ein
der
sie's ihr beibringt mit
und
eine andere Tonart an
Nüstern zucken, aus ihren
Die Lene steckt mit zitternder Hand den Rest ihres Frühstücks und steht ein paar Schritte auf die Kienholzen zu.
„Was meinst du dann mit der Straf'?" Die Alte hat den Teufel im Leib. Eh' Stadlern, soll sie noch ein bisschen zappeln.
„Du dauerst mich halt doch", schlägt sie kehrt die Mitleidige heraus.
Die Seite tritt dicht an sie heran, ihre Pupillen sprühen Funken.
Verantwortlich: Di-. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, ®iC6cn'
jungen Mädchen ihren Platz. Zuerst das Lieschen Hormann, eine Waise, die bei der Witwe Frau Reidel wohnte, alsdann die Cordula Schmitz, einer Botenfrau Tochter, zuletzt die Lene Launsbach, die nach langem' unfreiwilligem Feiern heute wieder erschienen war.
Es ist Vormittag. Durch die trüben Fensterscheiben des Arbeits. raumes fällt gedämpft das helle Tageslicht. Die Maschinen sind in vollem Gang. Man hört den lauten Anschlag der „Schlitten", das leise Knittern der Radeln. Gesprochen wird soviel wie nichts, denn die Bedienung der Maschinen erheischt Aufmerksamkeit.
Punkt nun Uhr bimmelt im Hof das Sehelichen und kündigt die Früh, stückspause "n. Einige sprengen die eben fertige Ware von den Radeln ab, andere drehen die Kurbeln aus und halten Kamm und Gewichte fest Rach und nach nehmen alle an roh gezimmertem Tische Platz und ver- zehren bedächtig ihr kärgliches Frühstück. Rur die Cordula Schmitz ißt nichts. Sie hat gestern ihren Namenstag gefeiert. Da hat ihr Schatz was draufgehen lassen. Heut ist ihr katzenjämmerlich zu Mut.
„Ess' doch ein Muffel Brot," rät ihr die Kienholzen, „'s wird dir ja blimerant vor den Augen."
Die Schmitz schüttelt den Kopf.
„Ich bring' kein' Bissen herunter."
„Ja, ja, das kommt von der Strunzerei."
„Es soll sich kein? zum Essen zwingen," gibt die Reideln ihre Mei» nung kund.
„So einmal richtig gehungert, ist sehr gesund," spricht die scheppe Krämern.
„Hast du's dann schon probiert?" fragt die Kienholzen.
„Und ob. Tu' nur deinem Magen die Gunn einmal an und lass' ihm ein’ Tag Ruh. Was glaubst du, was der sich bei dir bedankt?"
„So ist's", bekräftigt die Reideln.
„Lene, du mußt's ja wissen", wendet sich die Kienholzen an die junge Genossin, die, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, ihr Milchbrötchen verspeist. „Du hast drei Monat lang nichts zu acheln gekriegt."
„Wo wär' ich wohl da!" sagt Lene, ohne ihre Stellung zu verändern. „Das sind so Geschwätzer unter den Leut', als müßt' eins Hunger leiden im Spital."
„Ja, ja, so wird gesprochen."
„Wann ich's mein Lebtag nicht schlechter krieg wie droben, hernach will ich zufrieden sein."
„Was heißt das?" spöttelt die scheppe Krämern, „du kriegst's vielleicht noch besser."
„Vielleicht, vielleicht auch nicht."
„Ro wann du erst Frau Notarschreiber bist!"
Erbleichend richtet sich Lene auf.
„Dein' Hohn kannst du für dich behalten!"
„'s ist auch wahr", pflichtet die Reideln der Seite bei und schiebt einen Brocken Brot in den Münd.
„So?" fährt die Kienholzen plötzlich los. „Wer hat denn den Ton hier eingeführt? Ich möcht' wissen, so eine Hochnäsigkeit. Und steckt nix dahinter. Erst das Veriuckeln mit dem Schatz, als wär's wunder was für ein großes Tier. Gott fei's getrommelt und gepfiffen! Auf einmal kommt der Herr Schollas heraus. Da bist du an den Rechten geraten. Bon dem Kind will ich alleweil gar nicht schwätzen. Das ist schon ganz anderen Leut' passiert. Und passiert noch mehr. Aber daß du alles in dich hinein- gefressen hast und während du hier die Heimducksern spielst, dadesür kriegst du jetzt deine Straf'!"
„Deine Erbarmnis ist mir zum Lachen! Was dir auf der Zung brennt, weiß ich schon lang'. Und ist meine Sach! Und geht dich nix nn. Und gehört nicht hierher. Pfui schäm' dich mit deiner Berhönscherei!'
Die Kienholzen wirft den Kopf zurück und stemmt die Ellbogen in die Hüften.
„Du freche Krott, was fällt dir dann ein? Sitzt in der Bredullje um ranzst mich an? Die Stadlern, guck, die gönn’ ich dir. Ehnder will ich doch verrecken, als daß ich mit dir noch ein Wort schwätz’."
Zornglühend stehen sie sich gegenüber. Die Kameradinnen sind aufgesprungen und ergreifen, jede ihrem Charakter gemäß, der Alten oder des Mädchens Partei.
Da öffnet sich die Tür, der Chef tritt herein.
„Kreuzfackerment, seid ihr dann toll? Ein Geschrei, daß man's vorne im Laden hort. Kienholz, was geht hier vor?" A
Die Kienholz streicht das Haar aus der Stirn und tut ganz erstaunt.
„Was soll dann hier vorgehen? Weiß von nix. Wir haben nur |o miteinander geschwätzt." I
„Gekrischen meinen Sie doch wohl", donnert Herr Vitus und zieh» | die Brauen zusammen, daß seine Aeuglein ganz verschwinden. ,,aw»- ich werd' euch Mores lehren. Roch ein Skandal, und ich wers' euch!lWU und sonders zum Tempel hinaus!"
Draußen bimmelt wieder das Schellchen. die Frühstückspause ist verstrichen. Alle gehen an ihre Plätze. Gleich darauf klippern die M-tzcym-n und der Hader ist verstummt.
(Fortsetzung folgt.)
Ein jäher Zorn durchlohte das Mädchen.
„Schänd und Brand tu’ ich ihm an!"
Die Bellossen hob die Schultern ein wenig.
„Ich hab' da nix hereinzuschwätzen. Du mußt wissen, was du tust."
Lene stand auf und schritt zur Wiege, darin ihr Karlchen ruhig schlief. Und ihre Tränen flössen aufs neue.
„O Gott, o Gott!" schluchzte sie jammervoll, „das arme Wurm!"
Da humpelte die Alte herbei und legte sanft die Hand auf ihres Schützlings Schulter.
„Guck, Bene, wann man so alt ist, wie ich, wundert man sich über gar nix mehr. Als Saujfrau bin ich in vielerlei Häuser tomrnen. Hab' nach die Mannsleut' fennenc "lernt. Von der ©ort’, wie der Schollas ist, find die rnehrsten. Schlappschmcinz' wie der Stadlern ihrer zählen nicht mit. Und die Braven find mit der Satern’ zu suchen. Jetzt bitt' ich dich um Goteswiüen, was hälfst du denn an dem Schollas gehabt? Ei, fei doch froh, daß es so kommen ist. Lieber töt' ich einzling verhungern, als mit so einem Wicht ein Schlaraffenleben zu führen. Hat obendrein nichts zuzubrocken. Dessentwegen sticht ihm der Stadlern ihr Hans in die Augen und was sie sonst bei ihrem sauberen Handwerk zusammenschrappt. Ro wirst du sprechen, ich geh' ans Gericht. Ja, bist du dann so einem Heuchler gewachsen? Es heißt als, das Recht hat eine wächserne Ras'. Und der ist durchtrieben bis dahinaus. Und wann's zum Klappen kommt, fährst du ab."
„Frau Belloff," versetzte Lene schweratmend, „in der Sach' kann mir Kems nicht raten, 's geht nicht um mich, 's geht um das Kind. Ich lass' ihn nicht los. Stein, tausendmal nein! Ich such' mein Recht. Und krieg' mein Recht. Und wenn ich drüber zu Grund gehen muß!"
Die Bellossen gab ihr Drcinreden auf, denn sie kannte des Mädchens Sinnesart. Die hatte ihren Kopf für sich. Wem nicht zu raten war, war nicht zu helfen. Seufzend schlappte sie in die Küche hinaus.
Die Hände auf die schmerzende Brust gepreßt, ging Lene unruhig hin und her. Ihr war so elend zu Mut. Beinah' wie damals, als sie ins Spital hinaufkam. Nein, doch anders. Ganz anders. —
Ihr starker Wille hielt sie aufrecht. Rur jetzt keine Schwächlichkeit. Die Gedanken beieinander. Was tun? Eh's zu spät war, den Schollas fassen. Nut. Aber wie? Der Schollas war schlau, der hütete sich, ihr in den Schuß zu kommen. So ging sie direkt ins Haus des Notars. Da mußte sie ihn treffen. Treffen, jawohl. Das war vielleicht alles. Er speiste sie mit ein paar Redensarten ab. Nun begehrte sie seinen Herrn zu jpredjen. Tat ihm leid, der Herr Notar war beschäftigt. Herrgott, sie hält' ihn erwürgen mögen. Und stand vor ihm wie eine Bettlerin. Das war nichts mit dem Gang zum Notar. Was sonst? Es war keine Zeit zu verlieren. Gleich ans Gericht? Das blieb als letztes.
Sie grübelte und grübelte. Ein Gedanke schoß ihr durch den Kops: wenn sie sich überwinden würde, der Stadlern Vorhaltung zu machen! Der Stadlern? Warum nicht gar! Was hatte sie mit der Person zu schaffen? Der würde sie nie die Schwelle betreten. Da eftimierte sie sich doch zu hoch. m
Sacht, sacht! Unglück und Stolz paßten schlecht zusammen. Bedachte man's recht, der Plan war nicht übel. Die Belloffen meinte es gewiß gut, aber sie hörte nur das Geträtsch der Leute, und darauf war nicht viel zu geben. Die Stadlern mochte sein, wer sie wollte, so arg war sie nicht auszudenken, daß nicht ein Tröpfchen Gntheit in ihr stak. Spürte man erst das Tröpfchen auf, war's möglich, man brachte sie von dem Schollas ab. , ,
Ein Schein von Hoffnung glomm in Lene auf. Ihr Entschluß war gefaßt. Morgen in der Mittagspause ging sie zu der Stadlern hin.
2.
Herr Vitus Brückner betrieb neben seinem Tapisseriegeschäst eine Strumpfwarenfabrik. Das will besagen, er hatte im Obergeschoß seines Hinterhauses ein halbes Dutzend Strickmaschinen aufgestellt, die von ebensoviel Frauen und Mädchen bedient wurden. Als Spezialität wurden Herrensocken und Frauenstrümpfe mit „Patentbördchen" fabriziert. Der Verkauf der Fabrikate, soweit diese nicht im Ladengeschäft Verwendung fänden, geschah durch Beauftragte in größeren Städten. Herr Brückner, ein angehender Fünfziger mit stattlichem Bauch und feistem Gesicht, aus dem zwei winzige Aeuglein lugten, war in der Stadt als guter Gesell- ichafter und Witzbold geschätzt. In Geschäftssackien verstand er keinen Spaß. Nicht allein, daß er für die vielerlei Artikel seiner Tapisserie- Handlung gepfefferte Preise nahm, ging er als Strumpfwarenfabrikant von dem Grundsätze aus, seine Maschinen und seine Arbeiterinnen als gleichwertig zu betrachten, dergestalt, daß er aus beiden möglichst viel Kapital schlagen müsse. Da ihm in dem entlegenen Städtchen keinerlei Konkurrenz in die Quere kam, konnte er es seit Jahren wagen, an em und demselben niedrigen Lohnsatz festzuhalten. Trotz seiner Gewinnsucht und allerlei Tücken war Herr Vitus humaner Regungen fähig. Er war Präsident des Armenvereins und sucht von Amts wegen die Unglücklichen und Enterbten auf, die in keiner Gemeinde fehlen. Daß er dabei mancher erschütterten Existenz zu Brot verhalf, wurde ihm von seinen Mitbürgern hoch angerechnet. Er lieh das Mäntelchen der Nächstenliebe mit der Würde eines Granden um seine breiten Schultern flattern und spickte seinen Beutel, denn jene Arbeitskräfte waren fügsam und billig. —
Als Veteranin in der Fabrik des Herrn Vitus stand die Kienholzen an der Strickmaschine. Ihr Mann, ein windiger Pumpenmacher, hatte eines Tages das Weite gejucht und die Fran in Not zurückgelafsen. Ihrem Alter und ihrer Erfahrung gemäß war sie tonangebend in der Arbeitsstube. Ihr zunächst arbeitete die Witfrau Neidet, die für drei schulpflichtige Kinder zu sorgen hatte. Sie war eine hübsche, dralle Person, die deswegen mancherlei Anfechtungen hatte, aber immer standhaft geblieben war. Als Dritte folgte die „scheppe" Krämern, deren Mann als Treiber bei einer Jagd um das Augenlicht gekommen und mit feiner Entschädigungsklage abgewiesen worden war. In fortlaufender Reihe hatten die


