Ausgabe 
5.9.1930
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

MgangMO Freitag, den 5. September Nummer 68

Spätsommer.

Von Diemar M o e r i n g.

Astern blühen im Garten und Georginen

Neigen sich hinter den frierenden Hecken am Zaun, Dunkel und schwer wie ein Lächeln von einsamen Fraun Manchmal hinter vergilbten Gardinen.

Und im Park, wo die Bäume verarmt sich im Winde entkleiden, Ruhen die Weiher, von goldener Schwermut umsäumt, Und Schwäne gleiten bleich und verträumt

Durch die fröstelnden Gitter der Weiden.

Und unter der Wege von Abend beschattetem Schweigen Langsam hörst du Schritte durch raschelnde Blätter gehn, Oder Stimmen, die fremd in die Dämmerung wehn Und Früchte lösen sich nächtens von sinkenden Zweigen

Manchmal aber, hinter vergilbten Gardinen, Dunkel neigt sich «in Lächeln von einsamen Fraun.

Im Garten, hinter den frierenden Hecken am Zaun, Astern blühen und Georginen.

Oer Deich.

Von Frank F. Braun.

(Nachdruck verboten.)

Der Deichhauptmann Hofbesitzer Hoyersen hielt zwei Finger abgespreizt in die Lust.Windstärke 9", sagte er, aber das ist erst der Anfang.

Uwe Karsten bückte sich und hob den Sack von der Türschwelle auf und schultert« ihn.Ich muß mich beeilen", sagte er,daß ich noch vor km Wetter an den Deich komme. Es wird nicht trocken kommen, und ich habe Mehl und Zucker im Sack, die den Regen nicht gut vertragen." Er nickte Hoyersen zu und ging die Kirchenstraße entlang, di« aus dem Dorf herausführte. Er schritt rüstig aus und hatte bald die letzten An­wesen hinter sich gelassen. Der Sack mit dem Proviant für die Woche war nicht schwer für ihn, der an diese Einkäufe und ihren Transport ms dem Rücken gewöhnt war. Zweimal in der Woche kam er von seinem Deich ins Dorf: zweimal wöchentlich verlieh er das kleine Haus am Wall und sah und sprach Menschen. Aber sie blieben ihm im Grunde sremd. Er verstand sie nicht mehr. Er war alt geworden in seiner Ein­samkeit. Wie alt eigentlich? Damals, als die Sintflut über die Hallig kam, war er ein junger Bursche gewesen. Er hatte gerade die Irina heim- gesiihrt. Richt in das einsame Haus am Deich, das er jetzt bewohnte, das stand zu der Zeit noch nicht; auch der Deich existierte noch nicht. Das mar es ja gewesen, was das Unheil dieser Sturmflut so riesengroß gemacht hatte. Damals ...

Er sah über die Felder. Der Roggen stand geneigt vom Gewicht reinerer, bewimperter Aehren. Der Sturm, vom Meer hereinjagend, schte sein Spiel mit ihnen fort und ließ diese Halme wogen und rauschen. Gr mar stärker geworden, dieser Sturm, Uwe Karsten mußte sich ihm «nigegenstemmen, wollte er vorwärts kommen. Die Felder wurden $$ei= den. Zusammengedrängt ftand das Rindvieh, schwarzweiße Flecke im dunklen Grün. In den Ablaufgräben wühlten eifrige Enten unbeküm­mert nach Nahrung. Eine Schar Gänse stand am Rain und sah den Nernten Vettern zu. Als Uwe Karsten nahe vorüber wollt«, stießen sie mmende Verwünschungen aus; als er dicht bei ihnen war, verstummten lle wie auf Kommando, hielten die Köpfe und Häls« schief und sahen A an, sahen ihm nach. Einzelne Regentropfen fielen, aber Uwe Karsten merkt«, das war k«in richtiger Regen. Dieser Sturm kam doch trocken. «r Mitt rascher aus; seine Stirn faltet« sich in Nachdenklichkeit. Der Wn, bas ist immer etwas Weiches, Vergehendes schon. Tränen in Mm Fall. Trockener Sturm, das war Haß!

...Der Himmel verfinsterte sich. Aus tieftreibenden Wolkensetzen fiel di« Mmerung viel zu früh über das Land. In der Ferne tauchte die dunkle

Mer bes Deiches auf. Uwe Karsten lief fast, er floh dem Haus ent« mtKp er 6ef sich selbst davon, ober den Bildern, die da plötzlich in ihm »er?«®en" 50 sichre, das ist also nichts, das ist keine Zeit, in der man ' ju, kann? Auch damals begann es so. Am Nachmittag verdunkelte

Sei« ^""mel und ein trockener Sturm blies von der See herein.

nem ersten Anprall schon erlag das Vorwerk, die Brandungsaufschüt­

tungen wurden weggewaschen und die Flut schoß ins Land. Das war nicht dagewesen bis zu der Zeit. Eine Chronik aus dem 18. Jahrhundert zwar vermeldete Aehnliches, aber sie klang unglaubwürdig. Uwe Karsten war mit den Skager Ewern draußen gewesen; sie hatten den Sturm an der Küste abgewartet, hinter Sylt, von der Insel geschützt. Am andern Morgen lag die See spiegelblank, di« Sonne strahlte, er erreichte fein Haus, riß die Tür auf und fchloß sie hastig wieder. Aber die Gedanken, diese Erinnerungen waren doch mit hereingekommen. Er wurde sie nicht los. Als er den Spirituskocher entzündete, sich heißes Wasser zu kochen und den durchwehten Körper mit einem steifen Grog zu erwärmen, als er in die kleine bläuliche Flamme sah, stand das Bild wieder auf in ihm, das ihm van jener Nacht vor 50 Jahren geblieben uwr. Sie die heimkehrenden Fischer hatten nie genau erfahren können, wie das alles geschehen war, wie es dies schreckliche Ausmaß annehmen konnte. Die erste Flut war über die Felder gerannt, hatte alles nieber« geworfen und erschlagen, was sich ihr in den Weg stellte; Scheunen, Ställe, Bootsschuppen; alles Vieh, alles Kleingetier, die Hühner, sogar die Enten und Gänse. Im Dorf hatte die Glocke geläutet; nicht um zu warnen oder zur Rettung aufzufordern, da war nichts zu retten, das wußte auch der Pastor. Er ließ die Glocke läuten, Gott aufmerksam zu machen. Herr hilf uns, wir verderben! Aber sie läutete wohl nicht laut genug, die arme Dorfglocke, oder sie reichte nicht aus, Gott von dem großen Ziel abzubringen. Als die Sturmflut den zweiten Anprall vor- wars und auch das Dorf überrannte, verstummte sie. Es war niemand mehr da, sie in Schwingung zu setzen. Tauben blieben am Leben, Tauben, die im Glockenstuhl genistet hatten. Als mit den ersten Strahlen des Tages, kaum daß der Sturm sich gelegt und die Wasser zurückgeflossen waren, die Bewohner des Süddorfes sich heranwagten, als die Fischer, bei denen auch Uwe Karsten war, heimkamen, fanden sie eine Stätte des Grauens an Stelle der blühenden Landschaft und des sauberen Dörfchens, das sie verlassen hatten. Die Felder waren versandet, Kühe mit aufgetriebenen Leibern lagen im Schlamm. Di« Häuser waren eingestürzt, von einigen standen nicht einmal mehr di« Mauern. In dieser Sturmnacht waren viele Betten zu Särgen geworden. Auch Trina war unter den Toten.

Uwe Karsten drückte die Spiritusflamme aus. Er goß den Rum in das kochende Wasser; Zucker verschmähte er. Er wärmte sich die Hände am Glas; dann trank er.

Freilich wurde geholfen, damals. Die ganze Küste gab, das ganze Deich. Aber die Toten waren nicht wieder zu erwecken. Das Dorf began­nen sie wieder aufzubauen. Sie waren hart, diese Friesen; ihr Trotz wurde ein einiger Will«. Nun gerade! Zudem ward vom Deich beschlossen, einen Deich zu bauen. Man rvar schrecklich gewarnt. Herren vom Festland kamen, grüßten die Inselbewohner sehr höflich und ernst, und gingen an die Arbeit. Sie vermaßen das Land, berechneten und errech­neten und reiften wieder ab. Paftor Bröhan sagte, daß es Ingenieurs gewesen seien. Nun ging alles sehr rasch, als habe man es mit der Angst bekommen. Viel fremdes Volk kam ins Land; Männer mit fchwar- zen Haaren und braunen Gesichtern. Sie tauten den Tabak nicht oder steckten ihn in die Pfeifen, sie drehten ihn in Papierrollen und zündeten diese bann an. Pastor Bröhan nannte dies« Leute Italiener. Aber sie arbeiteten tüchtig, das mußte man ihnen lassen. Der Deich wurde damals zum selben Winter fertig. Das klein« Haus erstand, und die Stellung des Deichwaris wurde ausgeschrieben. Uwe Karsten meldete sich. Er war von der Insel, er kannte das Wetter, und, was wichtiger war, seine Anzeichen. Er bekam den Posten und bezog das Haus. 50 Jahre... demnach war er heut« an 70 Jahre alt? Er schüttelte den Kopf. Das Leben war wohl an ihm vorübergegangen, es hatte ihn in der Einfamkeit vergessen. Er nahm den Oelmantel vom Haken und zog den Südwester tief ins Gesicht. Dann machte er sich auf zu einem Rundgang rings an feinem Deich entlang. Als er vor die Tür trat, warf ihn der Sturm glatt um. Er muhte sich in den Schutz des Deiches verkriechen, oben zu gehen, war ganz ausgeschlossen. Zudem war bas Vorland überflutet, das Wasser wurde vom Sturm einfach in die Lust geworfen und fiel meist dichter dem Deich, wo der Sturm den stillen Winkel überspringen mußte wie mit Eimern gegossen auf bas ßanb. Ein Heulen war in ber Lust, als schrien hunbert Dampfsirenen bumpfe Warnungen.

Warnungen? Dieses Toben ber Elemente war immer beunruhigenb, aber Uwe Karsten meinte boch dem erprobten Wall, biesem Deich, der nun schon so lange hielt, vertrauen zu dürfen. Er schritt die Hänge ab; wie Festungsvorsprünge waren sie gebaut, einer den anderen stützend; mit schräg zurückgestellten Füßen stand dieser Deich gegen das Meer gereckt. Und das Meer tobte gegen ihn an, der Sturm riß an ihm, und am Ende würden sie beide ablassen vorn Menschenwerk, Meer und Sturm, und sich geschlagen bekennen. Denn das sinnlos« Toden zerbricht, wo es gegen einen festen klaren Willen stößt. Uwe Karsten war beim Pionier­wall, der so hieß, weil damals ein Bataillon Soldaten zur Unterstützung