Ausgabe 
3.3.1930
 
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erblickte sie ihn In der Helle der Dämmerung und erinnerte sich dann ohne Schmerz, sondern voller Ruhe der geschwundenen Tage und nichts­sagenden Handlungen bis m ihre geringsten Einzelheiten hinein.

Da sie mit niemandem verkehrte, lebte sie in einer Schlafwandler­stumpfheit dahin. Die Prozessionen am Fronleichnamsfest munterten sie auf. Sie bettelte bei den Nachbarn Wachskerzen und Schilfmatten zu­sammen, um den Ruhealtar auszuschmücken, den man in der Straße errichtete.

In der Kirche betrachtete sie immer den heiligen Geist und bemerkte, daß er etwas von dem Papagei hatte. Die Aehnlichkelt schien ihr noch deutlicher aus einem (Spinaler Bilderbogen zu sein, welcher die Taufe un­seres Herrn Jesus Christus darstellte. Mit seinen Purpurflügeln und sei­nem Smaragdkleid war er wirklich das Abbild Lulus. Nachdem sie ihn gekauft hatte, hängte sie ihn an den Plast des Grafen von Artois so daß sie sie mit demselben Blick zusammen sah. Sie vereinigten sich in ihrer Vorstellung, der Papagei wurde geheiligt durch diese Beziehung mit dem heiligen Geist, der in ihren Augen nun lebendiger wurde und verständ­licher. Gott Vater hatte, um zu sprechen, gar keine Taube wählen können, da diese Tiere keine Stimme haben, sondern vielmehr einen Vorfahren Lulus. Und Felicitas betete, indem sie das Bild anschaute, wendete sich aber von Zeit zu Zeit etwas nach dem Vogel hin.

Sie hatte Lust, in den Orden der heiligen Jungfrau zu treten. Frau Aubain brachte sie davon ab. Ein wichtiges Ereignis stellte sich ein: die Verheiratung Pauls.

Nachdem er zuerst Notariatsgehilfe, bann beim Handel, beim Zoll und bei der Steuer gewesen war und sich sogar bei der Forst- und Wasserver­waltung zu bemühen angefangen hatte, entdeckte er plötzlich mit sechs- unddreißig Jahren durch eine Eingebung des Himmels seine Bestimmung: die Registratur, und offenbarte so hohe Fähigkeiten, daß ein Kontrolleur ihm seine Tochter zusammen mit dem Versprechen seiner Protektion an­geboten hatte.

Paul, der ernst geworden war, führte sie seiner Mutter zu.

Sie verspottete die Gebräuche von Pont-l'Evöque, spielte die Prin­zessin und kränkte Felicitas. Frau Aubain empfand eine Erleichterung bei ihrer Abreise.

In der Woche darauf erfuhr man von dem Tode des Herrn Bourais, der in der Bretagne in einem Gasthause stattgefunden hatte. Das Gerücht von einem Selbstmorde bestätigte sich, und es erhoben sich Zweifel an seiner Rechtschaffenheit. Frau Aubain sah ihre Abrechnungen durch und verfehlte nicht, die lange Reihe seiner Verruchtheiten zu entdecken: Unter­schlagung von Zinsen, heimliche Holzverkäufe, gefälschte Quittungen usw. Ueberbies hatte er ein natürliches Kind undBeziehungen zu einer Frauensperson in DozulS" gehabt.

Diese Schändlichkeiten betrübten sie sehr. Im Monat März 1853 wurde sie von einem Schmerz in der Brust befallen, ihre Zunge erschien wie mit Rauch belegt, die Blutegel beseitigten die Beklemmungen nicht mehr, und am neunten Abend verschied sie genau im Alter von zweiundsiebzig Jahren.

Man hielt sie für weniger alt wegen ihrer braunen Haare, deren Flechten ihr blasses, blatternarbiges Antlitz umrahmten. Wenige Freunde betrauerten sie, da ihr Benehmen von einem Stolz gewesen war, der fernhtelt.

Felicitas beweinte sie mehr, als man Brotherren beweint. Daß die gnädige Frau vor ihr gestorben war, das verwirrte ihre Gedanken und erschien ihr der Ordnung der Dinge zuwider, unzulässig und unnatürlich.

Zehn Tage später (die Zeit, um von Besanqon herbeizueilen) tarnen die Erben an. Die Schwiegertochter durchwühlte die Schubladen, wählte Möbel aus, verkaufte die anderen, und bann kehrten sie zur Registratur zurück.

Der Lehnsessel der gnädigen Frau, ihr Nähtisch, ihr Fußwärmer und die acht Stühle waren fort! Die Stelle der Kupferstiche zeichnete sich in gelben Vierecken mitten auf der Vertäfelung ab. Sie hatten die beiden Bettchen und ihre Matratzen mitgenommen, und in dem Wandschrank sah man nichts mehr von allen Siebensachen Birginies! Felicitas ging, trunken vor Traurigkeit, zwischen den Stockwerken hin und her.

Am anderen Morgen klebte an der Tür ein Zettel, der Apotheker schrie ihr ins Ohr, baß das Haus zu verkaufen fei.

Sie wankte und war gezwungen sich zu fetzen. Was sie vor allem trostlos machte, war der Gedanke, ihre Kammer zu verlassen, die so be­quem für den armen Sulu war. Sie umklammerte ihn mit einem Blick voller Bangen, flehte zum heiligen Geist und nahm die götzendienerische Gewohnheit an, ihre Gebete kisiend vor dem Papagei zu sprechen. Manch­mal traf die Sonne, die durch die Dachluke fiel, sein Glasauge und ließ daraus einen breiten leuchtenden Strahl hervorschießen, der sie in Ver­zückung versetzte. Sie bekam eine Rente von dreihunbertunbachtzig Fran­ken, bie ihr ihre Herrin vermacht hatte. Der Garten versah sie mit Ge­müsen. Was die Kleiber unbelangte, so besaß sie deren genug bis ans Ende ihrer Tage, und die Beleuchtung ersparte sie, indem sie sich mit dem Einbrechen der Dämmerung schlafen legte.

Sie ging kaum aus, um den Laden des Trödlers zu vermeiden, wo einige der alten Möbel standen. Seit ihrem Ohnmachtsanfall schleppte sie ein Bein, und da ihre Kräfte abnahmen, kam Mutter Simon, die ihr Vermögen im Kolonialwarenhandel verloren hatte, jeden Morgen bas Holz spalten unb Wasser pumpen.

Aus Angst, man könne sie heraussetzen, forderte Felicitas keine Aus­besserung. Die Satten des Daches faulten, während eines ganzen Winters war ihr Bett durchnäßt. Nach Ostern spie sie Blut. Da nahm Mutter Simon zu einem Arzt ihre Zuflucht. Felicitas wollte wissen, was sie hätte. Da sie aber zu taub war, um zu verstehen, drang nur ein einziges Wort zu ihr:Lungenentzündung."

Das Wort war ihr bekannt, und sie erwiderte leise:Ah, wie die gnädige Frau." Sie fand es natürlich, ihrer Herrin zu folgen.

Die Zeit der Ruhealtäre war nahe.

Der erste befand sich stets am Fuße des Hügels, der zweite vor der Post, der dritte ungefähr in der Mitte der Straße. Wegen dieses letzten

gab es Eifersüchteleien, und die Frauen des Kirchspiels erroäMton schließ­lich den Hof der Frau Aubain.

Die Beklemmungen und bas Fieber steigerten sich. Felicilas gmmte sich, baß sie nichts für den Altar tun konnte. Wenn sie wenigstens etwas hätte Herausstellen können! Da buchte sie an den Papagei. Das würde nicht schicklich sein, entgegneten die Nachbarinnen. Aber der Pfarrer gab bie Erlaubnis; sie war barüber so glücklich, baß sie ihn bat, wenn sie tot sein würbe, ßulu, ihren einzigen Reichtum, von ihr anzunehmen.

Von Dienstag bis Samstag, den Tag vor Fronleichnam, hustete sie häufiger. Am Abend war ihr Gesicht verzerrt, ihre Zunge klebte am Gaumen fest, sie mußte sich wiederholt erbrechen, unb am anberen Mor­gen lieh sie bei Tagesanbruch einen Priester holen, da sie sich sehr schwach fühlte.

Drei alte Frauen waren während der letzten Salbung bei ihr. Dann erklärte sie, daß sie Fabu sprechen müsse.

Er kam in Sonntagskleidern und fühlte sich unbehaglich in dieser düsteren Atmosphäre.

Vergebt mir," sagte sie unb machte eine Anstrengung, ben Arm aus» zustrecken,ich glaubte, ihr hättet ihn getötet."

Was sollte ein berartiges Geschwätz? Ihn im Verdacht des Mordes gehabt zu haben, einen Mann wie ihn! unb er würbe böse unb fing an Lärm zu machen.Sie ist nicht mehr bei Sinnen, ihr seht es doch!"

Von Zeit zu Zeit sprach Felicitas mit Schatten. Die alten Weiber gingen fort. Die Simon frühstückte.

Etwas später nahm sie Sulu unb näherte ihn Felicitas:

Wohlan, sage ihm Lebewohl!"

Obgleich er kein Aas war, zerfraßen ihn boch die Würmer; einer seiner Flügel war gebrochen, unb bie Hede quoll aus seinem Leib hervor. Sie aber küßte ihn, schon ganz blinb, auf die Stirn und lehnte ihn gegen ihre Wange. Die Simon nahm ihn fort, um ihn auf ben Altar zu tragen.

Die Gräser strömten Sommerbuft aus. Fliegen summten, bie Sonne glitzerte auf dem Fluß unb erhitzte bie Schieferplatten. Mutter Simon, die ins Zimmer getreten war, schlief sanft ein.

Glockenschläge erweckten sie; der Vesperdienst war zu Ende. Felicitas' Fieber fiel. Während sie an bie Prozession dachte, sah sie sie vor sich, als wenn sie ihr gefolgt wäre.

Alle Schulkinder, bie Sänger unb die Feuerwehrleute gingen auf den Bürgersteigen, während in der Mitte der Straße vorangingen: zunächst der Schweizer, bewaffnet mit feiner Hellebarde, dann der Küster mit einem großen Kreuz, der Lehrer, die Knaben bewachend, und die Nonne, ängst­lich um ihre kleinen Mädchen besorgt; drei der allerkleinsten, bie wie Engel zurechtgemacht waren, warfen Rosenblälter in bie Lust, der Diatonus dämpfte mit ausgeftreeften Armen die Musik, und zwei Weih­rauchschwenker drehten sich bei jedem Schritte nach dem heiligen Sakra­mente um, das der Herr Pfarrer unter einem von vier Kirchenvorstehern gehaltenen Baldachine aus feuerrotem Sammet in seiner schönen Kapsel dahintrug. Eine Menschenwoge drängte sich dahinter an den weißen Tüchern vorbei, die die Mauern der Häuser bedeckten, unb endlich kam man am Fuße des Hügels an.

Ein kalter Schweiß feuchtete Felicitas' Schläfen. Die Simon trocknete sie mit einem Sinnen ab und sagte sich, daß auch sie eines Tages da hin- : durch müßte

Das Summen der Menge wuchs, war einen Augenblick lang sehr laut, entfernte sich bann.

Eine Gewehrsaloe erschütterte bie Scheiben. Das waren bie Post- knechte, bie bie Monstranz grüßten. Felicitas rollte ihre Augen unb sagte, fo teile sie konnte, voller Sorge um ben Papagei:

Steht er gut?" j»

Ihr Tobeskampf begann. Ein immer schnelleres Röcheln blähte ihr die Seiten. Schaumblafen traten in ihre Mundwinkel, und ihr ganzer Körper zitterte.

Bald unterschied man deutlich das Schnarren der Klapphörner, die hellen Stimmen der Kinder, die tiefe Stimme der Männer. Alle schwie­gen in bestimmten Zwischenräumen, und das Trappeln der Schritte, welches Blumen dämpften, klang wie das Geräusch einer Herde auf Rasen.

Die Geistlichkeit erschien in dem Hof. Die Simon kletterte auf einen Stuhl, um die Dachluke zu erreichen, und übersah auf diese Weise den Zug

Grüne Gewinde hingen über den mit einem Saum aus englischer Spitze geschmückten Altar. In der Mitte stand ein kleiner Rahmen, der Reliquien einschloß, zwei Orangenbäume standen an den Ecken unb in der ganzen Breite silberne Leuchter unb Porzellanvasen, in denen Sonnen­blumen, Lilien, Pfingstrosen, Fingerhüte und Hortensienbüschel ragten. Dieser Berg strahlender Farben fiel von der ersten Stufe bis auf den Teppich schräg ob, verlängerte sich auf dem Pflaster, und seltene Gegen­stände zogen die Augen auf sich. Eine Zuckerschale trug einen Veilchen­kranz, Ohrgehänge aus Alenconer Steinen glitzerten auf Moos, uns zwei chinesische Schirme prunkten mit ihren Landschaften. Sulu zeigte, unter Rosen versteckt, nur seine Stirn gleich einem kleinen Schilde aus Lapislazuli. De Kirchenvorsteher, die Sänger unb bie Kinder reihten R an ben drei Seiten des Hofes. Der Priester erstieg langsam die Stufen unb stellte feine große, strahlende Goldsonne auf bie Spitzendecke. ® knieten nieder. Eine große Stille trat ein. Unb die Weihrauchfässer flirrten in vollem Schwünge an ihren Ketten. , . E

Ein stahlblauer Rauch drang in Felicitas' Zimmer. Sie streckte ihre Nasenlöcher vor unb sog ihn mit einer schwärmerischen Wollust ein, dann schloß sie die Augen. Ihre Sippen lächelten. Die Schläge ihres Herzens verlangsamten sich einer nach dem anderen, wurden jedesmal unbestimmtes, sanfter, wie eine Quelle, die versiegt, wie ein Echo, das verklingt, und als sie ihren letzten Atem aushauchte, glaubte sie in dem weitaufgetane» Himmel einen riesenhaften Papagei zu sehen, der über ihrem Haup" schwebte. ___

Verantwortlich; Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Univcrsitäts--Vuch- unb Stein.druckerei, A. Lange, Giebeu-