Kr'stallene Zeit.
Wintersonnlag am Lhiemsee.
Von Albrecht Schaesser.
Halb neun Uhr bereits? Aber war das nicht eben erst, daß ich aus ler Tiefe des Heizkellers dumpf die Geräusche des Schlackenhakens im Ofen und der unter den Koksbera gestoßenen Schaufel vernahm, die in die siebente Frühstunde gehören? Zwischen Wachen und Schlaf trug mich das traute Geräusch davon in das Lahr 1918 und die Stadt Berlin: der Klang der Kohlenschaufel im Hof des riesigen Mietshauses meldete die seit Tagen frierend erwartete Wagenladung an. — Wo ist nun 1918? Wo ist die Stadt der Termiten? ,r
Wie ich den Flur im ersten Stock des Landhauses betrete, ist es die bezweifelte Stunde wirklich, denn das ganze Treppenhaus atmet liebliche Wärme, und es zwitschert unter dem Dache von gesprächigen Kinderstimmen. Ich steige zu dem kleinen Fenster hinunter, das neben der Haustur liegt, um nach dem Thermometer zu sehen; die Scheibe ist nur beschlagen, nicht gefroren; immerhin kann ich zufrieden sein, ein Grad Kälte zu lesen, und an der gläsernen Röhre vorbei sehe ich zugleich die Kampen- wand gar nicht fern schön in den Himmel gehoben. Ihr königlicher Kamm blitzt von Schnee in der Morgensonne, die Hänge darunter sind dunkel mit wenigen Streifen von Weiß, lieber dem kahlen Garten vor mir liegt nur eine leichte weihe Decke, aber in allen Fernen schimmern die Hänge weiß zwischen den dunklen Wäldern, dazwischen undeutlich die Häuser Priens mit beschneiten Dächern und die Nadel des Kirchturms. Unter dem reinen Himmel spricht Ortschaft und Natur vernehmlich das Wort Sonntag aus, — so wie es hörbar wird überall in der Welt, so unverrückbar hast du davon das Wissen im Innern.
Auch das Eßzimmer, in das ich dreiviertel Stunden später eintrete, ist von Sonne durchflutet und köstlich warm, trotz seiner Größe, denn es ist fast acht Meter lang mit unzählbaren Fenstern, so daß die Landschaft von allen Seiten frei sich hereindrängt. Der fünfeckige Erker mit seinen Fenstern ist groß genug, daß man darin um den runden Eßtisch sitzen kann. Und während ich ihnen gegenüber die Morgensemmel von gestern abend — denn es ist Sonntag — und ein Getränk zu mir nehme, das die Hausfrau Kaffee nennt, und das auch so aussieht und jedenfalls heiß ist, bin ich doch damit ohne es zu wissen, beschäftigt. Denn ich habe nur unmerilich den Kopf zu bewegen, um immer andere Schöne zu sehn.
Ganz nach rechts blickend kann ich in kleiner Ferne die weiße Zackenkette mit dem Wendelstein gewahren; ein wenig weiter nach links sehe ich dunkle Hügelwälder unfern und Landhäuser mit Giebel und Altan gegen die Sonne gewandt, von der sie leuchten; und immer weiterhin erheben sich die Kampenwand, ganz fern wie ein silbernes Geister- kchweben die Loferer Steinberge, der Hochgern wieder näher und unabsehbar nach Südosten hin zu immer kleinerer Ferne die Berge an Bergen bis zu denen von Salzburg hin, bis zum Dachstein unter leichten vergoldeten Wolken. In der Nähe aber darunter ein Streifen des Sees; das Schloß der Herreninsel funkelt im weißen Wald, und noch steht hinter ihm sichtbar im Dunst der Ferne der kleine feste Iahrtausendturm des Frauenklosters. Es ist eine festliche Aussicht, die dem hier wohnenden Menschen jeder Wochentag auch gewährt.
Wenig später stapfe ich über das lehmige gefrorene Feld westwärts vom einsamen Hause weg zur Landstraße, die nordwärts führt nach dem Dorf, um die Post zu holen. Zart und frisch ist die Winterluft mit leichten Hauchen vom eben beginnenden Tauen. Unfern die weißen und tannengrünen Wälder dampfen ins helle Blau; dunkelblau in der Tiefe zur Rechten liegt die kleine Bucht von Schafwaschen, still und gefroren, unter den weißen Gestaden. Auch im Dorf ist Stille und die Leere des Gottesdienstes.
Ich wandere weiter die gewundene Straße entlang bis ans Posthaus, und nachdem mir die immer rotwangige und immer freundliche Frau die alltäoliche Drucksache zugereicht hat, meinen Weg zurück. Die Sonne über den Bergen bricht jetzt mit heftigem Goldfluten durch graues Gewölk, so daß die Weite des Landes überall davon lodert; die Hänge, auf denen kein Schnee liegt, find blaudunkel und scheinen näher herangekommen; Föhn liegt schon hinter dem Gebirge.
Hinter der Haustür im Inneren aber steht, wie ich sie öffne, ein kleiner Knabe, im blauen Sonntags-Matrosenanzug, steht verschmitzt auf und sagt zu mir: Onkell — Onkel, sagt er, du hast uns versprochen, mit uns Häuserchen zu kleben. — Habt ihr schon mit Ausschneiden angefangen? frage ich unbedacht; denn jede solche Frage ist die Entfesselung eines grenzenlosen Stroms von unverständlicben Darlegungen, und sie dauern auch diesmal noch, als ich oben im Dachgeschoß die Tür öffne und das Krankenzimmer betrete. Es scheint dämmrig darin, denn es hat nur ein kleines Fenster in der Balkontür, und außer dem großen Bett inmitten ist nirgends etwas anderes zu sehn als Berge von Spielsachen, unter denen vielleicht Tische und Stühle sind: Eisenbahnschienen, Baukästen. große Modellierbogen von Ankleidepuppen, und die kleine Ebene des Fußbodens unten ist bedeckt mit Ankerbausteinen, Schienen, aus- ?eschnittenen Papierpuppen und ihren köpf- und armlosen Kleidern. Aber o aehört sieb's ja wohl, denn so ist es immer aewesen.
Sie hat Scharlach gehabt; das war nicht schlimm. Aber in ihr liebes Gesichtlein fiel ein abscheulicher Aurschlaa, der Tage und Nächte lang wie höllisches Feuer juckte. Davon ist ihr zehnjähriger, kleiner Leib recht matt geworden, und aus dem Kovf sind alle lateinischen Vokabeln gefallen. Immerhin lieat sie jetzt munter in dem zerwühlten Bett und reicht mir zum Moraengruß nur die linke Hand wie eine Brinzesstn. denn die rechte schneidet mit der Schere um ein z-ckiaes bu"tes St'"ck des Modellierbogens, eine rosa Hauswand mit weißblauem Giebel vom Fachwerk.
"llnh mm bin ick eikrig und zu dreizehn Jahren verjünat, schiebe den praktischen Krankentisch neben dem B-tt zurecht, setze wich, ergreife den bunte" Bogen, und der Junge Im Stehen hinter dem Tisch, die Vati-ntin und ich wir schueiden alle drei emsig aus und vergessen nicht, die Nummern der Stück- auf di- R"'cks-it-' zu schreiben, damit wir sie später richtig zusammenfinden. Es ist auf mehreren Bogen eine ganz kleine
Stadt, altdeutsch und toteibunt mit einer Mauer, in der Heine Häuser stecken, mit großem Renaissance-Rathaus und Kirche, mit Blumen, Läden und Menschen, ein Fingerglied hoch.
Das Klebemittel meiner Kindheit hieß Dextrin, es wird noch heute verwendet. Besonders gut roch es nicht, aber wenn mir sein Kindheits- Geruch heute begegnet, so erscheinen mir viele Ritterburgen und Weih» nachtskrippen, Dörfer, Kästen und Mappen, zu denen seine braune Flüssigkeit mir verhalf. Einmal machte ich zwei kleine Kästen aus Pappe, nur 10 zu 7 Zentimeter und 2 Zentimeter hoch mit überstehendem Deckel und Boden; Weihnachtsgeschenke für meinen Vater. Die Ränder waren in Goldpapier gefaßt, die Seitenflächen und der Deckel hier mit weißem, dort mit schwarzem Papier bezogen, und darauf waren kunstvoll zerstreut winzige ausgestanzte Bildfigürchen geklebt; auf dem weißen, lauter bunte phantastische Schmetterlinge, auf dem schwarzen lauter Japanisches, kleine Tempel, Fächer, Brücken, Pavillons, Vasen, Blumen und Geishas. Den weißen Kasten sah ich später zuweilen im Amtszimmer meines Vaters wieder, wenn ich ihn dort abholte; es waren die schönen, weihbedruckten, blauen und roten Stempelmarken darin. Den schwarzen sah ich, glaube ich, das erste Mal an dem Tage, bevor ich zur Universität abreiste; sein Boden war schimmernd mit gemünztem Gold bedeckt, von dem für mich fünf große und fünf kleine Stücke auf die Schreibtischplatte gezählt wurden. Wo ist nun das Gold, das gemünzte?
Jetzt heißt es Pelikanol, ist bei so kleinen Flächen bequem nut ber Fingerspitze aufzutragen, trocknet sogleich und verbreitet zudem einen holden Mandeldust durch das Zimmer. — Ja, wie der Gong unversehens das Mittagessen vermeldet, ist das ganze prangende Rathaus bereits aus- geschnitten, — gewaltiges Dach, Erker, Anbau, Türmchen und viele Kamine — und ich habe auch schon erkannt, daß Fingerspitzen weck leichter zusammenkleben als Papier, denn diese Kamin« sind so klein, wie ein Fingernagel und die umgebogenen Ränderchen zum Zusammenfügen nur zwei Millimeter breit. Klugerweise vollende ich erst alle Kamine und Erker und Anbau, um sie an die großen Flächen zu setzen, bevor ich das Ganze zusammenstelle.
Beim Mittagessen im Erker ist kein Sonnenglanz mehr in der Natur; der See ist grau, dunkel die Berge, der schon geminderte Schnee bleich. Und wir sprechen miteinander, die Hausfrau und ich, von den Januaren der Jugend, in denen der Frost klirrte, die Gärten unkenntlich von Schnee waren, die sonnengoldene Eisfläche um die Rousseau-Insel fang, der Schlittschuh knirschte, und die Kavaliere in Hollanderbogen schwelgten und paradierten. Dies gibt es nur noch in Davos.
Nach Tisch aber liege ich in der warmen Dämmerung des kleinsten Zimmers und ... wie ich aufwache, ist die Uhr drei, und der Föhn ist eingetroffen und faucht mit aller Macht um das erwärmte Haus. Ich ermuntere mich geschwind mit dem glühenden, guten und echten Sann» tagsnachmittags-Kaffee aus der Karlsbader Maschine der Hausfrau. Im Krankenzimmer, das ja nur das kleine Türfenster hat, brennt schon die kleine Stehlampe gelb, und gleich sitze ich wieder am Werk. Es ist äußerst warm, äußerst behaglich, und der vergeblich brausende Föhn tut das Seine dazu.
Helfen können die Kinder nicht, außer zurerchen und die Stucke nach ihren Nummern finden. Ihre Finaerchen sind nach zu ungeschickt. Aber sie können reden, und zumal dieser Junge tut es ja ununterbrochen, der nun eben nicht denken kann, ohne zu reden. Er denkt aber nicht, sondern er redet nur. Nur ein Grammophon könnte es wiedergeben. Sie fragen auch nach allem, — was Fachwerk ist und was ein Barbier, wozu Rathäuser gut sind, warum es heute keine Stadtmauern gibt, was Bier mit Barbier zu tun hat und woher das Wort Drogerie kommt.' Um mitunter den Schwall des Geschwätzes zu hemmen, lasse ich sie langsam zählen, wenn ich ein nicht kleben wollendes Papier minutenlang zwischen den Fingern pressen muß, auch lateinisch wegen der Abwechslung: unus, duo, tres quattuor ... bis unversehens nono erscheint, du lieber Gott, sie hat auch vergessen, wie der November heißt. Oder wir üben sekundenzahlend den Atem anzuhalten. Ich will mich hervortun, aber die argen Kinder zählen so langsam, daß ich mit äußerster Mühe bis fünfzig komme und die verheißene Minute nicht erreiche.
Um 6 Uhr gemahnt mich eine unterbewußte Stimme aus der Tasche meines Ueberziehers, daß ich heute morgen die gestern geschriebenen Briefe darin stecken ließ, anstatt sie in der Post abzugeben und ich breche betrübt die Arbeit ab, um den Weg bis zum Briefkasten nn Dorf dem Föhn abzukämpfen. .... ~
Der treibt mich schräg über die Aecker durch die blinbfinftre Nacht; unförmige Lehmgebilde sind, als ich die Landstraße erreiche meine Stiefel. Vom Dorf ist nichts zu sehn als die erleuchteten Fenster, dort hoch, dort niedrig; die gelbe Fensterreihe des Gasthofs ist so tief uberm Boden, daß eine Höhle der Erde dahinter zu fein scheint. Dabei fallt mir ein: , . .. , .
Einmal verfertigte ich einen Lampenschirm; er war sechseckig, seine Wandungen von dünnem Karton waren mit einer Winterlandschast bedruckt und auf deren Hänge wurden eine Menge Häuschen geklebt, eine Mühle dabei, auch eine Kirche. Rote und gelbe Gelatine wurde innerhalb in die winzigen Rechtecke der Fenster geklebt, und als ber fertige Schirm über ber Glaskuppel ber Petroleumlampe hing, ba leuchteten überall bie Fenster in' der dunklen Landschaft, geheimnisvoll anzusehen und verzaubert. Hätte ich diesen Lampenschirm nicht als Knabe gesehn, so wüßte ich viele Dinge nicht, die mir später wunderbarer erschienen, nur weil sie größer sind.
Das Treppenhaus empfängt mich Rückkehrenden dunkel, nur mit einem Lichtschein aus ber halboffenen Tür bes Badezimmers im oberen Flur; und ich sehe beim Hinaufsteigen schon ben Jungen nackt und in Seifenschaum in der Wanne plätschern. Ganz oben trägt bie Mutter das Waschbecken für die Kranke eben in die Tür, als ich eintreten will. Eine Viertelstunde später indes steht mein Rathaus in der Vollendung auf festem pappenen Grund, prangenden Aussehens mit ^reitwppe, Erker. Turm und Kaminen, grob als ber rotgebabete Junge zum Sitte» nachtsagen kommt und es furchtbar klein fmbet, viel kleiner, als ber große Bogen verhieß. Mich grämt die Ungerechtigkeit, aber ich schnippele unb


