Ausgabe 
6.1.1930
 
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SietzenerKmilienblStter

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Jahrgang $930 Montag, den 6. Januar Nummer 2

Oie drei Könige.

Von Peter Cornelius.

Drei Könige wandern aus Mohrenland, Ein Sternlein führt sie zum Jordanstrand. In Juda fragen und forschen die drei. Wo der neugeborene König sei.

Sie wollen Weihrauch, Myrrhen und Gold Zum Opfer weihen dem Kindlein hold.

Und hell erglänzet des Sternes Schein, Zum Stalle gehen die Könige ein. Das Kindlein schauen sie wonniglich. Anbetend neigen die Könige sich.

Sie bringen Weihrauch, Myrrhen und Gold Zum Opfer dar dem Kindlein hold.

O Menschenkind, halt treulich Schritt, Die Könige wandern, o wandre mit! Der Stern des Friedens, der Gnade Stern, Erhelle dein Ziel, wenn du suchst den Herrn; Und fehlen dir Weihrauch, Myrrhen und Gold, Schenke dein Herz dem Kindlein hold.

Oie Flucht.

Von A. M. Frey.

Wie stets lief das Gürteltier auf dem Tisch der Kasse umher. Dorthin pflegte es von dem Schaubudenbesitzer gesetzt zu werden, zwecks Anlockung von Publikum. Cs war brotlaibgroß ein grauer Brotlaib, unter dessen Wölbung die Füßchen verschwanden. In einem weichen Trott war es an­dauernd auf der kleinen Fläche unterwegs, lautlos wallend, als rolle es auf ungleichen Rädchen dahin. Die schmiegsamen Gürtel seines Panzers umbogen den ganzen Körper wie eine gebuckelte Schabracke aus Blech.

Neben ihm saß wie immer sein Feind, der Affe, nicht weniger für die Leute dort ausgestellt. Ganz am Rande der Holzplatte hockte er; den­noch gab es immerfort Differenzen, denn das Gürteltier in seinem rol- lenden Trott rundum stieß alle fünf Sekunden mit der stumpfen harten Schnauze dem Assen in die Weichen, verfing sich dort förmlich. Der Affe mußte zupacken und den lästigen Trappler in freie Bahn schieben wie Kinder einem abschnurrenden Spielzeug, das sich verlaufen hat, neue Richtung geben.

War der Affe besonders reizbar, oder das Gürteltier besonders emsig heute? Während der Besitzer der Bude drohend über die Menge hin durch sein Sprachrohr schrie, gleich werde innen der Ringkampf des Eisbären mit der Negerin Jaffiga gezeigt, und feine Gattin auf die Tafel, die den Eintrittspreis von zehn Pfennigen bekanntgab, mit einem Stöckchen los- peitschte, daß die Kreide wegstob geschah das Unerwartete. Der Affe packte den Quälgeist an den Rändern seiner Panzerschale und warf ihn hinunter vom Tisch.

Nach einem Gekoller steile Stufen abwärts, die es eingekugelt hinter sich brachte, stand das Gürteltier gleich wieder auf seinen verdeckten Füßen und begann leise schaukelnd zu traben. Die Gasser waren zurückgeprallt nun stoben sie ganz auseinander. Wer kannte den harmlosen Insekten­fresser und wußte, daß er lächerlich schwach im Gebiß war? Niemand. Sie alle wollten nur die Sensation des reißenden Tieres und suchten sie auch dort wo sie nicht war. Wie, einer Bestie sollte man vertrauen, die vielleicht den Menschenfresser zum Landsmann hat? Die Frauen kreischten und stolperten über den Schrecken, der für sie im nächsten Kiesel saß. Die Männer hoben ihre Prügel in die Luft und die Waden zum Tritt.

Der Besitzer, indes die Gattin den fletschenden Affen mit dem Stöckchen traktierte, stürzte seinem Gürteltier nach aber wo war es? In dem Raum, den man ihm bereiwilligst geschaffen hatte, hielt es sich nicht mehr auf. Hockte es hinter dem Treppchen? Sein Eigentümer kroch dort­hin, ohne etwas zu finden. Grau war es über den grauen Boden der abendlichen Dämmerung geglitten, leise schaukelnd ein so dahinrutschen­der Buckel wer hatte es richtig laufen sehen und in welcher Richtung? Keiner. Alle waren nur selbst gelaufen.

Zucken der Schultern derer, die vom verlustreichen Besitzer ausgefragt wurden. Die Stöcke senkten, die Waden entspannten sich.Zwischen meinen Beinen ist es durch!" rief eine Frau; aber sie stand so weit hinten, daß die meisten nur lächelten. Denn dies schien unglaublich.

Trotzdem verbreitete sich der Sinn ihres Ausrufes: unter denen bte nichts mit angesehen und bisher nichts gehört hatten. Das Gürteltier pflanzte sich fort. Ein Vieh ist ausgekommen! Was für eins? Aus der Urwaldschau! Etwas Giftiges? Möglich! Wo ist denn bte Polizei? Die Feuerwehr soll kommen, ran an ben nächsten Hydranten, mit Wasser gebt man am besten gegen Raubtiere vor! Kein Rüsseltierk Ein Gürteltier! Ein was ist denn das? Nichts Genaues; Obachtt Obacht!

Mütter brachten schon ihre Kinder in Sicherheit; sie rannten schon über den weiten Platz und zerrten die Brut hinter sich her; brüllende Bündel, die halb am Boden schleiften. Zur nächsten Trambahnhaltestellek Aber die Tram konnte gar nicht fahren, ihrer so viele klumpten sich boti gestikulierend.

Was taten die, die mutiger waren und zwischen den Buden ver­blieben oder in ihnen saßen? Sie bewegten sich auf Zehenspitzen, einmal um höher zu sein, zweitens um nicht auf das Gürteltier zu treten und sie suchten mit den Augen den Boden ab.

Ein Kundiger lehrte, falls es sich um das Riesengürteltier handele, man mit einer Bestie von Schweinsgröße zu rechnen habe. In einem der palastartigen Zelte, darin viel Bier getrunken ward, entstand große Be­wegung, weil jemand brüllend den Flüchtling unter der Bank entdeckte. Man stieg hurtig auf die Tische. Der Sturmwind der Musik legt« sich; nut eine Flöte säuselte noch. Was aber dort unten sich Herumtrieb, war nichts anderes, als der weggeglittene Wollschal, jener, die so heftig um ihr Leben schrie. Hierauf setzte man sich wieder und trank erleichtert und groß­zügig weiter. Man fühlte sich der Gefahren ziemlich ledig; das Gurtek- trer war gewissermaßen da gewesen und hatte alle verschont.

Nun tauchte es an anderen Stellen auf nur, daß man es nicht unmittelbar sah. Ein Herr wußte zu berichten, es sei dort an der Ecke bei Fischerfranz bereits von zehn Minuten in offene Kohlenglut gerannt ja dort wo die Hechte an den Holzspießen rösten. Wie ein Insekt sei es verblendet ins Wasser geschossen, umgekommen und freiwillig so­zusagen gebacken worden. Wie man weiß, sei es sehr schmackhaft- Schon werde sein butterweiches Fleisch aus eigener Schale von Fein­schmeckern gelöffelt.

Aber, als einige liefen, um auch noch mitzumachen, fanden sie nichts mehr vor, nicht einmal die leere Hülse; die mußte der letzte Esser mitge­nommen haben. Der Fischerfranz aber verkaufte ihnen zwinkernden Auges die Kohlenglut beizte seine Hechte und meinte, die seien und blieben denn doch das Beste.

Weniger gute Geschäfte, als der Fischer machten die Schaubudenbe- sitzer. Niemand mehr hatte recht Lust auf Exotisches nachdem das Exotische zwischen ihnen frei umhergeisterte. Bot der ganze Wiesenplan, in Dunkel nun gehüllt, in ein von Lichtern verwirrend dnrchtupftes Dunkel, mit seinem verschwundenen, dennoch vorhandenen Gürteltier nicht mehr Ueberraschungen als irgendwelches Budeninnere? Sie mußten nur ausbrechen die Ueberraschungen sie konnten es jeden Augenblick!

Sie taten es nicht. Das nötige Objekt war längst an seinem Ziel an­gelangt. Aber keiner wußte das. Auch der verlustreiche Besitzer nicht, der grollend seine Lampen löschte, da wahrhaftig keine Katz mehr zu ihm kam, sondern jeder einen Bogen machte, wie um den heißen Brei. Er ließ die Leinwand über den Eingang herabgleiten, die der Jungfrau Untergang in Gorillas Armen darstellte, feuerte den verbrecherischen Affen, der an allem schuld war in einen Hcuwinkel und begab sich in den Heuwagen. Zur gleichen Stunde begab sich das Gürteltier in seinen kleinen Käfig. In einen ehemaligen Entenkäfig. Warum nicht da ihm die Gröhe einer Ente eigen war.

Nein, es besaß gar keinen Freiheitsdrang. Nachdem der Affe es vom Tisch entfernt hatte und das Gekugel übers Treppchen erledigt war, hatte es die Beine nur zum Lauf an die seitliche Leinwand gebraucht. Dorthin war es geeilt, wo's finster und still war, wo keine Menschen schnauften, wo Bude an Budenwand stieß.

Und gleich hatte es Erdwühler mit starken Grabkrallen zu ar­beiten begonnen. Ach, der Abend war kalt und feucht. Dort hinein gehörte es, hinter die Wand da; dort stand ein Behälter mit Sägespänen und Teppichresten; auch wärmte die Ausdünstung des alten Tanzbaren etwas.

Es grub sich durch; es wühlte hurtig, fast lautlos und ganz einsam indes die Vielen geballt und lärmend hinter seinem Schemen her waren. Als sein Phantom ins Feuer des Fischerfranzen lief, war es selbst schon drinnen.

Dann aber erspähte der Affe es und geriet in Wut. Seine Kette er­laubte ihm einige Freiheit. Er kam heraus aus dem Heuknäuel. Daß heute alles schief gegangen und daß das Stöckchen auf seinem Hintern getanzt hatte, brachte er in richtigen Zusammenhang mit dem Eindringling.

Doch wie er ihm nun wütend entgegensprang, nahm der einfach Kugelgestalt an und lieh die Affenpfoten abgleiten an den Knochen, den Knorpeln und allen Hornigen.