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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1950 Montag, den August Nummer 60
3n der Sistina.
Von Eonrab Ferdinand Weher.
3n der Sistina dämmerhohem Raum, Das Bibelbuch in feiner nervgen Hand, Sitzt Michelangelo in wachem Traum, Amhellt von einer kleinen Ampel Brand.
Laut spricht hinein er in die Mitlernacht, Als lauscht ein Gast ihm gegenüber hier. Bald wie mit einer allgewaltgen Macht, Bald wieder wie mit seinesgleichen schier:
»Umfaßt, umgrenzt hat ich dich, ewig Sein, Mit meinen groben Linien fünfmal dort I Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein And gab dir Leib wie dieses Bibelwort.
Mit wehnden Haaren stürmst du feurigwild
Von Sonnen immer neuen Sonnen zu, Für deinen Menschen bist in meinem Bild Entgegenschwebend und barmherzig du I
Sv schuf ich dich mit meiner nichtgen Kraft: Damit ich nicht der gröhre Künstler fei. Schaff mich — ich bin ein Knecht der Leidenschaft — Rach deinem Bilde schaff mich rein und frei!
Den ersten Menschen sormtest du aus Ton, Ich werde schon von härterm Stoffe sein, Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon, Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein!"
Oie Deckengemälde der Sixtina.
Von Emil Ludwig.
Aus Emil Ludwigs bei Ernst Rowohlt in Berlin erschienenem ausgeglichenem und reifem, neuem Werk „M i ch e l - angelo" geben wir hier den besonders schönen Abschnitt wieder, der die Gemälde an der Decke der Sixtina schildert.
Mit Schrecken steht Michelangelo vor dem Papst. Kein Wort von Marmor und Grabmal. Die Decke der Sixtina soll er malen, ein Meisterwerk für alle Zeiten schaffen, einen Raum, wie er noch keinem Maler übergeben worden! So lockt ihn der Papst. Ich bin kein Maler, erwidert der Bildhauer, ich kann nicht al fresco malen; Raffael soll sie malen. Julius, der diesen Menschen kennengelernt hat, hütet sich, ihn durch Befehl« zu reizen. Er weis; zu überreden. Man verhandelt. Und nun vollends 12 gewandete Figuren? Rasch nimmt ihn der Papst bei seinem halben Worte und schmeichelt ihm, indem er die Wahl des Stoffes ihm allein überläßt. Der Künstler geht hin, sieht die gewölbte Decke, bedenkt, was auf dem mächtigen Stück Mauerwerk sich alles erzählen ließe. Am Ende gibt «r dem Drucke nach. Drei Monate, nachdem er die Statue des Papstes in Bologna aufgestellt hat, beginnt er für ihn in Rom die neue Arbeit.
Mit einem falschen Gerüste fing es an; Bramante hatte oben Löcher «ingeschlagen, Stricke darin befestigt und Bretter an den Stricken. Wie es der Meister mit seinem Herrn besichtigt, lacht er und sagt: „Und was soll ich machen, wenn ich im Malen bei den Löchern ankomme?"
„Macht' es selber", sagt der Papst, und der Maler baut von unten herauf ein festes Gerüst, das sich der Baumeister Bramante später zum Borbild nimmt. Das alte schenkt Michelangelo einer armen Frau, die es verkauft und dafür ihre Tochter ausstattet.
Die Schwierigkeiten des Handwerks, die der mit Marmorfragen ge- pwgte Bildhauer hier einmal sich zu sparen hoffte, mehren sich nach dem ersten Striche. Als er das erste Bild beendet hat, fängt es zu schimmeln an, verzweifelt zeigt er es dem Papst: „Ich habe es Eurer Heiligkeit vor- her gesagt, Malerei ist nicht mein Handwerk! Alles ist verdorben!" Da aber San Gallo erklärte, er hätte nur den Talg zu wässerig genommen, hwlt man ihn fest. Zwei Maler aus Florenz, die ihn das Freskomalen lehren sollen, bringen ihn gleich aus der Fassung: wie konnte seine Natur wgendeine Zusammenarbeit ertragen! Aber verlegen, wie er in solchen vollen ist, kann er sich nicht entschließen, sie gleich wieder nach Hause zu Ichicken, wieder greift er zu einer Art von Flucht: er schließt sich in der «opelle ein, läßt sie draußen, bis sie es merken und zornig abreisen. So oieibt er und wird vier Jahre lang allein in diesem Saale leben, wenn «r mcht in der Werkstatt über den Kartons und Zeichnungen sitzt. 20 Mo- „?le wag hat er in der Kapelle buchstäblich gemalt, hat zugeschlossen, remand Hereingelaffen, sich selbst in Rom versteckt, um nicht befragt zu w^den. Niemand außer einem Farbenreiber durfte die Kapelle betreten.
Nur dem Papst« konnte er es nicht verwehren. Der steigt zuweilen zu ihm auf das Gerüst: „Wann wird es endlich fertig fein?"
„Wenn ich damit zufrieden fein werde."
„Laß dir an unserer Zufriedenheit genügen."
Aber der unbezwingliche Mensch beharrt und malt weiter. Wieder nach Monaten fragt ihn der Papst vor den Bildern, wann er nun so weit märe.
„Sobald ich kann."
Da wird der alte Mann wütend. „Sobald ich kann! Ich will dich lehren, fertig zu werden! Vom Gerüst lasse ich dich herunterwerfen l‘‘ Und er holt mit dem Stock nach ihm aus, den er in der Rechten hält. Darauf erklärt der Künstler, er käme nicht wieder. Der Papst schickt ihm einen Kämmerrer mit 500 Skudi ins Haus: er solle das nicht so schwer nehmen, daß alles seien nur Zeichen der Gunst. Der Meister malt weiter. Schließlich wird er gezwungen, die Hälfte des Werkes den Augen der Meng« preiszugeben, bevor noch der Staub vom Abbruch des Gerüstes sich gelegt hat.
In einem ironischen Gedichte beklagt und verlacht er die Verrenkungen, zu denen diese Deckenmalerei seinen Körper zwingt. Lange, nachdem alles fertig war, mußte er noch jeden Brief, jede Zeichnung, die er anfehen wollte, nach oben halten; so hatten sich seine Augen an diese Richtung des Blickes gewöhnt.
Dann steht er erschöpft, und nur mit einer Zeile, zwischen hundert Geld- und anderen Sorgen, kündigt er das Getane den Brüdern an: „Ich fyabe die Kapelle, die ich ausmalen wollte, beendet. Der Papst ist sehr zufrieden."
*
Als Michelangelo auf dem Gerüst« stand, das er in jedem Sinn sich selber errichtet hatte, schuf er zum zweiten Male die Welt. In fünf Gemälden schuf er sie, wie vor ihm Gott in sechs Tagen, von der Finsternis über den Wassern bis zur Erschaffung Evas. Aus dem Haupte dieses einsamen Menschen fliegen sie auf, die Gestatten Gottes und der Engel, in Formen, mit Zügen, in Stellungen, so zwingend, daß die Menschheit daran glauben lernt« wie an die Schrift, ja daß sogar die großen Skeptiker sich diesem Anblick beugen. Seit vier Jahrhunderten hat niemand vermocht, dies Bild der Schöpfung durch ein neues zu verdrängen.
Fast nackt, wie er den Menschen als Gottes Ebenbild verehrte, malte der Künstler Gott selber, als er den ersten Menschen erschuf. In seinen Mantel schmiegten fich die Engel, Kinder mit neugierigen, fragenden oder wissenden Blicken, halb tragend, halb getragen. So näherte er sich über den Abgrund dem Felsen, auf dem der schöne Mensch in unergründlichem Ernste lag, den Funken zu erwarten. Hatte er vorher mit zürnender Gebärde die Finsternis verscheucht, um das Licht zu schaffen, dann mit forschenden Blicken die Hände über die schlafende Wett gebreitet, damit sie erwache, nun wandelt sich fein Sinn, und mit den Augen des liebenden Vaters streckte er dem Geschöpf die Hand entgegen, um von Finger zu Finger den Geist hinüberzuleiten.
Ein Wagnis, wie es niemand vor ihm gewagt, trieb hier den Genius, die Legende' zu ändern: nicht durch den Hauch des Mundes, nur durch die bildende Hand konnte der Bildner die Schöpfung begreifen. Er war es selbst. Sein tiefstes Glück, wenn er mit seiner Rechten Gestalten aus dem Marmor erlöste, gab er dem Gotte ein; so sprach er wortlos die Nachfolge des Göttlichen dem Künstler zu. So wie die Statuen, von feiner Hand gebildet, sich erhoben und feinem Schöpferwillen folgten, so wird sich bald der erste Mensch erheben, den jene Götterhand berührte.
Aber noch einmal ist er in Schlaf versenkt. Was ihm, dem sterblichen Bildner, verwehrt ist, das darf dem Zauberwort des Größeren gelingen; noch einmal teilt sich die Gestalt in zwei, und eine Hälfte hebt sich wie ein Schwimmer ihrem Schöpfer zu. Für Augenblicke scheint die Zeit stille zu stehen. Auch er, der diese zwanzig Jahre lang seit er zum Jüngling wurde, den Frauen fern geblieben, fühlt sich für Augenblicke über sich selbst gehoben, und wie er nun das Weib unter dem Baume malt, die Linke nach dem Apfel aufgehoben, gelingt ihm, was an Schönheit keinem vor ihm gelang. Inmitten eines Chors von Männern ist sie das einzige nackte Weib, in keinem Zuge jünglinghaft, vollendet als das Widerspiel der Wett, die ihren Schöpfer bewegt, die diese Halle bevölkert. Ja, es ist Eva, die alle ringsum erschuf; darum ist sie vollkommen. Nur wer das Menschengeschlecht in Schönheit träumte, vermocht« die Urmutter in eine Fülle, einen Glanz zu heben, der keinen ihrer Söhne umstrahlt. Suchend, doch unbewußt, begehrend, doch ohne Gedanken, greift sie nach der verbotenen Frucht, um ein Geschlecht zu gebären.
Und dieses Geschlecht umrauscht sie nun, hier an der heiligen Decke. Auf den Spitzen der zwölf gemalten Gewölbe, in denen sich der geheime Baumeister malend verschwendet, mit den Köpfen ragend an ein fiktives Gesims, dann wieder in Nischen und Lünetten, sitzen Sibyllen, sitzen Pro- pheten, lesende, denkende, redende, fragende, orakelreiche, weise Mittler zwischen Gott und den Menschen.
Und auf den Sockeln über ihnen, als ob sie die Geschichte der Schöpfung träumten, kauern, spielen, recken sich Genien, zwanzig nackte Gestal«


