Ausgabe 
1.12.1930
 
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gleich

ihn

die dem

Duck- Haus

Verhör.

Die Kampmann blickte frei auf.

Ich, Mutter Schöttler!'

Und schämst dich net, so was zu sagen?

, Nein, Mutter Schüttler, ich schäme mich nich. Ich hatte sehr lieb."

Aber er hat dir was zugemut?

Nein, Mutter Schüttler, er hat nur nichts zugemutet.

Am End hast du ihn verleit'?"

Die Kampmann senkte den Kopf.

Ich hatte ihn sehr lieb."

Die Neumüllerin kochte vor Wut.

guter Mensch!" , ... m ..

Die Augen der Neumüllerin rollten wild. Sie erhob die Arme. Packte die Kampmann und schleuderte sie mit voller Wucht gegen den Kleider- '^£115 Mädchen schrie, als steckte ihm ein Messer am Hals. Richtete sich in die Höhe. Ging, die Kiefern zusammengepreßt, mit gekrümmten Fin­gern auf die Gegnerin los und krallte sich an ihr fest.

Sie rangen miteinander. Zuerst schien die Kampmann der Neu­müllerin gewachsen. Da gelang's dieser, sich frei zu machen. Sie gab der Kampmann einen Schlag auf den Kopf, daß sie rücklings zu Boden schlug und das Blut ihr aus Mund und Nase schoß.

Wie unsinnig tobte die Neumüllerin.

Mit Schimpf und Schänd stiegst du aus dem Haus. Morn früh kommt eine Schwester aus Bochum. Die nimmt dich mit. Und ich werd dir den Laufpaß schreiben!"

So wütete die Neumüllerin und stürzte fort.

Reglos blieb die Kampmann liegen. Sie spurte einen dumpfen Schmerz im Hinterkopf., ,, . . k ,

Nach ein paar Minuten erhob sie sich. So schwindlig war ihr, daß sie vermeinte, umzusinken. .

Sie tauchte ein Handtuch in ihre Waschschüssel und wischte das Blut

Dann setzte sie sich auf ihr Bett. So wahr sie lebte, sie wurde sich

Taqüber hielt sie sich in ihrer Kammer. Das wenige, was sie besaß raffte sie in ein Bündel zusammen.Du bist ein Irrwisch, hatte Karl Weckler zu ihr gesagt.Du mußt etwas lernen, muht etwas werden! Wäre er bei ihr geblieben, sie hätte die Kraft zur Arbeit gefunden. Er hätte was Brauchbares aus ihr gemacht. Nun er fort war, nun er sie verlassen hatte, war ihr alles Wurst. Zum erstenmal hatte fie einen Menschen wirklich lieb gehabt. Sie hatte keine Hoffnung mehr, glücklich

Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Llniversitäts-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Sieben.

Du mußt aufs Hauklotz, Eckewischernl Bei mir hast du mäusern gespielt, hast mir zu Gefallen geschwatzt. Und außer machst du dich schwarz. Hätt ich eine Ahnung gehabt daß du so ver- ruchlost bist, ich hätt dich, weiß Gott, net ausstaffiert. Was du anhatt st, waren Lumpen. Wie ein Dreckkäfer bist du hier angeruckt. Mit meinen Händ hab ich dich gesäubert. Und hab dich herausgefuttert, als warst du mein Kind. Ich könnt mit bätschen, daß ich so einfältig war!

Sie haben viel an mir getan, Mutter Schüttler, fagte die Kamp­mann demütig,dafür werd ich Ihnen immer dankbar sein.

Stank für Dank!" geiferte die Neumüllerin weiter.Daß du mir den Tort antatst und dich an den verfluchten Bankert hingst, dadruber spuck ich dich weih von oben bis unten!"

Das Gesicht der Kampmann überzog eine dunkle Rote.

Dah Sie Karl verklaffen, verbitt ich mir. Das lassen Sie man! Warum ist er denn auf der Welt? Weil Sie Ihren Mann unglücklich gemacht haben. Nich? Kennen Sie Karl? Sie kennen ihn mch. Er ist em feiner, guter Mensch!" ,

Sag das noch emal, du freche Krott! ,

Hundertmal sag ich's, denn ich hab ihn lieb. Er ist em feiner,

Wann ich's net verkondermandier!" rief die Neumüllerin rot vor Zorn und schritt hochaufgerichtet hinaus.

Die Helene Kampmann strich um die Schmiede herum, in der Hoff­nung, den Wecklerskarl zu sehen und zu sprechen. Sie Iurie und lurte, er ließ sich nicht blicken.

Just ging die Minna Nolte vorüber, die beim Bürgermeister unter­gebracht war, und rief mit spöttisch geschwungenen Lippen:

Da kannst du lang kucken. Dein Schätzten ist weg. Er geht ins Feld.

Ich weih es vom Bürgermeister!" v ,

Die Kampmann, bleich wie der Tod, griff mit beiden Händen auf den Scheitel:

0 Gott, o Gott, o Gott!" . ...

Dumme Göhre, tu man nich so!" sauste die Hattrngerin sie an. «Ms ob's nich genug nette Jungen gäbe. Such dir man einen andern!

Die Kampmann, ohne ein Wort zu erwidern, rannte nach Haus. Warf sich in ihrer Kammer aufs Bett und vergrub, laut jammernd, den Kopf in die Kissen. , . ,,

So fand die Neumüllerin Ihre Pflegebefohleiw.

Was ist dann mit dir?" fragte sie in einem Ton, der zwischen Mit­gefühl und plötzlich erwachtem Mißtrauen schwankte.

Die Kampmann warf den Kopf herum.

Er ist fort. Mutier Schüttler!"

Wer ist fort!"

Karl Weckler. Mein Karl!"

Mach dir das Maul net feberig, grün Ding!

Ich hatte ihn schrecklich lieb, Mutter Schütller. So lieb wie niemand sonst auf der Welt!"

Enaus aus dem Bett!" befahl die Neumullerin. ..

Die Kampmann gehorchte. Ihr Gesicht war von Tranen überströmt. Die Arme hingen ihr schlaff am Leib herunter.

Wer hat die Schätzerei angefangen? begann die Neumullerin ihr

zu werden. Und setzt wieder in das graue Elend nach Bochum, in die Spelunke mit den feuchten Wänden, darin die Mutier wie eine Schlange zischte. Tag für Tag sich die Nase begoß? Nie und nimmermehr. Lieber betteln gehn. Die Welt war groß. Irgendwo würde sie Unterschlupf finden.

Die Nacht sank herab. Rabenschwarz. Die Windsbraut fuhr durch die Bäume im Garten. Aeste krachten. Bon fern klang es Juhu, Juhu! Geiselplatzen und Hundegebell. Ein gottesmärterlich Lärmen und Schreien.

Die Helene Kampmann stand in Schweiß gebadet. Sie fürchtete sich nicht. Ein Dieb mochte sich fürchten. Sie war keine Diebin. Aber rächen würde sie sich.

Sie öffnete die Kammertür und horchte auf den Flur hinaus. Nichts regte sich.

Sie zündete eine Kerze an und schlich auf den Zehen in die gute Stube, wo der Weibzeugschrank der Neumüllerin stand. Wenn nur der Schlüssel oben lag. Sie tastete über die bestaubte Fläche. Richtig, da war er!

Sie schloß auf. Warf Leinengebild, Bettzeug, Hemden und Hand­tücher heraus. Hinten in einer Ecke, das wußte sie, hatte die Neumüllerin ihr Geld versteckt. Fünfzig- und Hundertmarkscheine in dicken Päckchen. Die langte die Helene hervor, trug sie in den Aschenkasten und setzte sie in Brand. Roigelbe Flämmchen schossen empor, duckten sich in weißem Rauch, züngelten wieder in die Höhe. Es war ein luftiges Feuerchen, das gierig die vielen Bankscheine fraß.

Die Helene Kampmann, den Kopf aus dem Nacken gereckt, sah mit gespannter Aufmerksamkeit zu, bis das letzte Fünklein verglommen war.

Auf den Zehen schlich sie in ihre Kammer zurück, warf ihr Bündel über den Rücken und verließ bei Nacht und Nebel das Haus.

9.

Am Himmel trieb graues Gewölk. Ein Regenschauer löste den andern ab. Der Bach war über die Ufer getreten, schäumte am Wehr in weißem Gischt. Das Tal glich einem weißen See, auf dem die Nebel gefpenfter« hast wogten.

Der Ohrlitz, der früh auf dem Posten war, sah in den klatschenden Regen hinaus. Die Wege waren durchweicht und verschlammt. Dessen­ungeachtet begab sich der Alte, einen mächtigen Schirm aufspannend, in den Garten, den Schaden zu besehen, den der Sturm in der Nacht angerichtet. Die Obstbäume hatten gelitten. Der Lattenzaun, den Holler, der Schreiner, vor wenigen Tagen erst ausgebessert hatte, war zer­trümmert.

, Die Neumüllern", sprach der Ohrlitz zu sich,wird bös gramaufen, daß sie das Geld für die Reparaturkosten unnütz ausgeben hat!

Sackvoll nahm sle's ein, das Ausgeben war ihr nicht geläufig. Noch stand fie steif im Beutel. Es konnte auch anders kommen. Der alte Gen­darm, dessen Gewissen schwarze Flecken hatte, war verabschiedet worden, der neue war höllisch hinter den Mühlen her. Letzt hatte er den Sand- hannes abgefaht, wie der mit vollbeladenem Spitzbubenwägelchen aus der Neumühle kam. Eine Anzeige war zu erwarten. Die Neumullem machte sich nichts braus. Oder tat sie bloß so! Es brauchte nur einer hier gründlich hereinzuleuchten, schwapp! nahm man sie beim Kragen. -Oie Frau hatte eine Unruhe in sich, nicht zu beschreiben. Und quälte ihre Umgebung damit, es war, um aus der Haut zu fahren. Gestern bet dem Hundewetter hatte sie den Ohrlitz in die Stadt geschickt. Zu ihrem Ge­schäftsfreund, dem Falk. Der lieh nichts von sich Horen. Es ging etwas vor. Was, wußte der Ohrlitz nicht. Der Agent war nach Butzbach gefah­ren, kehrte erst am Abend zurück. Er war stockheiser, hatte eine Stimme wie der älteste Rabe im Vogelsberg. Seit Wochen, entschuldigte er sich, stehe er auf dem Sprung, den Weg zur Frau Schüttler zu machen. Jedesmal sei ihm etwas dazwischen gekommen. Sein Geschäft, behauptete er. werde immer größer, leider auch immer verlustbringender. Erst diesen Nachmittag sei ihm zur Gewißheit geworden, daß er wieder eine For­derung in den Schornstein schreiben müsse. Erzschwindler Hatten ihm Speck'auf die Falle gelegt, und er sei hineingegangen. Der Agent gab dem Alten einen Brief an die Neumüllerin mit. Die hielt aus den Falk große Stücke. Er war ihr bei ihren Händeln behilflich. Fett schwamm oben, und wenn's vom Hund kam. Ueberlegte mans, was hatte die Neumüllerin von ihrem Rewach? Sie machte sich das Leben schwer, gönnte sich nichts und guckte drein, daß die Milch zusammenlief. Die dicken Bauern zankten sich, wer von ihnen der größte Spitzbub war. Ein bißchen Schmu machte jetzt jeder. Das lag in der Zeit. Die Neumullerin aber trieb es zu bunt. Die alte Geschichte: wenn eine Weibsperson im Teufel seinem Abc A sagte, buchstabierte sie durch dick und dünn weiter.

Aus dem Halbdunkel des Flurs trat die Neumüllerin unter das Treppendächelchen und rief den Ohrlitz zu sich.

Wann bist du helmkommen?"

Um elf", antwortete der Alte bitter.Mir tun noch alle Rippen weh!"

Er wies auf den zerstörten Gartenzaun.

Der Holler hat wieder schlechte Arbeit gemacht", kollerte die Neu­müllerin.Der Herlenbock taugt zu nix als zum Schaskeln."

Der Ohrlitz zuckte die Achseln.

Der Sturm will feinen Willen haben. Dadegegen kommt kein Men- schenwerk auf!"

Er erstattete Bericht über seinen Gang zum Falk und übergab der Herrin den Brief des Agenten.

Sie nahm ihn mit einer raschen Bewegung in Empfang und zog sich in ihre Stube zurück.

(Fortsetzung folgt.)