Ausgabe 
5.9.1930
 
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eingesetzt worden war, da erschrak er und blieb stehen. Der gemauert« Fuß des Deiches war gesprungen, die Zementschicht wies einen Riß auf und ganz unten, wo der Druck am stärksten sein mußte, waren Steine her­ausgesprengt. Uwe Karsten spürte sein Herz schlagen. Wäre das Wetter vorüber oder im Abflauen, hätte ihn dieses Nachgeben des Deiches nicht erschüttert. Es kam immer vor, daß kleine Risse sich am Wall zeigten nach großen Fluten. Sie wurden sofort gedichtet. Es gab die Deich­mannschaft, die auf seinen Alarm im Augenblick zu Hilfe kam. Aber dieser Deichriß, zur Zeit, wo das Wetter noch im Kommen war, überraschte Uwe Karsten so, daß er den Schreck wie einen Stoß vor die Brust empfand. Hier durfte der Deich nicht nachgeben! Dies war die gefährliche Stelle, die Brecherecke für Sturm und See! Er umschritt die gefährdete Strecke, setzte sich dann sofort in Trab und lief in das Haus zurück, die Deichmannschaft zu alarmieren. Er rutschte oft aus, der Boden war schlammig, Wasser klatschte über den Wall hinweg. Die See war bestimmt gestiegen. Sie drängte gegen den Damm, stemmte sich ein und wühlte, wühlte... Der Sturm pfiff, er heulte nicht mehr, er fand ganz helle kreischende Tön«.

Endlich erreichte Uwe Karsten sein Haus. Er war schweißnaß, dabei fror ihn. Er rief Hoyersen an. Dringend! Dringend!! Niemand meldete sich. Es gab nur die eine Leitung, es war unmöglich, daß Hoyersen nicht im Hause war. Es blieb nur eine Erklärung: der Sturm mußte den Draht zerrissen haben. Das hatte noch kein Wetter fertiggebracht! Einmal geschieht jedes erstmalig! Uwe Karsten gab sich einen Ruck und lief vor die Tür. Wo ging der Draht entlang? Vielleicht fand sich hier in der Nähe die Rißstelle? Er blieb stehen; er brauchte nicht weiter zu gehen. War das eben erst geschehen, hatte er es vorhin übersehen? Der erste Telefonmast gleich hinter seinem Hause war geknickt, einfach abgebrochen. Er lief hin; fand ein Gewirr von Drahtenden und -schlingen und erkannte die Unmöglichkeit hier zu helfen. Ratlos stand er vor dem Trümmer­haufen. Aber hier war ja keine Zeit zu verlieren! Er lief den Deich entlang. Er wollte noch einmal die Einbruchstelle prüfen. Vielleicht war der Schaden nicht so gefährlich, vielleicht hatten ihn die Nerven im Stich gelassen...

Sie ließen ihn jetzt erst im Stich. Am Pionierwall sickert« durch einen Riß bereits Wasser. Und als ob Meer und Sturm die schwache Stelle erkannt hätten, warfen sie gerade hier ihren stärksten Anprall gegen das Land. Uwe Karsten begriff sofort. Er taumelte zurück, der zähe Schlamm hielt seinen Fuß fest, er schlug lang hin. Aber er raffte sich auf und lief, es galt ja wohl das Leben und nicht nur das seine!, lief zum Haus zurück. Er holte die Pistole mit den Leuchtkugeln. Er lud sie und jagte die Schüsse in die Luft. Rot Not! Rot Not!! Aber die Leuchtkugeln erreichten nicht einmal die Wallhöhe. Der Wind riß sie herab und wars sie fauchend in das nasse Feld.

Uwe Karsten stand und Tränen rannen ihm in den Mund. Sie waren mit Seewasser gemischt und schmeckten sehr salzig. 50 Jahre, dachte er, treu bewacht, rechtzeitig stets alarmiert, und nun dies Ende... Soll ich in das Dorf laufen? Ich käme hin. Aber wann? Die Viertelstunde ent­scheidet. Er warf die Pistole weg. In diesem Wetter war sie wertlos, dieser Sturm lachte der menschlichen Hilfsmittel. Noch einmal trat Uwe Karsten in das Haus und nahm das Telefon auf. Gab es nicht Wunder! Nur ein Wunder konnte hier Rettung bringen! Das Telefon blieb stumm.

Da sah Uwe Karsten sich im Zimmer um, schaute die Wände an, die Decke, sein Lager, den Tisch, alles betrachtete er, als nehme er Ab­schied. Dann schichtete er das Bettzeug auf, stellte den Stuhl dazu, den Tisch, und baute einen Scheiterhaufen. Die Spiritusflasche, noch gut gefüllt, zerschmetterte er zu oberst, daß der Spiritus das Holz und die Betten Überspritzte. Dann warf er mit spitzen Fingern ein brennendes Streichholz hinein, nahm von der Wand den Späten und ging hinaus, begab sich an die Einbruchstelle am Pioyierwall und begann die Arbeit. Als er sich umsah, stand eine Flamme bis hoch Über den Wall, der Wind riß sie in Fetzen und wirbelte sie steil in die Höh«.

Uwe Karsten warf Schaufel auf Schaufel vor. Der Schweiß rann ihm in die Augen; aber er wischte ihn nicht weg. Keine Zeit, keine Zeit! Im Dorf heulte di« Feuersirene. Lichter sprangen hin und her. Uwe Karsten warf Schaufel auf Schaufel vor. Der Deich ächzt«. Uwe Karsten redete ihn an. Hakte aus, sagte er, halte nur diesmal noch aus. Sie kommen mit Pferden. Sie sind in zehn Minuten hier. Halte aus! Der Deich ächzte. Er gab nach. Breiter wurde der Riß. Das Wasser floß schon wie «in« Quelle. Schneller, Leute! Peitscht die Pferde! Jetzt entscheidet die Minute!

Da waren sie heran. Uwe Karsten hörte sie. Er warf die Schaufel weg und lief ihnen entgegen, die sich bereit machten, den Brand zu löschen. Hoyersen sah ihn kommen. Da reckte sich Uwe Karsten.Lat brennen!", schrie er, und der Sturm riß ihm den Ruf vom Mund und trug ihn allen zu.Lat brennen! De Diek!!" Und da begriffen sie, die Stunde machte sie hellhörig.

Fünfzig und mehr Schaufeln warfen Erde auf und stützten di« gefähr­dete Stelle. Bis zum Morgen arbeiteten sie; ohne Ablösung; obgleich mehr Leute hinzukamen, trat keiner zurück.

Als die Sonn« die ersten zaghaften Strahlen vorschickte, stand der Deich, wie er immer gestanden. Das Land war gerettet.

Der Sturm hatte nachgelassen. Die See trat zurück. An der Stelle, wo Uwe Karstens Haus gestanden hatte, kräuselte hellblau ein Rauch über Trümmer und Asche empor.

Deichhauptmann Hoyersen trat auf Uwe Karsten zu, reckte die schwie­lige Hand und sagte laut, daß alle es hörten:Uwe, dat schall di nie »ergeten fien." Und all« nickten dazu. Uwe Karsten lächelte verlegen.Ick nid) Hoyersen", sagte er in der wortkargen Art seines Stammes,ick nich de Diek!"

Das Rebhuhn auf der Tafel.

Ein kulinarisches Intermezzo.

Von Carl Georg von Maaßen.

Als einmal die Kaiserin Josephine in ihrem Lieblingsschloß Mall maison ein Frühstück gab, zu dem auch Herr von Talleyrand geladen war, zeigte sie dem Diplomaten eine angefangene Stickerei mit den Wor­ten:Wie gefällt sie Ihnen?"Ich bin ganz Auge", erwiderte galant der Fürst. Als er bann bei Tisch, zwischen den beiden Schwestern des Kaisers sitzend, sich allzu eifrig mit Prinzessin Pauline unterhielt, ries ihm Prinzessin Elisa etwas indigniert zu:Hören Sie nun auch einmal auf mich!"Ich bin ganz Ohr", sagte Talleyrand. Und als gleich darauf die ander« ihm eigenhändig ein Rebhuhn reichte, mit der Frage, ob er­es nicht versuchen wollte, erwiderte der gewandte Höfling:Ich bin ganz Magen!"

Ein großer Gastrosoph bemerkte, einmal:Wenn di« Schnepfe die Königin der Sümpfe ist, so ist das Rebhuhn der König der Ebenen", und ein anderer, der zwei Menschenalter später lebte, meinte:Ein Fasan verhält sich zu ein paar Rebhühnern mathematisch erklärt wie das Quadrat her Hypoihenuse zur Summe der Quadrate der beiden Katheten, oder poetisch verglichen wie Dantes ,Göttliche Komödie' zu Tassos .Befreitem Jerusalem', oder gastronomisch ausgedrückt wie ein Glas Burgunder zu zwei Gläsern Malaga."

Ich gebe es zu, daß di« Wahl zwischen beiden nicht leicht ist, und sage mit Heine:

Es gleicht mein Herz dem grauen Freunde, Der zwischen zwei Gebündel Heu Nachsinnlich grübelt, welch' von beiden Das allerbeste Futter sei.

Ohne daß auch sonst mein Ehrgeiz mich dazu verführte, mich mit Buridans Esel zu vergleichen. Bei der Anerkennung des obigen Ver­gleiches fetzen wir natürlich voraus, daß beide Gattungen Flügeltiere gleich meisterhaft zubereitet uns vorgeführt werden, was besonders beim Fasan, der ein etwas trockenes Fleisch hat, dringend zu fordern ist. Das Rebhuhn hat dagegen zwei Eigenschaften, die man selten vereint findet: es ist sehr saftreich, ohne fett zu fein. Der Kochkünstler, wie er fein soll, wird diese kostbaren Säfte durch eine wohltätige Umhüllung mit einer Speckscheibe und einem Weinblatt zu erhalten wissen. Die Beigaben zu einem gebratenen Rebhuhn erfolgen nach dem individuellen Geschmack jedes Perdicinophagen: mit Champignons, mit Trüffeln, mit Parmesan­käse, mit Drangen oder gefüllt, mit brauner Sauce, gedämpft, mit Rosen­kohl, mit Sauerkraut, mit Reis oder mit ßinfenbrei. Man verachte ja die Linsen nicht, sie waren die Lieblingsspeise zweier großen deutschen Geister, Kants und Lessings. Ich will nicht alle Arten der Zubereitung anführen, besonders nicht die pikanteren, um den Leser nicht unnütz tantalistisch zu quälen, aber wenigstens noch der Rebhuhnsuppe, mit Linsen und Zervelatwürstchen garniert, gedenken:Ein Suppe von jungen Rebhühnern", sagt Grimod de la Reyniere,ist das glänzendste Ein­gangsgericht für ein großes Gaftmahl, denn nichts gibt eine höhere Vor­stellung von dem, was noch kommen soll."

Als feinste Arten rühmt der Gastronom das Bergrebhuhn, das Stein« rebhuhn und das rote Rebhuhn. Der heutige Ornithologe spricht von Berghühnern, Steinhühnern und Rothühnern und gibt allen, unser gewöhnliches Rebhuhn hinzugenommen, den Gattungsnamen: Feldhühner. Diese zunftmäßige Klassifikation geht aber den wahrhaften Gastrofophen, der in Gedanken ja schon mit den alten Athenern geschmaust hat, nichts an. Das rote Rebhuhn ist der Stolz Südfrankreichs. Es wird besonders zu jenen Pasteten verwendet, die Cahors und Perigueux so berühmt machten, jenen köstlichen Betten, wo die Rebhühner auf den Trüffeln, die Trüffeln auf den Rebhühnern ruhen, und so abwechselnd fort, bis zum Gipfel des Monumentes, das, gekrönt mit den befchopften Köpfen, La Reyniere fo finnigein kulinarisches Mausoleum" genannt hat.

Rene, König von Anjou und Neapel, der die Muskatellertrauben nach der Provence gebracht hatte, führte dort auch die Rebhühner ein und erhielt, wie man vermutet, aus diesem Grunde den Beinamen des Guten. Dieser edle König liebte aud) die Malkunst; und er malte gerade an einem Rebhuhn, als man ihm die Nachricht vom Verlust feiner Krone brachte. Er lieh sich aber dadurch nicht weiter in feiner Lieblingsbeschäftigung stören, sondern vollendete geduldig, und nur ein wenig resigniert, sein Rebhuhn.

Rote Rebhühner kennt auch Spanien, nur wurden sie stets von den Feinschmeckern wegen ihrer Magerkeit getadelt, während sie in Kaschmir den höchsten Prunk der vornehmen Tafel bilden, wo sie mit Peschauer Reis, dem besten Reis der Welt, oder mit einem Rhabarbergemüse aus- getragen werden.

Ban delikatestem Geschmack sind die Rebhühner auf Minorca, wenig­stens solange sie sich von Weizenkörnern nähren; fressen sie aber wie es leider Vorkommen soll, von den Beeren des Mastixbaumes, so erhalten sie einen höchst unangenehmen Beigeschmack. Thymian dagegen verleiht ihnen ein vortreffliches Aroma. Sehr gerühmt werden auch die Feldhühner auf Malta und ebenso die besonders großen in Afrika. Auch die russischen Hühner sind ftattlid)er als die deutschen, aber weniger feit und nicht so schmackhaft. .

Bei uns haben die sächsischen und die böhmischen den größten M- Als Brillat-Savarin in Connecticut weilte, schoß er auf der Jagd einige kleine graue Rebhühner, die sich durch ihr Fett und ihre Zartheit so sehr auszeichnen". Daneben erlegte er noch ein halbes Dutzend grauer Eichhörnchen, die als Braten von den Einwohnern sehr geschätzt würben. Aus dieser Jagdbeute bereitete dann der große Gastronom höchst eigen­händig ein Mahl für feine amerikanischen Gäste, das deren größte Aner­kennung fand. Die Rebhühner wurden in Papier (en papillote) ser­viert, und die grauen Eichhörnchen waren in Madeira gekocht worben Ob diese oder di« Hühner besser geschmeckt haben, wird nicht era?v ' Die Kaffem sollen ja die Fledermäuse den Rebhühnern weit vorziey >

Von Ferdinand I. von Oesterreich wird überliefert, daß er mtb herausschmecken konnte, ob das Luhn auf der Jagd erlegt oder