Lehnstuhl und wartete auf Herrn Rey. Der kam nicht. Die Dose in der -Hand wurde immer schwerer. — Aber erst am anderen Tag erfuhr Herr Polkow, daß sie aus Blei war nur billig vergoldet, — daß er zwei geschickten Gaunern drei schöne, neue 80-Psund-Noten geschenkt hatte; denn Herr Rey war gestern abend noch mit unbekanntem Ziel aus dem Hotel ; Bristol abgereist.
Bismarck.
Bon Professor Friedrich L u ck w a l d t, Danzig.
Von der von Prof. W. Goetz, Leipzig, herausgegebenen Propyläen-Weltgeschichte erscheint in Kürze der 8. Band unter dem Titel „Liberalismus und Nationalismus". Wir entnehmen dem Bande mit Erlaubnis des Propyläen-Verlages diese interessante Charakteristik des ersten deutschen Kanzlers.
'Lenbach hat einmal gesagt: „Wie soll ich Bismarck nur malen? Er sieht mich aus hundert verschiedenen Augen an", und von Bismarck selbst gibt es aus dem Jahr 1865 ein merkwürdiges Wort: „Faust klagt über die zwei Seelen in seiner Brust, ich beherberge aber eine ganze Menge, die sich zanken. Es geht da zu wie in einer Republik. Das meiste, was sie sagen, teile ich mit. Es find da aber ganze Provinzen, in die ich nie einen Menschen werde hineinsehen lassen." Damit ist die Schwierigkeit und notwendige Unzulänglichkeit einer Charakteristik genügend bezeichnet. Als Sohn eines Vaters aus altem brandenburgischen Junkergeschlecht und einer Mutter aus der bürgerlichen Professoren- und Beamtenfamilie der Mencken, hatte er von vornherein sehr verschiedene, ja entgegengesetzte Wesenselemente in sich. Auf der einen Seite war er robust, erdverbunden, konservativ, ein Landedelmann alten Schlages, starker Zecher und noch stärkerer Esser, kühner Reiter, eifriger Jäger, der sich am wohlsten fühlte „in Schmierstieseln, im Wald tief drinnen, weit weg von Ihrer Zivilisation", durchaus ohne Ansprüche an eine künstlerische, geschmackvolle Gestaltung seiner Umwelt, in manchen Zügen fast ein wenig barbarisch und, wie es"doch auch zum Junker gehört, in erster Linie Trieb- und Willens- mensch; gern redete er davon, daß er das Beste „dem andern Kerl in mir", dem instinktiven Einsehen und Wollen verdankte. Aber daneben stand ganz anders, was aus dem Blut der Mencken kam. Seine Mutter, geistig sehr angeregt, gesellschaftsgewandt, aber herzenskalt, unruhig und nervös, hatte ihm zunächst einmal sehr reizbare Nerven vererbt. Er war Nervenkrisen ausgesetzt, die sich gelegentlich bis zu Weinkrämpfen steigerten, und zeigte namentlich in späteren Jahren entschiedene Anlage zu Hypochondrie. Weiter besaß er als mütterliches Erbteil geistige Interessen, die über das bei seinen Standesgenossen übliche Niveau sehr weit hinausgingen. In seiner Junggesellenzeit las er „ganze Bibliotheken", darunter sehr viel schöne Literatur, lieber Goethe sprach er fein und klug. Mit einem Dutzend Bänden von ihm wollt er nötigenfalls auf einer einsamen Insel leben. Zu old Shakespeare zog ihn starke Seelenverwandtschaft. Aber auch Beranger war einer seiner Lieblingsdichter, Heines Lieder schätzte er hoch, und aus Byron hat er ganze Stellen abgeschrieben. Die Spätromantik mit ihrer Selbstironie, ihrem geistreichelnden Witz, ihrem Weltschmerz, unter deren Einfluß die Zeit seiner Jugend stand, färbte doch auch auf ihn ab. Es ist falsch, ihn nur als den harten Realisten zu sehen. Noch 1874 sagte er zu einem Getreuen (Lucius), er sei eigentlich eine träumerische, sentimentale Natur, Leute, welche ihn malten, machten alle den Fehler, ihm einen gewaltsamen Ausdruck zu geben. Gewiß war dies Gewaltsame darum doch wirklich da. Er war ein ausgesprochener Kämpfer. Ganze Nächte hindurch „haßte" er, und wer immer ihm entgegentrat oder von ihm wegen feindlicher Absicht beargwöhnt wurde, den verfolgte er ohne Gnade und ohne viel Bedenklichkeit in der Wahl der Mittel. Sein Rechtsgefühl war nicht stark entwickelt, wie sein väterlicher Freund Ludwig von Gerlach früh beklagte. Auch mit der Wahrheit nahm er es, obwohl im großen wahr und echt, im kleinen nicht immer sehr genau: wenn er nicht fügen solle, könne er nicht fertig werden, erklärte er dem Finanzminister von Bodelschwingh. Das hing zusammen mit der Lebhaftigkeit seiner Phantasie und überhaupt seiner unendlichen geistigen Beweglichkeit. Hierzu ganz ähnlich Napoleon, an dem Talleyrand allererst „la fougue de son Imagination“ hervorgehoben hatte, nur stärker gezügelt durch den Respekt vor gegebenen Verhältnissen, phantasierte und kombinierte er unaufhörlich, fand immer neue Lösungen und Verbindungen der innen- und außenpolitischen Probleme. Und da er ja nun noch von der -Studentenzeit her den Kitzel hatte, den Philister zu verblüffen und herauszufordern, auffallende Gesten und gewagte Worte liebte, entstand das Vorurteil, daß er „frivol" sei. Kein Vorwurf ist im Ansang häufiger gegen ihn erhoben worden. In Wirklichkeit faßte er feine Pflichten und feine Verantwortung mit heiligem Ernst auf. In jede wichtigere Entscheidung legte er seine ganze Persönlichkeit, „patriae in- setviendo consumor“* hat er mit Recht für sich in Anspruch genommen. Dabei leitete ihn in erster Linie ein hochentwickeltes Staatsgefühl, man möchte sagen, ein Staatsgefühl sriderizianischer Prägung. „Einen Fuchs mit den Anschauungen Friedrichs des Großen" hatte ihn schon ein Göttinger Kommilitone'genannt. Der Ruhm und die Größe Preußens, später auch des Deutschen Reiches, waren ihm eine Sache leidenschaftlichster Anteilnahme und Bemühung. In zweiter Linie kam in Betracht, daß er in seiner Art ein frommer Christ war. Seiner Frau gegenüber bezeichnete er sich am Ansang ihrer Ehe einmal als Gottes Soldaten: „wo er mich hinschickt, da muß ich gehen, und ich glaube, daß er mich schickt und mein Leben zuschnitzt, wie er es braucht." 1862 war dies Gefühl kaum mehr so stark, wie es in den 50er Jahren gewesen war. Aber er glaubte doch, ein persönliches Verhältnis zu einem lebendigen Gott zu haben, dessen Hand er in allem Geschehen fand. „Je länger ich in der Politik arbeite, desto geringer wird mein Glaube an menschliches Rechnen", gestand er im Mai 1864. Auf seinem Tisch lagen die Losungen der Brüdergemeinde, die er in mehr als einer Krisis — der Glaube geht hier wie so oft in Aberglauben über — geradezu als Orakel benutzt hat. Größeren Zweifeln aus
* Im Dienste des Vaterlandes reibe ich mich auf.
gefetzt und jedenfalls viel bedingter war fein Royalismus. Er hat ihn bei vielen Gelegenheiten und in eindrucksvollen Worten betont. Er stj seinem König „treu bis in die Vendse". Gleich in jener Unterredung in Babelsberg am 22. September 1862 sagte er zu Wilhelm, daß er feine Stellung nicht als konstitutioneller Minister in der üblichen Bedeutung des Wortes, sondern als des Königs Diener auffasse. Und als Grabschrist noch wählte er sich: „Ein treuer Diener Kaiser Wilhelms I.". Auch war in seinen Beziehungen zu seinem königlichen Herrn wirklich etwas von Vasallentum. Aber diese Vasallentreue hinderte ihn nicht, oft sehr hart und ungerecht, fast höhnisch über Wilhelm zu urteilen und ihm seinen Willen nötigenfalls mit äußerster Rücksichtslosigkeit aufzuzwingen, 1865 erklärte er im Streit mit Graf Robert Goltz, dem Kronprinzen werde er überhaupt nicht dienen, er halte nichts mehr von der Zukunft der Hohen- zollerndynastie, das Land werde sich andere Formen der Regierung suchen.
Das und ähnliches klingt einigermaßen wallensteinisch. Eine gewisse Neigung schimmert durch, den Acheron zu bewegen, um sich an der Macht zu halten. Fesseln ertrug er nicht: „Ich will aber Musik machen, wie ich sie für gut erkenne, ober gar keine", hatte er mit 23 Jahren geschrieben. Mit andern zu Rat zu sitzen und sie überreden zu müssen, kam ihn hart an. „Wenn ich einen Löffel Suppe essen will, muß ich erst acht Esel um Rat fragen", hat er später von den Sitzungen des preußischen Ministeriums gesagt. Im Bewußtsein seiner überragenden Begabung war er ja nur zu sehr geneigt, Mitarbeiter und Gegner zu unterschätzen, ihre Fähigkeiten herabzusetzen, ihre Beweggründe zu verdächtigen. Wie die meisten großen Staatsmänner wurde er Menschenverächter. „Mehr Mephisto als Faust", meinte ihn sein langjähriger Gehilfe Tiedemann charakterisieren zu können. Was von Liebe und Rücksicht in ihm war, verausgabte sich im engsten Kreise der Familie. Er war seinen Kindern ein fast zu zärtlicher Vater und der beste Gatte seiner Frau Johanna, die unschön, unelegant und etwas eng, aus Hinter-Hinterpommern, ihm doch volles häusliches Behagen schuf und ihn mit ihrem reichen Gemüt auch seelisch stützte und trug. Seine „Briefe an Braut und Gattin" gehören zu dem Schönsten und Tiefsten, was die deutsche Briefliteratur aufweist.
Handschrift als Selbstporträt.
Von Dr. Max Pulver.
Der Inhalt von schriftlichen Mitteilungen interessiert bei unserer Art der Betrachtung nicht. Wir sehen nicht auf den Text. Wir sehen auf die Gebärde, womit dieser vorgebracht wurde. Die Schrift ist für uns Graphik, Zeichnung, und unterscheidet sich nur darin von künstlerischer Gestaltung, daß ihre bewußte Absicht auf Mitteilung von Tatsachen, von Meinungen oder Gesinnungen gerichtet ist, nicht aber doch wenigstens nicht in erster Linie auf die Vermittlung schöpferischen Ausdrucks.
Beim Schreiben sind wir an hundert Regeln gebunden, denn eine Schrift muß leserlich bleiben, um ihren nächsten Zweck zu erfüllen. Wir sind also daran unfrei, Konventionen unterworfen, wir handhaben eine Schablone, die Schulvorlage; dieser Umstand widerspricht jener Vorstellung von Freiheit, die mit der Tat künstlerischen Schassens verbunden bleibt. Aber wenn auch unsere Schrift eine geprägte Form ist, so entwickelt sie sich doch lebend; und zwar einmal in dem Sinne, daß kein Mensch imstande ist, diese Schulschablone als Schablone wirklich durchzuhalten; keine zwei Menschen ziehen auch nur einen geraden Strich auf dieselbe Weise. Die Schulvorlage ist nur ein Hilfsmittel, das man zwar gebrauchen muß, worin man aber niemals aufgehen kann. Die persönliche Variation beginnt also mit den ersten Kritzeleien des Kindes, biologisch gesprochen mit seinen Probierbewegungen auf dem Gebiete des Schreibens, bestätigt sich in der ersten Schreibstunde und kommt bei ausgereifter Hebung vollends zur Geltung.
Diese geprägte Form, das heißt die Summe aller individuellen Merkmale in einer Handschrift ist das, daß man ihren Ausdruck nennt Sie entwickelt sich lebend auch im biographischen Sinne: im Wandei der Lebensalter verändert sie sich fortwährend, für jede Stimmung ist sie ein heiterer oder getrübter Spiegel, Krankheiten und Gebrechen zehren an ihr oder schwemmen auf. Vor allem aber enthält sie den Kern einer Persönlichkeit oft verschlossen hinter vielen und harten Schalen, oft aus- strahlend vor aller Augen. Sie ist der Niederschlag des Gewissens, und zeigt in runenfjafter Verkürzung die Vergangenheit eines Menschen und die Entwicklung der Persönlichkeit, schließlich das Ich, seine Geschichte und fein Geschick.
Jahrelange Versenkung in die Welt der Schrift, eine verzichivolle Hingabe an die Gebärde fremden Lebens erschließt uns den Sinn ihrer Bewegungsimpulse, welche die starre Schablone ersaßt, umgeschmolzen, verbogen, kurzum umgestaltet haben. Es bedurfte langer Zeit und tiefer Selbstbesinnung des Geistes auf fein Wesen und Erbe, um den Mut zur Reinheit einer so sehr vorn Inhalte und Texte losgelösten und in diesem Sinne abstrakten Betrachtung zu finden.
Der Graphologe steht einem Kosmos 'reiner Ausdrucksbewegungen und ihrem dauernd feftgelegten Niederschlag in graphischen Formen gegenüber.
Entsprechend der einseitigen Entwicklung der Psychologie von von gestern herrschte auch beim Schriftbetrachter eine einseitig rationauftiW Vorstellung, er unterschätzte den unbewußten Wefensanteil der me'w lichen Natur, verwechselte den praktischen Zweck — mit dem symbolischen Hintergrund und Urgrund der Schrift. Die Grundgesetze, die unseren Schreiben die entscheidende Richtung geben, und Orientierung im Raum aufprägen, sind primitiv, nicht der Logik, sondern der symbolischen rin- schauung entsprungen. .
Wenn wir die Schrift als reines Ausdrucksgebilde betrachten, gem wir in eine bildhafte, vorwifsenfchaftliche Schicht zurück, wofür dasDeme der primitiven Völkerschaften bessere Analogien bietet, als der W“". ' mus unserer Akademien. Wir wiederholen also auf dem Gebiete o Handschrift in gewisser Weise das, was die Volkskunde für das " ständnis früherer Kulturstufen und sogenannter primitiver Menschen s. leistet hat. Wir brauchen den Wilden nicht in Tasmanien zu lu(v >
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