Ausgabe 
2.6.1930
 
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Endlich drang einem Weibe der Jammer zu Kerzen: es lief hin und offenbarte dem Priester den Handel und des armen Weibes Wunsch. Ge­waltig entsetzte sich der fromme Mann, aber mit leeren Worten verlor er die Zeit nicht, kühn trat er für eine arme Seele in den Kampf mit dem gewaltigen Widersacher. Er war einer von denen, die den härtesten Kampf nicht scheuen, weil sie gekrönt werden wollen mit der Krone des ewigen Lebens, und weil sie wohl wissen, es werde keiner gekrönet, er kämpfe denn recht.

Ums Haus, in welchem das Weib ihrer Stunde harrte, zog er den heiligen Bann mit geweihtem Wasser, den böse Geister nicht überschreiten dürfen, segnete die Schwelle ein, die ganze Stube, und ruhig gebar das Weib, und ungestört taufte der Priester das Kind. Ruhig blieb es auch draußen, am klaren Himmel flimmerten die hellen Sterne, leise Lüfte spielten in den Bäumen. Ein wiehernd Gelächter wollten die einen gehört haben von ferne her; die anderen aber meinten, es seien nur die Käuzlein gewesen an des Waldes Saum.

Alle, die da waren, aber freuten sich höchlich, und alle Angst war ver­schwunden, auf immer, wie sie meinten; hatten sie den Grünen einmal angeführt, so konnten sie es immer tun mit dem gleichen Mittel.

Ein großes Mahl ward zugerichtet, weither wurden die Gäste ent­boten. Umsonst mahnte der Priester des Herrn von Schmaus und Jubel ab, mahnte, zu zagen und zu beten, denn noch sei der Feind nicht besiegt, Gott nicht gesühnt. Es sei ihm int Geiste, als dürfe er ihnen keine Buße zur Sühnung auferlegen, als nahe sich eine Buße gewaltig und schwer aus Gottes selbsteigener Hand. Aber sie hörten ihn nicht, wollten ihn be­friedigen mit Speise und Trank. Er aber ging betrübt weg, bat für die, welche nicht wüßten, was sie täten, und rüstete sich, mit Beten und Fasten zu kämpfen als ein getreuer Hirt für die anvertraute Herde.

Mitten unter den Jubilierenden ist auch Christine gesessen, aber son­derbar stille mit glühenden Wangen, düstern Augen, seltsam sah man es zucken in ihrem Gesichte. Christine war bei der Geburt zugegen gewesen als erfahrene Wehmutter, war bei der plötzlichen Taufe zu Gevatter ge­standen mit frechem Herzen, ohne Furcht, aber wie der Priester das Wasser sprengte über das Kind und es taufte in den drei höchsten Namen, da war es ihr, als drücke man ihr plötzlich ein feurig Eisen auf die Stelle, wo sie des Grünen Kuß empfangen. In jähem Schrecken war sie zusammengezuckt, das Kind fast zur Erde gefallen, und seither hatte der Schmerz nicht abgenommen, sondern ward glühender von Stunde zu Stunde. Anfangs war sie stille gesessen, hatte den Schmerz erdrückt und heimlich die schweren Gedanken gewälzet in ihrer erwachten Seele, aber immer häufiger fuhr sie mit der Hand nach dem brennenden Fleck, auf dem ihr eine giftige Wespe zu sitzen schien, die ihr einen glühenden Stachel bohre bis ins Mark hinein. Als keine Wespe zu verjagen war, die Stiche immer heißer wurden, die Gedanken immer schrecklicher, da begann Chri­stine ihre Wange zu zeigen, zu fragen, was darauf zu sehen sei, und immer von neuem frug Christine, aber niemand sah etwas, und bald mochte niemand mehr mit dem Spähen auf den Wangen die Lust sich verkürzen. Endlich konnte sie noch ein alt Weib erbitten; eben krähte der Hahn, der Morgen graute, da sah die Alte auf Christines Wangen einen fast unsichtbaren Fleck. Es sei nichts, sagte die, das werde schon vergehen, und ging weiter.

Und Christine wollte sich trösten, es sei nichts und werde bald ver­gehen; aber die Pein nahm nicht ab, und unmerklich wuchs der kleine Punkt, und alle sahen ihn und fragen sie: was es da Schwarzes gebe in ihrem Gesichte? Sie dachten nichts Besonderes, aber die Reden fuhren ihr wie Stiche ins Herz, weckten die schweren Gedanken wieder auf, und immer und immer mußte sie denken, daß auf den gleichen Fleck der Grüne sie geküßt, und daß die gleiche Glut, die damals wie ein Blitz durch ihr Gebein gefahren, jetzt bleibend in demselben brenne und zehre. So wich der Schlaf von ihr, das Essen schmeckte ihr wie Feuerbrand, unstät lief sie hiehin, dorthin, suchte Trost und fand keinen, denn der Schmerz wuchs immer noch, und der schwarze Punkt ward größer und schwärzer, einzelne dunkle Streifen liefen von ihm aus, und nach dem Munde hin schien sich aus dem runden Flecke ein Höcker zu pflanzen.

So litt und lies Christine manchen langen Tag und manche lange Nacht und hatte keinem Menschen die Angst ihres Herzens geosfenbaret, und was sie vom Grünen auf diese Stelle erhalten; aber wenn sie gewußt hätte, auf welche Weise sie dieser Pein los werden könnte, sie hätte alles im Himmel und auf Erden geopfert. Sie war von Natur ein vermeßen Weid, jetzt aber erwildet in wütendem Schmerze.

Da geschah es, daß wiederum ein Weib ein Kind erwartete. Diesmal war die Angst nicht groß, die Leute wohlgemut; sobald sie zu rechter Zeit für den Priester sorgten, meinten sie des Grünen spotten zu können. Nur Christine war es nicht so. Je näher der Tag der Geburt kam, desto schreck­licher ward der Brand auf ihrer Wange, desto mächtiger dehnte der schwarze Punkt sich aus, deutliche Punkte streckte er von sich aus, kurze Haare trieb er empor, glänzende Punkte und Streifen erschienen auf seinem Rücken, und zum Kopse ward der Höcker, und glänzend und giftig blitzte es aus demselben wie aus zwei Augen hervor. Laut auf schrien alle, wenn sie die giftige Kreuzspinne sahen auf Christines Gesicht, und voll Angst und Grauen flohen sie, wenn sie sahen, wie sie fest saß im Gesichte und aus demselben herausgewachsen. Allerlei redeten die Leute, der eine riet dies, der andere ein anderes, aber alle mochten Christine gönnen, was es auch fein mochte, und alle wichen ihr aus und flohen sie, wo es nur möglich war. Je mehr die Leute flohen, desto mehr trieb es Christine ihnen nach, sie fuhr von Haus zu Haus; sie fühlte wohl: der Teufel mahne sie an das verheißene Kind, und um das Opfer den Leuten einzureden mit unumwundenen Worten, fuhr sie ihnen nach in Höllenangst. Aber das kümmerte die anderen wenig; was Christine peinigte, tat ihnen nicht weh, was sie litt, hatte, nach ihrer Meinung, sie verschuldet, und wenn sie ihr nicht mehr entrinnen konnten; so sagten sie zu ihr: ,Da siehe du zu! Keiner hat ein Kind ver­heißen, darum gibt auch keiner eins.' Mit wütender Rede setzte sie dem eigenen Manne zu. Dieser floh wie die anderen, und wenn er nicht

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: 0r. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Univerfitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Siehe"-

einmal hat, dem macht er es so.

Drinnen im Hause aber, da jubelten sie und freuten sich und hörten lange nicht, wie bas Vieh brüllte und tobte im Stalle. Endlich fuhren sie doch auf, man ging nachzusehen, schreckensblaß tarnen die wieder, die gegangen waren, und brachten die Kunde, die schönste Kuh liege tot, die übrigen tobten und wüteten, wie sie es nie gesehen. sei es nicht richtig, etwas Absonderliches walte da. Da verstummte der Jubel, alles tief nach dem Vieh, dessen Gebrüll erscholl über Bek­und Tal, aber keiner hatte Rat. Gegen den Zauber versuchte mal weltliche und geistliche Künste, aber alle umsonst; ehe noch der Ta- graute, hatte der Tod bas sämtliche Vieh im Stalle gestreckt. Wie e- aber hier stumm wurde, so begann es hier zu brüllen und dort - brüllen; die da waren, hörten wie in ihre Ställe die Not gebrochen, wehlich bas Vieh seine Meister zu Hilfe rief in seiner grausen Angst.

Als ob bie Flamme aus ihrem Dache schlüge, eilten sie t)M aber Hilfe brachten sie keine; hier wie bort streckte ber Tod bas Bich Wehgeschrei von Menschen unb Tieren erfüllte Berge unb Täler, und die Sonne, welche bas Tal so fröhlich verlassen, sah in entsetzliche« Jammer hinein. Als die Sonne schien, sahen endlich die Mensche«, wie es in den Ställen, in denen bas Vieh gefallen war, wimmle von zahllosen schwarzen Spinnen. Diese krochen über bas Vieh, das W' ter, unb was sie berührten, war vergiftet, und was lebendig war, begann zu toben, ward bald vam Tode gestreckt. Von diesen Spinnen konM man keinen Stall, in dein sie waren, säubern, es war, als wuM sie aus dem Boden herauf; konnte keinen Stall, in dem sie noch nH waren, vor ihnen behüten, unversehens krochen sie aus allen WimukN, fielen haufenweise von der Diele. Man trieb das Vieh auf die Weiem man trieb es nur dem Tode in den Rachen. Denn wie eine Kuh«« eine Weibe ben Fuß fetzte, so begann es lebenbig zu werben Boben, schwarze langbeinige Spinnen sproßten auf, schreckliche 21P' blumen, krochen auf am Vieh, unb ein fürchterlich wehlich Geschrei erm von ben Bergen nieber zu Tale. Und alle diese Spinnen sahen , Spinne auf Christines Gesicht ähnlich wie ' * <m *

solche hatte man noch keine gesehen.

mehr fliehen konnte, fo sprach er Christine kaltblütig zu, bas werde sich schon bessern, bas sei ein Malzeichen, wie gar viele Menschen deren hätten, wenn es einmal ausgewachsen fei, so höre ber Schmerz auf, unb leicht fei es bann abzubinden.

Unterbeffen aber hörte ber Schmerz nicht auf, jebes Bein war ein Höllenbranb, ber Spinne Leib bie Hölle selbst, unb als bes Weibes erwartete Stunbe kam, ba war es Christine, als umwalle sie ein Feuermeer, als wühlten feurige Messer in ihrem Mark, als führen feurige Wirbelwinbe burch ihr Gehirn. Die Spinne aber schwoll an bäumte sich auf, unb zwischen ben kurzen Borsten hervor quollen giftig ihre Augen. Als Christine in ihrer glühenben Pein nirgenbs Teil­nahme, bie Kreißenbe wohl bewacht fanb, ba stürzte sie einer Wirbel- sinnigen gleich ben Weg entlang, ben ber Priester kommen mußte.

Raschen Schrittes kam berfelbe ber Halbe entlang, begleitet vom hanbfesten Sigrist; bie heiße Sonne unb ber steile Weg hemmten die Schritte nicht, benn es galt, eine Seele zu retten, ein unenblich Un­glück zu roenben, und von entferntem Kranken kommend, bangte dem Priester vor schrecklicher Säumnis. Verzweifelnd warf Christine sich ihm in den Weg, umfaßte feine Knie, bat um Lösung aus ihrer Hölle, um das Opfer des Kindes, das noch kein Leben kenne, unb bie Spinne schwoll noch höher auf, funkelte schrecktlich schwarz in Christines rot angelaufenem Gesichte, und mit gräßlichen Blicken glotzte st« nach des Priesters heiligen Geräten und Zeichen. Dieser aber schob Christine rasch zur Seit« unb schlug bas heilig« Zeichen; er sah ba ben Feind wohl, aber er ließ ben Kampf, um eine Seele zu retten. Christine aber suhr auf, stürmte ihm nach und versuchte bas Aeußerste; doch bes Sigristen starke Hand hielt bas wütend Weib vom Priester ab, unb zur Zeit noch konnte er bas Haus schützen, in geweihte Hänbe bas Kind emp­fangen unb in bie Hänbe besten legen, ben bie Hölle nie überwältigt.

Draußen hatte unterbeffen Christine einen schrecklichen Kamps ge­kämpft. Sie wollte bas Kind ungetauft in ihre Hände, wollte hinein ins Haus, aber starke Männer wehrten es. Windstöße stießen an bas Haus, ber fahle Blitz umzüngelte es, aber bie Hanb bes Herrn war über ihm; es würbe bas Kinb getauft, unb Christine umkreiste ver­geblich unb machtlos bas Haus. Von immer roilberer Höllenqual er­griffen, stieß sie Töne aus, bie nicht Tönen glichen aus einer Menschen- brust; das Vieh schlotterte in den Ställen und riß von den Stricken, die Eichen im Walde rauschten auf, sich entsetzend.

Im Hause begann ber Jubel über ben neuen Sieg, bes Grünen Ohnmacht, seiner Helfershelferin vergeblich Ringen; braußen aber lag Christine von entsetzlicher Pein zu Boben geworfen, unb in ihrem Gesichte begannen Wehen zu kreißen, wie sie noch keine Wöchnerin erfahren auf Erben, unb bie Spinne im Gesicht schwoll immer höher auf und brannte immer glühender durch ihr Gebein.

Da war es Christine, als ob plötzlich bas Gesicht ihr platze, als ob glühenbe Kohlen geboren würben in bemfelben, lebenbig würben, ihr gramselten über bas Gesicht weg, über alle ©lieber weg, als ob alles an ihm lebenbig würbe unb glühend gramste über den ganzen Leib weg. Da sah sie in des Blitzes fahlem Scheine, langbeinig, giftig, un­zählbar, schwarze Spinnchen laufen über ihre Glieder, hinaus in die Nacht, unb ben Entschwundenen liefen langbeinig, giftig, unzählbar, andere nach. Endlich sah sie keine mehr ben früheren folgen, der Brand im Ge­sichte legte sich, die Spinne ließ sich nieder, ward zum fast unsichtbaren Punkte wieder, schaute mit erlöschenden Augen ihrer Höllenbrut nach, die sie geboren hatte unb ausgesanbt, zum Zeichen, wie ber Grüne mit sich spaßen lasse.

Matt, einer Wöchnerin gleich, schlich Christine nach Hause; wem schon bie Glut so heiß nicht mehr brannte auf bem Gesicht, bie Glut im Herzen hatte nicht abgenommen, wenn schon bie matten Glieder nach Ruhe sich sehnten, der Grüne ließ ihr keine Ruhe mehr; wen er

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