Der Affe packte schließlich die Kugel und warf sie dahin, wo er sie hingehörig wußte, wo er sie tausendmal und täglich gesehen hatte — und wohin sie selbst ohnedies wollte: in den Entenkäfig. Dann sprang und rüttelte er bösartig oben auf den Holzstäben herum, bis er sich soweit beruhigt hatte, daß ihn zu frieren begann, woraus er wieder ins Heu kroch.
Bei seinem Gerüttel aber und Getobe hatte er das Gitter des Käfigs zugeschlagen und solchermaßen Ordnung bis ins Letzte geschaffen, ohne zu wissen wie.
Daß der erstaunte Besitzer am nächsten Morgen vor einem Rätsel stand und seinen Augen und allen Sinnen nicht mehr trauen wollte bis ans Lebensende, lag auch daran, daß er den Wühlgang nicht entdeckte. Denn in diesem Grund und Boden, darauf er und sein Unternehmen stand und steht, gibt es viel unverdächtige Löcher.
Zur Nacht.
Von Theodor Storm.
Vorbei der Tag! Nun laß mich unverstellt Genießen dieser Stunde vollen Frieden! Nun sind wir unser; von der frechen Welt Hat endlich uns die heilige Nacht geschieden.
Laß einmal noch, eh sich dein Auge schließt, Der Liebe Strahl sich rückhaltlos entzünden; Noch einmal, eh im Traum sie sich vergißt. Mich deiner Stimme lieben Laut empfinden!
Was gibt es mehr! Der fülle Knabe winkt Zu seinem Strande lockender und lieber; Und wie die Brust dir atmend schwellt und sinkt, Trägt uns des Schlummers Welle sanft hinüber.
Fahrt durch das asiatische Rußland.
Von Anton L ü b k e.
In Mulden, der Stadt in der Mandschurei, welche nach Pferden riecht, spürt man zum erstenmal asiatisches Rußland. Mukden trägt ein Gepräge des gärenden Völkergemisches des fernen Ostens, Japan hinterläßt hier feine deutlichen Spuren und russische Emigranten haben hier ihre zahlreichen kleinen Handelsgeschäfte. Die neuen Stadtteile sind japanische, und, wie es bei der Großmannssucht Japans nicht anders zu denken ist, sind die Straßen breit, weitläufig und amerikanisch. Die Produkte der Sojabohne werden in dieser Stadt umgesetzt. Industriell wird sie durch die nahegelegenen Fushunwerke beeinflußt. Die Japaner rühmen sich mit Recht, in diesen Fushunwerken die größten Kohlenwerke der Welt zu besitzen. Einst waren diese Kohlendistrikte chinesischer und zuletzt russischer Besitz. Ganz in der Nähe ist noch das große Schlachtfeld und das gewaltige Monument aus dem russisch-japanischen Krieg zu sehen. In den Tagen dieses Krieges soll in der Nähe der Fushunwerke der Kampf am blutigsten und heftigsten getobt haben. Politik in der Mandschurei basiert auf dem Besitz dieser Kohlengruben, die deshalb eine so große Bedeutung haben, weil die Kohle hier zum größten Teil zutage liegt und deshalb leicht gewonnen werden kann. 42 000 Chinesen sind hier beschäftigt. Die Beamten und Verwaltungsdirektoren sind sämtlich Japaner. Dagegen ist kein einziger Bergarbeiter ein Japaner. Die Arbeiter verdienen pro Tag 75 Cents, was etwa dem Werte von einer Mark entspricht. Die Tonne Kohle kostet dagegen 12 bis 20 Mukdendollar, das sind etwa 28 bis 20 Mark. Man erzählt sich in eingeweihten Mukdener Kreisen, daß die Fushun-Kphlenwerke einen täglichen Verdienst von 200 000 Mukdendollar aufzuweisen haben. Zur Zeit wird ein großes Verölungswerk nach dem deutschen Berginsystem errichtet. Nach Fertigstellung des Werkes ist Japan in die Lage versetzt, jeden Tag 200 Tonnen Oel herzustellen und damit den ganzen Bedarf seiner Flotte zu befriedigen. Für Japan wird dieses Werk deutschen Erzeugnisses eine große wirtschaftliche Ersparnis bedeuten, zumal das Land selbst sehr wenig Oel auf eigenem Territorium besitzt.
Mehr noch als in Mukden ist in Chardin, dem Zentralknotenpunkt der Eisenbahn und Handelszentrum der Mandschurei, russischer Einfluß zu spüren. Die Stadt ist ein Sammelbecken der Spekulation, der Armut, des Handels und des Bettels. Rußland und China werfen in diese Retorte ihren Menschenauswurf. In keiner Stadt des Ostens sieht man so viel Verkommenheit inmitten lebend-.ger Geschäftsstraßen, soviel zerlumpte Bettler, denen man ansieht, daß sie einmal bessere Tage verlebten, wie in dieser Stadt. Oft stehen die Bettler zu Dutzenden vor den Geschäftstüren und warten auf den Kupfercent, den ihnen eine mitleidige Hand gibt. Kein Wunder, daß man hier soviel Elend vereinigt sieht, denn jährlich wandern in die Mandschurei die eine der fruchtbarsten Provinzen des Ostens ist, zwei Millionen Chinesen ein und suchen hier eine neue Nah- runosquelle, die sie in den Hungergebieten Chinas nicht finden können.
Da Rußland vom Norden drängt, China vom Süden und Japan vom Westen, ist es erklärlich, daß hier nicht nur der Brennpunkt ständiger Konflikte zu finden ist, sondern sich auch eine offensichtliche Rassenmischung von Gelb und Weiß anbahnt. Nirgendwo in der Welt ist dieser biologische Prozeß so deutlich zu sehen wie gerade hier. Infolge der politischen Umwälzung in Rußland flüchteten eine große Zahl Weißenrussen in die Mandschurei. Man schätzt ihre Zahl auf 150000. Diese Menschen leben naturgemäß ähnlich wie die Chinesen, die hier einwanderten, auf einer sehr niedrigen Kulturstufe. Das notgedrungene Zusammenwohnen mit den Landesbewohnern und die soziale Gleichstellung mit ihnen bringt es natur- notwendig mit sich, daß eine Mischung durch Heirat unausbleiblich ist. Schon in Tschangtschun, der Umsteigestation auf der Fahrt von Tientsin nach Charbin, merkt man den deutlichen Trennungsstrich zwischen der gelben und der weihen Rasse. Während man südlich nur Chinesen und Japaner trifft, beginnt nördlich von Tschangtschun schon das Reich der
Russen vermischt mit Chinesen. Obwohl es kein« genauen Statistiken über diese Mischung gibt, schätzt man die Zahl der weißgelben Mischlinge in der Nordmandschurei auf über 100000. Daß durch diese Mischung von Weiß und Gelb der Chinese dem weißen Mann gegenüber in ein ganz neues soziales und gesellschaftliches Verhältnis kommt, ist klar. Daß in diesem Landstrich auch das Prestige des weißen Mannes dem gelben Manne gegenüber nach und nach schwinden wird und der Chinese sich dort schon heute gleichberechtigt mit dem weißen Manne fühlt, ist ebenso offensichtlich und zeigt deutlich, wie sich der Zusammenprall von zwei übervölkerten Landstrichen auswirkt.
Gerne verläßt man Charbin, wo die schwarzen Börsen, in denen billige russische Rubel verkauft werden und man sich für die Reise günstig mit russischem Geld eindecken kann, zu finden sind. Hat man die Mandschurei einen Tag durchfahren, erreicht man Mandschuli, die Grenzstation zwischen China und dem asiatischen Rußland. Der erste Teil der Fahrt von Mandschuli durch russisches Gebiet bietet sehr wenig Interessantes. Der Trans- sibirienexpreß streift einen Zipfel der Burjat-Mongolei, die den Russen gehört. Große Steppen und Viehweiden erstrecken sich in die Landschaft, und man merkt hier, daß der größte Teil der hier wohnenden Nomadenstämme sich durch Viehwirtschaft nährt. Hier wie weiter südlich in der chinesischen Mandschurei ist noch Land, wo fast gar kein Verkehr und Zivilisation zu finden ist, desto mehr primitive Agrikultur. Es gibt hier Viehbauern, die einen Besitz von 50 000 Stück Vieh haben. Kurz nach Austritt aus der Burjat-Mongolei und vor Erreichung des Baikalsees, kommt man an die Stelle, wo einst, als die Bahn noch nicht gebaut war, der Verkehr zwischen Rußland und China mit Ochsen und Kamelen vermittelt wurde. Pkichta war die Stadt, in der einst 32 Millionäre wohnten, die durch den Transportverkehr sich ein Riesenvermögen erworben hatten. Heute ist die Stadt tot und verlassen.
Betritt man das Gebiet des Baikalsees, ist man zugleich auch im Lande des Goldes, jenem Erdstrich, der ungemessene Schätze in sich birgt, von dem man sagt, daß kaum 30 Prozent durch die Schaufel des Geologen erforscht sei. Auf den kleinen Bahnhöfen des asiatischen Rußlands kann man stets die über und über mit Schmutz bedeckten Goldgräber sehen, die möglichst viel Schmutz an ihren Körpern und Kleidern mit nach Hause zu nehmen suchen, um dann daraus noch einige für sie wertvolle Goldkörner zu gewinnen. Das Los dieser Menschen, die fern jeder Zivilisation, inmitten von allerlei Gefahren durch wilde Tiere, Sumpfsieber, Moskitos, Räuber u. a. leben müssen, ist kein beneidenswertes, obwohl sie angeblich viel verdienen.
Betrachtungen über dieses traurige Menschenkapitel werden verscheucht durch die wildromantische Gegend des Baikalsees, der bald in den Blickkreis kommt. Dieser See, einer der schönsten und größten Binnenseen Rußlands und mit einer fast noch unberührten wildromantischen Landschaft, hat eine merkwürdige Geschichte. Wie man erzählt, friert er erst bei 40 Grad Kälte im Januar zu. Er besitzt in seinem JnJneren warme Quellen. In früheren Jahren benützte man den See als stebergang der transsibirischen Eisenbahn, in dem man im Winter Schienen über das dicke Eis legt und im Sommer den Zug auf breiten Flößen hinüberfuhr. Auch heute noch benutzen die Russen den See im Winter als Uebergang für Schlitten, und oft kommt es vor, wenn die warmen Quellen das Eis sprengen, daß eine solche Schlittenkarawane mit Mann und Maus in den Fluten versinkt.
Mit der Erreichung von Irkutsk am Westufer des Baikalsees hat man bald auch das sibirische Rußland erreicht und damit auch die letzte Etappe des asiatischen Rußlands. Eine herrliche Landschaft tut sich den Blicken auf. Wälder mit Birken und Kiefern und unermeßliche Tannenwälder geben einen Begriff von dem unerschöpflichen Holzreichtum dieser Gegend. Auf unendlich weiten Steppen weiden Tausende von Kühen, zwischen denen zum Schutze gegen Moskitos Feuer brennen, deren Rauch die blut- faugenben Tiere verscheucht. Ost begegnet man armseligen Bauernhöfen, die flach in der Ebene liegen und meist aus düsteren Blockhäusern bestehen. Auch die berühmten Kosakengespanne steht man noch mit zehn und mehr Pferden durch die weite Ebene jagen. Kinder, ärmlich gekleidet und barfuß kommen in die Abteile und bringen wundervolle Blumen zum Verkauf, die in der sibirischen Landschaft im Sommer in üppiger Pracht blühen. Ueberall, wo das Auge hinsieht, findet es noch jungfräuliches Land, das noch vielen Millionen Menschen Nahrung und Heimat geben könnte, denn Holz, reiche Bodenschätze, Wasser und fruchtbare Erde warten hier der menschlichen Kulturarbeit. Die sibirischen Bauern die gebratene Spanferkel und Hühner, Butter, Eier, Käse und Brot an die Züge bringen, sehen reinlich aus und find zutraulich und nicht von jener erschreckenden Düsterheit, die man bei den Menschen in den Großstädten des kommunistischen Rußlandes findet, wo Hunger und Elend trotz großer Versprechungen sich noch immer breit machen.
„Amerika, du hast es besser."
Aerzke und Patienten in USA.
Von Dr. Th. A. Maaß.
Goethes mehr als hundert Jahre alter Ausspruch spielt in der Gedankenwelt von heute sicher eine bedeutungsvollere Rolle als zur Zeit seiner Erschaffung. Aber es ist mindestens fraglich, ob eine kritiklose Nachahmung amerikanischer Zustände für europäische Verhältnisse erfreulich oder überhaupt tragbar ist. Denn gar zu oft wird bei uns zwar das zur Bedingung gestellt, was Amerika von feinen Bewohnern verlangt, nicht aber auch an all das gedacht, was es ihnen als Kompensation bietet.
Das Wodl, die Gesundheit des einzelnen, spielt dort eine ausschlaggebende Rolle, wobei es in der Auswirkung gleichgiltig ist, ob ihm diese Bedeutung aus menschenfreundlichen oder geschäftlichen Gründen eingeräumt wird. Die großartigen volkshygienischen, besonders auch den Kindern gewidmeten Einrichtungen in den Staaten sind genügend bekannt. lieber das, was für die Kranken geschieht, äußert sich Dr. E. Straßmann, der, mit offenen Augen, aufs liebenswürdigste von den amerikanischen Kollegen unterstützt, Aerzte und Patienten in USA. studierte. Das, was er über seine Erfahrungen berichtet^ ift^geeignet, in


