhnlich mit ihrem Namen ausgestattete Kind in die Welt gesetzt zu haben, sondern auch in großzügigster Weise für sein Fortkommen sorgen. Henry Ford z. B. sieht es als etwas Selbstverständliches an, dah er in dem von ihm ge­gründeten Hospital zu Detroit dauernd ein monatliches Defizit von 30 bis 40 000 Dollar auszugleichen hat.

Im Verkehr zwischen Arzt und Patienten überwiegt das Geschäftliche. Jeder Arzt heißt, gleichgültig ob er Unioersitätsprofessor oder Privatarzt, Spezialist oder allgemeiner Praktiker ist, einfachdoctor". Der Patient sieht auch nicht mangelnde Aufmerksamkeit oder Beachtung des behandeln­den Arztes darin, daß dieser zwecks besserer Ausnutzung seiner Zeit, einen Teil der Visiten, Untersuchungen usw. seinem gutgeschulten Assistenten überläßt.

Sehr auffallend ist die Operationsfreudigkeit der amerika­nischen Patienten. Der Vorschlag eines chirurgischen Eingriffs wird fast stets willig angenommen. Der Kranke sieht darin nicht, wie dies bei uns noch oft der Fall ist, den letzten Versuch der Hilf«, sondern die Garantie, seine Erkrankung sicher, und, was die Hauptsache ist, schnell los zu werden.

Außerordentlich verbreitet ist auch die chirurgische Hilfe bei der Ent­bindung, die nur die Aermsten im Hause, die Bessersituierten ausschließlich in Kliniken und Hospitälern durchmachen. Es ist fraglich, ob cs nur ge­wissermaßen ein Gebrauch ist, daß kaum eine Entbindung auf rein natür­lichem Wege beendet wird, sondern fast stets Kunsthilfe einsetzt, oder ob hierfür auch physiologische Gründe vorliegen. Erfahrene amerikanische Geburtshelfer stehen auf dem Standpunkt, daß die amerikanischen Frauen zum großen Teil an ausgesprochener Gebärschwäch« leiden. Das ist ver­mutlich so zu erklären, daß die übermäßige Entwicklung der willkür­lichen Muskulatur durch den Sport, im Ausgleich eine Schwächung der unwillkürlichen Muskulatur zur Folge hat. Trotz der heterogenen Zusammensetzung der amerikanischen Bevölkerung, lassen, sich doch im Ge­samttyp, namentlich auch in gesundheitlicher Beziehung, große gemein­schaftliche Züge auffinden.

Außerordentlich auffallend ist das Fehlen dicker Leute. Selbst im höheren Alter setzt der Amerikaner selten Fett an. Mäßige Lebens­weise, reichlicher Obstgenuß, viel Sport und viel Arbeit dürften die Gründe hierfür sein. Die gleichen Ursachen werden die sehr häufig zu beobachtende, uneingeschränkte Leistungsfähigkeit sehr alter Leute be­gründen. Ein. anderes Attribut des Alters, das Weißwerden der Haare tritt oft erstaunlich früh ein. Dafür sind aber Kahlköpfe geradezu eine Seltenheit. Ob dies damit zusammenhängt, daß der Ame- ritaner, im Gegensatz zu der bei uns beliebten Mode der Hutlosigkeit, ständig den Hut auf dem Kopfe hat, ob es klimatische Einflüsse sind, die es bewirken, bleibe dahingestellt. Wenig unterschiedlich von unseren Ver­hältnissen erscheint es, daß sich die amerikanische Frau durch vernünftige Lebensweise, Sport und Körperpflege lange jung erhält. Der gleiche Fortschritt ist ja erfreulicherweise auch bei uns deutlich zu beobachten.

Unter den, in Amerika besonders häufig zu beobachtenden Krankheiten, spielen Erkältungszustände und Lungenentzündungen eine hervorragende Rolle. Das in vielen Teilen der Staaten besonders stark und schnell wechselnde Klima in Verbindung mit der bei beiden Ge­schlechtern verbreiteten Mode sehr dünner Unterkleidung ist hierfür ver­antwortlich zu machen.

Eigentümlich und schwer erklärlich ist die Tatsache, daß die Amerika­ner durchschnittlich einen höhere n Blutdruck und eine besondere Neigung zu gewissen Schilddrüsenerkrankungen zeigen. Man wird nicht sehlgehen, den Grund in Umwelts- und Ernährungseinslüfsen zu suchen. Auf letztere ist fraglos auch das häufigere Vorkommen von Magen- Darmerkrankungen, namentlich von Geschwüren, zu beziehen. Das Eis­ma fser, gefolgt und begleitet von hastigem und heißen Essen, der reich­lich genossene Ice-Cream fint> sicherlich den Schleimhäuten der Verdau- unaswege wenig bekömmlich.

Der Prohibition und dem dadurch veranlaßten Erwerb zweifel­haftester Alkoholika auf Schleichwegen ist es zuzuschreiben, daß schwerste Vergiftungen und Erblindungen nach Genuß solcher mit giftigen Alko­holen hergestellter Genußmittel häufig zur Beobachtung kommen. Von den beiden hauptsächlichen Todesursachen in europäischen Ländern, dem Krebs und der Tuberkulose, ist ersterer auch in Amerika ver­breitet. Seine Erkennung und Behandlung nimmt innerhalb der medizi­nischen Bestrebungen einen weiten Raum ein.

Die Tuberkulose, für deren Bekämpfung bekanntlich die Nationalöko­nomie mindestens das gleiche leisten kann wie die Medizin, ist dank der günstigen Lebensbedingungen wenig verbreitet.

Zieht man aus allem dem einen Schluß, so muß man Mit einem lachen­den und einem weinenden Auge zugestehen, daß dieprosperity" nicht nur den wirtschaftlichen, sondern auch den gesundheitlichen Standard eines Landes hebt.

3tn Nebel.

Von Leo Sternberg.

Du Nebel, der die Welt ertränkt und mich in Meerestiesen senktl

Wie wandle ich dein Herz und Kern in grauer Silberdämmrung gernl

Nun weiß ich wie ich selber Sinn und Mitte deiner Wolke bin

so bist du bergendes Gewand für unsichtbares Gottesland.

Und machst du andre Augen blind, nur sehender die meinen sind:

Es schatten hinter Duft und Rauch Türme und Wälder wie ich auch.

In feuchtem Schleier schwebt ein Dom. Du trägst in dir gewundnen Strom, Fabriken mit gedämpftem Licht, verborgner Brüder Angesicht ...

Wann trittst du, Gott, aus uns hervor? durchblaust den aufgewehten Flor und deine klaren Augen schaun aus Felsenwand und Stromesaun?

Hunilla.

Von Herman Melville.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Walther Fischer.

(Schluß.

Wahrlich, Hunilla klammerte sich an ein Rohr ein echtes, kein nxtaphorisches Rohr der östlichen Flora. Es war ein hohles Bambus stück, von unbekannten Inseln angetrieben, das sie am Strande gefunden hatte; die ehemals kantigen Enden waren glattgerieben, wie von Sand­papier; sein gelber Glanz war verschwunden. Lange von Meer und Küste, wie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben, war das unscheinbare Rohr ab­gescheuert worden und zeigte jetzt, ein Sinnbild seiner selbst, eine andere Glättung, die Glättung der Qual. Hunilla hatte es durch kreisrunde Ein­schnitte in sechs Felder von ungleicher Länge geteilt. In das erste Feld wurden nun die Tage eingeritzt, und jeder zehnte mit einer längeren und tieferen Kerbe bezeichnet; das zweite Feld gab die Zahl der Vogeleier an, die Hunilla zur Lebensfristung aus felsigen Nestern sammelte; das dritte, wie viele Fisch« sie am Strande gefangen; das vierte, wie viele kleine Schildkröten sie landeinwärts gefunden; das fünfte, die sonnigen, das sechste die bewölkten Tage (die letztere Zahl war die größere). Gange Nächte geschäftigen Zählens die Arithmetik des Elends, um ihre allzuwache Seele in Schlaf zu senken; aber kein Schlaf wollte kommen.

Das Feld der Tage war bald abgenutzt die langen zehnten Kerben waren von der Berührung so undeutlich geworden wie ein Blindenalpha­bet. Zehntausendmal hatte die Witwe ihre Finger sehnsüchtig über das Bambusrohr gleiten lassen eine stumme Flöte, der der Spieler keinen Ton entlocken konnte, als ob man Schildkröten, die durch den Wald kriechen, zu schnellerem Laufe antreiben könnte, wenn man die Vögel zählt, di« in der Luft vorüberstreichen.

Nach dem einhundertundachtzigsten Tage konnte man kein Kerbe mehr erkennen; wie die erste die tiefste gewesen, so war die letzte die schwächste.

Es waren mehr Tage," sagte unser Kapitän;viel, viel mehr; warum hast du sie nicht weiter bezeichnet, Hunilla?"

Sefior, fragt mich nicht."

Und sind inzwischen keine anderen Schiffe an der Insel vorüderge- fahren?"

Nein, Sefior; aber"

Du sprichst nicht; aber was, Hunilla?"

Fragt mich nicht, Gefion"

Du sahst Schisse von weitem vorübersegeln; du winktest ihnen zu; sie fuhren weiter; war es das, Hunilla?"

Sefior, es sei, wie Ihr sagt."

Sich sest an ihr Elend klammernd, wollte und wagte Hunilla nicht, sich ihrer schwachen Zunge anzuvertrauen. Als dann unser Kapitän fragte, ob keine Walfischfänger

Aber nein, ich will diese Szene nicht weiter schildern, damit zynische Menschen sie nicht zur Stütze ihres Pessimismus anführen können. Das übrige soll unerzählt bleiben. Jene zwei namenlosen Ereignisse, die Hu­nilla auf der Insel zustiehen, sie mögen zwischen ihr und ihrem Gotte ruhen. In der Natur, wie vor dem Gesetze, kann es eine Verleumdung sein, wenn man gewisse Wahrheiten ausspricht.

Doch wie es kam, daß unser Schiff drei Tage nahe der Insel vor Anker lag und ihr einziger menschlicher Bewohner uns erst entdeckte, als wir diesen einsamen, fernen Ort auf Nimmerwiedersehen verlassen wollten, das muß erklärt werden, ehe die Erzählung weiterschreitet.

Der Ort, wo der französische Kapitän seine drei Passagiere gelandet hatte, lag auf dem jenseitigen, entfernteren Ende der Insel. Dort hatten sie bann auch ihre Hütte gebaut. Und auch in ihrer Einsamkeit hatte oic Witwe den Platz nicht verlassen, wo ihre Lieben mit ihr geweilt hatten, und wo ihr Gatte, der treueste im Leben, jetzt seinen letzten Schlummer schlief, aus dem ihn all ihre Klagen nicht mehr erweckten.

Zwischen den beiden Endpunkten der Insel erstreckt sich hohes Hügel­land. Ein Schiss, bas auf der einen Seite vor Anker liegt, ist von der andern Seite aus unsichtbar. Auch ist die Insel ausgedehnt genug, daß