Ausgabe 
3.10.1930
 
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aus den dunkeln Sykomoren heraus. Von dort her tonte leises, fernes Händeklatschen. Vermutlich veranstalteten einig« Derwische der Gegend mit den Fellahs einen Sikr einen Gebetstanz zu Ehren der heiligen Nacht. In langen, sanften, bald heißen, bald kühlen Stößen zog die Nachtluft durch das Lager, als ob abwechslungsweise die Wüste und das nahe Meer über uns hinatmete. Es war doch ganz anders hier als in Kairo und Schubra: der unverfälschte, träumerische Orient mit seinem halb­schlummernden Leben, seinen geheimnisvollen Kräften, die wir im Westen nur ahnen und nie verstehen werden und die unser Seelenleben trotzdem heute noch beherrschen, meist ohne daß wir es wissen.

Eine orientalische Familiengeschichte.

Ob er wiederkommen wird?" fragte plötzlich Halim nach einem langen, behaglichen Schweigen.

Jnschallah!" erwiderte Rames Dey, und wieder waren beide still und fuhren fort, an den Sternenhimmel Hinaufzurauchen. Nach einiger Zeit begann Halim aufs neu«:

Wenn der alte Ibrahim ben Chursi ihn noch lebend trifft, wird er wiederkommen."

Ich merkt« jetzt, daß sie von dem unglückseligen Pferde sprachen, und wagte zu behaupten, daß es bei meinem Wegreiten von Maraska sichtlich auf dem besten Weg« gewesen sei, sich zu erholen.

Das verstehen Sie nicht, mein Freund!" sagte Halim auffallend mild. Dahinter steckt mehr als Ihr Reiten. Es ist die Macht des Verhängnisses, und ich und El Dogan wissen es."

Ich war sprachlos. War das Ernst? War das derselbe Mann, mit dem ich seit zwei Jahren unzählig« Mal« über Pumpwerke und Eisenbahn­linien, über Politik und Volkswirtschaft, über Materialismus und Pantheis­mus gesprochen und selbst gestritten hatte?

Wieder trat eine lange Pause ein. Aber es war eine jener Nächte, in denen man spürt, ohne zu sprechen, was der Nachbar denkt. Ich wußte, daß Halim Pascha fühlt«, wie ich mich verwunderte, und empfand, daß ihn ein plötzliches Bedürfnis anwandelte, mir mehr zu sagen, als uns orien­talische Herren gewöhnlich mitteilen, sonderlich wenn sie Prinzen sind. Es mochte ein Körnlein Wahrheit in dem sein, was der Tscherkesse gesagt hatte. Es war di« Nacht des Schaaban, und der Mond war aufgegangen. Kamen nicht uns kühleren Nordländern in der Christnacht Gedanken und Gefühle, di« dreihundertundvierundsechzig Tage lang geschlummert haben?

Erinnerst du dich, Rames", sagte der Prinz, ohne sich an mich zu wenden, aber ich war sicher, daß es mir galt:vor zehn Jahren, um dieselbe Nacht, als El Dogan zu mir kam?"

Vergißt man, wenn unser Leben begann?" antwortete Rames Bey.

Plaudern wir davon! Die Nacht ist lang, und vor der fünften Stunde gehen wir heute nicht schlafen. Herr Eyth erzählt mir Wunder von seinen Maschinen, manchmal kaum Glaubliches"

Und doch sind sie wahr!" unterbrach ich ihn, lachend in sein Lächeln einstimmend.

Oder werden es, ohne Zweifel, mein Lieber: wenn nicht heute, so doch morgen. Sie sind ein Mann, der gerne mit der Zukunft spielt, und ich liebe dies kaum weniger als Sie. Aber ich möchte Ihnen heute mit ähnlicher Münze heimzahlen. Auch wir haben unsere Geschichten und unsre Wunder."

Manchmal kaum Glaubliches?" fragte ich; denn ich wußte, Halim verstand einen Scherz.

Manchmal kaum Glaubliches", wiederholte er mit ungewohntem Ernst.Heute nacht sind alle Geschichtenerzähler Kairos an der Arbeit. Sei unser Schaer, Rames Bey. Erzähle uns von El Dogan. Ich höre selbst gerne wieder, wie du's erzählst."

Laß mich erzählen, wie du mich fandest", bat Rames plötzlich auf­lebend.Manchmal ist ein kleiner Mameluck fast so viel wert wie ein großes Pferd."

Er bildet sich viel ein, seitdem er Bey geworden ist", lachte Halim. Wie man Bey wird durch Nilwasserschlucken, das ist auch etwas für eine Vollmondnacht des Schaaban, do chnicht für heute. Erzähle, Rames! Aber langsam! Sonst begreift der Baschmahandi kein Wort, und ich will, daß er verstehe."

Rames Bey begann in seinem stockenden Französisch, manchmal von Halim unterbrochen, wenn ihm dieser halblachend mit einem Wort aushalf oder ein völlig unverständliches Satzgefüge zurechtrllckte. Die wunderliche Sprache mit ihren arabischen Ausrufen stimmte nicht schlecht zur wunderlichen Geschichte, die nicht in jedem Geschichtenbuche zu finden ist.Ich war ein kleiner Junge, vielleicht von drei Jahren, und hatte einen Bruder, der mochte sieben sein. Da wurden wir samt unsrer Mutter von Kurden gefangen und nach Stambul verkauft. Auf dem Wege starb die Mutter. Dies erzählte mein Bruder, der sich der Berge erinnerte, auf denen wir geboren wurden. So mußte er auf der Reise meiner Mutter sein. Ein kleines Mütterchen; aber wir kamen glücklich in Stambul an. Allah wollte es so. Dort kaufte uns ein Händ­ler aus Alexandrien und brachte uns nach Aegypten. Hier in Kairo kaufte uns ein Eunuchenoberst Mohammed Alis, des Bizekönigs, um fünfzehn Beutel, zehn für meinen Bruder, fünf für mich, denn mein Bruder war schon ein anstelliger, flinker Junge und ich ein hübsches Spielzeug. Der große Vizekönig lachte und schenkte uns seinem Lieb­lingsenkel Abbas, deinem Neffen, o Effendini. Meine Mutter schwimmt mit den Fischen im Schwarzen Meer, mein Vater liegt er­schossen in den Schluchten des Kaukasus. Niemand weiß, wer sie waren. Das ist mein Stammbaum und mein Geschlecht."

Verstehen Sie ihn?" fragte Halim.Er wird immer poetisch, wenn er auf sein Tscherkessentum zu sprechen kommt. Dabei läßt er sich nicht dreinreden. Weiter, Ramesl"

Wir hatten es nicht gut bei Abbas, Allah weiß es. Niemand hatte es gut bei dem Lieblingsenkel deines Vaters, o Effendini. Er war gleich einer

bitteren Mandel, schon als Junge. Den einen Tag spielte er mit uns wie «in junger Panther mit Kätzchen, an andern, als wären wir die Söhne von Hunden, und der andern Tage wurden «s immer mehr. Cs kam schlimmer, als ihm fein Großvater das erste Haus gab und sein Harim und einen Garten auf der Insel Roda. Er war noch nicht fünfzehn Jahre alt. Damals besuchte er im Uebermut den Markt, den die Gespenster der Wüste in der dritten Nacht des Aschr* * zu Kairo in der Straße Es-Salibeh abhalten. Wallah, dies ist wahr, o Baschmahandi! Gleich vorn, an der Ecke der Straße, saß ein altes Weib, das Orangen verkaufte, Geister­orangen. @r kaufte drei Stück. Wie sie ihm aber in der Hand zergingen als wären sie Luft, schlug er das alte Weib mit seinem Kurbatsch über den Kopf. Da sei ein zorniger Afrit in ihn gefahren und nicht mehr von ihm gewichen. Du glaubst es nicht, o Baschmahandi? Ich kann dir jetzt noch die Straßenecke zeigen, wo es geschah."

Halim lachte, aber nicht wie er in Kairo gelacht hätte. Ein unerklärliches Gefühl kam auch über mich. War es die Sumpfluft aus dem Burlossee oder der Zauber des Orients, der aus den Torheiten aufftieg, die Rames Bey mit ernsthafter Miene vorbrachte? DasAllahu!"* des Sikrs, den drüben im Dorfe die Fellachin abhielten, rpar deutlich hörbar. Wir alle lauschten, bis der Schrei einer Hyäne einen Sturm von Hundegebell ent­fesselte und Rames Bey aus seiner Träumerei ausweckt«.

In den Gärten auf Roda geschah es", fuhr er fort.Dort verlor ich meinen Bruder, die einzige Seele, die mir von unsern Bergen erzählen konnte. Der junge Pascha hatte zwei Kisten mit Jagdgewehren erhalten, die eine aus London, die andre aus Paris, und ein französischer Händler suchte ihm zu erklären, daß die Büchsen aus Frankreich besser seien als die aus England. Der Afrit war in ihm an jenem Morgen und verzerrte fein junges Gesicht, daß es uns bang« wurde, als er aus dem Harim trat. Wir waren unsrer sechs und noch allzu jung für den Prinzen, wenn sich der Teufel in ihm regte. Er hörte dem Fragzosen zu, ohne ein Wort za sagen, und dieser, nach der Art seiner Landsleute, sand kein Ende. ,Genügt rief er endlich, ,Die suchen , mir das beste Gewehr zu verkaufen. Das werden mir alsbald herausfinden!' Er befahl meinem Bruder, nach dem Nil zu laufen und fein englisches Ruderboot von der Keile zu lösen. Mein Bruder ging. Abbas, unser Herr, nahm dem Franzosen das Gewehr aus der Hand, zielte und schoß dem Knaben durch den Kopf. ,Nicht übel', sagte er, denn mein Bruder lag still und tot, auf halbem Wege nach dem Ufer. ,Jetzt läufst du, klein« Kröte', sagte er zu mir. Ich lies schon. .Mein Bruder! mein Bruder!' Und Abbas griff nach dem englischen Gewehr, während die andern alle zitternd umherstanden. Jeden Augenblick hoffte ich den Knall zu hören. Ich war noch klein, nicht elf Jahre. Aber ich suchte nichts mehr auf der Welt als meinen Bruder."

Es war «ine häßliche Szene", sagt« Halim, finster dreinblickend, zu mir.Der Franzose wurde krank davon und hat nie mehr versucht, meinem Neffen Gewehre aufzuschwatzen."

In diesem Augenblick tratest du in den Garten, o Halim", fuhr Raines Bey, lebhafter und Arabisch sprechend, fort.Du sahst meinen erschossenen Bruder, du sahst mich laufen, du sahst den Pascha mit dem Gewehr im Anschlag, und du sahst den Afrit in seinem Gesicht. Gelobt fei Gott, der dir alles zeigt«, als habe es ein Blitz erhellt. Du schlugst Abbas das Gewehr aus der Hand, und als er es, rot vor Zorn, wieder aufhob, gingst du zu meinem Bruder, hobst mich auf, denn ich lag schon über ihm und drückte die Hand auf das Loch in feinen Kopf, decktest mich mit deinen Armen und riefst: »Schieße jetzt, wenn du willst!" Da warf Abbas Pascha die Flinte weg, ging, ohne ein Wort zu sagen, zurück in das Harim und kam nicht wieder zum Vorschein drei Tage lang. Das, o Baschmahandi, hat unser Herr, Halim Pascha, für einen kleinen Mamelucken getan."

Allah hat es gewollt, o Rames!" sagte Halim mit erzwungener Leichtigkeit.Er brauchte dich. Auch er braucht sein« Mamelucken."

Und wie ging es weiter?" fragte ich;was fing man mit dir an?' Aber sprich Französisch", ermahnt« Halim,es amüsiert mich." Wir begruben meinen Bruder in einem Winkel der Gärten von Roda, am Wasser. Niemand kennt heute fein Grab außer mir. Mich hielten sie versteckt. Ich wurde dem Obergärtner zugewiesen und mußte in den entlegensten Teilen des Parks den andern Gärtnerburschen helfen. Wenn Abbas Pascha sich zeigte, sollte ich mich verstecken. Sie glauben wohl, daß ich gehorchte? Nach drei Wochen begegnete er mir jedoch, ganz unerwartet. »Zeigst du dich wieder, kleine Kröte?' sagte er, ohne zornig zu sein. »Gebt ihm die Bastonade, weil er sich versteckt hat. Dann kannst du meine Pfeifen verwalten, Spitzbube!' Der Afrit war von ihm gewichen auf kurze Jeit. Sie gaben mir fünfundzwanzig auf die Fuß­sohlen; nicht zu schlimm, denn sie gedachten meines Bruders. Dann wurde ich sein Pfeifenverwalter: eine hohe Ehre für meine Jahve, aber gefähr­lich bei einem solchen Herrn. Niemand beneidet mich."

Wieder schwiegen wir. Halim rauchte still vor sich hin. Rames winkte den Leibmameluckn, uns Kaffee zu bringen. Ich lauschte aufs neue dein Hu! hu! hu! aus dem Dorf und sah mir den Sternenhimmel an, an dem der wunderklar« Mond, auf dem man die Berge wie auf einer Land­karte sehen konnte, langsam emporstieg.

(Fortsetzung folgt.)

* Di« ersten zehn Nächte des Jahres heißendas Aschr" und werde" als Feste angesehen. In diesen Nächten sind die Geister besonders reg«, besuchen die Menschen in verschiedenen Gestalten und halten unter r Zusammenkünfte ab.

* Bei den Gebetsreigen (den Sikrs) werden, wie um den Takt der Bewegungen festzuhalten, Ausrufe, wie: Allah! Hu! Allahu!, und anoe nach bestimmten Rhythmen hundertfach wiederholt und scheinen mefeniiu zu der religiösen und nervösen Bewegung beizutragen, die der Iwe der Sikrs ist.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Gieb-"-