Ausgabe 
3.1.1930
 
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Gießener ZamilieniMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (930 Sreitag, den 3. Januar Nummer 1

Mein Jahr.

Bon Conrad Ferdinand Meyer. Nicht vom letzten Schlittengleise Bis zum neuen Flockentraum Zähl ich auf der Lebensreise Den erfüllten Jahresraum.

Nicht vom ersten frischen Singen, Das im Wald geboren ist, Bis die Zweige wieder klingen, Dauert mir die Jahresfrist.

Aon der Kelter nicht zur Kelter Dreht sich mir des Jahres Schwung, Rein, in Flammen werd ich älter Und in Flammen wieder jung.

Bon dem ersten Blitze Heuer, Der aus dunkler Wolke sprang, Bis zu neuem Himmelsfeuer Rech'n ich meinen Jahresgang.

Hunilla.

Von Herman Melville.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Walther Fischer.

Herman Melville (1819 bis 1891) ist einer der charakte­ristischsten Vertreter der amerikanischen Romantik, dessen Be­deutung erst in der Gegenwart voll erkannt wird. Sein Haupt­werkMoby Dick (1851) ist nebst zwei anderen Erzählungen, Taipi undOmu jüngst in deutscher, teilweise stark gekürz­ter Bearbeitung erschienen. Die NoelleHunilla", deren eng­lischer TitelNorfolk Isle and the Chola Widow lautet, ist di« achteSkizze" einer SammelerzühlungThe Encantadas und stammt aus einem Bande kürzerer Geschichten, die 1856 alsThe Piazza Tales in Buchform veröffentlicht wurden.

Fern im Nordosten der Karlsinsel, getrennt von den übrigen Gala- pagos, oderSchildkröteninseln", im Pazifischen Ozean, liegt das Eiland Norfolk. Wie unbedeutend auch immer dieser Fleck Erde für die meisten Slldseefahrer sein mag, mir wurde die einsame Insel geheiligt durch die seltsamsten, mitfühlend erlebten menschlichen Prüfungen.

Es war mein erster Besuch auf denVerzauberten Inseln", wie die Spanier die Galapagos früher nannten. Wir hatten zwei Tage mit der Jagd nach Schildkröten an Land zugebracht. Wir hatten keine Zeit, viele zu fangen, und schon am dritten Nachmittage gingen wir wieder unter Segel. Wir wollten gerade in See stechen der gelichtete Anker schwang noch, unseren Augen unsichtbar, unter den Wogen, während das gute Schiff den Kiel von der Insel abwandte als der Matrose, der mit mir an der Ankerwinde arbeitete, plötzlich innehielt und meine Aufmerksamkeit auf etwas lenkte, das am Londe sich bewegte oder flatterte; nicht am Strande, sondern etwas zurück, auf einer Erhöhung.

Im Hinblick auf den weiteren Verlauf unserer kurzen Erzählung sei hier erklärt, wie es kam, daß ein Gegenstand, der so klein war, daß ihn kein Mann an Bord erspäht hatte, trotzdem ins Blickfeld meines Kame­raden am Spillbaum trat. Die übrige Besatzung, wie auch ich selbst, stan­den beim Aufwinden des Ankers einfach an unseren Spillfpaken, während mein festgegürteter Kamerad, in ungewohnter Lustigkeit, bei jeder Drehung der schweren Winde auf den Spillbaum sprang und dem Spaten mit aller Macht einen sehnigen Ruck nach unten gab, wobei er seine Augen in froher Erregung nach dem langsam zurücktretenden Lande schweifen ließ. Da er so über uns anderen hoch erhaben stand, konnte er jenen Gegen­stand sehen, der für uns nicht wahrnehmbar war. Dieses Aufheben seiner Augen verdankte er aber seiner ganzen gehobenen Stimmung, und die letztere wieder ich darf mit der Wahrheit irtcht hinter dem Berge halten einem Schluck perumanischen Piscos, den ihm unser Steward, ein Mulatte, an jenem Morgen für irgendeinen Liebesdienst insgeheim ver­abreicht hatte. Nun richtet der Pisco sicher allerhand Unheil an auf dieser Welt; aber sintemalen er in dem vorliegenden Falle das Mittel

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war, ein menschliches Wesen vor dem schrecklichsten Schicksal zu retten, dürfen wir da nicht zugeben, daß der Pisco manchmal auch alleren!» Gutes tut?

Als ich in der angegebenen Richtung über das Wasser blickte, sah ich etwas Weißes von einem Felsen landeinwärts herunterhängen, etwa eine halbe Meile vom Wasser.

's ist ein Vogel, ein Vogel mit weißen Flügeln, vielleicht ein; nein es ist, es ist ein Taschentuch!"

Jawohl, ein Taschentuch", echote mein Kamerad und benachrichtigte mit einem lauteren Rus den Kapitän.

Rasch, wie man eine Kanone klar macht und genau einstellt, wurde das lange Fernrohr vom hohen Deck des Hinterschiffs durch das Takelwerk des Besanmasts geschoben, und deutlich konnte man nun auf dem Felsen eine menschliche Gestalt erkennen, die uns mit etwas zuwinkte, das wie ein Taschentuch aussah.

Unser Kapitän war ein flinker, guter Kerl. Er schob das Fernrohr beiseite und befahl, wieder Anker zu werfen; einige Leute sollten ein Boot klarmachen und hinüberrudern.

Nach einer halben Stunde tarn das Boot zurück. Mit sechs Personen war es abgefahren, mit sieben kam es zurück. Und die siebte Person war eine Frau.

Wenn ich jetzt wünschte, ich könnte mit dem Pastellstift zeichnen, so ist das keine literarische Mutlosigkeit. Aber diese Frau bot einen rührenden Anblick; und ein Pastellbild, mit seinen weichen, melancholischen Linien, würde die trauernde Figur dieser Cholawitwe mit ihrem dunkelgeblümten Gewandte am besten wiedergeben.

Ihre Geschichte war bald erzählt; und obwohl sie in ihrer eigenen, seltsamen Sprache sprach, verstanden wir sie sofort. Denn unser Kapitän, der lange an der chilenischen Küste Kauffahrten gemacht hatte, war im Spanischen wohl bewandert. Eine Chola, ober Halbblutindianerin aus Payta in Peru, Hunilla mit Namen, hatte sie, zusammen mit ihrem eben angetrauten Gatten Felipe (aus reinem spanischen Blut) und ihrem ein­zigen Indianischen Bruder Truxill, auf einem französischen Walfischjäger sich eingeschifft. Das Fahrzeug stand unter dem Befehl eines freundlichen Mannes; seine Jagdgründe waren jenseits derVerzauberten Inseln", die cs in nächster Nähe passieren wollte. Jene drei wollten auf der Insel Schildkrötenöl gewinnen, eine Flüssigkeit, die überall, wo man sie kennt, wegen ihrer Reinheit und ihres feinen Geruches sehr geschätzt wird; und dort, längs der pazifischen Küste, ist sie wohl bekannt. Versehen mit einer Truhe mit Kleidern, Werkzeugen, Kochgeräten, einer einfachen Vorrichtung zur Reinigung des Oels, einigen Fässern Zwieback und begleitet von zweien ihrer Lieblinghunde (alle Cholos lieben diese Tiere wegen ihrer Anhäng­lichkeit) waren Hunilla und ihre Gefährten glücklich an dem erkorenen Platze gelandet. Der Franzose verpflichtete sich nach dem vor der Abreise gemachten Kontrakt, sie bei seiner Rückkehr von einer ölermonatigen Fahrt in den westlichen Meeren wieder an Bord zu nehmen. Diese Zeit erschien den drei Abenteurern für ihren Zweck vollauf zu genügen.

Am einsamen Strande der Insel zahlten sie in Silbermünzen für die Hinfahrt; denn der fremde Kapitän hatte sie nur unter dieser Bedingung mitgenommen; er wollte aber alles tun, sein Versprechen wegen der Rückfahrt zu erfüllen. Felipe hatte hartnäckig aber vergeblich darum ge­kämpft, die Zahlung bis zur Rückfahrt des Schiffs hinauszuschieben. Trotz­dem vermeinten sie, in anderer Weise Gewähr für die Gutgläubigkeit des Franzosen zu haben. Es war ausgemacht, daß die Rückfahrt nicht in Silber, sondern in Schildkröten zahlbar fei einhundert Schildkröten, die bis zur Rückkehr des Kapitäns einzufangen waren. Die Cholos wollten sich daranmachen, nachdem ihre eigen« Arbeit getan wäre und sie die Rückkehr des Franzosen erwarten konnten; und sie glaubten offenbar, in diesen hundert Schildkröten, die jetzt noch irgendwo im Inneren der Insel sich herumtrieben, ebensoviele Unterpfänder für_ bie Erfüllung bes Ver­trags zu besitzen. Genug: das Schiff stach in See; die drei Späher an der Küste antworteten dem frohen Schall der laut singenden Mannschaft. Ehe der Abend hereinbrach, war der Schiffsrumpf am fernen Horizont hinabgetaucht, und auch die dünnen Linien seiner drei Maste verschwanden rasch vor Hunillas Auge.

Der fremde Kapitän hatte fein Versprechen froh gegeben und es mit Schwüren verankert; aber Schwüre und Anker sind gleichermaßen unver» läßlich; nichts bleibt auf dieser wandelbaren Erde als unerfüllte Verspre­chen freudiger Dinge. Widrige Winde aus unbeständigem Himmel, widrig« Stimmungen feines unbeständigeren Sinns, ober Schiffbruch unb jäher Tob in einsamen Wogen was immer auch die Urfache gewesen, der frohe Schiffer ward nie wieder gesehen.

Aber wie schlimm auch das Unglück sein mochte, das hier zu dräuen fd)ien, lange Zeit störte die Cholos kein Gedanke daran; denn ihr ge= jchäftiger Sinn war gänzlich von der harten Arbeit gefesselt, die sie auf ihre Insel gebracht hatte. Ja, durch ein Unheil, das schnell kam wie der Dieb in der Nacht, wurden zwei von ihnen, noch ehe sieben Wochen ver­strichen waren, jeglicher Sorge zu Wasfer unb zu Lande enthoben. Nicht