Ausgabe 
1.8.1930
 
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schaffen machte, hörte noch, daß er das Streichhölzchen strich, und sah den Lichtschimmer, der gleich darnach unter der Tür weg bis in das Entree fiel Dann hörte sie, daß er sich die Stiefel mit einem raschen Ruck auszog, wie einer, der schnell ins Bett will und keine Minute später.

Der nächste Tag war so schön wie der vorige. Möhrings waren Früh­aufsteher, und heute waren sie schon um sechs aus den Federn, w^l sie doch nicht wissen konnten, ob ihr Mieter nicht ein noch größererFrüh- auf" war, wie sie selber. .

Ich glaube nicht, daß er ein Frühauf is, aber man kann doch nicht wissen, und in der ersten Nacht schlafen viele so unruhig." Es war wohl schon acht, als Mathilde dies äußerte, und eine Weile später setzte sie hinzu:Du sollst sehen, Mutter, der hat einen Bärenschlaf, um den brauchst du dir die Nacht nicht um die Ohren schlagen, und von Wecker­aufziehen is nu schon gar keine Rede mehr. Ra, mir is es recht, wenn erst Winter ist, schlaf ich auch gern aus-und warte lieber mit meinem Kaffee. Bloß, daß man um acht nur die ausgesuchten Semmeln kriegt."

Mit diesen Morsen stand sie auf und sah nach der kleinen Pendeluhr, aus der es schon ein paar Minuten über halb neun war.Mutter, ich werde doch wohl klopfen müssen. Ich hatte ihn so auf neun Stunden taxiert, aber nun sind es schon gehn und einhalb was meinst du?"

Versteht sich, es kann ihm ,a auch etwas passiert [ein."

Gewiß kann es, aber es wird wohl nicht."

Um ein Uhr trat der neue Mieter bei Möhrings ein und sagte, daß er nun zu Tisch gehen wolle, «ie brauchten sich mit seinem Zimmer nicht zu übereilen; er würde vor sieben nicht wieder da [ein, und wenn jemand käme, möchten sie sagen: erst um acht. Damit empfahl er sich sehr artig, und als er aus dem Haufe trat, sahen ihm Mutter und Tochter vom Entreefenster aus nach.

1 Als sie das Fenster wieder geschlossen hatte, sagte die Mutter:Es is eigentlich ein sehr hübscher Mensch. Ich wundere mich, daß er noch so ein halber Student is. Am Ende irrst du dich doch, Thilde, er muß doch nahe an dreißig fein."

Ja, aussehen tut er so, da hast du recht. Aber das macht der schwarze Vollbart, und weil er so breit ist. Aber glaub mir, er is nicht über sechs- undzwanzig. Und der Vollbart macht es auch nicht mal. Er is bloß faul und hat kein Feuer im Leib. Das sieht denn so aus, als ob einer alt wäre, bloß weil er schläfrig is, und sentimental is er auch."

Ja, das wird er wohl", sagte die alte Möhring, aber doch so, daß man hören konnte, sie dachte nichts beisentimental" und wollte bloß nicht widersprechen.

Eine Stunde später hatte Mathilde das Zimmer zurechtgemacht, wäh­rend die Mutter sich in der Küche beschäftigte. Man war übereingekommen, sich jeder ein Setzei zu spendieren, dazu Bratkartoffeln. Als der Tisch gedeckt und zu den Bratkartoffeln der Extrateller mit den zwei Setzeiern aufgetragen war, war auch die Tochter mit dem Zurechtmachen des Zim­mers fertig, und beide setzten sich zum Essen.

Bist du zufrieden, Thilde?'.' sagte die Alte und wies auf die Eier.

Ja!" sagte Thilde,ich bin zufrieden, wenn ich sehe, daß du sie beide ißt, und wenn ich sehe, daß sie dir schmecken, denn du gönnst dir nie was, und davon magerst du auch so ab. Kartoffeln is was ganz gutes, aber viel Kräfte geben sie nicht, ich werde dich nu wieder besser verpflegen, und wenn wir gegessen haben, gieß ich dir eine Tasse Tee auf. Er hat nicht mal seinen Zucker verbraucht und auch nicht weggepackt, man sieht an allem, daß er ein anständiger Mensch is. Aber nu nimm und, Mutter!" Und sie legte der Alten vor und paischelte ihr die Hand.

Ja, du bist gut, Thilde... Wenn du nur einen guten Mann kriegst." Ach, laß doch."

Nein, ich denke immer daran, und warum auch nicht? Wie du da vorhin vor dem Spiegel standest, von der Seite bist du doch beinah hübsch."

Laß doch, Mutter, ich weiß schon Bescheid. Das mit dem Gemmen­gesicht mag ja wahr fein, und ich glaube selbst, daß es wahr is, aber ich kann doch nun mal nicht immer von der Seite stehen."

Brauchst du ja auch nicht. Und bann am Ende: du hast die gute Schule gehabt und die guten Zeugnisse, und wenn Vater länger gelebt hätte> dann wärst du jetzt Lehrerin, wie du es gewollt hast. Manche sind so sehr fürs Gebildete. 'Wie hast du's denn bei ihm gefunden? Alles in Ordnung und anständig? Ein ganz Armer kann er nicht sein. Der Koffer is von Leder und beinah ohne Holz und Pappe. Das haben immer bloß solche, die guter Leute Kind sind."

Ganz recht, Mutter, das stimmt, da sind wir mal einig. Und so is es auch mit ihm. Guter Leute Kind muß er fein, auf der Kommode lagen auch die Schnupftücher und die wollenen Strümpfe, du mußt es dir nachher ansehen, alle ganz gleich gezeichnet. Auch die Strümpfe. Nicht bloß mit Wolle, alle mit rotem Zeichengarn. Er muß eine sehr ordent­liche Mutter haben oder Schwester. Denn eine andere macht es nicht so genau. Und die Stiesel auch in Ordnung, er muß aus einer guten Leder- gegenb sein, das sieht man an allem, und hat auch eine Iuchtenbrief- mappe, schön gepreßt; ich rieche Juchten so gern. Und die Bücher alle sehr gut eingebunden und sehen auch alle so sonntäglich aus, als ob sie nicht viel gebraucht werden. Nur fein Schiller steckt voller Lesezeichen und Eselsohren. Du glaubst gar nicht, was er da alles hineingelegt hat: Brief­markenränder und Zwirnsfäden und abgerissene Kalenderblätter. Und bann hat er englische Bücher dastehen, das heißt übersetzte, die muß er auch gelesen haben, es sind so viele Ausrusungszeichen und Kaffeeflecke, und an mancher Stelle steht ,famos* ober .großartig* ober irgend so was... Aber nun werde ich dir den Tee aufbrühen, du hast doch noch heiß Wasser?"

Versteht sich, heiß Wasser is immer."

Und damit ging Thilde hinaus und kam nach einer Minute zurück.

Cs is ein rechtes Glück, daß er Tee trinkt", sagte Thilde und goß der Mutter und bann sich selbst eine Tasse von dem neuen Ausguß ein.

Schriftleitung: t. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. Druck und Verlag

Kaffe, das schmeckt bann nach dem Trichter, aber vom Tee schmeckt ba5 zweite eigentlich am besten", und während sie das sagte, zerbrach ne zwei Zuckerstückchen in viele kleine Teile und schob das Schälchen fo- Mutier hin.

Nimm doch auch, Thilde."

Nein, Mutter, ich mag nicht Zucker, aber du bist für füß, und nimm nur immer ein bißchen in den Mund, ich freue mich, wenn es dir schmeck! und wenn du wieder dick und fett wirst." '

Ja, ja", lachte die Alte,du meinst es gut Aber dick und fett, ©oft Thilde, wo soll das Herkommen!" * '

Um sieben Uhr war Hugo Großmann zurück. Er traf Thilde im Entree War wer da, Fräulein?"

Ja, ein Herr, er kam so um die fünfte Stunde, und ich sagte ihm daß Sie um acht wieder da fein würden. Da wollt er wiederkommen." '

Gut, und hat er nicht feinen Namen gesagt?"

Ja doch, von Rybinski, glaub ich."

Aha, Rybinski, nun, das ist schön."

Und acht war kaum vorüber, da klingelte es, und Rybinski war wieder da und wurde hineingeführt.

Guten Tag, Großmann."

Tag, Rybinski. Bedaure, daß du mich verfehlt hast. Aber nimm Platz. Nachmittags bin ich immer unterwegs."

Weiß schon", sagte Rybinski und schob sich einen Stuhl an das Sofa.Käpernick! Wirb benn diese Dauerlauferei nicht einmal ein Ende nehmen? Paßt doch eigentlich gar nicht zu dir. Du hast entschieden mehr vom Siebenschläser als vom Landbriefträger. Also warum pendelst du fortwährend zwischen Grünewald und Wilmersdorf immer hin und her? Oder hast du jetzt eine andere Penbelbewegung?"

Muß sich erst Herausstellen, lieber Freund, ich bin ja erst seit vierund- zwanzig Stunden hier, gestern früh angekommen, wie ich dir schrieb - hier drüben Friedrichstraße... Gott fei Dank, daß ich wieder da bin und auch wieder nicht. Owinsk ist ein Nest, natürlich, und wenn man auf gestanden ist, kann man auch schon wieder zu Bette gehen. Und dazu die ewige Klagerei von Mutter und Schwester und keine Spur Verständnis für ein Buch ober ein Bild, und wenn ein Tanzbär auf den Markt kommt, dann ist es, als ob die Wolter gastiert... Na, das alles ist gerade nicht mein Geschmack. Aber ein Gutes hat solch Nest doch. Man hat Muße, man kann feinen paar Gedanken nachhängen, wenn man welche hat, und die Büffelei hat ein Ende. Ach, Rybinski, es geht nun wieder los. Wie steht es denn mit dir? Wenn ich dich [o anfehe, mit deiner Polenmütze - nimm's mir nicht übel, aber es sieht so ein bißchen theaterhaft aus - und mit deinen Stiefeln über der Hofe, du siehst mir auch nicht aus, als kämst du recte vom Repetitorium."

Welch feine Fühlung du hast, Großmann. Recte vom Repetitorium, nein. Aber etwas von recte ist auch dabei. Recte vom Galgen."

Wie Roller?"

Rybinski nickte.

Ach, mach keinen Unsinn, Rybinski, was meinst du damit?"

Was ich meine, davon später, erzähl mir erst ein Wort von dir und von den Owinskern. Hast du zufällig meinen Onkel gesehen, er kommt ja bann unb wann in bie Stabt zum Pferbemarkt, ober wenn er Geld leiht. Auf meinen letzten Brief hat er nicht geantwortet. Es wirb weh! gerabe Ebbe bei ihm gewesen fein. Unb dein Vater, woran starb « denn eigentlich? Er kann ja noch keine sechzig gewesen sein. Unb wie steht es mit bem Vermögen? Es heißt immer, er hatte was?"

Ja, bas heißt es immer, und wenn Gott den Schaden besieht, ist nichts da oder doch fast nichts... Da war meine Kiste, fo eine Art Arm heim, in feinem Bureau, die wir immer mit Respekt betrachteten, well wir uns alle sagten: Da liegt es drin. Und nun denk dir, was wir nach­her gefunden haben!"

Na die Hälfte."

Ja, prost die Mahlzeit: eine Zereviskappe, ein Kommersbuch und cm paar hohe Iagdstiesel, gelbes Leder, genau wie wenn er sie von Wallen­stein geerbt hätte."

War er denn ein Nimrod?... Uebrigens könntest du mir mal eine Zigarre geben. Ich sah da eine kleine Kiste. Sie enttäuscht mich hossenl- lich nicht so wie dich die große Erbschaftskiste. Ja, war er denn solch Jäger vor dem Herrn?"

I Gott bewahre, dazu war er viel zu bequem unb fromm. Er wird wohl, als er eben Bürgermeister geworden war, mal eine Jagd mit­gemacht haben; aber als ich fon halberwachsener Junge war, so kurz vorher, ehe ich nach Jnowrazlaw aufs Gymnasium kam, fuhr er immer bloß raus, wenn das Getafle losging, mal beim Oberförster, mal beim Amtsrat, unb einmal war er beim Torfinfpektor, das weiß ich noch genau."

Unb dabei war dein Vater eigentlich ein famoser Knabe."

Ja, das war er."

Eigentlich forscher als du." ..

Na, wie mans nehmen will. So im meisten sind wir uns gW Fürs Repetieren war er auch nie, darin müssen wir uns-wohl gleich sein Unb als er den Referendarius hinter sich hatte, schnappte er ab und W Zweimal falle ich durch unb bann sogar mit Ach unb Krach und E hundert Talern, nein, da lieber Bürgermeister in Owinsk und ver­lobt war er ja auch schon lange." . .

Ja sie, Hugo, bas ist eben, was ich das Forsche nenne. Es war i ein Entschluß, und seine Familie war doch gewiß dagegen und wo einen Minister aus ihm backen. Unterm Minister tnn's ja bie guten sie- ftäbter nicht, die bei der bekannten Glücksjagd, zu der wir alle gcw find, bloß den Kirchturm mit dem goldenen Hahn sehen und nicht w ' wie weit es ist unb wie viele Gräben unterwegs, um reinzufallen. w bin für bie, die abspringen."

______________________________(Fortsetzung folgt.)___

: Brühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in ®'$'