„ach mehrtägiger Gefangenschaft getötet worden. Und' sogar Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der ein etwas ökonomischer Gourmand war, vermochte schon nach dem ersten Bissen mit Sicherheit zu sagen, ob sie 0115 der Mark, aus Cleve oder aus Preußen stammten. Die preußischen hielt er für die besten, die cleveschen für die am wenigsten guten. Als eigentliche Heimat des Rebhuhns gilt das Schwarze Meer, andere bezeichnen die Insel Chios als solche. Nach Plinius lernten die tafelfrohen Römer unseren schmackhaften Bogel erst zur Zeit des Bürgerkrieges zwischen Bitellius und Otho kennen.
Kein anderer als Pythagoras bestritt das Recht, ein Rebhuhn zu essen. „Glauben Sie", fragte einmal ein Philosoph ein Weltkind, „daß es dem Menschen erlaubt ist, ein Rebhuhn zu töten?" „Ganz gewiß", war die Antwort, „wman der Mensch La jagt, wo er ein Anrecht darauf hat, unb wenn nicht gerade Schonzeit ist." „Sie mißverstehen mich", entgeg- neie der Philosoph, „ich frage, ob Sie glauben, daß der Mensch, auch wenn er nicht gegen die von Ihnen gestellten Bedingungen verstößt, das Recht hat, ein Rebhuhn, ein Geschöpf Gottes, zu töten?" „Zweifellos, besonders, wenn er es essen will!" „Sie glauben", fuhr der Philosoph mit unerschütterlicher Ruhe fort, „daß man ein Rebhuhn essen darf?" Und jener entgegnete mit gleichem Ernst und sehr nachdrücklich: „Ja, wenn es gut und ä point gebraten ist."
Mit Hilfe einer Rebhühnerpastete gewann Voltaire einmal die Herzen widerspenstiger Schauspieler. Rach der ersten Aufführung seiner „Zaire" erhielt der Dichter aus Zuschauerkreisen allerlei Vorschläge zur Verbesserung des Dialogs. Da er sie für wohlbegründet hielt, beschloß er, sie zu befolgen, vermochte aber nicht, die Schauspieler zum Umlernen ihrer Rollen zu bewegen. Besonders weigerte sich der berühmte Dufresne. Roltaire sann auf eine List und sandte an einem Tage, an dem Dufresne gerade seinen Kollegen ein Festessen gab, eine prächtige Rebhühnerpastete in dessen Wohnung. Sie erschien zur Freud« der Teilnehmer auf der Tafel, und als sie ausgeschnitten wurde, erblickte man darin zwölf Rebhühner, die in ihren Schnäbeln Zetteln hielten, auf denen die Rollenänderungen verzeichnet waren. Diese gute Ide« vermochte es, die Schauspieler umzu- siimmen; sie lernten wirklich ihre Rollen um, und der Beifall der zusriedengestellten Ratgeber belohnte reichlich bei der zweiten Aufführung der „Zaire" alle aufgewandt« Mühe.
Eine Schüssel mit Rebhühnern war es auch, die einmal die begehrlichen Augen des Schauspielers Dominica auf sich zog. Sie stand auf des Königs Tafel und war aus purem Golde. Der König, der Dominicas Böcken gefolgt war, gab die Weisung, dem Dominica die Schüssel zu reichen. „Wie, Sire", rief der schlaue Schauspieler erfreut, „und die Rebhühner auch?" Der König, der diesen Wink verstand und Spaß dazu, fegte lächelnd: „Ja, und die Rebhühner auch!" So kam der gewandte Schauspieler zu einer kostbaren goldenen Schüssel.
Aber mit dieser Geschichte droht uns, sozusagen, das Rebhuhn aus der Hand zu flattern. Ein Feinschmecker zweifelhafter Art war jener Ziegeleiarbeiter, der im September 1921 in einer Wirtschaft zu Radmoos im bayrischen Walde ein rohes Rebhuhn mit Federn und Eingeweiden innerhalb einer Stunde auffraß unter dem Jubel der Zuschauer. Dazu imnk er zwanzig Liter Bier. Es handelte sich um eine Wette, die dem glücklichen Gewinner ein halbes Dutzend weiterer Rebhühner einbrachte.
Ein tiefes Mysterium, das im Rebhuhn schlummert, hat uns der französische Theologe Jean Baptiste Thiers in seinem „Traite des super- stitions" preisgegeben: ein Kranker, der auf einem Bette von Rebhuhnfedern liege, könne nicht sterben. Die Wirkung mag jeder an sich selbst ausprobieren. Sollte Thiers recht behalten, dann sei trotz allem unsere Losung: „Toujours perdrix!"
Ruhe! Ruhe!
Der Lamps gegen den Lärm.
Von Frank Warschauer.
Ruhe! gellt es über den Hof, wenn ein freundlicher Nachbar Lautsprecher oder Grammophon bei offenem Fenster laufen läßt. Ruhe! — das ist der Stoßseufzer, die flehende Bitt«, die Forderung, die von unzähligen Menschen täglich ausgeht. Denn Ruhe ist für uns ein notwendiges Lebenselement. Der Wunsch nach ihr ist es, der die Menschen ms den Städten heraus aufs Land führt; aber auch dort gibt «s keine Garantie für Ruhe mehr, denn die Instrumente zur mechanischen Mi«s:k- verbreitung sind überall zu finden, Autos rasen, Hupen dröhnen, Motoren lrachen — und die ganze Welt ist lauter geworden in dem Maße, wie Maschinen und Apparate an Verbreitung gewonnen haben.
Und diesem Ueberfall auf unsere Nerven sind wir meistens mehr «der minder wehrlos ausgesetzt. Wir können zwar in einigen Fällen den Lärm vermehren, indem wir selbst nach Ruhe -brüllen — aber der Erfolg bleibt zweifelhaft. Der Straßenränder, der uns anfällt, wird wn der Polizei verfolgt; aber der Mensch, der unsere Nerven bedroht, "leibt straflos. Es ist zwar heute noch behauptet, daß Ruhe die erste Bürgerpflicht ist, aber die Garantien zur Durchsetzung dieses Axioms sind Ziemlich unzureichend.
Was muß man zum Beispiel alles tun, um zu erzwingen, daß die üachbarn nicht bei offenem Fenster musizieren, wenn sie nicht gutwillig damit aushören! Ein Prozeß muß angestrengt, Zeugen vernommen wer- das ganze umständliche reguläre Gerichtsverfahren muh sich in -vcwegung setzen, damit schließlich in einem einzigen Falle Ruhe geschaffen wird — und auch dieser Erfolg ist keineswegs immer ganz sicher.
« mehr aber der Lärm zunimmt, um so mehr wird sich auch die Erkenntnis verbreiten, daß tatsächlich der Kampf um Ruhe für uns zu micc Lebensfrage geworden ist. Was hilft die schönste Neubauwohnung, mPn man nach Hause kommt, und sämtliche Lebensäußerungen mustka- J^er und unmusikalischer Art sämtlicher Nachbarn auf einen einstürmen! . 9e»ügt vollständig, um die Wohnung zeitweilig völlig wertlos zu «. men. Anstatt der Erholung findet man das Gegenteil: Merger und udgung, man flüchtet davon, irgendwo hinaus — und gerät in das
Cafe an der Ecke, wo es ebenfalls nicht gerade leise ist, und wo vielleicht gerade der Lautsprecher als neueste Attraktion erklingt.
Ist das nun alles eine unmittelbar« Folge des modernen Lebens? Oder gibt es Mittel, um uns die heißersehnte Ruhe wieder zu schenken? Diese Frage wird jetzt viel diskutiert und zwar vor allem in dem Kreis Diese Frage wird jetzt viel diskutiert, und zwar vor allem in dem Kreis derjenigen, die den Lärm als eine so ernsthafte Gefahrenquelle empfunden haben, daß sie sich zu einer Kampfgruppe zusammenschlossen. In mehreren Städten gibt es bereits: die An t i -Lä r m li ga.
ders störend ist. Es gibt Großstädte, die viel ruhiger sind. Wer zum Beispiel jemals in London war, auf den wird die merkwürdige, fast geisterhafte Ruhe, mit der sich der riefenhaft« Verkehr abwickelt, einen starken Eindruck gemacht haben. Kolonnen von Verkehrsfohrzeugen gleiten vorüber, aber man hört?oum ein Signal, schon ganz gewiß nicht die lauten Hupen — es ist, als ob eine geheimnisvolle, dem Fremden zunächst unbekannte Ordnung besteht, die den Verkehr regelt.
Eine Großstadt, das kann man daran deutlich erkennen, braucht also nicht aus jeden Fall ein Monstrum an Lärm zu fein. Und diese Feststellung war nun mit ein Anstoß zur Schaffung einer ernsthaften Bewegung gegen den Lärm. In Berlin ist sie ausgegangen von einem Künstler. In einem Mietshaus an einer sehr verkehrsreichen Stelle des Berliner Kurfürstendamms hat der Maler Mopp* sein Atelier. Hier konnte er so recht spüren, welch immenser Lärm aus den Verkehrsstraßen Berlins aufklingt. Unten in dem Hause befindet sich «ine Bar, in der ein Ventilator mit solchem Getöse läuft, daß es in dem ganzen Haus« zu hören ist; und draußen tobt der ganze Verkehr vorüber, Autos, Lastwagen, Elektrische; es klingelt, hupt, braust durcheinander — eine Symphonie der Großstadt, die besser überhaupt ungespielt bliebe.
Der Maler Mopp nahm sich nun die Tatsache dieses Kraches nicht nur privatim zu Herzen, sondern tat auch den ersten Schritt dazu, ihn zu beseitigen. Einfacher wäre es für ihn vielleicht gewesen, sein Atelier irgendwo hinaus ins Freie zu verlegen, wo es hübsch ruhig ist — aber nein, sein mitfühlend Ohr und Herz ließ ihn teilnehmen an den Nervenschmerzen aller übrigen Großstädter. Seine private Unannehmlichkeit blieb für ihn nicht mehr privat, sie wurde zu einer Angelegenheit der Allgemeinheit — und kühn ging er in den Kampf gegen den Lärm, indem er eine Anzahl Gesinnungsgenossen der Ruhebedürftigkeit zusammentrom- melte und mit ihnen die „Anti-Lärmliga" schuf.
Und eines Tages rief man oll« Fachleute, die zu dem Thema Kampf gegen den Lärm etwas zu sagen haben, zusammen und beratschlagte mit ihnen, was nun in diesem Kriege als erstes zu tun sei. Dabei stellte sich die erfreuliche Tatsache heraus, daß aus ähnlichen Gründen ähnliche Bewegungen auch in anderen Städten entstanden sind, vor ollem in Frankfurt am Main.
Ist nun der Lärm wirklich wirksam zu bekämpfen? Und wie? Das sind die Fragen, die man sich vor allem hier vorgelegt hat. Der Lärm rührt heutzutage auf der Straße von denjenigen Fahrzeugen her, denen die Technik noch nicht die leise Fortbewegung beigebracht hat, also vor allem von Motorrädern, Straßenbahnen und Lastwagen, und ferner von dem dauernden Hupen der Chauffeure. Ist dies nun wirklich für d!« Sicherheit des Verkehrs notwendig? Man kam zu dem Resultat, daß di« Hupen in der Großstadt im allgemeinen erstens viel zu laut sind, und daß sie zweitens viel zu häufig gebraucht werden. Beobachtungen ergaben, daß auf ein und derselben Strecke ein Droschkenchauffeur fünfmal so oft hupte, als ein Selbstfahrer; und es wurde dann weiter darauf hin- gewiesen, daß diese Hupe überhaupt ihren Zweck der Warnung oft gar nicht erfüllt, sondern im Gegenteil die Wirkung hat, den unaufmerksamen Passanten zu erschrecken. Daß ihr Gebrauch nicht unbedingt nötig ist, bezeugte ein geschickter Chauffeur, der es fertig gebracht hat, durch ganz Berlin ohne ein einziges Hupensignal zu fahren. Wenn dies auch die Ausnahme fein mag — fest steht, daß die Sicherheit für Fußgänger auf andere Weise erzielt werden kann, nämlich durch eine bestimmte Regelung des Uebergcmgsverkehrs, wie es zum Beispiel in London durchgeführt ist.
Es geht also auch anders. Auch der Lärm in Wohnungen und Büros ist überflüssig. Die Technik hat heute die raffiniertesten Mittel einer vollkommenen Abdämpfung gegen Schall und Erschütterung gefunden; man braucht dazu nicht mehr wie früher dicke Steinmauern, sondern es genügt eine Kombination verschiedener Materialien von ungleicher Leistungsfähigkeit für den Schall, um eine vollständige Abdämpfung zu erreichen. Am deutlichsten wird das demonstriert in den Aufnahmeräumen für den Rundfunk, neben denen oft schalldichte Abhörzellen eingebaut sind, wo man auch nicht eine Spur der draußen erfolgenden klanglichen Vorgänge direkt aufnehmen kann.
Also es geht schon — aber nicht von selber. Die Ansicht, daß der Mensch wirklich ein Recht auf Ruhe hat, muß sich erst allgemein durchsetzen und vor allen Dingen auch in der Gesetzgebung und Rechtssprechung verankert werden. Denn heute ist es auch mit der rechtlichen Seite des Lärmschutzes noch recht mangelhaft bestellt. Ein krasses Beispiel liefern die betrübenden Schicksale einiger Villenbesitzer des Vorortes Wannsee bei Berlin. Denen wurde eines Tages eine „Versuchsanstalt für Handfeuerwaffen" vor die Nase gesetzt, wo von morgens bis Mitternacht geknallt wird. Die Eigentümer der Villen, deren Besitz dadurch natürlich vollkommen entwertet ist, suchten sich auf dem Prozeßwege ihr Recht auf Ruhe zu erkämpfen; aber es ist ihnen bis zum heutigen Tage noch nicht gelungen, obwohl der Prozeß schon mehrere Jahre schwebt. Hier klaffen bedenkliche Lücken der Gesetzgebung, die ausgefüllt werden müssen.
So erweist sich der Kampf um Ruhe teils als ein Problem der Technik, teils als eines der Felbstdisziplin und teils als eines der Gesetzgebung und Verwaltungspraxis. Zu unserem Recht auf Ruhe können uns nur verhelfen: Erkenntnis und energische Aktton. Und an dieser sollten sich wirklich alle einsichtigen Menschen beteiligen. Krach ist Barbarei, Ruhe ist kulturelle Gesittung! Auf in den Kampf gegen den Lärm!
* Max Oppenheimer.


