Ausgabe 
4.7.1930
 
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WetzenerMiinlienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Mgang S950 Zreitag. den 4-Mi Nummer 5l

Tlachtidyll mit der Triangel.

Von Paul Appel.

Es war wie Frieden. In der Sommernacht Trat ich zum Bett der Mutter und des Kindes. Sie schliefen beide glücklich, schön und schimmernd still. Wie ich es manchmal tat, wischt ich auch jetzt Den Perlschweiß unter den vier lieben blauen Augen Und wollte gehn: Da sah ich, wie des Knaben Haar Nur eine Handbreit lag vom dunklen Haar der Schönen, Meiner lieben Schönen. Oh, war das wohl für mich! Ich stand, ich nickte. Dann: Ein Lächslfinnen, Ganz aus großer Macht, ließ mich die Hände

Schon wieder hinwärts heben, langsam, und ohne Willen Legt ich das Haar der Mutter zu des Knaben Locken. Und kaum ichs tat, stieg neue, heilig fremde Huld Tief in der Seele auf, als fei der Weltgeist, Unser Seeleneigner, süß und schmerzend nah.

Ihm dienen in der klaren Kindlichkeit!

So riefs mich raunend an: Da fiel mein Blick Auf die Triangel an des Knaben Bettwand. Sie hing zum Spiele da wie einst für mich. Ich nahm das kleine, zauberliebe Dreieck, Die Wendeltreppe stieg ich ab zum Garten. Der lag in freier kühler Morgendämmerung, Die freien weißen Sterne über sich.

Was wars jetzt? Ja, ich hob den. schmalen Stab, Ich war mir fremd, dankbares Irrlicht Schien mir die eigne glückerfüllte Seele.

Schon wollt der Stab in die Triangel sinken, Der kleine Gottgruß eines Menschen wollte klingen: Da rang sich aus dem Birnbaum über mir Ein Liebeslaut, ja ach, ein Liebeslaut, Ein Schöpfungszittern in den Morgenwind 0 heilger Geist, du heilger Geist!

Ich sprach mirs hin, ich sprach es in di« Erde, Hob die Triangel und das Stäbchen vor die Brust, Und stand und hielt sie so: Da sang die Amsel, Die erste Amsel sang sich hoch aus Laub und Tau.

Oer Mann mit den vielen Büchern.

Eine Erzählung von Hermann Hesse.

Es war ein Mann, der hatte schon in früher Jugend sich aus dem Lärm des Lebens, der ihm Furcht machte, zu den Büchern zurückgezogen. Er lebte in seinem Hause, dessen Zimmer mit Büchern angefüllt waren, und hatte kaum einen Umgang und Verkehr außer mit seinen Büchern. Es schien ihm, da er von der Leidenschaft für das Wahre und Schöne mullt war, weit richtiger zu sein, daß er mit den edelsten Geistern der Keuschheit in nahem Umgang lebe, als sich den Zufälligkeiten und den zusälligen Menschen auszusetzen, die das Leben ihm sonst etwa zugeführt ..deine Bücher waren alle aus der alten Zeit, von den Weisen und Richtern der Griechen und Römer, deren Sprachen er liebte und deren Mit ihm so klar und wohlgestaltet erschien, daß er oft kaum begriff, warum die Menschheit diese hohen Pfade längst verlassen und so viel Jrr- ale dafür eingetauscht habe. In allen Dingen des Wissens und des Dich­tens hatten jene Alten das Beste schon getan, es war später weniges wehr hinzugekommen, Goethe etwa, und wenn die Menschheit inzwischen Fortschritte gemacht hatte, so war es nur auf den Gebieten, die ihn nicht berührten und ihm entbehrlich und oberflächlich schienen, im Bauen von Maschinen und Kriegswaffen und im Verwandeln des Lebenden in das l-ote, im Verwandeln der Natur in Zahlen oder in Geld.

Ein klares, stilles, gleichmäßiges Leben führte dieser Leser. Er ging wdj seinen kleinen Harten, Verse von Theokrit auf den Lippen, er sammelte Sprüche der Alten und ging ihre schönen Gedankenwege, Namentlich die des Plato, nachgenießend mit. Manchmal empfand er in stnem Leben eine gewisse Armut und Einschränkung, allein er wußte B**..ben alten Weisen, daß das Glück des Menschen nicht vom Vielerlei Whange, und daß in Treue und Selbstbeschränkung der Kluge sein Wl finde.

Einst erfuhr dies ungetrübte Leben eine Unterbrechung dadurch, daß ,,r. "e'er auf einer Reise, die er nach einer Bibliothek des Nachbarstaates umernahm, einen Abend in einem Theater verbrachte. Es wurde ein . tQ1Va von Shakesspeare aufgefllhrt, den er wohl von den Schulen her . aber nur eben so, wie man die Dinge auf den Schulen lernen nn' Nun saß er in dem hohen dämmernden Hause, etwas bedrückt und

gestört, denn er liebte Menschenansammlungen nicht, aber bald fand er sich angerufen und hingerissen durch den Geist dieser Dichtung. Er erkannte, daß die Darsteller ihre Sache nur mäßig machten, und war Überhaupt kein Freund des Theaters, aber durch all diese Hemmnisse hindurch traf ihn dennoch ein Strahl, eine Kraft, ein mächtiger Reiz, den er noch nie gekostet hatte. Betäubt lief er nach dem Schluß des Dramas aus dem Hause, setzte pflichtgemäß seine Reise fort und brachte von ihr alle Werke desoenglischen Dichters mit nach Hause. Da las er nun, saß wie betäubt und las denLear", denOthello", denRomeo", und alle alle diese Stücke, und ein Sturm von Leidenschaft, Dämonie und phan­tastischem Leben drang auf ihn ein. Im Taumel vergingen ihm die Tage, glücklich empfand er, daß ein neue Stück Welt ihm erschlossen worden fei, und lange Zeit lebte er in Haus und ©arten, beständig umgeben von den Gestalten dieses unbegreiflichen Dichters, der alles auf den Kopf zu stellen schien, was die Griechen festgestellt, und der dennoch recht hatte und jeden Wideckspruch besiegte.

Als endlich der Leser, wie ein Erwachender nach einem Bachanal, sich wieder auf sich selbst und das Ehemals besann und zu seinen Lateinern und Griechen zurückkehrte, da schmeckten sie anders, schmeckten ein wenig fade, ein wenig alt, ein wenig fremd. Darauf versuchte er es mit einigen Büchern von heutigen Dichtern. Die gefielen ihm aber nicht, es schien sich alles um kleine und belanglose Dinge zu drehen, und es schien alles nur halb ernstgemeint zu sein.

Den Hunger nach großen, neuen Reizen und Aufrüttelungen aber wurde der Mann nicht mehr los. Wer sucht, findet. Und so war das Nächste, was er fand, ein Buch von einem Norweger, namens Hamsun. Ein sonderbares Buch und ein sonderbarer Dichter. Dieser Mensch schien sein Leben lang es hieß, er lebe noch sich allein und stürmisch in der Welt umherzutreiben, ohne ein Ziel, ohne einen Glauben, halb ver­wöhnt und halb verwildert, auf ewiger Suche nach einem Gefühl, das er da und dort für Augenblicke im Zufammenklang seines Herzens mit der umgebenden Welt zu finden schien. Dieser Dichter gestaltete keine Men­schenwelt wie Shakespeare, er sprach meistens von sich selbst. Aber an vielen Stellen überfiel den Leser eine tiefe Rührung und oft ein bitteres Weh, und manchmal mußte er auf einmal, und auf eine neue Art, plötz­lich lachen. Welch «in Kind war dieser Dichter, welch ein trotziger Knabe war er! Aber er war herrlich, und wer ihn las, fühlte Sternschnuppen fallen und hörte ferne Brandungen donnern.

Weiter fand der Büchermann ein dickes Buch, dasAnna Karenina" hieß, und dann Gedichte von Richard Dehmel. Und er fand wenig später die Bücher von Dostojewski. Seit er mit Shakespeare begonnen hatte, war es, als liefe die Dichtung ihm nach, als käme ihm da und dort, sobald er eine Leere zu spüren begann, gerade das durch Magie ent­gegen, was jetzt zu ihm sprechen, was jetzt ihn hinreißen konnte. Er weinte und lag schlaflos über diesen russischen Büchern, er schleuderte den Horaz von sich und gab eine Menge von seinen alten Büchern weg. Eines fiel ihm dabei in die Hand, ein lateinisches, das er früher wenig geschätzt hatte. Jetzt legte er es beiseite und las es bald. Es waren die Bekenntnisse des Augustlnus. Von ihm kehrte er wieder zu Dostojewski zurück. Eines Tages gegen Abend, er hatte sich müde gelesen und fühlte Augenschmerzen, war auch nicht mehr jung, da fiel er in Nachdenken, lieber einem feiner hohen Bücherfchäfie stand von früher her in Goldschrift jenes griechische Wort, welches bedeutet:Erkenne dich selbst!" Das arbeitete in ihm. Denn er kannte sich selbst nicht, seit langem wußte er nichts mehr von sich. Nun ging er jede erfühlbare Spur zurück, er suchte mit Inbrunst nach den Zeiten, da ihn ein Vers von Horaz entzückt, ein Gesang des Pindar ihn beseligt hatte. Damals hatte er, aus jenen alten Büchern her, in sich etwas gewußt, das Menschheit hieß, er war mit den Dichtern Held, Herrscher, Weiser gewesen, er hatte Gesetze gegeben und Gesetze geachtet, und in herrlicher Würde war er, der Mensch, aus der Wirrnis der seelenlosen Natur hervorgetreten, dem klaren Licht entgegen. Jetzt war dies alles zerstört und dahingefchmolzen. Er hatte nicht nur Räuber- und Liebes­geschichten gelesen und Freude daran gehabt, nein, er hatte mit geliebt, mit gemordet, mit geweint, mit gesündigt, mit gelacht, er war in Ab­gründe des Verbrechens, der Not, der irren, flatternden Instinkte und Gelüste geraten, er hatte mit zuckender Angst und Wonne im Gräßlichen und Verbotenen gewühlt. Sein Nachdenken ergab keine Früchte. Bald hing er wieder fiebernd über seltsamen Büchern. Er schlürfte di« Luft aufregender Geschichten von Oskar Wilde, er verlor sich in die wehmütig skeptischen Sucherwege Flauberts, er las Gedichte und Dramen junger und jüngster Dichter, welche allem Geordneten, allem Griechischen und Klassischen todfeind schienen, welche Auflehnung und Anarchie predigten, Häßlichstes verherrlichten, Furchtbarstes belächelten. Und er fand: auch sie hatten irgendwie recht, auch das war im Menschen, auch das mußte fein. Es war Lüge es zu verheimlichen. Es war Lüge, sich um das ganze blutige Chaos des Lebens zu drücken.

Eine große Abspannung und Ermüdung folgte. Es gab keine Bücher mehr, die ihm entgegen kamen, in denen Neues, Mächtiges ihn anrief.