Ausgabe 
3.10.1930
 
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Die Untersuchungen, Ne ln einem solchen Falle vorgenommen werden Aiissen, sind äußerst mühevoll und erfordern komplizierte chemische und »Holographische Methoden, führen aber dann sehr häufig zu bemerkens­werten Resultaten. Ueberraschenderweise hat sich bei manchen Obduk- liclien herausgestellt, daß die Geschosse aus verschiedenen Massen stamm- B daß also mehrere Täter oder Schützen beteiligt waren, eine Fest- Icliung, durch die die polizeilichen Untersuchungen und Ermittelungen ii ganz neue Bahnen gelenkt werden. Daß besonders bei Aufruhr und zuslauf solche überraschende Ergebnisse der gerichtlichen Obduktionen »ezeitigt wurden, sei nebenbei erwähnt.

" Die Unterscheidung von Selbstmord und Tötung durch fremde Hand iMt dem geübten Obduzenten im allgemeinen wenig Schwierigkeiten; wir können recht genau sagen, ob ein Schuß aufgesetzt ist, ob seine Lage nd seine Beschaffenheit den gewöhnlichen Erfahrungen bei einem Selbst- Mrde entsprechen. Wir können weiter Ein- und Ausschuß auf das »aueste unterscheiden und können endlich durch unsere Untersuchungen wiegen, aus welcher Entfernung nicht aufgesetzte Schüsse gefallen sind, genn wir Tatwaffe und Tatmunition zur Verfügung haben.

Die sternenförmige Beschaffenheit der Schläfenschußwunde und gewisse Piilvereinsprengungen im Schuhkanal sind bei aufgesetzter Waffe sehr charakteristisch. Sie sind aber auch zuweilen bei Tötung durch fremde Hand aufzufinden, wenn der Täter in der Lage war, den Schuß in dieser Seife zu placieren. So konnten wir in einem bekannten Kriminalfall, kr vor etwa einem halben Jahr die Oeffentlichkeit beschäftigt hat, mit Sicherheit einen der Schüsse auf die beschriebene Weise festlegen und tei einem andern Schuß, der dasselbe Opfer getroffen hatte, mittels Nachweises der Pulvereinsprengungen die Entfernung abschätzen.

Einschuß und Ausschuß können wir in den meisten Fällen leicht Nidurch unterscheiden, daß wir in der Nähe der Einschußwunde mit« geriffene Kleiderfasern dann finden, wenn dos Geschoß Kleidungsstücke tzrchbohrt hatte. Bei unbekleideter Haut gibt wiederum der Radius Jet Pulvereinsprengungen sichere Anhaltspunkte für die Entfernung.

Gelegentlich leistet das Röntgenverfahren bei der Auffindung von Steckschüssen Hervorragendes. Bei der Obduktion einer drei Monate tag vergrabenen Leiche konnten durch die Röntgenuntersuchung in den (tat verwesten Leichenteilen des Rumpfes Geschosse gesichtet und zutage Mdert werden, die sonst nicht gefunden worden wären. Auch in diesem Me war es sogar an den durch Witterungseinflüsse stark mitgenom- «nen Kleidungsstücken noch möglich, durch den Nachweis der Pulver- msprengungen, die im größeren Umfange um die Einschußstelle gelagert raren, nachzuweisen, daß der Betreffende von hinten aus größerer Ent- jernung erschossen worden war. Diese gerichtsärztliche Feststellung wurde nachher durch die Verhandlung bestätigt.

Aehnlich Wichtiges hat die Röntgenuntersuchung in einem Falle Miet, der nach siebenjähriger Grabesruhe zur Obduktion kam. Die ckresiende Person war seinerzeit nach ärztlicher Besichtigung zur Be- tottung freigegeben worden, weil angeblich der Tod infolge Unglücks­ills durch Sturz von der Leiter eingetreten war. In Wahrheit war der Wütete durch den Stiefsohn und dessen Freund anscheinend im Affekt «schossen worden, als er auf der Leiter stand. Später geriet einer der Jäter in Streitigkeiten mit seiner Ehefrau, die in ihrem Merger Anzeige «stattete. Als nun die gerichtliche Ausgrabung und später die Obduktion «folgte, gelang es bei Anwendung besonderer Technik, das Geschoß in kn Skelettrümmern aufzufinden und außerdem eine Schädelverletzung zu entdecken, die einen ganz leicht blaugrauen Saum hatte. Bei näherer chemischer Untersuchung erwies sich dieser Saum als bleihaltig: er war iiurd) das Anstreifen des Geschosses entstanden. In dem gerichtsärztlichen Wachten konnte der mutmaßliche Hergang nunmehr ziemlich genau Mildert werden. Er wurde durch die Gerichtsverhandlung vollkommen kjtätigt, so daß Verurteilung beider Täter erfolgen mußte.

Bei Schuhverletzungen spielen mitunter Blutflecke auf den Kleidern bes Getöteten oder des Täters eine erhebliche Rolle. Daß es heutzutage leine Mühe mehr macht, Menschenblut von Tierblut im allgemeinen ein« nxmdfrei zu unterscheiden, ist ja bekannt. Wichtiger ist, daß durch die Alitgruppenuntersuchung auch oft zu klären ist, ob Blutflecke vom Ge­löteten oder von einer verdächtigen Person herrühren, natürlich nur dann, Win beide Personen verschiedenen Blutgruppen angehören. Diese Unter­suchung der Blutgruppen, von denen man bekanntlich vier Hauptgruppen unterscheidet, hat vor etwa einem Jahr in einem Aufsehen erregenden klrasprozeß Wesentliches zur Aufklärung des Sachverhalts beigetragen. Ofi genug ist es möglich, in der geballten Faust der Leiche Haare zu «decken, die zur Aufklärung der Täterschaft führen können. Manchmal Imin Pulverschmauch an den Fingern der rechten Hand überzeugend chüun, daß Selbstmord vorliegt, wenn andere Zeichen der Selbstver- Ichung ausnahmsweise fehlen.

Eine Besonderheit der Obduktion ist die Aufdeckung der Luftembolie herzen, die sehr häusig zu plötzlichem Tode führt. In neuerer Zeit W es gelungen, in frischen Fällen den Sauerstoff der Luft als solchen «chzuweisen und Fäulnisgase, die mitunter täuschen können, aus= iWießen. Ich habe über dieses Thema eine Reihe wissenschaftlicher ^Handlungen veröffentlicht und außerdem ein Verfahren angegeben, Analytisch den Sauerstoff in der Lunge nachzuweisen, wodurch ein fltf Weg eröffnet wurde zur Entscheidung, ob ein Kind nach der Mburj gelebt hat oder nicht.

Ein wichtiges Feld gerichtsärztlicher Betätigung bildet nämlich die Wiärung der Kindesmorde. Bei diesen kommt es vor allem darauf an, ^ entscheiden, ob das Kind gelebt hat oder nicht, ob es neugeboren, e'i und lebensfähig war. Da gelegentlich die Lungenschwimmprobe, die !'..eiwa 400 Jahren bekannt ist, wegen der Bildung von Fäulnisgasen "sicher ist, muß häufig die mikroskopische Untersuchung der Lungen mangezogen werden, die meistens nach der einen oder anderen Rich- J1,9 weiter hilft. Die gasanalytische Lungenuntersuchung ist dann in wen Fällen ine willkommene Ergänzung.

tau l!pt ist es ja Aufgabe des Gerichtsarztes, in durchaus unpar- i tlll Weife den Sachverhalt zu klären, gleichgültig, ob feine Tätigkeit I "stend ober belastend wirkt. Es kommt z. B. häusig vor, daß irgend­

ein vager Verdacht auf Vergiftung durch die gerichtliche Obduktion besei­tigt wird, indem ein Schlaganfall, ein schweres Herzleiden oder ähnlich schwere Erkrankungen so überzeugend nachgewiesen werden können, daß jeder andere Verdacht entfällt. Eine Reihe bekannter Vergiftungen haben so charakteristische Merkmale, daß negative Obduktionsergebnisfe in dieser Richtung von größtem Werte sind. Von den gasförmigen Vergiftungen z. B. bewirken die Kohlenoxyd- bzw. Leuchtgasvergiftungen sehr charak­teristische Befunde im Üeichenblut, die durch spektroskopische und chemische Untersuchungen sehr schnell weiter feftgelegt werden können. In anderen Fällen erkennt der Geübte an den Organen einen charakteristischen Geruch, so etwa bei Vergiftungen mit Zyankali; auch der Alkoholgenuß und Chloroform- und Aethervergiftungen bewirken charakteristische Gerüche, die dann meist auf die richtige Spur führen.

Im Falle der Minna L., die Anfang 1929 zur gerichtlichen Obduktion kam, konnte schon bei der Leichenöffnung der vorangegangene Alkohol­genuß festgestellt werden. Grade dieser Fall war ganz besonders dazu angetan, die Wichtigkeit gerichtsärztlicher Untersuchungen und Leichen­öffnungen ins rechte Licht zu setzen. Denn an der Toten, die eines Tages im Grünewald gefunden wurde, war äußerlich nichts zu bemerken, was auf eine gewaltsame Tötung hätte Hinweisen können. Erst die genaue Untersuchung der inneren Halsorgane ließ den Verdacht auf Erwürgen auffteigen, der dann zur Ermittlung des Täters und zu seinem Geständnis führte. Und so möchte ich mit diesem Fall, in dem ausschließlich Ne gerichtsärztliche Wissenschaft den Anstoß zur polizeilichen Ermittlung geben konnte, als entsprechendstem Beispiel schließen.

Dunkle Blätter.

Aus dem Taschenbuch eines deutschen Ingenieurs.

Von Max Eyth.

(Fortsetzung.)

Wenn ihr heute etwas für mich tun wollt", sagte dazwischen Halim, so reitet über Maraska. Es liegt fast auf euerm Wege. Dort findet ihr ein krankes Pferd: El Dogan, meinen Liebling. Du kennst ihn, o Ibrahim, und wirst wissen, ob Gott seine Krankheit geschickt hat oder ein Asrit ihn verfolgt. Seht nach dem Tier und schickt es mir gesund zurück."

Gott sei gepriesen," sagte der Alte,daß er deine Gedanken lenkte und wir dir dienen können. Wenn die Kunst, die die Wüste lehrt, das Tier erretten kann, so siehst du es morgen gesund und munter vor deinem Zelt. Lebe wohl."

Sie hatten zum zehntenmal schon Lebewohl gesagt und schienen aufs neue beginnen zu wollen, als Halim Pascha feinem Adjutanten Rarnes Bey, mit dem ich im Schatten der Zelte stand, winkte und drei Finger in die Höhe hob. Rarnes ging rasch in das Zelt des Paschas, kam mit drei gewichtigen Beuteln-heraus, die er zu den Pferden der Beduinen trug und, soweit ich im Lichte der elenden Laternen sehen konnte, in die Sattel­tasche der größeren Stute steckte.

Jetzt erst wurde es wirklich ernst mit dem Abschied. Die zwei Sohne der Wüste rissen ihre Lanzen aus dem Boden, schwangen sich in ihre Sättel, vermummten sich in ihre Kops- und Gesichtstücher noch etwas sorgfältiger als zuvor und trabten in die finstere Nacht hinaus. Halim Pascha sah ihnen eine Minute lang nachdenklich nach, warf feinen Burnus von den Schultern, drehte sich auf dem Absatz um, lachte ein eigentüm­liches, halb verlegenes Lachen und rief, in Ne Hände klatschend: Mangeons!"

Im Küchenzelt wurde es lebendig. Die sechs Leibmamelucken eilten herbei, jeder mit einem Teil des erforderlichen Tischgerätes bewaffnet. Die Vorbereitungen zur Mahlzeit nahmen nicht mehr als drei Minuten in Anspruch. Ein achteckiges, zierlich eingelegtes, kaum einen halben Meter hohes Tischchen wurde in die Mitte des Teppichs gestellt, ein rundes Breit aus Messingblech darauf gelegt, auf dieses drei flache, tellergrotze Brote und neben dieselben ein hölzerner Löffel und eine kleine goldgestickte Serviette. Einer der Mamelucken reichte uns feierlich ein großes Kupfer­becken und goß Wasser über unsre Hände. Es sollte, wie aus all dem hervorging, korrekt arabisch gespeist werden; schon der bedenkliche Mangel an Weingläsern ließ darüber keinen Zweifel. Wir ließen uns vor dem Tischchen nieder.

Ich hatte nicht zum erstenmal die Ehre, mit Halim Pascha in dieser für uns Europäer etwas unbehaglichen Weise die Freuden der Tafel zu genießen. In Schubra wurde nach den Regeln des Westens gesessen und gegessen, wenigstens außerhalb des Harims. Auf der Jagd oder bei feinen Rundreisen im Lande wurde die in mancher Beziehung bequemere Landes­sitte beobachtet. Halim war hierbei gewöhnlich ein Meister heiterer Liebenswürdigkeit und freute sich an der Ungeschicklichkeit und dem Mangel arabischer Gesittung seiner Gäste aus dem Abendlande. Heute war er aus­nahmsweise in sich gekehrt und schien Minuten lang auf das lärmende Zirpen der Grillen, das Quoten der Frösche und das ferne Gebell der Dorfhunde zu hören, welche die Nachtstille unter sich verteilt hatten. Rarnes Bey ahmte feinem Herrn getreulich nach, und so kamen wir an Ne den Schluß des Mahles bezeichnende unvermeidliche Reisfchüffel, ohne daß der Eindruck des nächtlichen Wanderbildes durch Gespräche über französische Kunst, englische Erfindungen ober deutsche und arabische Philo­sophie gestört wurde, wie dies sonst wohl der Fall war.

Tischchen und Geschirr die aus Brot bestehenden Teller waren oer= -ehrt verschwanden ebenso rasch, als sie gekommen wären. Die Mame­lucken brachten noch ein halbes Dutzend Kissen und Polster aus Halims Zelt, so daß es sich jeder so bequem als möglich machen konnte. Halims Tschibuk wurde frisch angezündet und glimmte wie ein Glühwürmchen im Dunkel. Karnes Bey steckte sich auf des Paschas Wink eine Zigarre an, und ich als Nichtraucher sah zu> wie die volle Mondscheibe riesengroß am fernen Horizont aufstieg. Der etwas erhöhte Standort des Lagers gestattete einen freien Blick über die nächste Umgebung. Es war ein Bild pracht­voller Einsamkeit. Fast taghell lag die gewaltige Fläche vor uns, über deren nördlicher Hälfte ein zarter weißer Dunst wie ein Schleier langsam hin und her wogte. Das Minarett von Kassr-Schech schimmerte grünlich