Ausgabe 
1.12.1930
 
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nach den Gastgeschenken, und mit dem warmen Frühjahr erschienen auch im Traverser Tal die Kommissionen, den in Verlust geratenen Sachen nachzuspüren. Nicht überall zur Freude der Befragten, zum wenigsten des Doktors in Motiers, denn mit dem Ranziger hatte sich auch der Schimmel an die Krippe gewöhnt, die reichlicher gefüllt wurde als in der Gegend um Pontarlier, und es war weniger um den Reiter als um das Roh gewesen, daß er die beiden dabehielt. Nun hörte er sie überall die Ställe abforschen, und weil er sich das Tier mit den Stra­pazen jener Februartage ehrlich verdient zu haben glaubte und sthließ- lich ein Traverser war, nahm er den Schimmel am Abend bei der Halfter und führte ihn die breiten Treppen vorsorglich hinauf in eine Kammer, die der Gehilfe reichlich mit Stroh gepolstert und mit der ihm eigenen Findigkeit für die Gewohnheiten eines solchen Gastes hergerichtet hatte.

Es war eine milde Maiennacht, als das geschah; und da die nächtliche Beschäftigung dem Nanziger eine längst gesuchte Gelegenheit gab, seine Annäherung an die Nichte zu vollenden, war das geschädigte Frankreich nicht seine Sorge.

Am Morgen, da die Soldaten der Kommission in Motiers einritten und das Getrappel vieler Pferde noch einmal an den grausamen Drang der Februartage erinnerte nur, dah nun schop Blumen aus den Gräbern von damals blühten hielt sich der Ranziger vorsichtig hinter den Scheiben der Apotheke versteckt. Er muhte Salben und Tränke mischen, da nicht alles bei den Pferden, die sie mitführten oder bei sich hatten, in Ordnung war; so brachte er den Vormittag in Verborgenheit hin, indessen draußen das Frankreich seiner Gedichte die Reste heimsuchte. Als sie dann mittags abgefüttert hatten und sich im Schatten von der Frühlingshitze und dem Neuenburger ausruhten, war es wohl nötig, daß der Kommandant das Signal zum Sammeln blasen lieh, die Schläfer aufzuwecken; doch keiner konnte ahnen, was für ein merkwürdiges Ereignis das in dem Haus des Doktors auslösen würde.

Der saß eben erst mit dem Gehilfen und der verblaßten Nichte bei einer verhotzelten Bratwurst, als sich der Trompeter unweit des Fensters an dem kleinen Marktplatz aufpflanzte; aus feiner schon aufatmenden Besorgnis um den Schimmel spöttelte er noch, ob es nicht besser für den Ranziger wäre, die vaterländifche Retourgelegenheit wahrzunehmen, und hörte gerade einen flammenden Wortschwall an, dah «in Franzose die ganze Welt als Vaterland besäße, weil Frankreich das Mutterland der Bildung und des Fortschritts wäre, so daß jeder einzelne im Ausland einen Vorposten der Menschheit vorstelle. Da schmetterte draußen der erste Trompetenton in den sonnigen Frühlingsmittag; und wenn schon das Hornsignal die Rede dämpfte, so gab der Schimmel auf dem Dach­boden augenblicklich die Posaune des Gerichts dazu.

Die Soldaten draußen konnten nicht unterscheiden, woher das Roß so feurig die Antwort wieherte, und dah ein Schimmel da oben in die Dachkammer gesperrt war, der in seinem kuriosen Stall die Hufe der anderen Pferde, die Kommandorufe und das Geklirr der Säbel in der Dunkelheit geschlossener Fensterläden anhören mußte; der Doktor aber stellte wetternd sein Glas auf den Tisch und ließ die weinerliche Richte mit dem Ranziger allein, der für einen Tag der Reiter dieses stolzen Tieres gewesen war und sich in allen Müdigkeiten beiseite getan hatte, während die Kreatur beim ersten Sammelruf des Vaterlandes die Ant­wort wieherte.

Trotz manchem gestörten Mittagsschlaf formierte sich die Kolonne rasch; als sie fertig dastand, die Gäule aneinander gekoppelt und die Wagen bepackt, ließ der Kommandant noch einmal blasen. Diesmal aber mußten es alle hören, wie das Gewieher dazu nicht aus den Reihen ihrer Pferde, sondern hoch aus den Lüften kam. Und während sie noch suchend die Köpfe hoben, als ob es in dem dunstblauen Maihimmel geflügelte Rosse gäbe, wurde auch schon im Giebel des Doktorhauses einer von den schwarzoerwetterten Schlagläden aufgestoßen, daß er halb aus dem Riegel sprang und schief hinunterhing; hinterher aber drängte, weiß schimmernd im Sonnenlicht, ein Pserdekopf, der noch einmal in die Luft hinein wieherte, als ob er sich selber zur Stelle melden wollte da es sonst niemand tat und dann den eingeengten Hals so unwillig schüttelte, daß der hölzerne Laden die Angel völlig ausdrehte und krachend an der Wand herunterfuhr.

Die meisten im Uebermut dieses sonnigen Frühlingstages wollten lachen; ein graubärtiger Kapitän aber, der bei Pontarlier ins Bein geschossen und nur durch die Schnelligkeit feines Pferdes noch durch- gekommen war, hob die zitternde Hand ans Käppi; als ob er eine wieder­eroberte Fahne des Vaterlandes zu begrüßen hätte, so überwältigte ihn die Treue dieser Kreatur, die von den Schlachtfeldern Frankreichs auf eine Dachkammer im Traverser Tal geraten war und sich selber wieder dienstfertig meldete.

Da half es nichts, daß der Doktor ihnen räsonierend aus der Haus­tür entgegentrat und einen Nachtrag zu feiner Rechnung präsentieren wollte; zu zweien am Zügel brachten sie den Schimmel herunter über die Treppen, und unten nahm das Tier, von den beiden Soldaten feier­lich geleitet, die Parade über die entflammten Franzosen ab, indessen der Trompeter wahre Kaskaden von Schlachtsignalen und Siegesfanfaren blies, und auch die Schweizer sich gutwillig mit in die Front stellten.

Den Drogisten aus Ranzig hatte keiner bemerkt, auch der Doktor fand ihn nicht, als er fast fchlagflussig vor Zorn den Reiter mit einem Fuß­tritt dem Roß nachbefördern wollte. Als aber die Kolonne nach dieser seltsamen Parade aus dem Ort wegritt, der Bagage wegen im Schritt, und an das Wäldchen kam, das damals noch an die Straße von Fleu- rier mit einem Zipfel reichte, stand da zum anbernmal ein Trompeter in den Zwickeln und Schnüren der zerknitterten Kriegsuniform, todblaß von feiner peinlichen Flucht, und schmetterte Signale, wie wenn es für die Ostarmee an diesem Nachmittag endlich den ehrenvollen Rückzug gäbe, den sie damals im verschneiten Februar nicht mehr gefunden hatte.

Oer Zufall in der Weltgeschichte.

Bon Dr. Max Kemmerich, München.

Die furchtbaren Erdbebenkatastrophen der letzten Jahre in Japan, die nach dem Urteile vieler den angeblich unvermeidlichen Krieg zwischen dem Jnselreiche und den Bereinigten Staaten weit hinausschieben, da sie Japans Macht lahmlegten, lenkten den Blick auf die Rolle des sogenann­ten Zufalls in der Weltgeschichte. Es ist sicherlich nicht ohne Reiz, ein­mal zu prüfen, welche unvermutete Wendung bisweilen durch ein äußeres Ereignis der Geschichte eines Landes gegeben wurde. Und zwar denken mir hier nicht etwa an die Person des Staatsmannes oder Schlachten­lenkers, die ein plötzlicher Tod, Verwundung oder schwere Krantheit ausschaltete, sondern ausschließlich an Naturkatastrophen: Erdbeben, Stürme, Sandstürme, Wolkenbrüche und ähnliches. Ja, ein tüchtiger Landregen kann sogar den Geschicken der Welt eine andere Wendung geben.

In die Antike blickend, finden wir wiederholt Berichte von terres­trischen und kosmischen Ereignissen, die den Gang der Geschichte ent­scheidend beeinflußten. So foll die angeblich von Thales für den 28. Mai 585 v. CH. vorausberechnete Sonnenfinsternis der Schlacht zwi­schen Medern und Persern ein Ende bereitet haben. Dje Folge war ein Friedensschluh nach fünfjährigem Streite. Von ungleich größerer histo- ri cher Bedeutung waren die gewaltigen Sandstürme, die die Heere Per­siens in der Lydischen Wüste begruben. Dadurch wurde ein weiteres Vordringen der Perser nach dem Westen verhindert. Aehnlich erging es viele, viele Jahrhunderte später den Russen, deren Siegeszug in der Bucharei die Wüstenstürme ein unüberwindbares Hindernis bereiteten.

Welthistorische Bedeutung haben wir ganz unzweifelhaft dem Sturm beizumessen, der die von Chublai-Chan gegen Japan entsandte Flotte vernichtete. Es war zur Zeit der gewaltigen Eroberungen der Mongolen, die als wahre Geisel der Menschheit ihre blut- und beute­gierigen Hände über die ganze damalige Erde ausftreetten. Von Kara­korum in der Mongolei aus hatten sie die ungeheuren Ländermassen von China bis Polen sich untertan gemacht. Bis Liegnitz waren ihre alles sengenden Truppen, deren Weg Brandstätten und Schädelberge bezeich­neten, nach dem Westen vorgedrungen. Persien und Aegypten hatten sie erobert, in Mesopotamien durch Zerstörung der Jahrtausende alten Dammbauten und Kanäle das fruchtbarste Land der Erde in eine Wüstenei verwandelt/Roch bis zum heutigen Tage konnte sich das Zweistromland nicht von dieser Katastrophe erholen. Doch nicht gesättigt durch die Eroberung Asiens und großer Teile Europas streckte die Beutegier des Reitervolks seinen Arm noch über das Meer. Bon Korea aus sollte Japan erobert werden. So tarn denn der Admiral Chublai-Chan (1260 bis 1294) mit einer ungeheuren Flotte von 3000 bis 4000 Seglern an die Küste von Kiusiu. Das Land der Kirschenblüte schien verloren. Da zerstörte ein Taifun die Flotte und rettete Japan und seine uralte Kultur (1281). Damit war die Stoßkraft der Mongolen nach Sudosten endgültig gebrochen. Das Weltreich, das Dfchingis-Chan nact, feinem Tode (1227) feinen Nachfolgern, die es noch um China und Tibet vermehrt hatten, hinterlassen hatte, löste sich auf. Ein Taifun hatte die Menschheit von ihrem furchtbarsten Feinde befreit.

Betrachten wir anschließend einen Seesturm von gleicher welthisto­rischer Bedeutung! Philipp II. von Spanien, in dessen Reich bekanntlich die Sonne nicht unterging, hatte lange mit der Königin Elisab eih von England verhandelt zu keinem anderen Zwecke, als um sie in Sicherheit zu wiegen und Zeit zu gewinnen. Endlich brach er ungeachtet des Entgegenkommens der großen Fürstin die Beziehun­gen ab. Hatte er doch die Eroberung Englands beschlossen aus Rache für die Hinrichtung der M a r i a S tu a r t und um Erbansprüche zu machen. Der Papst hatte finanzielle Hilfe zugesagt. Philipps heimlich ausgerüstete Armada von 130 großen Kriegsschiffen, bemannt mit 30 000 der besten Seeleute und Soldaten, schien die Weltherrschaft in sicherer Aussicht. Dazu (amen noch 30 000 Mann an der Küste der spanischen Niederlande, die die Operationen zur See unterstützen sollten.

Elisabeth, die zu spät erkannte, daß Philipp sie nur hatte Hinhalten wollen, rüstete fieberhaft. Aber die Aussichten auf Erfolg waren gering, zumal im Falle einer spanischen Landung mit einem Aufstand der ein­heimischen Katholiken zu rechnen war. Nur auf die kleine Flotte von 34 Kriegsschiffen, ergänzt durch zahlreiche kleine Fahrzeuge, war Ver­laß. Die Armada unter dem Befehle des Herzogs Medina Sidon," war allerdings infolge zahlreicher Angriffe unter peinlicher Vermeidung einer entscheidenden Schlacht sehr geschwächt nach Calais gekommen. Hier ließ der Seeheld Drake einige Brander mit solchem Erfolg gegen die Spanier los, daß der Herzog aus Furcht, die ganze Flotte konnte in Flammen aufgehen, die Ankertaue durchschneiden ließ, um die offene See zu gewinnen. Nun fetzte ein Südweststurm ein, der die Schiffe den Kanal hinunter trieb. Sie stießen zusammen, wurden auf die Klippe" und Sandbänke des Ufers geworfen und ftcuerlos nach Schottland, Norwegen, Irland verschlagen. So ward die mächtige Flotte vernichtet, bis auf 50 Fahrzeuge, die mit 1000 Mann Besatzung in die Heimol zurückkehrten. Selbst die heimkehrenden Schiffe waren zu sehr, beschädigt um wieder seetüchtig gemacht werden zu können. Die Engländer ober hatten auch nicht ein einziges Schiff verloren! Dieser Schiffbruch der Armada 1588 war zugleich ein Zusammenbruch der Macht Spaniens. Nie wieder vermochte sich das Land von diesemBlasen Gottes, wie es Elisabeth nannte, zu erholen. Die Weltherrschaft war erschüttert, das Rad der Geschichte rollte um eine Speiche weiter nach Osten.

Nicht vergleichbar der welthistorischen Bedeutung dieser beide" Stürme, aber immerhin beachtenswert ist die Rolle, die harte Winter in der Geschichte spielten. König Karl X. von Schweden hatte m" der Gefahr einer polnisch-österreichisch-holländisch-dänisch-russisch-branden­burgischen Koalition 1657 gegen sein durch den dreißigjährigen Kries übermächtig gewordenes Land gerechnet. Da kam ihm der Winter 3 Hilfe und ermöglichte ihm im Februar 1658 den gefrorenen kleinen nn großen Belt zu überschreiten. So konnte er Fünen und Seeland erouer