Zahn
Er fieberte heftig.
*
siebzig.
(Fortsetzung folgt.) .
Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitatS^Buch» und Steindruckerei, Jt. Lange, Gieße»-
Wäre das Wetter über Nacht anders geworden, so hätte das Fieber vielleicht nicht viel bedeutet. Aber der Wind ging noch mehr nach Osten herum, und an Schonung war nicht zu denken, weil verschiedene Visiten zu machen und allerhand Pik- und Stuhlschlitten für den Nachmittag zu besorgen waren. Sich davon auszuschliehen war um so unmöglicher, als Hugo beim Abschied um di« Ehre gebeten hatte, die Landrätin auf dem Eise fahren zu dürfen. Eine kleine Eitelkeit kam hinzu, denn er war ein sehr guter Schlittschuhläufer und wollte sich in den Pausen als solcher zeigen. Thilde schlug ihm zum Frühstück ein Glas Portwein vor, aver sein Zustand war doch schon so, daß er selbst auf Haferschleim genoß auch bei Tisch nichts anderes und nahm ein Schächtelchen islandycye Moospastillen mit sich, als er um drei zu dem Rendezvous auf dem Eis aufbrach. Er sah verändert aus, was auch Thilden nicht entging, uno weil sie trotz aller Abhärtungsprinzipien, nach denen sie selber lebte, mm ohne Teilnahme für ihn war, so würde sie ihn vielleicht vom Eise zur geschickt und bei der Landrätin, die noch nicht da mar, entschuldigt - wenn nicht ein alter polnischer Graf, dessen Bekanntschaft sie 1^0» Abend vorher gemacht hatte, sich ihrer bemächtigt und ihr auf l«»ei kleinen Muchelschlitten mit zwei davor gespannten Scheckenponys em Platz angeboten hätte. Sie mußte das annehmen, denn er war der r« J und angesehenste Mann der ganzen Gegend, Original und schon
Vertrauen zu ihm Ausdruck zu geben. Es läßt sich hier von einem Sieg der Persönlichkeit sprechen, der um so glänzender ist, als das landrätliche Hauswesen eine besondere Anziehung auf das Polentum ausübt. Die feine Sitte, die dem Polentum so viel bedeutet, hat in diesem Hauswesen ihre Stätte. Diese Vorzüge würdigt auch der Fortschritt trotz gesellschaftlichen Draußenstehens vollauf, weil der vorherrschende Ton nicht nur ein Ton der Vornehmheit, sondern beinah mehr noch der schönsten Humanität ist. Frau v. Dunajewski hat einen Krippenverein gegründet, zu dem alle Konfessionen beigesteuert haben, und die Tätigkeit dieses Vereins wird am Weihnachtsabend Freude in die Hütten der Armut tragen, lieber alle großen Fragen hinaus bedarf unser Kreis vor allen Dingen einer Sekundärbahn, um endlich bequeme Verbindung mit der Weichsel zu haben, eine Sache, darin alle Parteien einig sind. Und diese Bahn uns zu sichern ist Landrat v. Dunajewski geeigneter als jeder andere, da seine Beziehungen zum Hof bekannt sind. Adel, wenn er die Zeit begreift und auf Exklusivität verzichtet, ist immer die beste Lokalvertretung."
Hugo legte das Blatt aus der Hand und nahm einen Korianderkuchen. „Also daher! Er hält mich für den Verfasser. Natürlich, da in Waldenstein nur drei Menschen in Betracht kommen können: Schulze, der katholische Lehrer und ich. Und da es Schulze und der Lehrer aus inneren Gründen nicht sein können, so bin ich es ..."
Er erhob sich und sah in den Saal nebenan hinein, um noch an Schulze eine Frage zu richten, aber der war fort, und so brach er auf, um nach Haus zu gehen.
Unterwegs siel ihm ein: Sollte vielleicht...? Aber nein, das war nicht möglich, dazu war es alles zu gewandt, zu routiniert ausgedrücktl Und noch damit beschäftigt, trat er in sein Zimmer, wo Thilde gerade den roten Papierschirm über die Lampenglacke warf.
„Guten Abend, Thilde. Nun, was gibt.es?"
„Das muht du wissen, du warst ja aus."
„Ja, ich war in der Ressource, nur eine Viertelstunde, und bann kam Schulze und gab mir die ,Hartungsche° mit einem Artikel darin aus Waldenstein."
„Ach, bas ist gut, ich bachte schon, er wäre untern Tisch gefallen."
„Aber Thilde! Dann ist es am Ende doch so...? Dann hast du den Artikel eingeschickt?"
Thilde lachte. „Ja, das mit dem Landrat, das muhte anders werden, das ging nicht so weiter."
„Also wirklich, du hast ihn geschrieben?", „Nein, geschrieben nicht eigentlich." „Aber wer denn?"
„Ein Unbekannter, dem ich nun zu Dank verpflichtet bin. Ms wir damals das Gespräch hatten, da sah ich jeden Tag, wenn die .Vossische' kam, in die Wahlangelegenheiten hinein, und es sind wohl nun schon acht Tage, da sand ich das alles in einer kleinen Korrespondenz aus Myslowitz, und danach habe ich es so zurechtgemacht. Wenn man erst das Gestell hat, ist es ganz leicht, eine Puppe zu machen."
Er schüttelte mit gutmütigem Lächeln den Kops, war aber doch etwas betreten.
„Thilde, du solltest doch lieber so was nicht tun."
„Ich dachte, du würdest mir danken, daß ich das beglichen und deine Stellung angenehmer gemacht habe."
„Ja, du kannst aber mal damit scheitern. Es kann auch mal schief gehen." X
„Gewiß, alles kann mal schief gehen, und die sich dadurch einschüchtern lassen, die sitzen still und tun gar nichts. Schief gehen! Ich würde da lieber warten, bis es soweit ist; bis dahin aber würde ich nach freuen, wenn einer für mich sorgt. Schulze, der so schrecklich gebildet ist, spricht immer von deiner Initiative."
„Ja, und es ist mir auch mitunter fatal genug, besonders, wenn du habet bist. Aber ich bitte dich, halte du nicht zu viel davon."
*
Seit dem Artikel in der „Hartungschen" hatte sich Hugos Stellung in Waldenstein und in der Umgegend noch wesentlich verbessert. Thilde freute sich ihrer Errungenschaften und gab ihrer Freude auch dadurch Ausdruck, daß sie sich modisch kleidete, wobei Schulze, der oft nach Posen und Breslau fuhr, mit Rat und Tat helfen mußte. Die Ressource leitete Beziehungen ein, und ein Erscheinen im landrätlichen Haus war in hohem Maß wahrscheinlich. Es setzte sich mehr und mehr die Meinung fest, daß die Frau Bürgermeister sehr klug sein müsse und immer wisse, was in der Welt los sei.
Im ganzen ließ sie sich aber all das nicht zu Kopf steigen und blieb nüchtern und überlegend, und nur darin zeigte sich ein kleiner Unterschied gegen früher, daß sie sich zu einer gewissen Koketterie bequemte und auf Hugo einen Frauenreiz auszuüben suchte. Sie ging darin so weit, daß sie die Ampel vom Flur her in das Schlafzimmer nahm und scherzend zu Hugo bemerkte: „Draußen im Flur hat sie nun ihre Schuldigkeit getan, schade, daß das Rosa wie gar nichts aussieht. Es müßte Rubinglas sein. Man kriegt dann so rote Backen. Die liebe Schmädicke! Was wohl Mutier sagen würde..."
„Ja", sagte Hugo, „die würde sich freuen über dich, und ich habe es mir auch überlegt, ob wir sie nicht zum Fest einladen sollen."
Thilde schüttelte den Kopf. „Nein, Hugo, dazu haben wir es denn doch noch nicht. Und sie müßte doch Zweiter fahren oder wenigstens doch von Bromberg aus... Und dann, es geht auch überhaupt nicht. Wir müssen für sie sorgen, natürlich müssen wir das, denn sie ist doch eine gute alte Frau und immer so allein und bloß die Runtschen um sich her, was gerade kein Vergnügen ist..."
„Nein", bestättgte Hugo, den es bet dem bloßen Namen wieder Überlief.
„... die Runtschen und die Schmädicke, die auch nicht viel besser ist. Aber einladen hierher, geht nicht. Wir packen ihr eine Kiste zusammen, Schinken, Eier, Butter, und legen ihr vier ober sechs Paketchen Thorner
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Kathrinchen bei und einen schwarzen Muff, den sie sich schon lange gewünscht hat, und Gummistiefel mit Pelz, und wenn sie das auspackt, dann freut sie sich viel mehr, als wenn wir sie hier mit in die Ressource nehmen... Und überhaupt, es geht mal nicht. Der Landrat könnte da sein oder die gnädige Frau. Und nun denke dir einen Bostontisch und ■ Mutter mit dem Landrat zusammen! Ich glaube, Mutter kann gar nicht Boston. Sie hat seit Vaters Tod bloß immer Patience gelegt... Nein, dazu ist mir Mutter zu schade, daß sie sie hier auslachen. Und bann, Hugo, auch unsertwegen. Wir sinb doch hier das, was man in Büchern und Zeitungen die oberen Zehntausend nennt, obschon Waldenstein erst dreitausendsünshundert Einwohner hat, und was der Adel auf dem Land ist, das find die Honoratioren in der Stadt, und das sind wir... Also, es geht nicht. Ich denke, wir warten, bis ein Jahr um ist, und dann nimmst du Urlaub, und bann besuchen wir Muttern unb können bann auch sehen, was aus Rybinski geworben ist."
Hugo war mit allem einverstanden. Er hatte bas mit ber Alten auch nur so gesagt, weil er Thilben eine Freube machen wollte. Zugleich bachte er an ein Weihnachtsgeschenk. Er fanb Rubinglas auch hübscher.
*
Die Woche zwischen Weihnachten unb Neujahr verging in Saus und Braus. Der ßanbrat, ber während der letzten vier Wochen im Reichstag gewesen war, kam zurück, und eine Festlichkeit drängte die andere. Am Weihnachtsabend war erst Aufbau für die armen Kinder aller Konfessionen, wobei Thilde und die Landrätin die Leitung übernahmen. Am Silvesterabend war Theateraufführung in der Ressource, wo erst „Monsieur Herkules" und dann „Das Schwert des Damokles" gespielt wurde. Hugo hätte gern mitgewirkt, mußte aber verzichten, weil es sich nicht passe. Hugo mußte den ganzen Abend an Rybinski denken und beneidete ihn um das Leben in ber freien Kunst. Der Ball, der folgte, ließ aber trübe Gedanken nicht auf kommen; er selbst eröffnete mit der Landrätin die Polonaise, unb ber ßanbrat folgte mit Thilbe, bie bie Reichstagsberichte jeden Morgen las und gelegentlich sogar einen Satz aus einer kurzen Rede zitierte, die der Landrat über die Simultanschulfrage gehalten hatte.
„Sie interessieren sich auch für Politik, meine gnädigste Frau?"
„O ja, Herr Landrat. Je mehr ich die kleinen Verhältnisse fühlte, die mich umgaben, je mehr empfand ich eine Sehnsucht nach Auffrischung, die nur, ich will nicht sagen das Ideal, aber doch das Höhere ergeben kann. Ich darf sagen, daß bie Reben Bismarcks erst das aus mir gemacht hoben, was ich bin. Es ist so oft von Blut unb Eisen gesprochen worden, aber von seinen Reden möchte ich für mich persönlich sagen dürfen: Eisenquelle, Stahlbad. Ich fühlte mich immer wie erfrischt."
Beim Souper, das den Tanz auf eine Stunde unterbrach, saßen sich Landrat und Bürgermeister gegenüber. Als der Tanz um zwei Uhr wieder begann, rückten sie nebeneinander, und der Landrat sagte: „Bürgermeister, Freund, Sie haben eine famose Frau! Kolossal beschlagen! Weiß ja Bescheid wie 'n Reporter oder eigentlich besser! Die Reporter sind Maschinen und folgen bloß mit Ohr unb Hand. Aber Ihre Frau, Donnerwetter, da merkt man was! Muck, Rasse, Schick... Sagen Sie, was ist es für eine Geborene? Vielleicht Kolonie ober Familie, bie den Abel hat fallen lassen?"
Hugo nannte ben Namen, unb ber schon stark angesisselte Landrat fuhr fort: „Hören Sie, Bürgermeister, da steckt etwas drin... Oder ob vielleicht die Mutter? ..."
Hugo sagte, soviel er wisse ...
„Na, ganz egal", schloß ber ßanbrat, „ganz egal, woher es kommt, menn’s nur da ist. Und muß ein Bombengedächtnis haben."
Hugo, gegen den Schluß hin, tanzte noch eine Redowa mit der Lcmd- rätin und geleitete dann beide bis an ben brauhen roartenben Schlitten. Er war im bünnen Frack mit weitausgeschnittener Weste, unb draußen, wo er noch eine Weile stehen mußte, blies ein scharfer Sübostwinb von ben Karpathen her. Als er mit Thilbe eine Stunbe später in feiner Wohnung ankam, war er im Fieber unb fröstelte.
.^Thilbe, mir ist nicht recht. Ich möchte ein Glas Zuckerwasser."
„Immer Zuckerwasser. Wer trinkt Zuckerwasser, wenn er von einem Ball nach Hause kommt! Ich werbe bir eine Tasse Kasse machen."
Sie holte bie Spirituslampe, setzte bas Kesselchen auf unb machte ihm eine Tasse Kaffee von brei Lot.


