Ausgabe 
3.3.1930
 
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feinen Leuten und der verlogenen kultivierten Gesellschaft. Dl« Romantiker sind ihm in dieser Thronerhebung des Hanswursts gefolgt, und so lebt seine Gestalt weiter in allen großen Werken des Humors.

Fafchingsbummel im Elsaß.

Von Helene Schede.

Langsam zwar, aber doch siegreich, zieht Prinz Karneval ins Elsaß ein, setzt den politisierenden Bürgern den Schalk in den Nacken und macht aus ein paar blaue, selige Stunden allem Griesgram und Philistertum ein Ende. Frühlingswarm lacht die Sonne aus ihrem Fastnachtshimmel, spinnt goldene Fäden um die knorrigen Kastanien an den stillen Staden, liegt satt und breit über dem Kleberplatz, der sich so heiter und hell, so harmonisch geschlossen den Bauten aus deutscher und französischer Ver­gangenheit einfügt. Die Aubette, vor deren Barockfassade einst die Kom­mandorufe der wechselnden deutschen Wache erklangen, flammt in rotem Sandstein. Aufjauchzend steigt das Münster über die hohen, schmalbrüsti­gen Häuser, die seit Jahrhunderten nur aus zwei enganeinandergesetzten Brillenaugen auf die Welt zu ihren Füßen blicken. Vergangenheit ver­weilt auf allen Schwellen, sitzt an erkalteten Kaminen, schlingt Rosen­ranken um verschwiegene Alkoven, während draußen das Leben mit klin­genden Schellenkappen und wehenden Bändern vorüberrauscht.

Der Fünf-Uhr-Bummel vom G-utenbergdenkmal durch die lustige Bu­denwelt der Gewerbslauben über dem Kleberplatz nach der Meisengasse ist in der Vorfaschingszeit noch belebter als sonst. Auf und ab wogt die Menge, lachend, plaudernd, als stünden die knirschenden Malsteine des Lebens still, als habe sich der Alltag mit feinen Sorgen und Unzuläng­lichkeiten in roten Tarlatan gehüllt und die schleppenden Filzpantoffeln mit dem Brokatschuh einer Märchenprinzessin vertauscht.

In den großen Geschäften hat die naheFasenacht" ihren Farben­rausch entfaltet. Paris stößt in seinen Filialen mit viel Geschick allerhand ab, was dort schon ein wenigvieux jeu" ist, von den Straßburgern aber mit Begeisterung alsle dernier cri" ausgenommen wird. In Gold- und Silberkaskaden wallen die Stoffe herab. Kyisternde Seide breitet sich im Funkeln der Lichter zu seltsam irisierenden Fächern. Lockend, versührerisch flattern die Bänder, wippen die langen, zart getönten Straußenfedern. Schuhe aus schillerndem Brokat, unirdisch fast, harren der schlanken Frauenfessel, die sie umspannen werden.

Kunterbunt stehen die Masken in den Auslagen. Bleiche Pierrots, die vielleicht im Mondschein schmachtende Liebesbriefe schreiben werden, Ko­lombinen, Harlekins, Dominos. Dazwischen die bekannten, bodenständigen Typen, das Gänseliesel in Holzschuhen, kurz geschürzt, mit fliegendem Haar, die Elsässerin in reicher Tracht, feuerrotem Rock, blumendurch- wirktem Mieder und schwarzer Flügelhaube. Neben ihr in zärtlicher Um­schlingung, genau wie auf allen Postkarten, Reiseandenken, Reklamebil- dern, die Lothringerin in schneeweißer- Spitzenhaube. In dieser Gesell- schast fühlt sich der'Hahn im Korb", der junge, von allen Dorfschönen umschmeichelte Bauer mit seinem kurzen Frack, dem runden schwarzen Hut und der flammend roten Weste durchaus geborgen, während er in der Rolle desHans im Schnokeloch", dem Typus des ewig unzufriedenen Elsässers, teilnahmslos alle Freuden des Faschings an sich vorüberrauschen läßt.

In den Konditoreien türmen sich zu Bergen die charakteristischen Fast­nachtskuchen, dieKiachla" undFantaisies", die sich im schwimmenden Schmalz zu den phantasievollsten Gebilden ringeln. Daneben liegen in seidenweichen Umhüllungen, bunt bebändert, mit baumelnden Herzen und Sternen die Knallbonbons, dieCosaques", in deren Innern sich neben einer Zündschnur allerhand Ueberraschungen und Orakelsprüche ver­bergen. Ferne Kindertage werden lebendig. Tränen, die man vergoß, weil die störrischen und gänzlich unmilitärischen Kosaken nicht knallen wollten, und Tränen, weil sie doch unverhofftlosgepetzt" waren und die Finger verbrannt hatten.

Fliegend« Händler bieten ihre Ware feil.Luftschlangen! Konfetti! Des Cocardes! Un mari pour Mademoiselle!" Und dann, damit die Kultur ja nicht zu kurz kommt:Brüche Sie nichts, Modom? 's esch olles holwer g'fchenkt! Pour vos beaux yeux und für e poor Franke!" und er breitet vor Madames bewundernden Augen seine Schätze aus Gold und Edelsteinen aus.

Plakate laden mit Bildern und lockenden Inschriften zu festlichen Ver­anstaltungen, Dancings, Bals mesques ein. Es ist ganz einerlei, ob die Eintrittskarte drei oder dreißig Franken kostet.M'r lochen uns kapüt! On samusera!"finb die magischen Worte, die die Geldbeutel öffnen und die Säle füllen. Ueberall in den kleinen Weinkneipen, beim Hühnerloch, im Roten Männle, im Lohkäs, beim ehmaligen Saubauern oder in den vor­nehmen, von Künstlern ausgestatteten Räumen der großen Hotels geht es lustig zu, schaukeln die Girlanden, glühen die Farben, wirbeln die Paare.

All« Cafes am Kleberplatz sind bis auf den letzten Platz besetzt. Ein« klein« Kapelle spielt unter freiem Himmel, und die Menge fällt in im­mer neuer Begeisterung in die Pariser Schlager ein:

Sous le ciel joli De Nagasaki Ce fut le bonheur Un reve enchanteur!"

«"Escht. Man möchte tanzen. Bunte Konfettisterne wirbeln durch die <u(t. Papierschlangen schnellen empor. Unbewegt, in martialischer Hal- tung, von einer schweigenden Sphinx bewacht, steht nur der arme Ge­neral Kleber, der in dieser Stunde alle seine Orden und afrikanischen «lege hergcben würde, um mit dem Prinz Karneval durch Straßburgs ölte Gassen zu tollen.

Nicht minder lustig und ausgelassen geht es vor den Toren der Stadt, m den altberühmten Wirtschaften an den Ufern der Jll und draußen aus ^em Dorf zu. Hier trägt der lockere Prinz um die Lenden denCordon oieu , das Abzeichen der Küchenfee, und auf der Schellenkappe die Kon- oltormütze. Das wissen die gutenSteckelburger" wie kein andres Vergnü­

gen zu schätzen und ziehen in Scharen aufs Land, um sichbis m'r ver- knelle" an denFasenachtskiachm" satt zu essen.

Ueberall in allen Hösen und Wirtschaften werden zu Hunderten diese viel gepriesenen und ost besungenen Kuchen gebacken. Vor dampfenden Kesseln stehen die drallen Bäuerinnen, schöpfen mit kundigen Händen aus Riesenschüsseln den dottergelben, gleißenden Teig und gießen ihn in das jäh aufwallende, zischende Fett. Berge von goldbraunen, knusperigen Kuchen bauen sich aus Schüsseln und Platten auf. Sämtliche verfügbare Geräte werden mobil gemacht, um die köstliche Ernte zu bergen. Durch Türen, Fenster, durch alle Fugen und Ritzen dringt der heimatliche Duft von brotzelnder Butter, Kuchen und Zimt, fächelt schon aus der Dorfftraße dem Einkehrenden einen Willkommensgruß entgegen.

Der Bauer lädt zu denBürekiachla" fein« ganze Sippschaft ein. Un­erhörtes leisten die Magen. Da kommt kein Städter mit. Aus nie sich er­schöpfenden Tiefen werden immer neue Schüsseln ausgetragen. Nach dem ersten Angriff trinkt man, um weiterem Nachschub Platz zu schassen, ein altes Kirschwasser oder einen nicht minder wirksamen Nutzlikör, den das Volk in einer drolligen Umbildung des französischeneau de noyaux" kurzerhandLodiolo" nennt. Mit andächtiger Hingebung verzehren die Burschen dieJungfernkiachla", die ihnen ihre Mädchen selber gebacken haben. Da Liebe und Treue nach der Zahl der vertilgten Kuchen bemessen werden, kennt der Appetit keine Grenzen.

Spät, wenn am Himmel längst die goldnen Laternen blinken, nimmt derBürekaffee" ein Ende. Jeder ist gesättigt. Mit sich und der Welt zufrieden. Man hat feuerrote Köpfe bekommen, und das Herz schlägt etwas rascher als sonst. Es gibt dann kein Verweilen mehr.Gegessen, gesoffen und weiter geloffen!" sagt der Bauer. Völlig unbeschwert, mit nur" ein paar faustdicker Kuchen im Leib, kehrt er in den eignen Hof zurück.

Ein schlichtes Herz.

Erzählung von Gustave F l a u b e r t.

(Schluß.)

Er schrieb nach Le Havre. Ein gewisser Fellacher befaßte sich mit sol­chen Arbeiten. Do aber Pakets in der Post bisweilen verloren gingen» beschloß sie, ihn eigenhändig bis Honfleur zu tragen.

Die Apfelbäume standen blätterlos zu beiden Seiten des Weges. Cis bedeckte die Gräben. Hunde bellten in der Nähe der Gehöste. Sie schritt, die Hände unter ihrem Mantel, mit ihren kleinen schwarzen Sclpihen und ihrem Henkelkorb, eilig in der Mitte des Pflasters dahin.

Hinter ihr näherte sich in einer Staubwolke, durch den Abstieg fort- gerissen, in schnellem Galopp eine Postkutsche wie eine Windhose. Als der Schaffner die Frau sah, die sich nicht stören ließ, richtete er sich über das Verdeck auf, und auch der Kutscher schrie, während seine v'er Pferde, die er nicht aushalten konnte, ihren Lauf verschärften: die beiden ersten streiften sie; mit einem Ruck seiner Leine riß er sie zur Seite, erhob aber wütend den Arm und versetzte mit seiner großen Peitsche In voller Fahrt Felicitas «inen solchen Hieb vom Leib zum Genick, daß sie auf den Rücken fiel. Als sie wieder zu Bewußtsein kam, war ihre erste Bewegung, den Korb zu öffnen. Sulu hatte glücklicherweise nicht gelitten. Sie fühlte auf der rechten Backe ein Brennen, chre Hände, die sie hinauf führte, wurden rot. Das Blut lief.

Sie setzte sich auf einen Steinhaufen, tupfte sich das Gesicht mit ihrem Taschentuch ab, verzehrte dann eine Brotrinde, die sie aus Vorsicht in ihren Korb gelegt hatte, und tröstete sich über ihre Wunde, indem sie den Vogel ansah.

Auf der Höhe von Ecquemauvill« angekommen, gewahrte sie die Lich­ter von Honfleur, welche in der Nacht funkelten wie eine Menge Sterne; dahinter breitete sich verschwommen das Meer. Da überfiel sie plötzlich eine Schwäche und zwang sie nieder, und das Elend ihrer Kindheit, der Trug der ersten Liebe, die Abfahrt ihres Neffen, der Tod Virginies, alles kam auf einmal wieder wie das Wogen einer Flut, stieg ihr in die Kehle und würgte sie.

Dann wollte sie mit dem Kapitän des Schiffes sprechen, und ohne zu sagen, was sie verschickte, gab sie ihm unendliche Vorsichtsmaßregeln.

Fellacher behielt den Papagei lange. Er versprach ihn stets für die nächste Woche, nach sechs Monaten meldete er den Abgang einer Kiste, und dann war nicht mehr die Rede davon. Es war anzunehmen, daß Lulu niemals mehr zurückkehren würde.Sie werden ihn mir gestohlen haben", dachte sie.

Endlich kam er an und herrlich, aufrecht auf einem Baumast, der in ein Mahagonigestell eingeschraubt war, einen Fuß in der Luft, den Kopf gedreht und im Schnabel eine Nutz, die der Ausstopser aus Liebe zum Großartigen vergoldet hatte.

Sie schloß ihn in ihr Zimmer ein.

Dieser Ort, zu dem sie wenigen Menschen den Zutritt gewährte, hatte zugleich das Aussehen einer Kapelle und einer Kaufbude, so viele religiöse Gegenstände und wunderliche Dinge enthielt er. Ein großer Schrank hin­derte beim Oesfnen der Tür. Gegenüber dem Fenster, das über dem Garten lag, sah eine runde Dachluke in den Hof hinab; ein Tisch, neben dem Gurtenbett, trug einen Wassertopf, zwei Kämme und einen Würfel blauer Seife in einem bestoßenen Napf. An den Wänden sah man Rosen­kränze, Schaumünzen, mehrere heilige Jungfrauen und ein Weihwasser­becken aus Kokosnuß; auf der Kommode, die wie ein Altar mit einem Tuch bedeckt war, den Muschelkasten, den ihr Paul geschenkt hatte, dann eine Gießkanne, eine Flasche, Schreibhefte, das Geographiebuch mit den Kupferstichen, ein Paar Kinderschuhe und am Nagel des Spiegels, mit seinen Bändern festgebunden, den kleinen Plüschhut. Felicitas trieb diese Art Ehrfurcht sogar so wett, daß sie einen der Gehröcke des gnädigen Herrn aufbewahrte. Allen alten Plunder, den Frau Aubain nicht mehr wollte, nahm sie für ihr Zimmer. So kam es, daß sie künstliche Blumen auf dem Rand der Kommode und das Bildnis des Grafen von Artois auf der Umrahmung der Dachluke hatte.

Vermittelst eines Brettchens wurde Lulu an ein Schornsteinrohr be­festigt, das in das Zimmer hineinragte. Jeden Morgen, wenn sie erwachte.