Ausgabe 
3.1.1930
 
Einzelbild herunterladen

wehr brauchten sie mit heiler Furcht ober heißerer Hoffnung sich abzumühen, über den Horizont der Gegenwart hinauszudringen; ihr stummer Geist segelte hinein in weiteste Zukunft.

Durch ausdauernde Arbeit in jener brennenden Sonne hatten Felipe und Trurill manche Schildkrötenlast in ihre Hütte geschleppt und Del daraus gewonnen und gereinigt. Erfreut über ihren Erfolg, und um sich für 'die harte Anbei zu belohnen, hatten sie, etwas allzu hastig, einen Eatamaran, ein indianisches Floß, gezimmert, wie inan es m diesen spanischen Meeren gern gebraucht, und fröhlich waren ste zum Fischfang außerhalb eines langgestreckten Riffs aufgebrochen, das mit manch scharfgezackter Bresche, etwa eine halbe Meile entfernt, dem Strande parallel lief. Durch einen unglücklichen Zufall oder infolge einer verzeihlichen Unachtsamkeit wurden die fröhlichen Schiffer (denn obwohl man sie nicht hören konnte, schienen sie in diesem Augen­blick zu singen) in tiefes Wasser und gegen jene eisenharte Schranke ge­trieben; der schlecht gezimmerte Eatamaran kenterte und brach in stucke; die hochgehenden Wogen schleuderten die Insassen gegen die zertrümmerten Balken und die scharfen Zähne des Riffs, und sie versanken vor Hunillas Augen. , , , ,,

Vor Hunillas Augen ertranken sic. Die Wirklichkeit dieses qualvollen Ereignisses spielte sich vor ihr ab wie ein auf der Bühne gespieltes Drama. Sie saß in einer Art Laube, unter dürrem Gestrüpp, auf einem erhöhten Felsen, etwas landeinwärts. Das Gestrüpp war so dicht, daß, wenn sie auf die hohe See schaute, sie durch die Zweige wie durch em hohes Balkongitter blickte. Aber an jenem Tage hatte sie, um die imhrt ihrer geliebten Gefährten besser beobachten zu können, die Zweige nach einer Seite gebogen und festgehalten. So bildeten sie einen ovalen Rahmen, durch den die blaue, endlose See wie ein gemaltes Meer zu wogen schien. Und da malte der unsichtbare Maler vor ihrem Blicke das von den Wellen gepeitschte und aus den Fugen geratene Floß, die ehedem ebenen Planken schräg emporgetürmt wie überhangende Masten, und die vier ver- zweiselt ringenden Menschenarme ununterscheidbar dazwischen. Und dann beruhigte sich alles in schaumigem, ruhig fließendem Wasser; das zerschellte Wrack'trieb langsam dahin. Bis zum Schluß hatte man keinen Laut ver­nommen. Tod in einem stummen Gemälde; ein Traum des Auges; ver­schwindende Gestalten, wie eine Luftspiegelung sie zeigt.

So plötzlich war ihr das Ereignis, fein bildmähiger Eindruck so traumhaft, so weit entfernt von ihrer dürren Laube und so entgegen dem gemeinen Lauf der Dinge, daß sie mir schaute und schaute und keinen Finger rührte und keinen Klageton erhob. Aber was anders hätte sie auch tun können als stumm dazusitzen und mechanisch jenen wortlosen Bor- gang mitanzusehen? Eine halbe Meile Meer lag dazwischen, und wie konnten ihre zwei gebannten Arme jenen vier, die dem Verderben geweiht waren, Helsen? Weit war der Weg, und die Zeit verrann wie Sand. Welcher Narr würde, nachdem er den Blitz hatte zucken sehen, seinen Strahl aufhalten wollen?

Felipes Leichnam wurde ans Land gespült, aber Truxills Leiche zeigte sich nicht; nur sein kecker Hut, aus goldenem Stroh geflochten derselbe, den er wie eine Sonnenblume ihr zugeschwenkt hatte, er grüßte sie noch einmal, ritterlich bis zuletzt. Felipes Leichnam trieb an den Strand, den Arm in einer umarmenden Bewegung ausgestreckt. So im grimmen Todeskampfe, zog der liebende Gatte die junge Frau sanft an sich, getreu bis in den Todestraum. Himmel, wenn der Mensch so die Treue hält, wirst du, der du den Treuen erschaffen hast, ungetreu fein? Aber der kann ja die Treue nicht brechen, der sie nie geschworen hat.

Welch namenloses Elend jetzt die einsame Witwe umfing, braucht nicht gesagt zu werden. Als sie ihre Geschichte erzählte, glitt sie fast gänzlich darüber hinweg und erwähnte nur Tatsachen. Man mochte das karge Spiel ihrer Gesichtszüge ausdeuten, wie man wollte, aus ihren bloßen Worten war kaum zu entnehmen, daß fiuniUn selbst die Heldin ihres Berichtes war. Aber uns konnte sie unsere Tränen nicht rauben. Alle Herzen bluteten, daß Kummer so tapfer sein konnte.

Sie zeigte uns nur ihre verschlossene Seele und die seltsamen Zeichen, die außen darauf eingegraben waren; was darinnen war, wurde uns mit furchtsamem Stolze vörenthalten. Nur einmal vergaß sie sich. Sie streckte ihre kleine, olivenbraune Hand vor unserem Kapitän aus und sagte in mildem, langsamsten Spanisch:Tenor, ich hab' ihn begraben". Dann hielt sie inne, und als ob sie sich gegen eine aufgeringelte Schlange zur Wehr setzte, duckte sie sich plötzlich, sprang wieder auf und wiederholte in leidenschaftlichem Schmerz:Ich hab' ihn begraben, mein Leben, meine Seele!"

Es war gewiß mit halb unbewußten, automatischen Bewegungen ihrer .Hände, daß diese Frau schweren Herzens ihrem Felipe den letzten Dienst erwies. Und aus dürren Aesten grüne Zweige gab es ja nicht setzte sie ein schlichtes Kreuz zu Häupten des einsamen Grabes, in dem er, den die unruhigen Wogen überwältigt hatten, nun in ruhigem Hafen und ewiger Klaglosigkeit ruhte.

Aber ein dumpfes Gefühl, daß noch ein anderer Leichnam begraben werden, noch ein anderes Kreuz ein anderes, noch ungegrabenes Grab heiligen folltc, dumpfe Unruhe und Schmerz über ihren verschollenen Bruder, verfolgte jetzt die bedrückte Hunilla. Mit Händen, an denen noch die Erde des Begräbnisses hastete, ging sie langsam zum Strande zurück und wanderte dort planlos umher, die Augen wie gebannt auf das end­lose Spiel der Wogen gerichtet. Aber die Wellen trugen nichts zu ihr als einen Grabgesang,, und der Gedanke, daß die Mörder selber Trauer be­zeigten, brachte sie der Verzweiflung nahe. Allmählich kam ihr all dies weniger traumhaft in den Sinn. Ihr starker katholischer Glaube, der geweihten Gräbern eine so große Bedeutung beit egt, trieb sie nun mit vollem Bewußtsein jene frommen Nachforschungen fortzusetzen, die sie wie eine Schlafwandlerin begonnen hatte. Tag um Tag, Woche um Woche beschritt sie das aschgraue Ufer, bis schließlich ein zweifacher Be­weggrund ihre scharfen Blicke schärfte. Mit gleicher Sehnsucht spähte sie nun nach dem Lebendigen wie nach dem Toten, nach dem Bruder und dem frem­den Kapitän, die beide auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren. In ihrer Erregung hatte Hunilla der verstreichenden Zeit kaum Beachtung ge­

schenkt, und tueni v; 1 iber

oder Stundenmesser. Wie für den armen Robinson in eben diesen Ge­wässern, so zeigte auch für sie ke:* die

verrinnenden Wochen ober Monate an; unbemerkt verpria) jeder Tag; kein Hahn kündete jene schwülen Morgen, keine brüllende Herde jene vergif­tenden Nächte. Von all den gewohnten, regelmäßig sich wiederholenden Lauten des Menschen ober derer, die im vertrauten Umgang mit Menschen menschlich geworden, erfüllte nur einer diese brennende Stille das Gebell von Hunden. Sonst drang hierher nur die rollende See mit ihrem eintönigen Schlag, und das war für die Witwe die unlieblichste Stimme, die sie hören konnte.

Kein Wunder, daß ihre Gedanken jetzt zu dem Schisse schweisten, das nicht zurückgekehrt war, und sich dann mit Absicht wieder davon abwand­ten. In ihrer Seele rang Hoffnung gegen Hoffnung, und schließlich sagte sie sich verzweifelt:Noch nicht, noch nicht: mein törichtes Herz eilt zu rasch voran." Und für einige Wochen noch zwang sie sich zu Geduld. Jenen aber, die die Erde zu sich genommen hat, gilt Geduld wie Ungeduld ganz gleich.

Jetzt bemühte sich Hunilla, auf die Stunde genau festzustellen, feit wann das Schiff abgefahren war, und ebenso genau, wie lange sie noch würde warten müssen. Aber es war unmöglich. Sie konnte weder Tag noch Monat bestimmen. Die Zeit war ihr Labyrinth, in dem sie sich gänz­lich verirrt hatte.

Und nun folgt

Gegen meine Absicht muß ich hier innehalten. Man weiß nicht, ob die Natur nicht dem, der in gewisse Geheimnisse eingeweiyt wurde, Schweigen auferlegt. Jedenfalls kann man bezweifeln, ob es gut ist, sie weithin zu verbreiten. Wenn gewiffe Bücher als verderblich gelten und ihr Verkauf verboten wird, wie steht es dann mit Tatsachen, tödlicher als Träumereien von Schwärmern? Wem ein Buch schadet, der wird auch Ereignissen gegenüber nicht unverwundbar sein. Ereignisse, nicht Bücher, sollte man verbieten. Aber der Mensch säet überall in den Wind, der da bläst, wohin es ihm gefällt; ob zum Bösen ober Guten, kann der Mensch nicht wissen. Ebensooft kommt Böses vom Guten als Gutes vom Bösen.

Als Hunilla

Ein schlimmer Anblick ist's zu sehen, wie eine seidenhaarige Katze mit einer goldenen Eidechse spielt, ehe sie sie verschlingt. Schlimmer noch, wenn das katzengleiche Schicksal bisweilen mit einer menschlichen Seele spielt und sie durch einen unbekannten Zauber veranlaßt, eine natürliche Verzweiflung durch eine wahnwitzige Hoffnung zu bekämpfen. Unbewußt äffe ich dieses katzengleiche Ding nach und spiele mit dem Herzen des Lesers; denn wenn er nicht mitfühlt, lieft er vergebens.

Heute ist das Schiff abgegangen" sprach schließlich Hunilla zu sich, das gibt mir einen sicheren Ausgangspunkt; ohne solche Sicherheit, werde ich wahnsinnig. In schwankender Unkenntnis habe ich gehofft und gehofft; in sicherer Kenntnis will, ich jetzt nur warten. Jetzt lebe ich wieder und gehe nicht mehr in Verwirrung zu Grunde. Heilige Jungsrau steh mir bei! Du wirst das Schiff zurückfinden lassen. Oh, ihr vergangenen langen, trägen Wochen, die ich überstehen mußte, um die Gewißheit dieses heutigen Tages zu erkaufen, euch gebe ich gerne dahin, obwohl ich euch von mir reiße!"

Wie Matrosen, die der Sturm an eine verlassene Klippe verschlagen hat, sich aus dem Wrack ihres Fahrzeuges ein neues Boot zimmern und es denselben Wogen anvertrauen, so Hunilla, diese einsame, schiffbrüchige Seele, die von Untreue Treue erflehte. Menschheit, du starke, ich verehre dich nicht im gekränzten Sieger, sondern in dieser Besiegten.

(Schluß folgt.)

Mozart in Paris.

Von Frank M a r a u n.

Es war Frühling, als Mozart, von Mannheim kommend, Paris er­reichte. Die Erde leuchtete rot, heißes drängendes Leben stieg überall berauschend empor. Nach vielen fruchtlos gebliebenen Wochen Mannheimer Aufenthalts, nach der langweiligen und ermüdenden Reife tn der Post­kutsche, lebte Mozart zum erstenmal seit langer Zeit wieder auf. Neue. Hossnungen, ein Taumel sich überschlagender Pläne brachen hervor aus sehnsüchtiger Brust. Sein Herz stand offen wie die Weite der unendlichen Landschaft um ihn. Und Freude schwang sich hoch empor aus den Tiefen seine Seele. Sein Blick war weit und groß und sog den ganzen Him- "'Vlser aus der Ferne die Türme von Paris herglänzen sah durch feinen Silberdunst, jubelte er auf wie ein Kind unb hinter diesem Schrei versank der leere Sinn und die Unersülltheit vieler Wochen lautlos wie ein welkes Blatt in ihm.

Als er einen Monat in Paris gewohnt und gelebt hatte, war er sich darüber klar daß er hier nichts lernen könne, und daß diese Stabt nicht der Ort sei, wo die Menschen Ohren hätten, zu hören, und Herzen, zu empfinden. _ ,, , .. , ,r ,

Aber sein Vater wollte, daß er bleibe. So schob er die heiße Sehn­sucht seines Herzens »ach Italien und hielt aus.

Er lebte die Wochen ohne Freude vom Morgen bis zum Abend. Unzufriedenheit und Langeweile legten sich um die Klarheit feiner Tage, töteten die Stunden der Begeisterungen in feiner Seele, daß feine Zeit sinnlos und unbefriedigt verrann. .

Die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, Zwang ihn, da feine fehn- füchtigste Hoffnung, Auftrag für eine Oper zu bekommen, auch hier un­erfüllt blieb, Unterricht in Komposition und Klavierfpiel zu geben.

Vorübergehend verfiel er in matte Traurigkeit, aus der ihn in selbst­bewußten Stunden Empörung und Wut aufriß zu bebendem Trotz

Lahmgelegt von neidischen Feinden, mußte er der gewohnt^ war, sich den ganzen Tag nur mit sich selbst, mit seinen musikalischen Speku­lationen und Gedanken zu beschäftigen, immer neuen Ausdrucksmoglich- keiten nachzuspüren seine Zeit an unbedeutende, dumme und faule