Die Zeit im Jahre, die uns die reichste Entfaltung der Gesellschaften und Feste bringt, ist jetzt wieder da. Langsam baut sich unsere Geselligkeit nach dem Zusammenbruch der Kriegsjahre neu auf. Da können wir kein höheres Vorbild finden als das unserer Klassiker, die auch auf diesem Gebiet eine Höhe deutschen Lebensstils heraufführten. Damals waren zum erstenmal in unserer Kulturentwicklung die Vorbedingungen für die Pflege einer edlen Geselligkeit gegeben: Freiheit des Denkens, Fülle de- Gefühls Feinheit und Schmiegsamkeit der Sprache, Entwicklung der Per- sönlichke'it, Erhebung über das rein Materielle. Wie stets aus einer be- deutenden Literaturepoche eine gesellschaftliche Kultur hervorwachst so auch bei uns. Die Frau, deren soziale Stellung ein Gradmesser für die Geselligkeit ist, hatte im Rokoko die Herrschaft an sich genssen. Ohne sie war kein Verkehr, keine Gemeinschaft m -glich. So konnte ,enes erregende und beseelende Spiel der männlichen und weiblichen Kräfte anheben, aus dem die zarte Schönheit einer harmonischen Haltung, die Grazie der eleganten Gespräche, der Rausch in einer geistigen Einheit vieler Menschen entstehen. Auch innerhalb der gesellschaftlichen Gliederung begannen die Schranken zu fallen, t» schroffsten Gegensätze stA auszugleichen. Der Aufstieg des Bürgertums hatte die Bedeutung des Adels zuruckgedrangt. Eine gewisse Eleickheit bildete sich, wenn auch nicht offiziell so doch im Tatsächlichen. Ein Beweis dafür ist, daß die W l e l a n d und Herder die Schiller und Goethe in der Weimarer Hofgesellschaft ausgenommen wurden, daß der Adel des Geistes über die Konvention siegte obwohl sonst in dem kleinen Staat Karl Augusts die Aristokratie sich noch immer deutlich von dem „Pöbel" schied. ~
Sie Weimarer Geselligkeit, die wie in einem Brennpunkt die Tendenzen der Gesamtkultur vereinigt, entwickelt sich aus dem Rokoko, um dann in Berührung mit dem Romantiker-Kreise in Jena in diese Sphäre uber- zugehen. Die Herzogin Anna Amalia zeigt in ihren Festen und Assembleen als Regentin noch ganz die Formen höfischer Repräsentation Freund Wieland gibt auf ihrem S-----11 *’ hov' 1 nn nn ,,nh
dieser bewegliche, anmutige Geist, von dem
Sommersitz Tiefurt den Ton_ an, und dieser bewegliche, anmuiige weiji, von dem Goethe rühmt, er sei für die größere Gesellschaft geboren gewesen, weil er nie obenan stehen wollte, aber an allem teilnohm, war so recht der Typus jener ge.s voller> Leichtigkeit, die das späte Rokoko der deutschen Kultur verlieh. Auch als Goeche dann als „maitre de plaisir" in Weimar einzieht herrscht noch zunächst das Leichtlebig-Galante, wie es sich in den „fetes champetres , den Maskeraden und Bällen zeigt. Eine derbere, gröbere Lustigieit, ein »aotfdxs Ueberschäumen im Stil des Sturm und Dmngs eine zartere Empfindsamkeit in den Naturfesten mischen sich ein. Man spielt Theater, man erfreut sich an bunten Gelagen und Ausflügen, aber allmählich schwingt ein neuer Geist, ein besonderer Rhythmus und Ton des Verkehrs m,t und erfüllt von dem Wittumspalais der Herzogin Anna Amalm amgehend, in der Stube der Frau von Stein geläutert, von Herder und Goethe aufgenommen, von der Herzogin Luise am Hose verkörpert, alle Kreise Weimars: es ist die klassizistische Haltung und Beseelung des Daseins
Als Wielands alte Freundin Sophie La Roche, die zu Ehrenbreitstein einen echt deutschen Rokoko-Salon geschaffen hatte, zu Besuch nach Weimar kam, da wurde sie von einem als Amor verkleideten Knaben mit einem Gedicht begrüßt und im Römischen Haus, dieser Statte feinsten Klassizismus, ausgenommen. „Du dachtest in Weimar em Gotter- mahl nur von der Türschwelle eines Tempels zu sehen, rief sie begeistert aus „und bekommst nun selbst einen Anteil von Ambrosia Das Roko o war hier gleichsam bei der deutschen Klassik zu Gaste. Die Geselligkeit war für die Erneuerer antiken Wesens kein Zeitvertreib müßiger Stunden, andern ein Lebensideal. Wie sich Wilhelm v Humboldt die ganze in einem Staat lebende Nation unter dem Bilde einer edlen Gesellschaft darstellte so glaubte man in der Weimarer Gemeinschaft diese Harmome verwirklichen zu können durch jene ästhetische Erziehung, d,e Schrller predigte durch die Gemeinsamkeit der Weltanschauung, durch das Aiif- qehen der einzelnen Persönlichkeit in dem allgemeinen Gesetz. Ein Wilhelm Meister, ein Faust fügen sich als dienendes Glied dem großen Ganzen ein; Tafso scheitert, weil seine unbändige Dämonie die strengen For-
Nrobium, Tantal, Beryllium.
Von Dr. Hellmut Thomasius.
Ein kennzeichnendes Merkmal dafür wie sich unsere geistige Einstellung gegenüber den früheren Zeiten geändert hat, stellen die Bestrebungen dar, die gegenwärtig in Bezug auf die Verwendung gewisser Metalle>m « sind Lange Zeit boten diese Metalle lediglich wissenschaftliches 3ntmfie. Sie waren meist verhältnismäßig selten. Vielfach war es em Kunst. . , ihr Dasein überhaupt zu bemerken und sie in einem Zustande dcirz stellen. War ein derartiger großer Wurf gelungen so begann das Sch en in die Tiefe. Ihre Eigenschaften wurden ermittelt und aufs genaue! erforscht. Wenn diese Arbeiten zu einem Meissen Abschluß gelangt waren, wendete man sich neuen Aufgaben zu. Die TOetaHe selbst wurden' kleinen Proben den Sammlungen der Hochschulen und wlssenschafttig) Institute einverleibt. Hier führten sie eine Art von Museumsdasein.
men des gesellschaftlichen Kunstwerks sprengt. Die ehernen Schranken dieser Gesellschaft fordern ein Zurückdrängen der individuellen Strebungen und Neigungen, ein Glätten aller hochgehenden Wogen der Leidenschaft, eine Ueberwindung des persönlichen Triebes. Nur so gelangt der Mensch auf die Höhe des 'klassischen Glücks, in dem Neigung und Pflicht sich die Waage halten, „die Liebe ohne Kampf mit dem Gesetz zusammenklingt (Schiller), die „schöne Seele" sich entfaltet. Goethe kennzeichnet einmal diese Haltung der Welt gegenüber in dem Sinnbild der Kugel: „Ruhig vor Augen stehend, zeigt die Kugel sich dem Betrachtenden als em Befriedigendes, vollkommenes, in sich abgeschlossenes Wesen. Wenn solche Menschen zusammenkommen, dann „obwaltet eine heitere Ehrerbietung der Glieder gegeneinander. Es gibt kein äußeres Zeichen, der Höflichkeit, das nicht einen tiefen sittlichen Grund hätte." Es entsteht jene „Feinheit , die W. v. Humboldt als „ruhige, sichere Eleganz, das Gedampste, Abgewogene Maßvolle" bezeichnet. Dahin führt die entscheidende Entwicklung, die den tollen, funkensprühenden „Hexenmeister" Goethe aus der Zelt des Sturm und Drangs zu dem äußerlich steif und kalt erscheinenden, fest in sich ruhenden, majestätisch-gebietenden Olympier nach der italienischen Reise umwandelt. Seine Führerin auf diesem Wege zur Harmome, zur Ausgeglichenheit, war Frau von Stein, wie überhaupt die Frauen vielfach den Ton des Verkehrs bestimmten.
Sie verkörpert am reinsten den Typus der klassizistischen Gesellschaftsdame, den mir sonst noch bei der Herzogin Luise oder bei^ Caroline vonHumboldt finden. Sie vermag bis in ihr spates Alter die Häuslichkeit zum idealen Lebenskreis zu gestalten; l° wenn sieim Hose ihres Hauses die Weimarer Gesellschaft bei ihren Teegesellschasten versammelte. Am plätschernden Brunnen, den zwei antike Iungllngsstatuen bewachten, unter den blühenden Orangebäumen empfing sie die Gaste, die aus der Weite des Parks zu ihr heraufstiegen, und ebenso wußte sie in ihren schönen Räumen jede Geselligkeit auf einen vollen und doch zarten, edlen und gedämpften Ton abzustimmen. Wieviel Goethe diesem Milieu verdankte, ist nicht zu ermessen; es beseelt die schönsten Dichtungen seiner Mannesjahre, die schwebende und verhaltene Innigkeit der „Iphigenie und die beherrschte Tragik der „Natürlichen Tochter, ebenso wie die gemütvolle Idyllik von „Hermann und Dorothea.
Die Geselligkeit, die bei der Herzogin Anna Amalie gepflegt wurde, wendet sich von der intimen und leichten Unterhaltung, wie sie Wieland geführt hatte, zu den ernsten und mehr sachlichen Zustmmenkunften im Stile des reifen Goethe. Wir besitzen em fernes Bildchen des Malers l G M Kraus, das diesen Kreis bei der Beschäftigung festgehalten hat. Da drängten sie sich eng um einen Tisch herum, die Herzogin und ine Göchhausen eifrig handarbeitend, Goethe zeichnend; nur der etwas abseits sitzende Herder scheint zu träumen. Dazwischen mögen die Worte bedächtig hin- und hergeflogen sein. Wenn sich die Gemüter erhitzten, konnte es auch anders kommen. „Vermöge der zwanglosen Freimutig e't, I womit jeder in Gegenwart der Herzogin Amalie seine individuellen An- I sichten aussprechen und verteidigen durfte," berichtet Henriette von E g- loffstein, „knüpfen sich zwischen den hochbegabten Besuchern die gest- reicMten Unterhaltungen an; doch gingen diese wir allzu ost in heftige I Diskussionen über, bei welchen Wielands launenhafte Krittelei, Herders persiflierender beißender Witz sowie Knebels unbezähmbare Leiden- sthoftlichkeit, vor ollem aber Goethes diktatorisches Genie traftig hervor- truten und den Streitenden nicht selten scharf ver etzende Worte auf tne I Sünne legten die den stets vorhandenen Brennstoff in den Gemütern so gewaltsam anfachten, daß selbst Amaliens Gegenwart und ihre versoh- nende Milde nicht hinreichten, die hoch auflodernden Leidenschaften zu I dämpfen In der Mitte so vielfach bewegter heterogener Elemente stand
Schiller voll Ruhe und Klarheit wie der sanft leuchiende Mond uber I welchen die Wetterwolken spurlos hinwegziehen. Um solche „Sturme I im Wasserglase" zu vermeiden, suchte Goethe bie Geselligkeit immer I wieder an die „großen Gegenstände" anzuknupfen. Nach ferner Rückkehr I nn« Italien stiftete er die „Freitagsgesellschaft', die im Wittumspalais tcgte.^Es war eine Art Akademie mit wissenschaftlichem Anstrich. Daßsie eine ganze Reihe von Jahren zusammenhielt, ,st em Beweis für die hohe Geistigkeit dieses Kreises, in dem manchmal drei bis fünf Vortrage au- den verschiedensten Gebieten die Teilnehmer drei bis fünf Stunden zu fammenhielten Goethe hat spater diese „geistigen Symphonien seit 1804 in Anem Hause in ben regelmäßigen „Mittwochs-Vortragen aufgeiwm- I men bei denen er in einem kleinen vertrauten Kreise, der hauptsächlich
aus 'Dornen bestand, den ganzen Zauber seiner Berebsamkeit unb° Sop stellungskunst entfaltete. Wenn er hier aus einem schaffen unb Forschen I seine schönsten Dichtungen, feine tiefsten Beobachtungen der Naturgesetze I rnitteitte so war es boch mehr eine Offenbarung des einzelnen als ein
Austausch gemeinsamer Eindrücke. Goethe e.npfand diese Vortrage. M denen er feine Umgebung „im Geiste Zusammenhalten wollte, als per- ' sönliches Bedürfnis.' „Beider grasten Mannigfaltigkeit äußerer Emdriuke ■ und innerer Erfahrungen', sagt der Kanzler Muller, „fand er in ! Sicherheit dieses schönen reinen Verhältnisses gleich sehr em h-'teres Z c ' als einen wohltätigen Ruhepunkt, von welchem aus er sich wieder feinen stillen Weltbetrachtungen um so vielseitiger hmgeben konnte.
Mer zwischen den beiden, was meint ihr, sitzt wohl verwahrt und Mit einem goldenen Ranzen auf dem Rucken das siebente Kind, das die Menschenfrau geboren Hot. Und je rascher dl« Leute fahren imd je eiliger sie es hoben, wieder in ihre Schicht zu kommen, desto fröhlicher wird o er merkt vielleicht, daß es in seine richtige Heimat kommt. Und auf einmal sind sie da, wo bei der Hinfahrt der Wagen Über die Welle gesprungen war es gibt einen Krach, daß b:e Federn !^'?r brechen.
Dann ist wieder alles echt und wirklich. Das Städtchen ist da, von dem- sie ausgefahren waren, da steht auch fdum ein Schutzmann und wmkt mit >e mNotizbuch, die Menschen aus den Haustüren sind ganz Hchtige Meuchen unb der Wagen ist genau derselbe wie früher, ^«r zwischen Mann unb Frau sitzt wahrhaftig das Kmdlein und hat rote Backen und kräh vor Vergnügen. Und vor ihnen auf dem Motor grinft einen atiigenblicf lang noch bet Mukkerpukker, der da die ganze Zeit gehockt hat. Er lacht die Frau wie ein Schelm an, nickt ihr zu, nickt dem Kindchen zu dem^Mann will er nicht viel wissen —, unb ist dann mit «wem Satz vorn unter den Rädern verschwunden, daß der gelehrte Herr vor Schreck mit dem Wagen über den Kantstein fährt .
Was soll ich noch erzählen? Nie wieder haben die zwei ^ute den Weg zu den Unterirdischen zurückgefunden. Es ,st dabei geblieben, daß wie aus dem leeren Raum heraus, sagt der Mann, auf einmal em Fm- delkindcken zwischen den beiden im Wagen gesessen hat, mit einem Ranzel voll Goldstücken auf dem Rücken und in Tücher emgehullt, so fein gewirkt, wie Mondlicht im Nebel schwebt Mitunter wenn die Leute weg- blicken guckt wohl auch noch einmal der Mukkerpukker mit halbem Gesicht über den Kühler, oder hinten unter der Wagennummer hervor, um zu sehen, wie es allen ergeht. Aber er will sich nicht viel zeigen, er will wohl nicht'gefragt werden, woher das Kindchen stammt.
Klassische Geselligkeit.
Goeihe unb Schiller im Salon.
Von Dr. Paul Landau.


