Ausgabe 
3.3.1930
 
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Warum bin ich so dumm, so dumm?", klagt der achte.

Immer tiefer in die Fesseln zurück", spottet der neunte.

Mir ist nicht zu helfen", konstatiert kühl der zehnte,rettungslos ver- rOr<Unb über dieser letzten Erkenntnis weint die kleine Pierrette lauter und heftiger, und ihr ist ganz und gar gleichgültig, wenn Masken sie fragen:Weinst du aus Spaß? Oder ist es dir am Ende ernst?

Spaß, Spaß", schluchzt Pierrette und denkt:Heute ist Maskenfest __ heute darf ich ja endlich meine Alltagsmaske von mir werfen, darf mich dem Schmerz hingeben, den dummen, blinden, unbeherrschten, un­würdigen Mädchenschmerz um unerwiderte Liebe ..."

Er, den sie liebt, steht vor ihr.

Was tust du denn da?" fragt er.

Als sie nicht antwortet, meint er kühl:Na, komm jetzt, du wirst doch hier keine Szene aufführen?" Sie zuckt zusammen. Ah, wie sie in diesem Augenblick die kühle Ueberlegenheit in seiner Stimme haßt, haßt. Oder liebt, liebt? Wird nun ihre Befreiungsstunde schlagen? Wirft sie die Ketten dieser einseitigen Liebe von sich? Wird ihr Stolz ihr helfen? Wird sie wieder sich selbst, ganz sich selbst werden?

Dinge der Liebe folgen keinen Gesetzen, man kann sie nicht erklären. Die kleine Pierrette lächelt, lächelt unter Tränen. Er sieht die Tränen nicht, will sie nicht sehen ....

Nun lächelt sie nicht bloß, nein laut und herzlich lacht sie auf. Herz­lich? Klingt es nicht wie vorhin das Zerscherben des Glases? Musik schwemmt den Ton wohltätig fort. .

O du Dummer," plaudert Pierrette,habe ich dich richtig erwischt? Szene, Szene ... Siehst du denn nicht, daß ich übermütig bin, daß ich lache, lache ..."

Weshalb denn?"

Ach, wegen des schönen Negers, der mich eben verließ, es war so furchtbar komisch. Er war ein Neger und trug die Maske eines unschul­digen Engels. Eine ganz falsche Maske es war zu komisch " Und hastig zupft sie die schwarze Maske zurecht über ihrem verweinten Gesicht. Und läßt zugleich die Alltagsmaske über ihre Seele fallen: jene Maske herz­licher Kameraderie und fröhlicher Gleichgültigkeit, den Garantien ihrer Beziehung zu ihrem Geliebten ...

Und Hand in Hand mit ihm schreitet sie hinein in den Wirbel des Faschingstreibens.

So lag ungefähr die Situation, als ich sie kennenlernte. Er liebte sie nicht, aber er tat so, als ob er sie liebte.

Sie liebte ihn, aber sie tat so, als ob sie ihn nicht liebtq

Heute sind die Beiden längst verheiratet. Nun liebt er sie, aber sie liebt ihn nicht mehr. Aber vielleicht ist es auch umgekehrt. Denn, wie . gesagt, Dinge der Liebe kann man nie haarscharf wissen. Man kann sie auch nicht erklären. Es gibt da keine Gesetze.

Vom deutschen Hanswurst.

Von Dr. Paul Landau.

Um die Fastnachtszeit stürmt ein schauerlicher Zug gespenstischer Schat­ten durch die dunklen Nebel der Lüfte, vom Heulen des Windes, vom Peitschen des Regens umtost. Es ist für das christliche Mittelalter eine böse Vision der verdammten abgeschiedenen Seelen, dieses wilde Heer, das den alten Deutschen ein derbes fröhliches Gejaid mit Hundegekläff und Rossegestampf gewesen. Der nächtliche Spuk schreckte die frommen Gemüter, aber die gesunde, an den altheidnischen Festen hängende Phan­tasie des Volkes ließ sich nicht schrecken von dem Bilde des Teufels, son­dern gestaltete sich den Zug der germanischen Götter mit ihren Tiermas­ken und phantastischen Vermummungen nach ihrem Sinne um zu einem tollen ausgelassenen Jubel, der einmal im Jahre in den von Christentum und Zivilisation gesänstigden Gemütern die alte Wildheit und Ausgelassen­heit auflodern ließ. Wie das deutsche Fastnachtsspiel aus solchen Umzügen und Verkleidungen, so ist die lustige Person unserer Literatur, ist der Hanswurst letzten Endes aus den Teufeln, Unholden und Harlekins- leuten entstanden, die beim Karneval herumzogen. In Deutschland ent­wickelte sich die literarische Figur des Narren aus den Posten der mit Larven versehenen Lustigmacher, die im Mysterienspiel mit den komischen Teufeln und mit den grotesken Witzen der Salben verkaufenden Krämer in die Kirche eindrangen. In dem frechen, gefräßigen, höhnischen, lüster­nen Knechte des Krämers Rubin sowie in den dummen geprellten Teufeln, die mit Hörnern, Schwänzen und Schellen als echte Fastnochtsnarren auf­traten, sind die ersten Ansätze einer ganz nationalen komischen Figur zu finden. Der grobe unflätige Bauer der Fastnachtsspiele mit seinem plum­pen Lachen bildet diese Züge weiter aus, und zugleich zuckt ein freierer Humor, eine sieghafte Ueberwindung des Gebens in einzelnen genialen Gestalten der Volksphaniasie auf, im Eulenspiegel, im Claus Narr, im Peter Leu und dem unverzagten Th edel von Wal- mode n Immer ist es dieser unmäßig gierige, zotenhafte, arg verprü­gelte und doch nie von seinem Mutterwitz verlassene Diener und Bauer, dessen allmählich schärfer charakterisierte, genauer umrissene, schematifch festgelegte Gestalt wir in der Entw'cklung unserer Literatur aus den Fast- nachtsspielen, den Dramen der Reformationszeit, den Werken von Hans Sachs und Jacob Ayrer, den unflätigen Clowns der englifchen Komödianten und gesitteten Possenreißern Christian Weises hervor- treten sehen. Ein unendlich langer Aufzug grotesker und wunderlich aus- staffierter Gestalten, ein treues Spiegelbild unseres HumorsI

Hans Wurst war zunächst nur einer von vielen; die Bauern der mittel­alterlichen Spiele führen gar kuriose Namen, wie Schweinszagel, Kalbs­euter, Molkenbauch, Hans Narr, Hans Mist. Warum sollte nicht auch solch ein bäuerlicher Narr Hans Wurst heißen? Wo der Name zum erstenmal schriftlich fixiert vorkommt, in der niederdeutschen Uebersetzung von BrantsNarrenschiff", erscheint er ebenfalls als Bauernname. Schon Addison hat ja die feine Bemerkung gemacht, daß das Volk feine komischen Figuren gern nach einer Lieblingsspeif« benenne. So heißt der französische Narr Jean Po tage, was deutsch bald als Hans

Supp übersetzt wird, der italienische Maccaroni, der englische Jack Pudding. Die Wurst aber spielt bei den Faschingsaufzügen eine Haupt­rolle; riesige 1000 Ellen lange und 1000 Pfund schwer« Bratwürste wur­den von den Fleischern überall, in Königsberg wie in Nürnberg, an un­geheuren Gabeln beim Karneval herumgetragen; ein Hans Wurst, ein dicker, kugelrund ausgefüllter Fettwanst, durfte als Anführer des Zuges nicht fehlen. Seine typische Bedeutung hat dem Namen wohl Luther ausgeprägt, als er 1541 seine wortgewaltige, mit Keulen dreinschlagende StreitschriftWider Hans Worst" gegen den Herzog Heinrich von Braun­schweig richtete. SeinenHanswurst von Wolffenbüttel" nennt er also, weil er gehörezu den groben Tölpeln, so klug sein wollen, doch unge­reimt und ungeschickt $u Sachen, Reden und Tun", weil er ein vom Teu­fel besessenerTölpel, Bengel und Rülps" sei. Im Fastnachtsspiel erscheint bann Hans Wurst 1553 in einem Stück des Nürnberger-Pe t e r Probst, wo er als gefräßiger Bauer auf eine höchst unflätige Weise durch den Arzt von seinen Magenbeschwerden kuriert wird. Auch bet Hans Sachs erscheint Wursthans gelegentlich als luftiger Diener eines Edelmannes und neben den Rüpeln der englischen Komödianten, dem Jean Posset, so genannt nach einem beliebten englischen Würzgetränk, und dem Pickel- Häring, mach Wursthänsel seine Sprünge, Späße und Lazzi. Ein klei­ner wohlbeleibter Kerl, unbehilflich und doch behend in der engen prallen Jacke mit den großen Kugelknöpfen, das von Grimassen beständig ver­zerrte Gesicht aus dem ungeheuer breiten Halskragen mit unheimlicher Lebendigkeit herausguckend, im bunten Kleid, mit kurzem Bart, seltsam springend in seinen viel zu großen Schuhen, so erschien der deutsche Narr, eine Mischung aus dem alten M a c c u s der römischen Komödie, dem steifen G r a z i o s o, dem tollen übermütigen Arlechino, dem brutal gemeinen Clown. Ohne den luftigen Rat, ohne sein Lachen und seine Künste war kein Schauspiel mehr möglich; Hanswurst konnte feinen Sie­geszug antreten.

Derjenige nun, der dem Hanswurst feine feste Stellung auf der Bühne eroberte, jo daß er allmählich über die Genossen Harlekin und Pickelhäring den Sieg davontrug, war der Schauspieler Johann Antoni Stranitzky, der allmählich als der sogenannteWienerische Hanswurst" eine weite Berühmtheit erlangte. Zunächst gefiel er sich in der von ihm geschaffenen Rolle desdurchtriebenen Fuchsmundi", für den er in feiner 1711 erschie­nenenOllapotrida" alle Witze und Rollen des Harlekin aus den italienisch-französischen Vorbildern entlehnte. Nicht lang daraus wird Stra­nitzky eines Tages in einer anderen Rolle erschienen {ein, die er teils dem Geben abgelauscht, teils aus der Lektüre seines Lieblings Abraham a Santa Clara in sich ausgestaltet und mit den Elementen der po­pulären komischen Personen verschmolzen hatte. Es war ein Salzburger Bauer, einSau- und Krautschneider" von Profession, und er nannte sich Hanswurst. Es war die Gestalt des bergamaskischen G o f f o, des ungehobelten Naturburschen aus der italienifchen Stegreif omödie, die hier eine deutsche Auferstehung feierte. Zwischen die hohlen Alexandriner des Helden mischten sich seine schwulstig kauderwelschen Erzählungen und das Ül^rschraubte tragische Pathos der Liebesszenen unterbrach sein dumm­dreister gesunder Menschenverstand. Hans Wurst ward in den Volksdra­men vom Doktor Faust und Don Juan zum komisch karikierten Gegenbild ewigen Strebens und leidenschaftlichen Begehrens; er drang von Wien aus bei allen Wandertruppen ein und ritt auf hohem Pferde, statt des Zaumes den Schweif in der Hand, auf dem Kopf die Schellenkappe, die Brille auf der Nase durch die Gasfen, um mit schnarrender Stimme und stotternder Ehrfurcht dem verehrten Pnblico den Komödienzettel vorzu­lesen. Da dem Hanswurst jede Verkleidung, jedes Aufstiegen, jede Ohr­feige und Fußtritt extra bezahlt wurden, so lag es in feinem Interesse, in einem Stück möglichst viel Maulschellen zu bekommen, recht oft in der Flugmaschine zu erscheinen und sich nach Kräften treten, begießen und herunterstoßen zu lassen. Es sind uns noch Rechnungen erhalten, auf de­nen der Hanswurstdankbarkichst quittiert, zwei Ohrfeigen bekommen 1 Gulden 8 Kreuzer, einen Fußtritt 34 Kreuzer vsw."

Strcmitzkys von ihm seihst dem Publikum als Nachfolger empfohlener Erbe war Gottfried Prehauser. Eines Abends trat der alt gewor­dene Meister des Humors vor die Rampe und bat, von nun ab statt über ihn über Prehauser sich zu amüsieren. Alles blieb still. Wehmut beschlich die Wiener, daß sie den altgewohnten Lustigmacher verlieren sollten; zu dem neuen hatten sie fein Zutrauen. Da warf sich der junge Hanswurst plötzlich in einer drolligen Angst auf die Knie und rief, die Hände flehent­lich vorstreckend:Meine Herren! ich bitte Sie um Gottes willen, lachen Sie doch über mich!" Ein allgemeines Gelächter erhob sich und Prehau­ser hatte geroonner s Spiel

Stranitzky von ihm felbst dem Publikum als Nachfolger empfohlener begonnen, und nachdem ihn die N e u b e r i n feierlich von der SclM- bühne verbannt und verfemt hatte, drängte man auch in Wien darauf, Stücke den improvisierten Späßen entgegenzustellen. In LessingsMiß Sara Sampson" drang zwar Hanswurst noch als Diener Norton ein, aber bald spielte man im Hoftheater nur nochKompositionen, die aus französischen oder welschen oder spanischen theatris Herkommen". Die Kunst eines neuen Verehrers von Hans Wurst, des trefflichen Lokaldich­ters Philipp Haffner, war auf die Vorstadibühne verbannt; als Pre­hauser starb, da triumphierte Sonnenfels, der Mann des klafsizW fchenguten Geschmacks":Er ist tot, der große Pan; die Stütze der Burleske ist gefallen, ihr Reich zerstört." Aber Hanswurst, der ausgetrie- bene und begrabene, war nicht tot, denn er ist ewig. Bel der Neuberin spukte er herum als Hänschen ober Peter, freilich ein blasser ärmlicher Gesell; in Wien ward er bald wieder umjubelt als Leopoldl, Kakerl, als guter Kasperle, als Staberi und Thaddädl...

Als wackerer Kämpe war sogleich für den Hanswurst Justus Möser aufgetreten, der treue Eckart aller volkstümlichen Ueberlieferung: Seite an Sette mit ihm kämpfte Lessing, der den Abglanz ewigen Humors m Shakespeares Rüpeln wie in den Teufeln der mittelalterlichen Ko­mödie zu erkennen wußte, Goethe, in altdeutschem Vers und Hans Sachsens treuherziger Derbheit lebend und schaffend, begann seinmikro' kosmisches DramaHanswursts Hochzeit" oderDer Lauf der WR > i in dem der verachtete Narr Abrechnung halten sollte mit den vornehmen