Ausgabe 
5.12.1930
 
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r Sie heulte auf. Raufte ihr Haar. Das war das Ende. Sie war ruiniert.

Lang stand sie, der Verzweiflung überlassen. Dann stieg sie schlep­penden Schrittes zum Speicher hinauf, der zur Aufbewahrung des Getreides diente. Durch die Schachte strömte die Luft, kühlte ihr die brennenden Wangen.

Auf einer leeren Kiste ließ sie sich nieder. Ein stechender Schmerz zerriß ihr den Kopf. Die Augen quollen ihr aus den Höhlen. In ihren Ohren war ein grausames Lärmen. Herrgott im Himmel, sie kam vom Verstand!

Sie schüttelte sich. Rein, dreimal ein! Sie kam nicht vom Verstand. Mit klaren Sinnen wollte sie ihrem Anglück ins Auge sehen.

Sie zog die Brauen fest zusammen. Rahm eine ruhigere Haltung an.

Wie war denn all ihr Leben gewesen? Aeber ihrem Jugendland hatte die Sonne geleuchtet. Von dem Tag an, da ihr Bräutigam, der Krihlershermann, sich von ihr abgekehrt, reichte ein Mißgeschick dem andern die Hand. An ihres Vaters Haus stand, noch vom Arahn her, die Inschrift:

Ein Mensch ohne Geld Ist wie tot auf der Welt!"

Ihr Vater hatte Geld wie Laub, war eine Respektsperson. Jeder wollte sein Vetter sein. Sein Leibspruch war: Reich bei Reich. Bettel zu Bettel! Sie hatte des Vaters Blut, dachte nicht anders. Ein Mensch ohne Geld war wie tot auf der Welt. Was gab man auf eines armen Mannes Zorn? Das Geld kam bei ihrem Vater zum Dor hinein und flog zum Schornstein wieder heraus. Darin hatte sie nicht fein Blut. Sie hielt's zusammen. And das muhte der blasse Reid ihr lassen: sie hatte die Mühle in Schwung gebracht. Alles ging wie am Schnürchen. Das war ihr Werk. And doch hatte sie keinen Halt im Hause. Ihre traurige Eheschaft trug die Schuld. Ihr Mann hatte sich mit einer andern gemein gemacht. Vom besten Glück, ein Kind zu haben, hatte sie nichts erfahren. Das Stadtmädchen, an das sich ihr Herz gÄlammert, das sie mit Wohltaten überschüttet hatte, war zur Verbrecherin an ihr geworden. Wo war die himmlische Gerechtig­keit? Die Leute beteten zum Herrgott droben, dankten für seine Liebe und Güte. Sie hatte nichts davon gespürt. Sie hatte keine Ursache, dem lieben Herrgott zu danken, hatte allen Grund, ihm aufsässig zu sein. Was stand ihr bevor? Arm und verachtet zu sein. Dagegen bäumte ihr Stolz sich auf. Lieber sieben Klafter tief unter der Erde. Das Leben hatte keinen Wert mehr für sie. Sie warf es fort.

Sie stand auf. Ging entschlossen zur Tür und verriegelte sie. Anter den Donbalken schob sie die leere Kiste. Löste von einem Fruchtsack den Strick. Den befestigte sie. sich auf die Kiste stellend, an einem der Krappen, die in den Balken geschlagen waren. Darauf machte sie eine Schlinge. Schob den Kopf hindurch. Stieß mit dem Fuß die Kiste weg. Die Körperschwere zog sie hernieder.

Dann erlosch ihr Bewußtsein. Sie war erstickt.

Im selben Augenblick hob das Mühlwerk zu Kippern an. Ein Schütter» ging durch das Haus. Der Körper der Selbstmörderin be­wegte sich hin und her, wie wenn sie noch im Tod keine Ruhe fände.

Am zehn Ahr meldete sich der rote Schauß, derMühlarzt" aus Marburg. Bei einem neugelieferten Sichter paßten die Rahmen nicht. Das Wahlgut sickerte durch. Ter Mühlarzt, der dem abhelfen sollte, wollte mit seiner Arbeit nicht eher beginnen, bis er die Reumüllerin gesprochen hatte. Sie wurde vergeblich.gesucht. Da fiel's dem Ohrlih ein, aus den Speicher zu gehn, wo die Reumüllerin um diese Zeit das Getreide umzustechen pflegte.

Feuer und Wacht! Die Tür war von innen verschlossen. Ein kräftiger Tritt und sie flog auf.

Dem Ohrlih standen die Haare zu Berg. Entsetzt drängte er die Arme gegen die Flanken. Starrte die Erhängte an. Sie zu berühren wagte er nicht.

Zähneklappernd schlackerte er zum Hannwilm hinunter.

,,s' ist was Furchtbares passiert!" stammelte er, die Augen ver­drehend.

Der Reumüller, der in seinem Sessel saß, schnellte in die Höhe.

Was ist passiert?"

Die Reumüllerin hat sich uffgehunken!"

Herr Jesses im Himmel! Wo?"

Auf'm Speicher."

Dem Hannwilm schoß das Blut zum Herzen. Er meinte, es würfe ihn um. Doch hielt er sich aufrecht und rief:

Laß alles stehn und liegen und hol den Bürgermeister her!" Die Eulerskett war's, die ihrer Hausgenossin, der Wecklersanna. die Rachricht vom gewaltsamen Tod der Reumülterin überbrachte.

Mit klopfendem Herzen bekannte die Wecklersanna, ihr fei heut früh bei der Arbeit auf einmal so artlich gewesen, als drücke ihr jemand die Gurgel zu. Das sei aber rasch vorübergegangen. Zur selben Stunde war das Grausige in der Mühle geschehen. Gott mochte wissen, wie das zusammenhing.

Vorm Backhaus", berichtete die Eulerskett,ist ein Gekrisch, man kann sein eigen Wort net verstehn, 's heißt, der Reumüllerin wär ihr Geld gestohlen worden, 's heißt auch, sie sollt eingrsponnen werden. Dessentwegen hätt sie sich umgebracht. Rix Gewisses weiß man net. 'S sind net die Besten, die in der Reumüllern ihrem Schmutz herumrühren. Sie war ein bös Weibsgeschirr, gewiß. Sie muß aber Doch auch guttätig gewesen sein. Der Lanzeheinrich erzählt, vor ein Jahrer zehn oder zwölf war eine Frau am Haineck hausseß. Die schrieb sich Wiessener. Sie hat! nix zu reißen und zu beißen und halt dadebei noch eine schlechte Brust. Die Gemeind wollt ihr was geben. Sie tat aber nix nehmen, tat noch taglöhnern mit ihren alten Knochen. War sie nu auf dem Feld, ist die Reumüllerin als heimlich bei sie gangen und hat ihr Butter und Wehl in ihr Gekriech gelegt. Das

hüben die RachbarSleui gesehen. Wann man die Hacheburgern gekannt hat und so was hört, wie soll man sich da ein' Vers drauf machen?"

Der Wecklersanna Gedanken waren bei ihrem Herzensfreund, der, von schwerer Verwundung genesend, so Fürchterliches erleben mußte. Er war der Stärkste nicht, hatte ein weiches Gemüt. Darum hatte er unter der Galle und Zanksucht der Reumüllerin doppelt gelitten. War sonstwo in einer Eheschaft die Frau voll Gift, legte der Mann ihr Fünffingerkraut auf's Gesicht. Dazu war der Hannwilm nicht ge­schaffen. Run war er von dem bösen Geist erlöst. Wie mocht's ihm sein? Er brauchte Ruhe und Frieden und warme Liebe. Sie fühlte die Kraft in sich und den treuesten Willen. And dürft ihm nicht helfen!

10.

Auf die Mitteilung des Bürgermeisters hin erschien alsbald eine Abordnung des Gerichts im Dorf. Die Antersuchung der Leiche durch den Kreisarzt ergab, daß an der Reumüllerin kein Verbrechen verübt worden war. Das tolle Durcheinander in der guten Stube, die ver­kohlten Bankscheinveste, die man im Aschenkasten fand, deuteten darauf hin, daß die Reumüllerin in einem Anfall von Geistesstörung ihrem Leben ein Ende gemacht hatte. Das Gericht trug kein Bedenken, die Leiche zur Beerdigung fveizugeben.

Im Auftrag des Reumüllers ging Woeckel, der Schmied, zum Pfarrer, bestellte beim Schreiner den Sarg und hieß die Leichenträger, am nächstfolgenden Tag in die Mühle zu kommen.

Rur wenige Männer und Frauen waren's, die der Reumüllerin das letzte Geleite gaben. Als der Leichenzug den Friedhof erreichte hatte der Totengräber gerade seine Arbeit beendet. Dem Brauch gemäß legte er Hacke und Schüppe kreuzweise über das Grab.

In seiner kurzen Rede sagte der Geistliche, ob die Abgeschiedene bei vollem Verstand oder in Sinnes Verwirrung Hand an sich güegt, entziehe sich seiner Wissenschaft. Das Urteil über sie zu sprechen, fühle er sich nicht befugt, das überlasse er Gott. Wohl aber seien an diesem Grab ein paar Worte am Platz, die manch einer beherzigen könne. Der gewaltige Krieg habe die Menschen, nicht bloß in der Stadt, sondern auch auf dem Land verroht und verwildert. Dor allen Dingen sei es der Geldgöhe, der den Menschen zur Verdammnis werde und die Stimme des Gewissens ersticke. Roch sei nicht abzusehen, wann das blutrote Feuer draußen erlösche. Der Daheimgebliebenen Pflicht sei, Laster und Leidenschaften mehr denn je zu bekämpfen, dem Wucher und Mammonsdienst zu entsagen, auf Ehre und guten Ruf zu halten. Rur wenn die Heimat in Zucht und Ordnung hinter ihm stehe, sei zu hoffen, daß unser Heer den Feind bezwinge. Einem besseren Geist im Dorf Bahn zu brechen, dazu fei jeder Rechtschaffene nach seiner Kraft berufen!

Auf dem Heimweg vom Friedhof sagte der Drückenfchuster zum Schollehupper:

Dem Pfarrer seine Predigung ging wie geschmiert. He macht den Leut die Höll heiß. And hat recht. Die Reumülterin rapscht net mehr! 's sind aber noch genug im Ort, die sollt der Deubel lotweis holen!"

Guck über den Zaun", versetzte der Schollehupper,da hast du die Pfefferbrüh. Die Habsucht frißt die Völker auf. Das ist im großen so wie im kleinen. Ich will unserm Herrgott beiteib net ins Handwerk pfuschen, aber das mantenier ich: he hat am sechsten Tag erst die Menschen geschaffen, und sie sind auch danach!"

Ein paar dicke Bauern fanden sich nach dem Begräbnis in der Mühle ein, ihr Beileid zu bezeigen. Da sie nicht bewirtet wurden, hielten sie sich nicht lang aus. Einzig der Meister Moeckel blieb zurück und leistete dem Hannwilm Gesellschaft. Der war zu aufrichtig, den trauernden Witmann zu spielen. Daß seine Frau in Geistesumnachtung zum Strick gegriffen, wollte ihm nicht in den Sinn. Gewissensbisse mochten sie in den Tod getrieben haben. Jetzt, da er die Leitung des Geschäfts wieder übernahm, war er auf Aeberraschungen schlimmster Art und auf den Besuch der Aeberwachungsbeamten gefaßt.

Du warst im Feld", äußerte der Schmied seine Meinung,und hast dein' Mann gestellt. Was deine Frau derweil verunrecht' hat, kann dir keins auf den Buckel packen. Laß die Aufsichter nur erst sehen, daß du an der Spritz stehst, dernachert renkt sich alles von selber ein. Man soll über ein' Toten nix Schlechtes reden, ich sag nur: deine Frau hat sich zur rechten Zeit fortgemacht!"

Die Mühte hatte stillgestanden, bis das Grab sich über der Reu­müllerin geschlossen. Run zog der Ohrlitz die Schleuse hoch. Wie das Wasser auf das Schaufelrad niederbrauste, rief jemand mit gräßlicher Stimme:

Schneid mich ab, schneid mich ab!" '

Dem Ohrlih fiel das Herz in die Schuhe. Kein Zweifel, es war die Selbstmörderin. Die ging zur Strafe für ihre Sünden um.

In seiner Kammer wurde der Alte nachts durch ein verdächtiges Klopfen aufgeschreckt. Was gewahrte er? Die Reumülterin guckte leibhaft hinter dem Ofen hervor und hob drohend den Finger. 3n wildem Schrecken lief der Ohrlih davon. Im Dorf erzählte er, was ihm begegnet war. Keine zehn Pferde hätten ihn in die Mühle zurück­gebracht. An seine Stelle trat ein Kriegsbeschädigter aus Kinzenbach

Die Leute wollten ihren Augen nicht trauen, als sie sahen, daß der Hannwilm in der Mühte wieder die Hand anlegte. Seine schwerden schienen wie sortgeblasen. Er war morgens der Erste um abends der Lehte. Der Wilte tat altes.

Die dicken Bauern, die da glaubten, der Reumüller werde wie feine Frau ihren Argheitrn Vorschub leisten, hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Hannwilm mahlte den Selbstversorgern nicht mehr Getreide aus, als ihnen auf ihren Karten zugestanden war. Die nächtlichen Fahrten der Spihbubenwägelchen hörten zum Verdruß der Schleichhändler auf. Das Mehl aber, das die Aeu- müllerin in gewaltiger Masse aufgespeichert hatte, wurde zu vor­schriftsmäßigem Preis verkauft. Die geringen Leute atmeten auf.

lFortsetzung folgt)

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche AniversitätS^Duch- und 6teinhrudetei. R. Lange. Dieben.