GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
________ Freitag, den 5. Dezember Nummer 94
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Knecht Ruprecht.
Von Theodor Storm.
Von drauß' vom Walde komm ich her; Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Allüberall auf den Tannenspitzen Sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelstor Sah mit großen Augen das Christkind hervor. Und wie ich so strolcht' durch den finstern Tann, Da rief's mich mit Heller Stimme an: „Knecht Ruprecht", rief es, „alter Gefell, Hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an, Das Himmelstor ist aufgetan, Alt' und Junge sollen nun Von der Jagd des Lebens einmal ruhn; Und morgen flieg' ich hinab zur Erden, Denn es soll wieder Weihnachten werden!" Ich sprach: „D, lieber Herre Christ, Meine Reise fast zu Ende ist;
Ich soll nur noch in diese Stadt, Wo's eitel gute Kinder hat." — „Hast denn dein Säcklein auch bei dir?" Ich sprach: „Das Säcklein, das ist hier: Denn Aepfel, Nuß und Mandelkern Fressen fromme Kinder gern." — „Hast denn die Rute auch bei dir?" Ich sprach: „Die Rute, die ist hier; Doch für die Kinder nur, die schlechten. Die trifft sie auf den Teil, den rechten." Christkindlein sprach: „So ist es recht; So geh mit Gott, mein treuer Knecht!" Von drauß' vom Walde komm ich her; Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Nun sprecht, wie ich's hier innen final Sind's gute Kind, sind's böse Kind?
Nikolo.
Von Richard v. S ch a u k a l.
(Nachdruck verboten.)
Der „Nikolo'-Abend, der Vorabend des Nikolaustages, am 5. Dezember, war anders als der Weihnachtsabend. Nicht nur, weil diesem der Christbaum mit Waldnadelduft und Kerzenlichtern dunkelgrünen Ausdruck verlieh. Nicht nur, weil das an die Bescherung angeschlossene festliche Abendmahl die ganze Familie vereinigte. Sondern hinter der Erscheinung, im Geheimnisvoll-Wirklichen des geahnten, aber niemals erfaßten Westens, war jenem wie diesem etwas Besonderes, Persönliches, Ein- dringlich-Ueberzeugendes zu eigen. Schon daß der Nikolo-Abend in den Anfang, der Christabend ans Ende des Monats fiel, der, als letzter in der Zwölfzahl, mit dem jubelnd begrüßten ersten Schnee im Eingang und mit dem heimlich-unheimlich ins Leere des unbekannten Neujahrs hinaus- ragenben Silvester hinten, von allen anderen sich abhob, hielt sie bedeutsam auseinander. Der Nikolaus war der Borbote des Christkinds; fast geriet er in der nach dem 24. Dezember hin sich drängenden und durch so viele Vorbereitungen gestauten Wochenmasse in Vergessenheit, verlor sich mit leisem, wehmütigem Klang wie von fern verläutenden Schlittenglocken im Schneegestöber.
Der Nikolaus, eigentlich ein heiliger Bischof, erinnerte an den Weihnachtsmann, eine nur aus Bilderbüchern bekannte bepelzte Gestalt; er war mit dem Knecht Ruprecht irgendwie verwandt: jedenfalls gingen da zwei Vorstellungen mit schwankenden Umrissen ineinander über, die hinwiederum beide mit dem Christkind in der Krippe, mit den Engeln, die in blauer, stiller Nacht den Reigenspruch von der Ehre Gottes in der Höhe und vom Frieden auf Erden von einem schmal ausschwingenden Band abfingen, nichts zu tun hatten. Dann war da noch ein seltsamer Umstand; das Christkind kam auf einem Stern vom Nachthimmel; man lehnte am dunklen Fenster und wartete, bis man gerufen wurde und im strahlenden Lichtermeer des Weihnachtsbaumes alles vergaß. Aber am Nikolo-Abend stand man sozusagen noch berechtigter am Fenster, obwohl doch der Nikolaus mit seinem Begleiter, dem Krampus, sicherlich nicht vom Himmel herabkam. Das wird ewig unerklärt bleiben.
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Eigentümlich war dem „Nikolo" auch die frühere Stunde. Die Weihnachtsbescherung sollte um halb sieben Uhr stattfinden; aber es wurde
meist sieben Uhr, gar ein Viertel auf acht Uhr daraus. Jedenfalls spielt« stets einige Ungeduld in die herzbewegende Erwartung hinein. Dagegen war der „Nikolo" pünktlich. Kaum, daß je einige Minuten über sechs Uhr verstrichen.
Vorher geschah immer einiger Lärm draußen. Cs klang wie Ketten- rasseln. Auch wurde ein schwerer Sack mit Gepolter an der breiten, niedrigen Tur abgeworfen, die neben dem riesigen Kachelofen ins Kinder- zimmer führte. Aber da man sich in einem anderen Zimmer aufhielt; blieb das alles fern und unwirklich. Es gab Kinder, denen der heilige Nikolaus, den Krampus mit der Kohlenbutte auf dem Rücken hinter sich, sogar Besuch abftattete. Es wurde da allerhand gefragt — nicht, wie bi« großen es immer taten, nach bem Befinben, Umbern nach bem Verhalten zu Hause unb vornehmlich in ber Schule. Aber bie meisten Kinber, die einem von biefem Auftritt berichteten, der etwas Peinliches an sich haben mußte, fügten hinzu, sie hätten bie alte Lina ober den Kutscher üiranz gleich erkannt. Und das wußte man sich wiederum nicht zusammen- zureimen. Immerhin war es besser, daß diese überflüssige Verzögerung des Unausbleiblichen (denn diese Kinder bekamen ja doch schließlich Ihre Bescherung, trotz ber Fragerei) bei uns nicht stattfanb. Bei uns ertönte sogar eine Klingel, nicht ganz so wie zu Weihnachten, aber ähnlich, kurzer unb nicht so hell-silbern.
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Auf dem großen, runben Kindertische — der Weihnachtsbaum stand tm „Salon und war von einer ganzen Schar von weißgedeckten Tischchen begleitet, auf denen für groß und klein die Geschenke sich ausbreiteten —. auf unserem lieben „alten" Tische hatte der Nikolo die Bescherung auf- gerichtet. (Von dem Sack, den er oder der Krampus an die Tür ge« fdjleubert hatte, war nicht mehr die Rede. Erst später fand man ihn ohne Erstaunen vor, der bescheiden die üblichen Aepfel und Nüsse barg) . ?a gab es wie zu Weihnachten, Spielzeug und Bücher und aller- Hand Süßigkeiten. Doch niemals wäre diese Bescherung mit der „eigent« die alle „großen" Wünsche erfüllte, zu verwechseln gewesen. Sie hielt sich tm Rahmen der bescheideneren Mittel des Vorläufers. Immerhin: diese und jene Gabe fiel durch fast beschämenden Umfang auf so etwa ber Bücherranzen aus Riemenzeug, den man schon längst zum Schulgang gebraucht hatte. Die Hauptsache — auch dies ein Merkzeichen des einzigartigen Abends — waren bie Lebzelt- unb Marzipansachen, Zumal jene kleinen, rotverschnürten, ungemein sauber unb köstlich sich barbietenben Päckchen, bereit wohlschmeckenben Inhalt, stämmige, oben leichthin weißverzuckerte, grübchenreiche unb würzige Kuchenschnitten, E. bicker Vertreter, nackt unterm geschmeibigen Banbkreuz, seinem Schätzer behaglich anzeigte. Nur ein einziger Zuckerbäcker vermochte diese niedlichen Küchlein herzustellen und anzurichten. Sie allein riefen, mehr noch als die allüberall ihre Röte verbreitenden Krampusdüten, sah man sie ein paar Tage vorher im lockenden Schaufenster, die Vorstellung „Nikolo" hervor.
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Merkwürdige, warme und zärtliche „Nikolo"-Stimmung! Schon, daß der nächste Tag ein gewöhnlicher Schultag war — ausgezeichnet freilich durch die kleine Nachbescherung, bie man am bämmerigen Morgen zwischen den oft schon eisig von außen angehauchten Fenstern in ben dort norm Schlafengehen auf den ßeberpolftern ausgetanen Schuhen fanb —; daß diese Sechs-Uhr-Feier in der Kinderstube sich, als ginge sie das Lernen gar nichts an, in den Arbeitsabend einschob; daß die gute Hängelampe, unter der man sonst, die Ellbogen aufg'estützt, über dem Schulbuch saß, die bunten, duftigen Gaben beschien; daß mitten auf bem Tische ein richtiger wollbärtiger Nikolo im weißen, steifen, goldverbrämten Bischofskieibe, bie kreuzgezierte, spaltige Bischofsmütze über bem rotbäckigen Wachsgesichtchen, den Krummstab an das winzige Händchen mehr gepappt als angelehnt, dastand und ein rotes Brettchen unter bem knittrigen Gewanb hervorsah, währenb neben ihm, von ben segnenb ausgeftrerften Aermchen Halbwegs zuriickgebrängt, ber Krampus, mit Silberpapierketten behängt, bie lange rote Tuchlappenzunge bleckte (manchmal gesellte sich ihnen wohl auch, klebrig anzuschauen, ein unter- georbneter Abkömmling aus ber freunblichen Kinberhölle, ber „Zwetschkenkrampus"); baß bie Großen nichts geschenkt erhielten unb bas ganze Aufgebot an ftillerfüllter Festlichkeit (aber anbers als an den (Beburts- und Namenstagen, die am Morgen einfetzten und im vollen Tageslicht erst ihren Höhepunkt erreichten) nur für die Kinder geschah und deshalb ja auch in ihrem Zimmer, es mit feinem milden Schimmer weihend, von- ftatten ging — das alles und noch viel, viel mehr an unaussprechlichem, unausdrückdarern, märchenhaftem Gehalt, der im versunkenen Garten ber Kinbheit tief wie Kaiserkronen begraben ist, bas war die Gnade dieses wunderbaren Winterabends. Denn daß für m'rf) noch außerdem „Tausendundeine Nacht", das Buch aller Magie der Dichtung, mit ihm, mit einem einzigen unvergeßlichen „Nikolo" verbunden ist, auf immer verbunden bleibt, bas ist mein allerperfönlichstes Geheimnis, das ich zwar verraten, aber schon gar nicht zu beschreiben imftanbe bin.


