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Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1930 Montag, den 3. November Nummer 85

November.

Von Theodor Kramer.

Feucht dahin geht der Tag und der Abend ist kalt, finster ballt sich der Herbstrauch norm gilbenden Wald; lose haften die Sporen den ©amen nur an, und es schlendert vom Acker das letzte Gespann fort, als zöge es fort von der Erde.

Schmal umrändert ein schwefliges Leuchten den Saum, raschelnd schaukeln die wenigen Nüsse am Baum und die Räder verhallen; nur fern hinterm Hang sackt sich aus den Kartoffeln dumpf bullernder Klang und er endet tief unter der Erde.

Was an Nutzbarem etwa zur Stund nicht gestellt unter Dach ist, verfault über Nacht auf dem Feld; datz man schneiden sie könnte, so dunkel und dicht wird die Nacht, und das draußen noch irrgeht, das Licht, leicht erstickt und verschluckt es die Erde.

Oie Tabaksdose.

Von Frank F. Braun.

Das Antiquitätengeschäft des Herrn James Polkow befand sich in der feinen Ladengegend des Hanover Square. Früher, als Herr Polkow noch einen richtigen gewöhnlichen Trödelladen hatte, war sein Geschäft in Whitechapel gewesen; aber das war lange her, und Herr Polkow er­innerte sich dieser Zeit eigentlich kaum noch.

Am Abend, als diese Geschichte zu spielen begann, saß er in der Wohnung, die sich hinter dem Laden anschloß und las dieTimes". Nicht die Leitartikel interessierten ihn oder die Börse; er las das Vermischte. Und da fiel ihm dann auch sogleich die Anzeige auf, die in fein Fach schlug: Goldene antike Tabaksdose verlorengegangen; da nur Liebhaber­wert, gegen Belohnung abzuliefern Hotel Bristol, Zimmer 207.

Herr Polkow schnitt sich die Annonce aus; es konnte fein, daß der ehrliche Finder" zu ihm, dem bekannten Händler kam und inmomen­taner Geldverlegenheit" sich veranlaßt sah, ein altes Erbstück zu ver­äußern. Aber er irrte sich; es geschah nichts dergleichen. Arn nächsten Abend jedoch fand er an derselben Stelle in derTimes" eine weitere Annonce, die diese Tabaksdose betraf. Der Verlierer schien das Stück wahr­haftig zu vermissen. Es stand da dringlicher die Aufforderung: Goldene Tabaksdose verlorengegangen; Taschenuhrgroß; Monogrammschrift: Friedrich. 100 Pfund Belohnung dem Finder. Hotel Bristol, Zimmer 207.

Herr Polkow begriff; es handelte sich also um ein wertvolles Stück. Friedrich, das war vielleicht der große Preuhenkönig? Er sann noch nach, als ihn die Ladenglocke nach vorne rief.

Ein Mann stand da, blieb nahe der Türe und wartete bis Herr Polkow Licht angedreht hatte, denn es begann schon zu dunkeln.Ver­zeihen Sie", sagte der Fremde,ich habe kein eigentliches Anliegen an Sie; ich wollte Sie nur fragen, ob Ihnen vielleicht in diesen Tagen eine Tabaksdose angeboten worden ist." Ihm schien etwas einzufallen.Mein Marne ist Rey", stellte er sich vor,es handelt sich um eine sehr wertvolle Dose, die Friedrich der Große an Voltaire schenkte. Ich habe für ein staat­liches Museum die Dose in Paris aus einem Nachlaß erworben. Meine Geschäfte führten mich nun auch über London, denken Sie sich, hier ver­schwindet die Dose! Ich kann niemanden verantwortlich machen, denn, wie das so ist, ich weiß nicht, ob ich die Dose verloren habe ober ob sie ent­wendet wurde. Das Hotel Bristol ist ein altes, gutes Haus, ich möchte nicht annehmen, daß das Personal ..." er brach ab, rücksichtslos gegen die Syntax.

Herr Polkow kannte diese nervösen Typen der Gelehrten. Brave Kenner der Materie, aber keine Geschäftsleute. Er verstand hier alles. Sie denken, Herr Professor, daß man mir vielleicht diese Dose anbieten wird?"

Nicht Professor", wehrte Rey ab,Privatgelehrter nur." Er schien erfreut, sich erraten zu sehen.So ist es", sagte er,Ihr Geschäft ist weitbekannt; es könnte gut sein, daß der Mann nehmen wir an, es sei > Finder zu Ihnen kommt."

Nehmen wir an, es sei kein Dieb, sondern ein kleiner Mann, der Ms dem Fund ein Geschäft machen will. Nehmen wir an, er komme zu wir. Was bann?"

Der Privatgelehrte sagte rasch:Dann machen Sie den Mann barauf Msmerksam, daß er einen guten Finderlohn bekommt und schicken Sie M zu mir ins Hotel Bristol, Zimmer 207".

.Das habe ich gelesen", sagte Polkow spöttisch.Der Finder, wenn er London ist, wird es auch gelesen haben. Entweder weiß er, was die ?°fe wirklich wert ist und denkt nicht daran zu verkaufen, oder er will 'le Ms anderen Gründen behalten."

Rey erblaßte.Sie glauben?" rief er entmutigt;was diese Dose wert ist, kann er nicht wissen!"

James Polkow lächelte stärker.Es kann ja fein, daß jemand kommt und mir das Stück vorlegt; wir haben diese Fälle schon erlebt. Ich lasse dann die Polizei rufen und den Mann festnehmen."

Rey fuhr auf.Nicht die Polizei", bat er,ich habe meine Gründe. Schicken Sie den Mann zu mir, sagen Sie ihm, daß ich von einer An­zeige wegen versuchter Fundunterschlagung absehe, daß er auch feinen Finderlohn trotzdem bekommt."

Herr Polkow kniff ein Auge zu. Er meinte zu verstehen. Wahrschein­lich war dies Geschäft des Dosenankaufs auch nicht ganz sauber gewesen. Man scheute das Licht. Gut, ihm sollte das gleich sein.Was habe ich davon?" meinte er trocken.

O", machte Rey,ich kaufe etwas von Ihnen, aus Dankbarkeit. Mein Institut ist immer Abnehmer guter Altertümer; ich werde Sie berück­sichtigen." Polkow neigte den Kopf.Sehr freundlich", sagte er und sprach nichts mehr von Provision, denn wichtiger war, solche Leute, die für Museen einkauften, zu Freunden zu haben, sie sich zu verpflichten.Wie sieht die Dose aus?" forschte er. Rey beschrieb sie ihm ausführlich. Polkow nickte. Sie gaben sich die Hand.Hoffentlich höre ich von Ihnen", meinte Rey,ich will meinerseits ein übriges tun, ich erhöhe den Finderlohn auf 150 Pfund." Er ging. Polkow sah ihm sinnend nach.

Am Abend des nächsten Tages ereignete es sich. Polkow las die Times". Er fand an gewohnter Stelle die Annonce. Rey, über Nacht neuerlich unruhig geworden, hatte den Finderlohn sogar auf 200 Pfund erhöht. Polkow ging an das Telephon; er ließ sich mit dem Hotel Bristol verbinden und verlangte Herrn Ney, Zimmer 207. Er bekam Verbindung. Herr", sagte er,Sie machen das falsch. Nun warten die Leute natürlich ab und hoffen, daß Sie ihre Summe weiterhin erhöhen. Ist das Ihre Absicht?"

Nein", gestand Herr Rey,eigentlich sollte diese Summe genügen; vielleicht, daß ich noch ein paar Pfund zulege ..."Dann warten Sie jetzt ab", forderte Polkow,lassen Sie die Annonce so, wie sie ist; wenn der Finder die Dose abliefern will, genügt der Preis." Herr Rey bedankte sich für den Rat; sie trennten sich wieder.

Ganz kurze Zeit darauf ging bei Herrn Polkow die Ladentür, und ein Herr, gutgekleidet, ohne besondere Merkmale, trat ein und legte eine goldene Tabaksdose auf den Tisch.Kaufen Sie solche Sachen?"

Herr Polkow fühlte sein Herz im Halse schlagen, dort, wo es anato­misch unmöglich sitzen konnte. Er sah die Dose an. Friedrich. Genau das Stück, wie es ihm der Herr Rey beschrieben hatte.Wo haben Sie es her?" fragte er.Ich bin in einer momentanen Geldnot", sagte der Herr nicht ohne Verlegenheit,es ist ein altes Erbstück."Sie können sich aus­weisen?"Nein, zufällig habe ich keine Papiere bei mir, ich glaubte nicht, daß das nötig fei." Herr Polkow sah dem Mann unter den Hutrand. Guter Freund", sagte er,mir machen Sie nichts vor. Sie haben die Dose gestohlen!" Der begann zu zittern.Nicht, nein, nein", wehrte er ab; aber Herr Polkow blieb hart.Jawohl!" rief er,hier, diesem Mann haben Sie die Dose entwendet!" Und er hielt dem Fassungslosen die Times" mit der Annonce unter die Nase. Der Mensch brach zusammen; er deckte die Hand über die Augen.Nicht gestohlen", stammelte er,ge­funden nur. Ich habe die Zeitung nicht gelesen, ach, hätte ich doch diesen Aufruf zu Gesicht bekommen, alles wäre gut gewesen.' Der hohe Finder­lohn! Geben Sie mir diese Dose. Ich will in das Hotel lausen und mir das Geld verdienen."

Herr Polkow hielt die Dose fest.Und ich?" rief er,ich soll mir einen Betrugsversuch gefallen lassen!" Er sann einen Moment nach, dann kam ihm die Idee.Wer weiß, ob Sie überhaupt zu dem Herrn ins Hotel gehen? Vielleicht versuchen Sie es, einen meiner Kollegen zu betrügen!" Der Mann wehrte ab.Ich verspreche Ihnen ..." Mit einer Handbe­wegung schnitt Polkow den ©atz durch.Nichts da", rief er,auf Ihr Versprechen gebe ich nichts. Warten Sie!" Er ging an das Telephon im Nebenzimmer, rief Herrn Rey im Hotel Bristol an und erzählte dem, er habe die Dose um 220 Pfund in der Hand, ob er kaufen wolle; billiger wolle der Mann sie nicht ablaffen. Herr Rey sagte sofort zu.Ich komme sogleich zu Ihnen", sagte er. Polkow ging wieder nach vorn.Ich zahle Ihnen den Finderlohn von 100 Pfund" sagte er,es ist sicherer, ich liefere die Dose ab." Er sah den anderen lauernd an. Hatte jener den Mut, gegen die niedrigere Summe zu opponieren? Ja und nein; der fremde Mann sagte:Der Herr im Hotel wollte mehr zahlen ..." Herr Polkow tat, als schaue er noch einmal in die Zeitung.Richtig", sagte er,Sie sollen 150 Pfund haben." Das war einfach ein Ultimatum; er steckte die Dose ein und holte aus dem Geldschrank im anderen Zimmer drei schöne, saubere 50-Psund-Noten; die gab er dem Fremden. Der steckte sie ein und verlieh mit einem kurzen, nicht sehr beglückten Gruß den Laden.

Polkow schloß sogleich ab. 70 Pfund für nichts und wieder nichts verdient, war ein Geschäft nach feinem Sinn. Er sah die Dose an. Sie war schwer, schien massiv zu sein. Er behielt sie in der Hand, saß im