etwas einredete, was sie nicht gesehen hätten, und ganz entschieden dagegen protestieren, gar noch als Kronzeugen für solche Dinge zu fungieren.
Da bleiben nur zwei Erklärungsmöglichkeiten für das Zustandekom- men der Ueberlicferung. Entweder der Fakir hat fein Kunststück nur vor einem ganz kleinen, nach seiner Zugänglichkeit für Suggestion sorgfältig ausgewählten und geeignet vorbereiteten kleinen Kreise vollfiihrt, der nachträglich zum Verbreiter seines Ruhmes wurde, oder aber, und das ist das Wahrscheinlichste, die Geschichte ist überhaupt gar nicht passiert. Es mag da unter den Eingeborenen irgendeine derartige Ueberlieferung bestehen. Ein Reisender erfuhr sie und teilte sie aus. Lust am Fabulieren einem anderen so mit, als ob er das wundersame Vorkommnis selbst miterlebt hätte. Der andere erzählt sie in gleicher Form einem dritten, dieser dem vierten und so weiter, und so weiter: Der Kreis derer, die das Vorkommnis miterlebt haben, ist dank dem Vertrauen, das der nächste in die vollkommene Glaubwürdigkeit des vorigen seht, dessen Erlebnisse er, ohne sich strafbaren Diebstahls schuldig zu machen, in eigene Regie übernimmt, geschlossen.
Ein anderes Fakirkunststück, das die Gemüter immer wieder bewegt, ist dis Sache mit dem Lebendig-bearaben-werden. Mit dieser Leistung hat sich der französische Schriftsteller Paul Henze theoretisch und praktisch beschäftigt. Und dabei bleibt von der wundersamen Fähigkeit der Fakire, wochenlang ohne Luft, ohne Atmung leben zu können oder während dieser Zeit das Leben zu unterbrechen und es nachher wieder frisch anzusangen, recht wenig übrig. Alle Beobachtungen sprechen nämlich dafür, das; der Fakir nicht allzulange nach der Begräbniszeremonie, wenn sich der Schwarm der kritischen Zuschauer verlaufen hat, mit Hilfe seiner als Grabwächter angeftellten Gehilfen die Gruft verläßt, um sie mit einem ebenfalls versteckten, aber wesentlich komfort- und luftreicheren Aufenthaltsort zu vertauschen. Erst kurz vor dem festgesetzten Zeitpunkt der Ausgrabung dürfte er unter Assistenz der „Wächter" die Grabesruhe wieder äufsuchen. Nach scheinbar wochenlangem Aufenthalt und unter Innehaltung ebenso komplizierter wie überflüssiger Erweckungszeremonien, entsteigt er dann durchaus lebendig dem Grabe.
Wenn sich die ganze Angelegenheit, was durchaus wahrscheinlich ist, so abspielt, bleibt also nur zu betrachten, ob es etwas Besonderes ist, daß ein Mensch ein bis zwei Stunden den Abschluß von der Außenluft in einem engen Sarge überleben kann.
Eine kleine Rechnung beweist, daß das indische Mysterium mit der europäischen Physiologie durchaus in Einklang zu bringen ist. Bei der Atmung verbraucht ein Mensch in vollkommener Muskelruhe per Minute etwa 0,3 Liter Sauerstoff und produziert etwa 0,2 Liter Kohlensäure. Das bedeutet in 100 Minuten oder 1 Stunde 40 Minuten 30 Liter Sauerstoffverbrauch und 20 Liter Kohlensäureausscheidung. Nimmt man nun an, der Fakir wählt für seine vorübergehende letzt« Ruhestätte einen Sarg oder eine Gruft von 1,9 Meter Länge und je einem halben Meter Breite und Höhe, so stehen ihm, nach Abzug der durch den eigenen Körper verdrängten Luftmenge noch etwa 400 Liter Luft mit einem Sauerstoffgehalt von 21 Prozent, das sind 84 Liter, zur Verfügung. Von diesen hätte er am Ende der 100 Minuten Grabesruhe 30 Liter verbraucht und somit den Sauerstosfgehalt der Luft von 21 Prozent auf 14 Prozent gemindert. Weiter hat er die Lust um 20 Liter, also 5 Prozent angereichert. Eine Luft, die sich innerhalb der 100 Minuten zu dieser Zusammensetzung nach und nach verschlechtert, entspricht nun nicht gerade den Forderungen, die man an die eines Luftkurortes stellt, sie ist aber noch brauchbar, den menschlichen Atmung zu dienen. Der Fakir könnte es auch über die 100 Minuten hinaus sicher noch eine ganze Weile in seiner Gruft aushalten, besonders da er bei geeigneter Vorbereitung und Uebung vollkommenster Muskelentspannung die hier angegebenen Zahlen für den Gaswechsel noch wesentlich herabdrücken kann. Ein von Henze angestellter Selbstversuch in einem luftdichten Kasten genannter Ausmaße 1£ Stunde zuzuoringen, war, wie nach dem Gesagten klar ist, nicht einmal von besonderen Unannehmlichkeiten begleitet.
Also, auch der lebendig begrabene indische Fakir vollbringt nichts, was nicht mit europäischer Physiologie in Einklang zu bringen wäre.
Das „System der Tiere"".
Von Ludwig Z u k o w s k y.
Hinter den Türen der Forschungsinstitute spielen sich viele Dinge ab, von denen selbst allseitig Gebildete recht wenig erfahren. Es gibt sogar wissenschaftliche Spezialfächer, die der Oeffentlichkeit völlig verborgen blieben, da bestimmte Schichten ihnen zu wenig Beachtung und Interesse entgegenbrachten. Ein Gebiet, von dem man'annehmen sollte, daß die Allgemeinheit ihm nicht zu fremd gegenüberstehen sollte, ist die Lehre von der Natur und ihre Beschreibung. Wenn wir indes nur einen kleinen Einblick in die weitverzweigten Fächer der Naturkunde nehmen, so wird selbst der Gebildete auf Schwierigkeiten stoßen, die ihm Bedenken bereiten. Um die Mannigfaltigkeit der Nebenzweige nur eines der angeführten Gebiete zu zeigen, mag die Tierkunde herausgegriffen werden. Von der Zoologie gelangen wir in eine Fülle sich fächerartig ausbreitender Nachbargebiete, die mit ihr aber so eng verwachsen sind, daß ihre eingehende Kenntnis für den modernen Tierkundigen geradezu notwendig ist. Die Zoologie erfordert ein weitgehendes Wissen der Morphologie und Anatomie in allen ihren Seitenwegen; ohne beide wäre eine genaue Kenntnis und somit Beschreibung der äußeren und inneren Merkmale der vielgestaltigen Kreatur unmöglich. Um der Lebensweise der Geschöpfe nachforschen zu können, bedarf es eingehender biologischer Kenntnisse. Um deren zweckmäßigen Zusammenhang mit dem Körperbau und seiner Funktion zu ergründen, muß die Oekologie Aufschluß geben. Der Entwicklungsgeschichte wird besonders heute großer Wert beigemessen. Die Wissensgebiete der Physiologie haben sich gleichfalls in neuerer Zeit gewaltig ausgebreitet. Der Zoologe muß aber auch in bestimmter Weise anthropologisch und ethnographisch gebildet sein. Eine zwingende Notwendigkeit ist eine peinliche Einfühlung tn die Tiergeographie. Von allen
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl
diesen Gebieten soll uns heute aber nur die Systematik und von dieser die Namengebung beschäftigen.
Es ist selbstverständlich, daß der Mensch danach strebte, alles, was auf der Erde fleucht und kreucht, zu bezeichnen, es auf diese Weise für eine leichtere Unterscheidung geeignet zu machen und in ein bestimmtes System zu drängen. Obwohl diese Neigung seit altersher bestand, gelang erst vor etwas mehr als 150 Jahren dem schwedischen Naturforscher L i n n ä ein solcher Versuch in seinem mittlerweile in vielen Auflagen erschienenen „Systems Naturae". Tier- und Pflanzenreich schachtelte er gruppenweise gleichsam in einen engen Rahmen, der es durch einen lateinischen Namen und eine kurze, gedrängte Beschreibung möglich machte, jede bekannte Form von Tier- und Pflanze durch eine Diagnose wiederzuerkennen. Sinne wurde somit der Begründer der Systematik, und fein grundlegendes Werk ist noch heute der unumgängliche Ausgangspunkt aller Tier- und Pflanzennamen. — Welch ungeheurer Wert in der gewaltigen Pionierarbeit Sinnes laß und wie zweckmäßig er feine Ideen für den praktischen Gebrauch umformte, möge Folgendes lehren. Nachdem früher ein Geschöpf genügend bekannt, vielleicht auch untersucht und beschrieben war, wurde es mit einem Namen jeder beliebigen Landessprache belegt. Da man aber vielfach für verschiedene Tiere denselben, oft genug für ein und dieselbe Art mehrere Namen prägte, zeigten sich immer mehr die Schwierigkeiten der Unterscheidung. Bei dem allgemeinen Interesse der zivilisierten Völker an der Benennung der Tiere konnte es auch nicht ausbleiben, daß sich große Irrtümer in den Sprachen anderer Völker geltend machten; so wäre es beispielsweise für den Russen schwer gewesen, die verschiedenen Namen für die vielen Finkenarten in portugiesischer Sprache richtig auseinanderzuhalten und ihre Träger dadurch genau zu unterscheiden. So gibt Naumann in seiner „Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas" für den Buchfinken 18, für den Grünfinken 30, für den Stieglitz 16 und für den Zeisig allein 48 in den verschiedenen Gegenden Deutschlands gebräuchliche Namen an.
Die Grundbedingung für das System löste Sinne sehr glücklich, indem er verwandte Gruppen zu verwandten stellte, sammelte, diese Sammlungen wieder als Einheit zusammenzog, sie mit einem lateinischen, also international verständlichen Namen belegte und somit fixierte. Auf diese Weise entstanden die Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten. Sinne sind für manchen Fehler, der später erkannt wurde, bei der Einordnung keine Vorwürfe zu machen; es bestehen sogar heute noch bei vielen Forschern recht verschiedene Ansichten, zu welchen Ordnungen gewisse Familien und zu welchen Familien gewisse Gattungen zu stellen sind. Jede dieser großen und kleinen Einheiten wurde mit einem einzelnen Namen belegt, der aus einem Substantiv gebildet und bezeichnend für die Gruppe gewählt wurde. Z. B. für Raubtiere Carnivora, für Huftiere Ungulata, nur bei der Bezeichnung der Spezies wurde dem Gattungsnamen, der aus einem für das Genus bezeichnenden Substantiv in lateinischer ober griechischer Sprache gebildet sein mußte ober ein charakteristisches Merkmal ber Gattung kennzeichnete, wie Leptorhynchus, Macroscelides, noch ein zweiter Name, ber eine adjektivische Bedeutung hat, als Bezeichnung für die Art angehängt, z. B. Hystrix cristata, Rhinoceros unicornis. Es können auch Heimat- ober Verbreitungsgebiete im Artnamen wiedergegeben werden. Nach dem bestehenden System ist es auch statthaft, verdienstvollen Gelehrten und Sammlern den Namen einer Art zu dedizieren. Die wissenschaftliche Benennung der Tiere wird als Nomenklatur bezeichnet.
Um dem System Festigkeit zu verleihen, haben sich Zoologen an die Arbeit gemacht, allgemeine Regeln und Bestimmungen für die Nomenklatur festzulegen, die auf den Internationalen Zoologen-Kongresfen durch- gesehen und ergänzt werben. Geschehen bei Neubeschreibungen Verstöße gegen diese in ber Zoologie allgemein angenommenen Regeln, so kann die betreffende Art ober Gattung kassiert werden, wodurch sie für die Wissenschaft ungültig werden. Die Regeln selbst sind in dem Berichte eines Zoologen-Kongresses veröffentlicht worden und stellen ein kleines Buch für sich dar. Der Systematiker hat danach außerordentlich viel zu beachten, so irnrj z. B. der Name einer Art innerhalb des Genus ober ber Name einer Gattung nur einmal im ganzen System angewandt werden, um Verwechslungen zu vermeiden, ferner darf der einmal für eine Gruppe vor- geschlagene Name nicht verändert werden, weiter müssen sämtliche bestehenden Namen bei Neubeschreibungen berücksichtigt werden, wovon der älteste für eine Art gewählte Name Gültigkeit und Bestand hat. So gibt es eine ungeheure Fülle von Punkten zu beachten, die die Beschreibung recht erschwert und doch ist es nur bei einem rein gesetzmäßigen Vorgehen möglich, sich durch den erschreckend großen Namen- und Artenreichtum der Tierwelt hindurchzufinden.
Glaubt nun der Forscher, eine neue Art eines Tieres gefunden zu haben, so hat er sie mit sämtlichen Vertretern der Gattung seiner Form zu vergleichen, und zwar an Hand von Material, außerdem aber durch die meist sehr umfangreiche Siteratur. Bei der Beschreibung eines Spezies ober Subspezies muß ber Forscher oft Hunberte von Bänden zur Hand nehmen und wälzen, ehe er sämtliche, oft weit verstreute Hinweise über das von ihm bearbeitete Tier durchgesehen hat. — Besonders in artenreichen Klassen, z. B. den Insekten, ist das Aufsinben außerordentlich schwierig, zumal auch Reisewerke und Zeitschriften berücksichtigt werden müssen, in denen die zu suchenden Objekte schwer zu finden sind.
Diese Beispiele mögen genügen, um den Fernerstehenden oberflächlich mit den Schwierigkeiten bekannt zu machen, die sich dem Forscher bei der Neubeschreibung eines von ihm entdeckten Tieres entgegenstellen.
In letzter Zeit wurden den Systematikern schwere Vorwürfe über die Aufteilung der Arten in Rassen und Unterarten gemacht mit ber Begründung, daß mit einer ins Kleinliche sich verlierenden Spezialisierung der Spielarten der Wissenschaft nicht gedient sei. Nun strebt die moderne Feinsystematik aber nach einer genauen Kenntnis aller Formen und sollten sie noch so geringe Merkmale zeigen. Nur durch diese subtile Arbeitsweise könnten später einmal tiefere Einblicke in die Entstehung der Art, dem noch immer nicht gelösten Problem, gewonnen werden.
'sche Univrrsitäts-Vuch- und Steindruckerei, A. Lang«, Gießen.


