Ausgabe 
4.4.1930
 
Einzelbild herunterladen

' Die alte Sarne nahm mich mütterlich in ihre Arms, wischte mir die Tränen ab und strich über mein wirres Haar, dann wandte sie sich mit einer energischen Gebärde an den immer noch stumm dastehenden Streichholz^:Also, Herr Doktor, nun ist es genug mit dieser Schinderei, das sage ich Ihnen. Der Junge ist heute zum letztenmal hier gewesen, sonst sind wir geschiedene Leute und Sie verlassen mein Haus, so wahr ich hier vor Ihnen stehe!

Sie packte meine Hefte und Bücher zusammen, steckte sie nur unter den Arm, gab mir ein großes Stück Kuchen in die Hand und schob mich aus der Tür. Draußen sagte sie:So, mein Junge, jetzt geh nach Haus und genieße deine Ferien, das Messer aber wirfst du weg, das ist zu scharf, damit kannst du leicht Schaden anrichten."

Erst auf der Straße kam ich langsam zum Begreifen. Nur das eine ging mir ganz auf: frei, frei, noch beinahe zwei lange, lange köstliche Ferienwochen vor mir, erlöst von dieser Pein! Ich lief in einem einzigen langen Trab den Weg nach Haus, warf die Bücher fort und stürzte, ohne meiner Mutter eine Erklärung zu geben, aus die Straße, um das Ge­fühl der Freiheit auszukoften.

Als nach den Ferien auch die Maihematikstunden wieder begannen, war Streichholz unverändert, aber mich übersah er vollkommen, ich war für ihn nicht vorhanden. Bis zum Semefterschluß richtete er nie eine Frage an mich, erwähnte nie meinen Namen. Ich war ganz zufrieden damit, denn meine Abneigung gegen die Mathematik war nicht ge­ringer geworden. Bei Beginn des neuen Semesters war Streichholz ver­schwunden; es hieß, daß er an eine andere Schule versetzt sei.

Fünfzig Jahre sind vergangen, viel habe ich erlebt, alle Gefühle, die ein Menschenherz ergreifen können, habe ich kennen gelernt. G e - haßt habe ich nur einmal in meinem Leben, als dreizehnjähriger Ter­tianer, und noch heute, nach fünfzig Jahren, kann ich das Wort Haß nicht lesen ober hören, ohne daß vor meinem Auge sofort erscheint die hagere, düstere, in fleckenlosen schwarzen Gehrock gekleidete Gestalt meines ehemaligen Mathematiklehrers, genanntStreichholz".

Constantin Meunier.

Iu seinem 2S. Todestage.

Von Dr. Olga B l o ch.

Und unter feinen Füßen tönten die tiefen und harten Schläge der Aexte fort. Die Kameraden waren alle da... Mitten am Himmel erstrahlte die Aprilsonne in ihrem Glanze, die zeugende Erde mit ihrer Wanne fällend Aus dem nährenden Schoße der Erde sproßte das Leben... Menschen wuchsen heran, ein schwarzes Heer von Rächern, das langsam in den Furchen keimte, und zu den Ernten des kommenden Jahrhunderts heranwuchs und dessen Auskeimen bald die Erde zersprengen sollte." Diese grandiosen Schlutzgedanken von Z o l a sGerminall kommen einem in den Sinn, versenkt man sich tiefer in das umfangreiche Werk, das Constantin Meunier der Nachwelt hinterlassen hat. Aber je weiter man eindringt in die Gestaltenwelt des größten aller belgischen Plastiker des Jahrhunderts, um so deutlicher tut sich der Abstand kund, der innerlich Zola und Meunier von einander trennt. Treten auch in des Künstlers Schilderungen des belgischen Bergmannslebens Typen auf, die dem glei­chen Milieu wie Zolas Romanfiguren entstammen, so muß man doch seststellen, daß der Dichter die Dinge ausmalt und übertreibt, während Meunier seine Vorgänge stilisiert und vereinfacht im Sinne der bilden­den Kunst, deren höchste Aufgabe es ist, in eine schönere Welt der Mensch­heit den Weg zu weisen.

Man weiß nicht, ob in der Familie Meunier eine positive Einstellung zur Kunst vorhanden war. Sein Bruder Jean-Baptiste war es jedenfalls, der Constantin Meunier zu Studienzwecken in die Brüsseler Akademie mitnahm, in das Atelier Fraikins, der heute als der Hauptvertreter der älteren belgischen Bildhauerschule gilt. Sein Streben ging dahin, mit Hilfe der französischen Meister des 18. Jahrhunderts zu einer vollkom­menen Darstellung der menschlichen Gestalt zu gelangen. Zunächst konnte Fraikin den jungen Meunier an sich fesseln, der in jugendlicher Begeiste­rung sich allen Dingen der Kunst mit dem Feuer seiner jungen Jahve zuwandte. Aber sehr bald trat der geschäftsmäßige Zug zutage, der sich in Fraikins Atelier eingenistet I)atte und der bewirkte, daß Constantin Meu- uier seine eigenen Wege ging.

In einigen Räumen, die er sich gemeinsam mit Brüsseler Künstlern mietete, damit sich dadurch die Kosten verbilligten, ging er jetzt daran, sich der Malerei zuzuwenden, in der Erkenntnis, daß alle Plastik der Zeit nur eine Nachahmung der Antike bedeute. In diesen Jahren war es Charles de Groux, der, durch feine ergreifenden Schilderungen mensch- lichen Elends bekannt geworden, den jungen Meister thematisch anregte und beeinflußte. Er kam Meuniers Willen, nicht nur etwas rein Zweck­mäßiges zu bilden, entgegen, unterstützte sein Streben, eine Schönheit inmitten aller Armut zu schaffen. Hier entstehen Meuniers erste größere Werke: das leider verschollene Bild, das Meuniers Biograph G e n s e l erwähnt, aus dem Jahre 1857, die Schilderung eines Krankenhauszim­mers, in dem eine Pflegerin die Füße einer verstorbenen armen Frau wäscht, ein Bild, das der Meister auch öffentlich ausgestellt hatte. Und dann das zweite WerkBegräbnis eines Trappisten", hervorgegangen ans persönlichsten Studien, das den großen Beifall der Kritik auf einer Ausstellung des Jahres 1860 erregte.

Um Meunier herum schufen jene belgischen Maler, Alfred Stevens, Florent Willems, Gustave de Jonghe, deren Geistesheimat das elegante und leichte Paris war. Wie anders, wie feinneroig dagegen Con­stantin Meuniers Kunst, die, einem Michelangelo folgend, überall in Tiefen vorzustoßen versuchte.

Aus den sechziger Jahren des Jahrhunderts stammt dann das Gemälde des Meisters, das gewissermaßen den Uebergang bildet zu den Schilde­rungen der Jndustriearbeit, die uns aus der Altersperiode Meuniers erhalten sind. Es ist dasTabakssabrik in Sevilla" betitelte Bild, das heute im Brüsseler Modernen Museum hängt und auf einer Spanien- reife entstanden ist. Es gibt einen lebendig wirkenden Ausschnitt aus

einem Arbeiisfaal; reicher malerischer Reiz liegt in der Buntheit J Gewänder, der noch durch das Helldunkel, das den weiten Sauf erW erhöht wird.

Bald nach der Rückkehr aus dem Süden, von wo es den etnfe Künstler fast immer nach dem Rebel der nordischen Heimat zog, ein {al, das ihn mit allen ernsten Künstlernaturen verbindet, durchzog nier mit ßemonnier, dem Freunde und Biographen, das bcW Kohlenrevier, besuchte die Hochöfen, die Steinkohlengruben, die Walzwijf Die Früchte dieser Wanderungen in einem Meunier bisher unbefannte Gebiet, das für ihn derAnstoß für eine neue Ausdrucksart der McH heit" werden sollte, sind zunächst wieder Bilder, die man als Vorstufen, den Plastiken der Spätzeit ansehen kann, die Meunier in erster L« beliebt und berühmt gemacht haben.

Diese Erlebnisse buchten Meunier schließlich zu dem großen ü- schwung in seinem Schaffen: sah er in jungen Jahren die plastische Sy einzig und allein als Nachahmung der Antike an, so erkannte et ® als alternder Mann diesen Zweig der bildenden Kunst als den eiitj möglichen Weg, um Dinge in der psychischen Wirkung, wie er sie erlebt zum Ausdruck zu bringen. Es entstehen in den letzten zwanzig Ich Meunierschen Schassens Werke, die den Stempel des AllgemenuMtz und Ewigen trugen, Zeugen eines ganz reifen, ganz klaren Altersft Haftete der Meister einst an einzelnen Begebenheiten, an persönlich- Momenten jetzt wird die allgemeine Not das Thema feiner W«i Dieses Thema variiert er unzählig oft; wer kennt nicht das endlose h, der Figuren, die kurz nacheinander entstehen. Da ist berHamnmi meister" von 1886, mit seinen einfachen Linien, berPuddlch den kein Geringerer als Robin aus tiefstem Herzen bewunderie. i> Bild des ^Bergmanns, der an der Mühseligkeit der Arbeit zu Grunde $ Da sind sie alle, die bronzenenMäher", die Gipsstatuen derSim | labe r", die vielen Bronzereliefs und Vronzestatuetten, die BronzebH ; in großer Zahl. Alle Lebensalter werden dargestellt, das Landvolk, |< Bergarbeiter, die Industriearbeiter. Es wird das Charakteristische t ihren Körpern herausmodelliert, ein Realismus erstrebt, der im Gegeis steht zu ber Kunstweise, wie sie einst Fraikin gelehrt. Das Eckige 1 Körper, nervige rauhe Arbeitshände tragen den Schein ber Wirklich!, in diese Werke eines alten Künstlers.

Und in diesen Jahren ber inneren Umstellung wird Meunier re!i$ii Noch kurz vor seinem Tode schasst er jene hoheitsvollen und doch so lidff big ausgefaßten Dinge wie dasE c c e H o m o", das so ergreifend >m dieDreieinigkeit" und nicht zuletzt die P i e i ü, die j« Renaissancecharakter trägt. Und gleichsam als Ausklang die Grupp: i Verlorenen Sohne s", die uns in zwei Fassungen erhalten: wo ber Ausdruck der Köpfe, die Silhouette des Ganzen unbeschM tiefe Eindrücke dem Beschauer hinterläßt. . I

Am Schluß dieses Künstlerlebens steht dann noch einmal, gleich als ewige Variation des ThemasArbeit", jenes Werk, das in di» Tagen feiner Aufstellung in Brüssel entgegensieht. Es ist dasLei mal ber Ardeit", jene drei Reliefs, die nicht nur inhaltlich dieh Meumericher Kunst bedeuten, sondern auch formal, da der eigen® Reliefstil hier zu seiner höchsten Vollendung gelangt ist. Eine GchM ftellung der Arbeit, das Heroische, das Gemeinsame, das, was Msliji miteinander verbindet und verbinden muß, die gewohnt sind, im kB Kampf sich in täglichem Schassen ihr Leben Immer wieder neu gu ernm es scheint in unserem Jahrhundert nirgends eindrucksvoller bofi® tiert als hier. _ . ,

War es das Streben Rodins, die sestumrißenen Formen der PiM Körper im Sinne des Impressionismus aufzulockern, jo glaubte M« daß die Erneuerung der Kunst nicht nur formal fein dürfe, sondern i als eine Reugeburt des Denkens erweisen müsse, und er selbst P Leidenschaft feiner Seele für solchen Glauben eingesetzt.

Die merkwürdige Turbine.

Von Dipl.-Jng. Dr. Arthur H a m m.

Auf ber diesjährigen Weltkraftkonferenz, die in W stattfinden wird und auf ber vornehmlich die Frage der W erzeugung und Energieverteilung behandelt werden soll, wird tu« Rede fein von einer Maschine, die ganz einzigartig auf der ganzen » besteht, nämlich ber Quecksilberbampfturbine im EM tätsmert zu Hartford in ben Vereinigten Staaten. Quedfuben® wirb erstaunt ber befangene Leser fragen, unb vielleicht kommen Erinnerungen an grünlich-blau leuchtenbe Lampen, deren Schein hell, deren Lichtfarbe jedoch äußerst unangenehm war, an große rate, mit denen Drehstrom in Gleichstrom umgeformt wirb, bei der neuen Berliner Stadtbahn und anderes mehr. Tatsächlich IJ Quecksilber in der Elektrotechnik eine ausgedehnte Verwendung, , das hat hiermit nichts zu tun. Vielmehr wird hier bas Quecksilber " verdampft unb durch den Dampf wirb eine Turbine angetriW- fie ähnlich zu vielen Tausenben in allen Elektrizitätswerken de: - stehen. Darüber wird natürlich noch mehr Erstauneit sein, dem für einen Sinn soll es haben, an Stelle des überall bequem erhältlichen Wassers das vielmals schwerere unb teuere Queckim verbampsen? Unb was für ein Feuer muß man bann onweno , dieses sltissige Metall zum Verbampsen zu bringen? Das fw» naheliegende Fragen, unb bis Antwort kann nur suEsarha) bah die Verwendung des Quecksilbers eine so große ®artnew das heißt Kohlenersparnis, bringt, daß alle Unbequemlichkeiten » reichlich ausgewogen werben. Das zu erläutern, soll einmal en auf bie Vorgänge in unseren Elektrizitätswerken eingegangen

Bekanntlich wirb in großen Kesseln bas Wasser verdaMM,,^.,, in ber Turbine, bie heute durchgängig an Stelle ber früher Dampfmaschine getreten ist, seine Arbeit zu leisten. Der Dump! , ben Kessel mit einem gewissen Druck, dessen Höhe man inWi ausbrückt, feine Temperatur beträgt gewöhnlich 300 bis ., Celsius. Je mehr Arbeit er nun geleistet hat, b. h. je "-'eiter ,. ? in bie Turbine eingebrungen ist, um so niedriger werben !°ra ' |