Ausgabe 
5.5.1930
 
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SiehenerKnnilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1950 Montag, den 5. Mai Nummer 55

Maifeuer.

Von Theodor Kramer.

Im Licht der kühlen Maiennacht ruhn Tal und Höhen klar und leis; da fällt ein jäher Frost den Duft; es seufzt wie hohl die blinde Lust und knistert nach gekörntem Eis.

Dumpf tutet Antwort Horn um Horn, auf allen Seiten wird es laut;

viel Feuer lodern auf im Land und Weib und Winzer nährn den Brand, der zuckt und schwelt, mit Span und Kraut.

Am Boden kriecht und kreist der Rauch, den schweren Frost noch auf der Brust, und hüllt und wärmt den jungen Wein und steigt empor von Rain zu Rain bis zu der Bäume Hellem Blust.

Im Schein der Flammen öffnen sich die Blütenbüschel wie bei Tag; und fortgeführt vom fahlen Rauch des Reisigs, schwimmt ihr süßer Hauch hangab weit über Feld und Hag.

Palaver über Karl May.

Von Carl Zuckmayer.

Hallo Boysl Nehmt die Hand von der Revolvertasche und laßt das Bowiemesser im Gürtel stecken. Bleibt ruhig am Lagerfeuer sitzen, ihr alten Skalper, und dreht den Ast, an dem die Bärentatze schmort, auf die andere Seite. Denn der Mann, der aus den Büschen tritt, um ein Palaver mit euch zu machen, gehört keinem feindlichen Stamme an, er ist kein Kundschafter der Ogallallahs und kein heuchlerisches Bleichgesicht, das mit zwei Zungen redet, sondern ein einfacher Fährtensucher und Fallen­steller wie ihr, der schon manche Büffelende unterm Sattel gargeritten hat, ein Freund der roten Männer, mit denen er den Rauch der Brüderschaft aus dem tongeschnittenen Kalumet getrunken hat, ein Schüler eures großen Scouts und Häuptlings Old Shatterhand.

Uff, uff, ihr jungen Krieger, die ihr gewiß alle schon in harten Kämpfen eure Adlerfedern und Kriegsnamen verdient habt, ihr West­männer und Waldläufer, ihr Riflemen, Lassowerfer und Büsfeljäger, immer noch sind Winnetou und Old Shatterhand unsere Meister und Führer, wenn sie auch längst zu den Geistern ihrer Väter versammelt, in den ewigen Jagdgründen Manitus über die Savannen der Unendlichkeit sprengen. Immer noch wird uns der Knall des schweren Bärentöters vertrauter und kampfgewaltiger ertönen, als der Donner sämtlicher Ka­nonen des Weltkrieges, und der Henrystutzen, die Zauberbüchse, bleibt uns ein größeres Wunder als das rapideste Maschinengewehr. Und wer von euch würde sich zu einem Ritt durch die unerforschte Kalahariwüste nicht lieber dem Sihdi Kara ben Nemsi anvertrauen, als einem Dragoman oder Karawanenführer? Auf dem Rücken des weißen Kamels von Bijahra würde er den verstecktesten Brunnen (Bir) ausspüren, mit seinen beiden kleinen Drehpistolen in den Fäusten würde er jede Ghum (Raubkarawane) in di« Flucht schlagen. Un daus der Oase al Biskra würden ihm immer wieder die Stimmen der befreiten Beduinentöchter entgegenhallen: Ma- harba Sihdi! Willkommen, Befreier! Sei unser Gast, du großer Emir aus Frankistan!

Jnsch'Allahl Ich will von seinem Leben erzählen, das längst zu Ende tzt, und von seinen Taten, von seinem Werk, das uns alle überleben und noch zu den Kindern unserer Kinder sprechen wird. Der Mann, der alle diese dicken Bünde schrieb, und aus dessen Nachlaß immer noch neue ^üande erscheinen, wurde in den armseligsten Verhältnissen geboren, als vohn eines erzgebirgischen Webers in einem richtigen Hungerland, Spar- vrot Elendsort, er kam auf die Welt mit einem schweren Augenleiden rAastet, und bis zu seinem vierten Jahr blieb er durch mangelnde Pflege, lcylechte und unkundige Behandlung blind. Ein schwächliches, unter- riA?^es Kind, das erst spät und mühsam sehen lernte, das die Wirk- chkeit erst mit den Augen begriff, nachdem es schon längst ein viel star- Lies' "'cheres Bild von den Dingen und Erscheinungen der Welt m I« nem Innern trug. Die Kraft dieses inneren Blicks war es, die ihn °urchs ganze Leben begleitete, die ihn über Not und widrige Verhaltniße

siegen ließ, die ihm in seiner einsamen Zelle, zwischen vier kahlen Wän­den die Wunder aller Fernen vorzauberte und die ihm schließlich in seinem Werk die Fernen aller Länder und die unendliche Weite und das große grenzenlose Schweifen schenkte, das wir alle als Menschensehnsucht im Blut haben. Eine harte Kindheit, eine freudlose Jugend. Und mehr braucht man eigentlich von seinem Leben nicht zu erzählen: denn alles, was später kam, steht in seinen Werken: alle Versuchung der Phantasie, und alle Ueberwindung der Schwäche. Als junger Mann wurde er durch die Verhältnisse und die Verwirrung seines Innern in schwere Konflikte getrieben, die man ihm, ungerechterweise, später oft vorwarf. Aber es hat niemand das Recht, über einen Menschen den Stab zu brechen, der sich mit solcher Arbeitskraft und mit solcher Seelenstärke über all feine Not und alle Hindernisse emporschaffte.

Karl May hatte viel unter dem Vorwurf zu leiden, den man seltsamer­weise den sog. Dichtern nicht macht, daß seine Erzählungen nicht wahr seien, daß er die Länder, von denen er schreibt, nicht gesehen, die Aben­teuer, die er berichtet, nicht wirklich erlebt habe. Uns ist das vollkommen gleichgültig, ob wir nun dreizehn oder dreißig Jahre alt sind, wir glauben ihm einfach, weil die Kraft des Glaubens, das ist die der Wahrheit, von ihm ausgeht. Und wenn ihr heute in die Villa Shatterhand nach Radebeul bei Dresden kommt, und haltet die Silberbüchse in euren Händen, die es dort wirklich gibt, dann werdet ihr nicht daran zweifeln, daß dies das Gewehr Winnetous ist, einst schon von seinem Vater Jntschuh Tschuna von Kampf zu Kampf getragen und später von ihm, von Old Shatterhand als Erbe aus den Händen eines toten Blutsbruders genommen. Das ist die große Wunderkraft Karl Mays: daß wir ihm glauben müssen, und daß die Frage nach der Wahrscheinlichkeit jedes Recht und jeden Boden verliert. So haben die alten Griechen ihrem Homer geglaubt und an die Kämpfe ihres Odyffeils, so die alten Germanen den Taten ihres Beowulf und Siegfried, ohne zu fragen, ob es den Lindwurm und den Polyphem, die Circe oder die Walküre wirklich gibt. Denn es ist der Beruf und die Größe des Dichters, uns eine Welt zu schaffen, deren geheime, innere Wahrheit über die greifbare und sichtbare Wirklichkeit triumphiert. Und es ist die Gröhe Karl Mays, die ihn weit über die Reihen der phantasti­schen oder spannenden Schriftsteller hinaushebt, daß er unserer Zeit, und vor allem der Jugend, in der die Zeit lebt und aufwächst, einen Mythos geschaffen hat, ebenso weitgespannt und gestaltenreich, wie die Mythen der alten Volkssänger. Die Odyssee ist heute ein Bildungswerk, Karl Mays Geschichten sind uns ein Lebenselement. Oder sollte es, wenn wir offen find und unter uns, auch nur einen einzigen Jungen geben, dem der göttliche Sauhirt Eumäus etwa so viel bedeutet wie Hadschi Halef Omar ben Hadschi, Abbul Abbas ibn Hadschi Dahmud al Gossarah? oder gibt es einen unter uns, dem Hektors Ende so nahe gegangen wäre, wie Winnetous Tod, über den wir alle geheult haben, ohne uns der Tränen zu schämen? Oder für wen wäre nicht der Häuptling Tangua oder gar Abu el Mot, der Vater des Todes, eine verabscheuungswürdigere Gestalt, eine haftendere Inkarnation des bösen Feindes, des Wider­sachers, des Zerstörers und Verneiners als etwa Hagen Tronje oder Mephisto? Karl Mays Gestalten begleiten uns wahrhaftig durchs Leben, als hätten wir mit ihnen gelebt, sie find keine Schatten für uns, sondern Wirklichkeiten, wir werden sie nie vergessen und sie werden uns immer treu bleiben.

Ich denke nicht nur an die großen heldischen Gestalten wie Winnetou, Old Shatterhand, Mohammed Emin, Old Firehand, Behluwan Bey, son­dern auch an die ungeheure Fülle der lustigen, humorigen, sonderbaren, verkauzten, komischen, schicksalhaften, tragischen und lächerlichen Figuren, die eine ganze Welt bevölkern können; da ist das unzertrennliche Klee­blatt Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker, dieser Sam Hawkens mit dem skalpierten Schädel und dem künstlichen Fell, mit der verbogenen Büchse Liddie, aus der kein Schutz danebengeht, und dem unbeschreiblichen Jagdrock, der steif auf der Erde stehenbleibt, wenn man ihn draufstellt, mit seinem Maultier Mary, an dem er mehr hängt als an seinem eigenen Leben, und mit seinen riesigen Mokassins unter den säbel- krummen Beinen wer denkt nicht mit einem tiefen Schauer an die Stelle im zweiten Band Winnetou, nach dem Kampf um Old Firehands Versteck wo der alte Hawkens, einsam, geworden, berichtet: Dick Stone ausgelöscht, Will Parker ausgelöscht, Old Firehand aus- gelöscht und wer erinnert sich nicht wie einer Erlösung des Jubels, wenn dann Old Firehand, der alte Jäger, trotz des Tomahckwkhiebs und trotz der Kugel in feiner Brust noch lebt?! Oder der unheimlich komische, schicksalumwitterte Old Death, der alte Tod, ober Murad Nassyr, der dicke Türke imLande des Mahdi", ober Selim, ber Schleuderer der Knochen ober Krüger Bey mit seinem unmöglichen Deutsch, ober der Kantor emeritus Matthäus Aurelius Hampel aus Klotzsche bei Dresden, ober der Doktor Morgenstern mit feinem Megatherium, ober aber Haukarapora, ber Urenkel ber Inkas, schön, stolz unb einsam, ober Selma Puschi bie geheimnisvolle Rächerin, ober Apanatschka, der Halb­bruder Old Shurehands vom Stamme der Commantschen, oder der Abu