Am allermeicktvürdigsten aber sind die Steinbanten auf Ponap« und Tinian; die eine Insel rechnet man zu den Karolinen, die andere zu den Mariannen. Beide gehörten einmal zum deutschen Kolonialgebiet und sind — vielleicht darum — besser als viele andere Gruppen erforscht. Ponape ist eine für SüdseeverhLltnisse große Snfel, denn sie besitzt immerhin 347 Quadratkilometer Mchenraum. Die Steinwälle bestehen hier aus Dasattblöcken, die den Jnselrand schützen, aber auf Blöcken, die so groß und schwer sind, daß es unerfindlich ist, wie man sie angesichts der Hilfsmittel der Insulaner bewegen und einbauen konnte. Denn dieser Basalt mußte erst an die Küste und an das anschließende Korallenriff hinausgebracht werden. Kanäle, schmal, doch künstlich hergestellt, scheiden den ganzen, nicht weniger als 42 Hektar großen uralten Baukomplex vom eigentlichen Insel- Hoden. Die Bauten, soweit sie sich heute noch erkennen lassen, waren nicht in willkürlichem Durcheinander angelegt, sondern nach einem bestimmten Plan. Während sich heute noch die Kanäle bei jeder Flut Men (darum hielt man das Ganze auch für Wasserburgen), halten die Mauern die strenge Form von Trapezen, Vierecken usw. inne. Achzig solcher Gebäudereste sind vorhanden und man kann nur annehmen. daß sie bewohnt wurden. Bewohnt von einem uns unbekannten, ausgestorbenen oder fortgezogenen Volk, das es für selbstverständlich hielt, steinerne Häuser zu errichten, die sonderbarerweise zwischen 9 und 137 Meter lang find.
Ein paar dieser Bauwerke sind den Toten zugeeignet gewesen. Von dem, das sich am besten erhalten hat. spricht man als von dem Fürstengrab Van Tauatsch. Aber ob es wirklich ein Fürstengrab, vielleicht nicht nur eine allgemeine Begräbnisstätte jener zahllosen Einwohner war, läßt sich nicht niehr feststellen. Der Eingang dieses nur 19 Meter hohen, aber beträchtlich ausgedehnten Gebäudes scheint immer offen gewesen zu sein. Innen steckt ein unregelmäßiger Mauerwürfel, der nur 4 Meter Höhe hat und mehr als doppelt mannsstark ist. Er ist durch Wälle in die Außenmauer eingefügt, eine Bauweise, die man sonst nicht leicht zu sehen bekommt, und die uns heute ganz sinnlos erscheint. Innen liegen verwitterte Knochen, Muscheläxte, ein bißchen Schmuck und Geräte. Wer kann sagen, ob das Ganze nicht vielleicht einen Opfertempel bedeutete, der den die Stadt (denn um eine solche handelt es sich) schützenden Geistern geweiht war. Oder den furchtbaren Göttern des Meeres, die dem Menschen Vahrung spendeten. 2a, wenn man die Vergangenheit heraufbeschwören und befragen könnte, wie einen Lebenden!
Tinian, Vota und Guam haben dagegen jene Reihe von viereckigen Steinpfeilern, die in 4 Meter Höhe ein rundes und sehr massives Kapitäl tragen. Wozu sie dienten, ist gar nicht festzustellen. Zurechtgehauen sind sie wie für die Ewigkeit. Trugen sie ein Dach aus längst zerfallenen Balken und bildeten damit eine Gemeinschaftshalle oder den Palast eines Häuptlings? Diesmal hat man sogar Mörtel und Korallenkalk verwendet, dessen Bedeutung man also kannte, während doch die ägyptischen Pyramiden bekanntlich mit einer Art Harz, jedenfalls aber nicht mit Mörtel gekittet waren.
Schließlich hat man sich geeinigt (was freilich kein sicherer Beweis für die Wahrheit dieser Meinung ist) in diesen Säulen, die ungeheueren Pfosten von großen Chamorrohäusern zu sehen, die angesichts der unaufhörlichen Stürme auf diesen Inseln ganz besonders massiv errichtet werden mußten. Denn die heutigen Bewohner der Mariannen, die sich selber Chamorro nennen, errichten gerne noch eine Art solcher Pfahlbauten, wenn auch freilich nicht aus Stein. Auch an Begräbnisstätten hat man gedacht. In diesen halbrunden, fast napfartigen Kapitellen sollen Leichen eingemauert sein.
Aber — und das ist das Hoffnungslose — kein Insulaner von heute weiß etwas von dieser versteinerten Vergangenheit. Sie haben gar keine Beziehung dazu. Man glaubt es ihnen angesichts ihrer heutigen Lebensform, wenn sie beteuern, die schrecklichen „Idole", die „Uiegensteine" auf den Marquesas hätten Dämonen dorthin getragen und andere Dämonen hätten auf Veukaledonien in große Felsblöcke Figuren gekratzt, Sormenräder, Vierecke, Zeichnungen, die man für Eidechsen, sogar schon für Buchstaben gehalten hat. Es ist wahr, die Farbigen, die jetzt auf diesen Inseln wohnen, verstehen tatsächlich nichts von einer derartigen Bearbeitung des Steines. Sie brauchen ste auch gar nicht, ihre ganze urwüchsige Kultur bedarf weder des Minernen Hauses, noch der Mauern, Tempel, oder gar Straßen und väulengänge. Vein, sie wissen wirklich nichts. Das alles ist eine Enso unbekannte Welt für sie als für uns. Dennoch hat man die Theorie aufgestellt, es könnten doch nur Polynesier und Melanesier me Urheber dieser Ruinen gewesen sein. Nur seien sie damals auf -sm Höhepunkt ihres Daseins gestanden, seien dann herabgesunken, hätten sich und ihre eigenen Leistungen vergessen.
Aber, seien wir ehrlich, diese Erklärung scheint sehr mangelhaft. Me ist voll von Lücken und Brüchen. Sie überzeugt nicht durch un- Mfechtbare Beweiskraft. Sie ist nur ein Lückenbüßer, weil man es peinlich findet, zuzugestehen: „Wir wissen es nicht!"
.sicher ist nur dies: Don jenen Völkern, die solche Kulturbedürf- besahen, wie sie etwa der späten Steinzeit Europas entsprechen wurden, ist in der Südsee nichts zurückgeblieben. Sie sind verschwunden, memcmdiveiß wohin. Es gibt auch kaum einen Weg. ihnen erfolgreich ??HusPuren. Das Meer geht blau und stürmereich um diese Küsten, ^..Palmen reifen ihre Früchte, der Hibiskus glüht flammend und die strotzen von buntestem Leben — heute wie damals. Aber auch
. hat den Menschen vergessen. Ihn, der kam und ging, und WA ?,cmnert mehr an den Tag, da er, der heute Zeit- und Welt- chvllene, sich aufrichtete und sagte: „Mein ist dies alles und wird "umer mein sein. Immer...“
eine verbindet uns mit diesem Unbekannten, dieses bitte;,, t ~~ Tragikomische, daß auch wir, so wie er, in die Zeit 1 bauen und nicht wissen, ob diese Zeit unser ist.
Oie Laube.
Von Walter Grünhagen.
Von braunen Ziegeln fast verdeckt, liegt unterm Dache ganz versteckt die windverwehte Laube;
die einst mir, als ich noch ein Knab', im Frühherbst oft zu kosten gab des Wildweins bitt're Traube.
Manch stillen Tag verträumte ich, dann grüßten rote Ranken mich aus leichtem Holzgefüge;
und zag der Lenz ins Gäßchen ein, hielt Ausschau ich, ob nicht der Wein aufs neue Triebe schlüge.
Längst hat der Wind schon umgelegt den Zaun, der Tisch und Bank umhegt als ich das Glück noch schaute.
Die wilde Rebe blüht nicht mehr, und aus den Häusern ringsumher erschallen fremde Laute.
Mathilde Möhring.
Roman von Theodor Fontane.
(Fortsetzung.;
Hugo bückte sich, um einen Rittersporn zu pflücken und Thilden in den Gürtel zu stecken.
„Und sieh, Hugo, so mußt du es anfangen. All dies kleine Zeug, das chr da immer durchsprecht, damit zwingst du es nicht. Das kann jeder. Aber immer auf dem Auskiek sein, immer sehen, was so dem Menschen zugute kommt, damit zwingst du's, und das ist, was ich vorhin .Ideen' genannt hab«. Die Welt kann nicht jeder auf einen hohen Fleck bringen, aber Waldenstein soweit zu bringen, daß es alle Woche mal in der Zeitung steht und daß die Menschen erfahren, es gibt einen Ort, der heißt Waldenstein — ja, Hugo, das Ist möglich, und das ist in deine Hand gegeben."
„Oder in deine", lächelte Hugo. ,',Mber du hast recht, wir wollen es versuchen."
*
In dieser Weise gingen die Unterhaltungen, die Thilde mit Hugo führte, wenn er vom Rathaus in seine Wohnung zurückkehrte. Gegen den Herbst hin wurde auch die Ampel jeden Abend heruntergenommen und ein Unschlittlicht hineingetan, was dann so magisch leuchtete, daß niemand vorüberging, der nicht einen Blick in den Hausflur getan hätte.
Es ging alles gut in Woldenstein. Rur der Landrat verhielt sich kühl, und es war ganz ersichtlich, daß er von der Initiative des neuen Bürgermeisters, die sein eigenes Licht in den Schatten stellte, nicht sonderlich erbaut war. Es kamen Begegnungen vor, bei denen Hugo „geschnitten" wurde, besonders von der Frau Landrätin, die Tänzerin erst in Agram und dann in Wien gewesen war. Hugo war mehr als einmal in bittere Verlegenheit geraten und hatte sich bei seinen Spaziergängen im Garten, die bis in den Spätherbst hinein fortgesetzt wurden, verschiedentlich gegen Thilde darüber ausgesprochen.
„Du verstehst es nicht", sagte Thilde und nahm eine beurre grise vom Baum. „Sieh, Hugo, die Birne da ist noch hart, und du mußt sie vier Wochen aufs Stroh legen, eh sie schmeckt; aber noch eh die vier Wochen rum sind, habe ich dir den Landrat weich gemacht. Er ist ein sehr guter Herr und eigentlich liebenswürdig von Natur, und das müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn er nicht zu bekehren wäre. Wer eine Tänzerin heiratet, hat immer ein weiches Herz."
Hugo seufzte, denn er litt unter der Gegnerschaft und sah kein Ende davon. Aber er hatte Thilde unterschätzt, und die vier Wochen waren noch nicht um und die Birne noch nicht präsentiert, als Hugo Ende November von einer Kreistagssitzung heimkam und nicht genug von der Liebenswürdigkeit des Landrats erzählen konnte.
_ Thilde sagt« kein Wort, und Hugo sah erst einigermaßen klar in der Sache, als er am selben Abend den Kaufmann Schulze in der Ressource traf.
„Haben Sie schon gelesen, Herr Großmann?" fragte dieser augenzwinkernd, und als Hugo verneinte, gab er ihm die vorletzte Nummer der „Königsberger Hartungschen Zeitung", die in Woldenstein am meisten gelesen wurde, mit den Worten: „Sehr gut geschrieben. Ein feines Artikel- chen. Aber er ist es wert. Er ist ein feiner Herr, der Herr Landrat." Und dabei ließ er Hugo mit dem Zeitungsblatt allein.
Hugo schüttelte den Kopf und setzte sich in einen Stuhl neben dem Schanktisch, auf dem sechs, acht Weingläser mit Apfelsinenkreme, eine Baumtorte und kleine Korianderkuchen standen. Er selbst hatte sich schon vorher einen Curayao geben lassen, und während er daran nippte, las er die blau angestrichene Stelle:
„Woldenstein, 14. November. In unserm Kreis rührt man sich bereits für die Wahlen, ohne daß eine besonders pressant« Benötigung dafür vorläge. Denn die Wahl unseres Landrats v. Dunajewski darf 'wohl als gesichert angesehen werden, da, soviel wir bisher erfahren konnten, seine politischen Gegner auf Aufstellung eines Gegenkandidaten verzichtet haben. Sowohl die polnisch-katholische wie die fortschrittliche Partei vereinigen sich in Würdigung der hervorragenden Charakter- und Verwaltungseigenschaften des Landrats v. Dunajewski und halten es für ihre Pflicht, selbst auf Kosten ihrer sonstigen politischen Ueberzeugungen, ihrem


