pappe im Vollendungs-Wahn trotzdem, um auch den Brunnen noch ftrtigzustellen, so groß wie ein Markstück, ganz allein mit der Lampe, während die Kinder im Nebenzimmer ihre Gebete skandieren; und das fertige Werk trage ich ins Eßzimmer hinunter, wo Der Abendtisch schon gedeckt ist, und setze es mitten darauf. Mir ist es groß genug, und im Hellen Licht der oben verdunkelten Lampe schimmert es mit dem Riesendach ziegelrot und rosarot von oben bis unten.
Sonntag feiern kann der Erwachsene nur, indem er sich in den Sonntag der Kinder begibt. Dies war ein rechtschaffener, guter Sonntag.
Frank Wedekind.
Von Paul W i e g l e r.
Der soeben erschienenen zweibändigen „Geschichte der deutschen Literatur" von Paul Wiegler entnehmen wir mit Erlaubnis des Verlages Ullstein, Berlin, diesen Abschnitt.
Den radikalen Abfall vom Bühnen-Naturalismus, der 1889 im Norden Henrik Ibsens mit Strindbergs Apostatentum eingesetzt hat, mit dem „Vater", der Antwort auf die „Gespenster", bereitet in Deutschland um dieselbe Zeit ein schlechtes Lustspiel „Die junge Welt" vor. Es ist in Zürich geschrieben worden von einem hannoverschen Landsmann, Altersgenossen und Freund Karl Henckells, Frank Wedekind, dem Reklame- und Pressechef der Suppenwürzenfabrik Maggi, und ist ein Pamphlet auf Gerhart Hauptmann. 1888 sind sie in Zürich zusammen- getrosfen. Gedichte Wedekinds und seine Posse „Der Schnellmaler ober Kunst und Mammon" haben Hauptmann sehr mißbehagt; und „Die junge Welt" ist zugleich eine Rache für das „Friedenssest". In dem Lustspiel ist Hauptmann der Dichter Karl Ludwig Meier, „mit bartlosem Antlitz, starkem Haarwuchs, während des ganzen Stückes in Jäger- scher Normalkleidung", Herausgeber der „Sonne", Monatsschrift für naturalistische Dichtung, eines „Organs für mannhafte Poesie", das sich im Ausgehen verfinstert. Das ist nicht die einzige Blasphemie. Noch infernalischer ist die von 1893, durch den Schriftsteller Aiwa Schön, in Wedekinds „Erdgeist": „Seit zwanzig Jahren bringt die dramatische Literatur nichts als Halbmenschen zustande. Das nennt man modernes Problem. Wenn ich bedenke, mit welch traurigen Jammergestalten sich mein Jugendfreund die Ehre erkämpft hat, der größte Dichter zu fein, dann wird es mir schwer, ihn um seinen Lorbeer zu beneiden. Seine Helden begehen Selbstmord, weil sie im Lauf von fünf Akten nicht bis drei zählen lernen. Und dafür begeistert sich ein in Gummiwäsche und Jägerhemden gekleidetes, von Schmutz starrendes Publikum von Klavierlehrerinnen, das an Häßlichkeit jeden Kehrichthaufen überbietet, der sich an den Hinterpforten eines Palastes aufbaut."
In München hat Wedekind 1890 fein modernes erotisches Pasquill „Frühlingserwachen" gedichtet, eine „Kindertragödie". E. T. A. Hoffmann und Büchner sind in diesen Szenen, in denen die Mitglieder eines Lehrerkollegiums Sonnenstich, Affenschmalz, Knüppeldick, Hungergurt, Knochenbruch, Zungenschlag und Fliegentod heißen; Fluch und Schauer der Pubertät und Harsenmelodien an frischen Gräbern werden durch ein gellendes Gelächter übertönt, das Gelächter Satans. 1896 trat Wedekind wieder in München in den Vordergrund durch den „Simplizissimus" Albert Langens. Die ersten Nummern enthalten seine Gedichte, die dann in den „Vier Jahreszeiten" gedruckt werden, und die Novellen des Bandes „Die Fürstin Rusialka". Er ist nun der Dichter des „Erdgeists", des Dramas von Lulu, der paradiesischen Schlange und Mörderin, in dessen Prolog er selbst als Tierbändiger „in zinnoberrotem Frack, weißer Krawatte, langen, schwarzen Locken, weihen Beinkleidern und Stulpen« ftiefeln", mit der Hetzpeitsche klatscht und einen Revolver ins Publikum feuert:
„Der eine Held kann keinen Schnaps vertragen, der andre zweifelt, ob er richtig liebt, den dritten hört ihr an der Welt verzagen, fünf Akte lang hört ihr ihn sich beklagen, und niemand, der den Gnadenstoß ihm gibt. Das wahre Tier, das wilde, schöne Tier, das, meine Damen, sehn Sie nur bei mir.“
1899, als Wedekind, Majestätsbeleidiger in einem „Simplizissimus“- Eedicht gegen Wilhelm II. verfolgt, auf Königstein in Sachfen Festungshaft abgebüht hat, ist er der Verfasser des „Kammersängers", 1900 des „Marquis von Keith". Und 1902 der „Büchse der Pandora", die das Drama der Sulu schließt und sie in einer Londoner Dachkammer den Tod durch Jack den Aufschlitzer sterben läßt. Die Blasphemie zerfällt. Nach dem Pantomimus von Knockabouts, Hochstaplern, Kunstreitern, Athleten und Phrynen, nach der Abgebrühtheit seines Bänkel- fangs, der Gossensentimalität, die das Gefühl totschlagen soll, wechselt Wedekind den Stil, und er wird tragisch. Mit der Romantik des Dramas „So ist das Leben" beginnen 1902 die Schauspiele, in denen er sich bekennend porträtiert. Der erste feiner Doppelgänger, Nicolo, König von Umbrien, wird verjagt, auf Dem Jahrmarkt, auf dem er fein Schicksal darstellt, wird er als Charakterkomiker verlacht, und er, der die Spuren der Allmacht erforscht hat, verreckt im Wahnwitz. Bestürzend ist diese Rhetorik: „Mein Herz stößt wie ein gefangener Raubvogel gegen die Rippen", ist ihr Symbol der Glücklosigkeit: „Vorwärts, Brüder, daß wir die Elendenkirchweih nicht versäumen! Nur einmal im Jahr bietet bas Glück uns die Hand". Vor der dogmatischen Verruchtheit des TOar« juis Casti-Piani, des Mädchenhändlers im „Totentanz", gibt Wedelnd 1904 das Schauspiel „Hidalla". Der Vierzigjährige sagt mit kritischen Erinnerungen an Ibsens „Solneß": „Ich wollte die Menschen verleiten, Erntefest zu feiern, ohne daß Ernten eingebracht waren. Ich wollte sie verleiten, Richtfeste zu feiern, ohne daß Häuser gebaut waren." Der emmoralift predigt eine „Moral der Schönheit" und führt diese Moral »0 absurdum. Er ist, nachdem er 1901 mit buntbebänderter Gitarre einer der „Els Scharfrichter" war, fein eigener Mime; und Karl Het- >nann, der Sekretär des „Bundes zur Züchtung von Rasfenmenfchen", ber bucklige Prophet, der Betrogene, der sich mit einem Strick erhängt, um nicht im Zirkus Cotrelly „dummer August" werden zu müssen, hat Dedekind faltigen- Arachoretenkops, seine In Höhlen liegenden Mönchs-
augen. Ahasver Ist auferstanden und wünscht sich Frieden: „Mich stieß die Gesellschaft einst als unbrauchbar aus ihren Kreisen aus. Ich ging nicht zugrunde, kam zurück und bot ihr meine Dienste an. Die Gesell- schäft stieß mich wieder als unbrauchbar hinaus, ich ging wieder nicht zugrunde, ich bot ihr wieder meine Dienste an. An ein dutzendmal in meinem Leben hat sich dieser Vorgang wiederholt. Niemanden kann es wundern, daß mich der Kampf draußen mit den (Elementen auf andere Gedanken brachte, als man in der bürgerlichen Gesellschaft hegt. Sind meine Gedanken unrichtig, dann beseitigt mich die Welt in ihrer Unerbittlichkeit, ohne sich nach mir umzusehen. Nimmt aber die Menschheit meine Gedanken auf, dann gebührt der Menschheit das Verdienst, nicht mir." Der Reformator Hetmann-Wedekind verteidigt mit zähem Ernst sich und seine Mission.
Das ist die Phase Frank Wedekinds, des Moralisten. Er, der Verfemte, hofft auf einen Ausgleich mit den Staatsbehörden, als in dem Prozeß um die Freigabe der „Büchse der Pandora" ein preußisches Gericht ihm bestätigt hat, daß seine Produktion keine niederen Motive habe. Er schreibt den Einakter „Die Zensur", die seltsame pathetische Disputation, in der Buridan, der angefeindete Dichter, dem Zensor Dr. Kajetan Prantl seine geheimste Sehnsucht erklärt: „Seit frühester Kindheit arbeitete ich daran, die Verehrung, die uns die schone Natur einflößt, mit der Verehrung auszusöhnen, die uns die ewigen Weltgesetze abtrotzen. An der Schönheit der Weltgesetze haben wir keine Freude. Vor den Gesetzen weltlicher Schönheit hegen wir keine Achtung. Die Wiedervereinigung von Heiligkeit und Schönheit als göttliches Idol gläubiger Andacht, das ist das Ziel, dem ich mein Leben opfere, dem ich mit frühester Kindheit zustrebe." Aber auch in diesem Stadium verstummt Wedekinds Selbstpersiflage nicht. Als er in der „Musik" gegen den Abtreibungsparagraphen humanitär polemisiert hat, bringt er sich zugleich als den Literaten Lindekuh an, den der ehrenwerte Gesangspädagoge Josef Reißner anschreit: „Du host einen Sparren! Du giltst infolge deiner Schriften seit Jahren als der unmoralischste Mensch, der unter Gottes Sonne herumläuft; in Wirklichkeit läufft du aber tagaus, tagein mit einem ungestillten, unersättlichen moralischen Heißhunger umher! Du bist moralisch ein Monomane!" Und in dem faustischen „Stein der Weisen", der trüben Geisterbeschwörung, muß Basil sich von Gwendolin als ein „Büchernarr" verhöhnen lassen, als ein Philosoph, „der an anderen die Freuden studiert, um die es sich handelt", und mit Gott auf gespreiztem Fuße verkehrt. Der Dichter Wedekind bereichert die Ketzerchronik der deutschen Poesie. In aller Fratzenhaftigkeit ist er der zarte Künstler des Capriccios „Mine-Haha“. Und eine ganze Generation lebt von feinem dramatischen Erbe.
Der Schlund.
Roman von Alfred Bock.
(Fortietzung.)
Der Geschäftsfreund schrieb:
„3m Handel geht es herauf und herunter, das ist man nicht anders gewohnt. Aber heutzutag ist das Geschäft so mit Nadeln gespickt, daß man sich sticht, wo man es angreifen mag. Die Petroleumgesellschaft in Galizien hat ein großes Geschrei gemacht, nun stellt sich heraus, es sitzt nichts dahinter. Sie hat einen Knäuel Schulden und bezahlt keine Dividende. Man spricht, sie ist bankrott. Aus Frankfurt sind zwei Herren drunten gewesen, die haben aber nichts ausgerichtet. Ich hatte es gut mit Ihnen gemeint, wie ich Ihnen die Aktien empfahl. Daß Sie um Ihr Geld kommen, ist mir sehr leid. Die Gesellschaft hat viele Leute geschoren. Ich selbst verliere mehr, als ich in Jahren verdienen kann. Man wird alt und lernt nicht aus."
Weih wie die Wand sank die Neumüllerin auf einen Stuhl. Zwölftausend Mark waren hin. Um Gottes willen, zwölftausend Mark! Der Teufel hatte sein Spiel dabei und der Falk seine Prozente. Noch so ein Schlag und sie war ruiniert
Sie sprang auf. „Ich tus aus Freundschaft, daß ich Ihnen die Mtten verschaff", hatte ihr der Falk vorgelogen. „Die Leut lecken die Finger danach. So was hat keinen Vergang. Greifen Sie zu. Ihr Geld steht gut. Sie werden klotzig verdienen!" Sie hatte ihm geglaubt und er hatte sie schmählich betrogen. Daß er Hacke und Stiel kriegte, der Schuft! Die Mühle durfte er ihr nicht mehr betreten. War es nicht ein schrecklicher Leichtsinn, daß sie dem Bauernfänger erlaubt hatte, ihr in die Karten zu gucken? Worauf hatte es so ein Petzer abgesehen? Daß man auf Gnade und Ungnade ihm ausgeliefert war. Gab sie ihm einen Tritt, war ihm wohl zuzutrauen, daß er der Aufsichtsbehörde einen Brief, der sie blohstellte, in die Hände spielte. Der neue Gendarm hatte sie auch auf der Muck. Sie war nicht so leicht zu fangen. Und doch war ihr nicht behaglich dabei.
Sie schritt, die Stirn krausziehend, in der Stube auf und ab. Was tun, eh sie ihr das Haus durchschnupperten? Da gab's nur einen Weg: retten, was noch zu retten war. Keinen Tag länger durfte das Geld im Weißzeugschrank bleiben. Aber wohin damit? Ei ja! da kam ihr ein guter Gedanke. Sie schaffte es zu ihrer Gote nach Ruttershausen. Da suchte es keiner, da war es sicher.
Von diesem Vorhaben ganz erfüllt, eilte sie in die gute Stube. Sperrangelweit stand die Tür offen.
Ihr erster Blick siel auf ihr kostbares Leinenzeug, das kunterbunt auf dem Boden lag. Das Blut erstarrte ihr in den Adern, sie war wie gelähmt. Hier hatte ein Einbrecher gehaust. Der hatte gut Bescheid gewußt.
Ihr Atem flog. Mit einem Satz war sie am Weißzeugschrank. Wo war ihr Geld? Ihr Herz stand still. Die Ecke war leer, das Geld war fort!
Sie suchte in Hast die Stube ab. PraUte zurück. Da — der Aschenkasten! Verkohlte Bankscheinreste drin. Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus. Setzte die Finger auf die Stirn. Hier war kein Einbrecher gewesen. Das hatte die Helene Kampmann geschafft!
Rasend vor Wut rannte sie in die Kammer der Bochumerin. Tod und Teufel I Das Nest war leer.


