Ausgabe 
21.1.1929
 
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1769 an 9lfcofm schrieb, geht unzweifelhaft hervor, baß er in einer Fark- fe|;ung desLaokoon" eme kritische Würdigung der dramatischen Kunst plante. In dem FragmentZum Laokoon" (Nachlaß) aber heißt es: Die Vereinigung willkürlicher aufeinander folgender hörbarer Zeichen mit natürlichen, aufeinander folgenden hörbaren Zeichen ist unstreitig unter allen möglichen die vollkommenste, besonders wenn noch dieses hinzukvmmet, daß beiderlei Zeichen nicht allein für einerlei Sinns find, sondern auch von ebendemselben Organs zu gleicher Zeit gefaßt und her­vorgebracht werden können."

Bon dieser Art ist die Verbindung der Poesie und Musik, so daß die Natur selbst sie nicht sowohl zur Verbindung als vielmehr zu einer und ebenderselben Kunst bestimmt zu haben fdjemt/'-

Es hat auch wirklich eine Zeit gegeben, wo sie beide zusammen nur eine Kunst ausmachten. Ich will indeß nicht leugnen, daß die Trennung nicht natürlich erfolgt fei, noch weniger will ich die Ausübung der einen ohne die andere tadeln; aber ich darf doch bedauern, daß durch die Tren­nung man an die Verbindung fast gar nicht mehr denkt, oder wenn man |e noch daran denkt, man die eine Kunst immer zu einer Hilfskunst der anderen macht und von einer gemeinschaftlichen Wirkung, welch? beide zu gleichen Teilen hervorbringen, gar nichts mehr weiß. Hernach ist auch dieses zu erinnern, daß man nur eine Verbindung ausübt, in welcher die Dichtkunst die helfende Kunst ist, nämlich in der Oper, die Verbindung aber, wo die Musik die helfende Kunst wäre, noch unbearbeitet hat."

Vielleicht ließe sich hieraus ein wesentliches Unterschiedszeichen zwi­schen der französischen und italienischen Oper festsetzen. In der franzö­sischen Oper ist die Poesie weniger die Hiifskunst; und es ist natürlich, daß die Musik derselben sonach nicht so brillant werden könne In der italieni­schen hingegen ist alles der Musik untergeordnet. Das sieht man selbst aus der Einrichtung der Opern des Metastasio, aus der unnöt gen Häu­fung der Personen; aus der Übeln Gewohnheit, jede Szene, auch die aller- passionierteste, mit einer Arie zu schließen. Der Sänger will beim Ab- gehen für seine Kadenz beklatscht sein. Man müßte in dieser Absicht die besten französischen Opern gegen die besten des Metastasio untersuchen."

Oder wollte ich sagen, daß man in der Oper auf beide Verbindungen gedacht habe; nämlich auf die Verbindung, wo die Poesie die helfende Kunst ist, in der Arie; und auf die Verbindung, wo die Musik die helfende Kunst ist, im Rezitativ? Etz scheint so. Nur dürfte die Frage dabei fein, ob diese vermischte Verbindung, wo um die Reihe die eine Kunst der anderen subserwert, in einem und ebendemselben Ganzen natürlich fein, und ob die wollüstigere, welche unstreitig die ist, wo die Poesie der Musik subserviert, nicht der anderen schadet und unser Ohr zu sehr vergnügt, als daß es das wenigere Vergnügen bei der anderen nicht zu matt und ich'äfrig finden sollte. Dieses Subservieren unter den beiden Künsten be­steht darin, daß die eine vor der anderen zum Hauptzweck gemacht wird, nicht aber darin, daß sich die eine bloß nach der anderen richtet und wenn ihre verschiedenen Regeln in Kollision kommen, daß die eine der anderen soviel nachgibt als möglich. Denn das ist auch in der alten Verbindung geschehen."

Von der Vereinigung der Dichtkunst und der Musik erwartete Lessing die Umgestaltung der Oper. Für die Entwicklungsgeschichte der Oper, ins­besondere des musikalischen Dramas, sind feine Worte von außerordent­licher Bedeutung, denn sie gehören zu den Heroldsrufen, die schon im ver­gangenen Jahrhundert die Epoche der Wagnerkunst verkündet haben.

Fabeln.

Ban Gotthold Ephraim Lessing.

Der Löwe und der Hase.

Ein Löwe würdigte einen drollichien Hasen feiner nähern Bekannt­schaft.Aber ist es denn wahr," fragte ihn einst der Hase,daß euch Löwen ein elender krähender Hahn so leicht verjagen kann?"

Allerdings ist es wahr," antwortete der Löwe;und es ist eine a(fc gemeine Anmerkung, daß wir große Tiere durchgängig eine gewisse kleine Schwachheit an uns haben. So wirst du zum Exempel von dem Ele­fanten gehört haben, daß ihm das Grunsen eines Schweins Schauder und Entsetzen erwecket."

Wahrhaftig?" unterbrach ihn der Hase.3a, nun begreif' ich auch, warum wir Hasen uns so entsetzlich vor den Hunden fürchten."

Der Asse und der Juchs.

Nenne mir ein so gesch cktes T'er, dem ich nicht nachahmen Cönnte!" so prahlte der Affe gegen den Fuchs. Der Fuchs aber erwiderte:Und du, nenne mir ein so geringschätziges Tier, dem es einfallen könnte, dir nachzuahmen."

Schriftsteller meiner Nation! Muß ich mich noch deutticher srklSren?

Das Rotz und der Stier.

Auf einem feurigen Rosse floh stolz ein dreister Knabe daher. Da rief ein wilder Stier dem Rosse zu:Schande! von einem Knaben ließ' ich mich nicht regieren!"

Aber ich", versetzte das Roß.Denn was für Ehre könnte es mir bringen, einen Knaben abzuwerfen?"

Die Eiche und das Schwein.

Ein gefräßiges Schwein mästete sich unter einer hohen Eiche mit der herabgefallenen Frucht. Indem es die eine Eichel zerbiß, verschluckte es bereits eine andere mit dem Auge.

Undankbares Vieh!" rief endlich der Eichbaum herab.Du nährst dich von meinen Früchten, ohne einen einzigen dankbaren Blick auf mich in die Höhe zu richten."

Das Schwein hielt einen Augenblick inne und grunzte zur Antwort: Meine dankbaren Blicke sollten nicht außenbleiben, wenn ich nur wüßte, daß du deine Eicheln meinetwegen hättest fallen lassen."

Das PfefferKuchercherz.

Eine Leffing-ErzShlung.

Von Hermann Blumenthal.

L

»hatte die halbe Nacht bei Wein und Spiel verbracht. Run ; er mit seinen Kameraden durch Breslaus menschenleere Gassen, heimwärts.

Sie befanden sich in animierter Stimmung und ihre Unterhaltung war laut und ausgelassen.

Vor dem Wohnhause Lessings in der Schweidnjtzer Straße hielte« sie an. Der Dichter nahm Abschied von seinen Freunden und schritt di« Stiege zu feiner Stube hinaus.

Da stolperte er in der Dunkelheit und stürzte.

Aergerlich über den Lärm, den er verursacht hatte, erhob er sich und schritt leise seiner Stube zu.

Da flog die Wvhnungstür feines Hauswirtes auf und der Pfeffer« küchler erschien in Schlafrock und Zipfelmütze im erhellten Türrahmen.

3ebe Nacht stören Sie meinen Schlaf", schrie er aufgebracht. Können Sie rechtschaffenen Leuten nicht ein paar Stunden Nachtruhe gönnen?"

Ich bin in der Dunkelheit gefallen", entschuldigte sich Lessing.

Dann kommen Sie, solange die Laterne im Flur brennt", brüllt« der Pfeffertüchler.

Nachdem er tief Atem geholt hatte, fuhr er erregt fort:

Gestern wanderten Sie ruhelos in Ihrßr Stube auf und ab und ehegestern hat mich wie. so oft schon das Brüllen Ihrer Kumpanen auf der Gasse geweckt. Wie lange soll das so fortgehen?"

Lessina murmelte eine Entschuldigung und schritt auf seine Stuben­tür zu. Wütend schrie ihm der Pfeffertüchler nach:

Wenn Sie sich nicht schleunigst um ein anderes Quartier umsehen, werde ich Sie wegen Störung der Nachtruhe belangen."

Hierauf schlug der Erboste die Türe zu.

Wie getraust du dich gegen einen Offizier einen solchen Ton an­zuschlagen?" rief ihm seine Frau zu, als er die Schlafstube wieder betrat.

Herr Lessing ist kein Offizier , bemerkte der Pfeffertüchler unwirsch.

Er ist viel mehr", sagte sie.Der Gouverneur hält große Stück« auf ihn."

Dann soll er ihn anderwärts einquartieren", brummte der Pfeffer- küchler und kroch in sein Bett.

Nach einer Weile meinte er:Ich will ihm einen Streich spielen, der ihn veranlassen wird, freiwillig auszuziehen."

Nimm dich in acht", flehte die Frau.

Warte nur ab", bemerkte er frohgemut.Die Leute werden Ihren Spaß daran haben und auch der Gouverneur wird mir nichts anhaben können." Hierauf zog er die Federdecke über den Kopf.

2.

Als Lessing kurze Zeit darauf eines Morgens feine Stube verließ, traf er die zwei kleinen Jungen des Pscfferküchlers im Stiegenhause an. Jeder von ihnen hielt ein Pfefferkuchenherz in der Hand.

Ich fresse ihn", rief der eine, indem er in den Lebkuchen biß.

Ich verschlinge ihn, brüllte der zweite, dem Beispiele des Bruders folgend.

Als sich ihnen Lessing freundlich näherte, ergriffeen die Knaben, die ihn sonst zu umschmeicheln pflegten, die Flucht und verzehrten unter Lachen und Schreien das Backwerk.

Sinnend schritt Lessing dem Gouvernementsgebäude zu.

Plötzlich wurde er angerufen:Ein Pfefferkuchenherz, Herr Sekre- tarius, zwei Kupfergroschen das Stück."

Lessing blickte aus. Der Verkäufer einer Marktbude hielt ihm einen Lebkuchen entgegen.

Lessing dankte lachend und setzte seinen Weg fort.

Als er seine Amtsstube betrat, fand er ein Honigkuchenherz auf feinem Schreib pult.

Kopfschüttelnd legte er das Backwerk beiseite und begann an einer Akte zu arbeiten. Da ging die Türe und Kunsthändler Barker trat ein.

Erraten Sie, was ich Ihnen hier bringe?" rief dieser, i«dem er dem Dichter ein Päckchen überreichte.

Als ihn Lessing fragend anblickte, fügte Barker lächelnd dlnzu: Öeffnen Sie es nur, Herr Sekretarius."

Lessing entfernte die Hülle und ein Pfefferkuchenherz kam zum Vor­schein.

$)at Breslau heute seinen Lebkuchentag?" rief er aus.

Das nicht, aber Sie, Herr Sekretarius. Besehen Sie sich doch da» Backwerk genauer."

Lessing betrachtete den Kuchen, auf dem die Figur eines Nachtwäch­ters abgebildet war. Darunter stand mit Zuckerwasser:G. E. Lessing".

Sie selbst sollen diese Mißgestalt sein", meinte Barker lachend.An allen Ecken hat Ihr Hauswirt Verkaufsbuden ausgestellt und die ganz« Straßenjugend schreit:Sekretarius Lessing wird gefressen."

Lessing zuckte schweigend die Achseln.

Dieser gepfefferte Teigpasquillant wagt es, einen Man» wie Sl« lächerlich zu machen", fuhr Barker erregt fort,

Mag er, wenn es ihm und den Breslauern Spaß macht", versetzt« Lessing ruhig.

würde mir einen solchen Scherz sehr verbitten", bemerkte Bar­ker aufgebracht.

Ich lasse mir eine Kleinigkeit nicht nähergehen, als sie wert ist", erwiderte Lessing gelassen.

»Sie müssen das Haus dieses Grobians schleunigst verlassen", rief der Kunsthändler Barker erregt, indem er nach Stock und Hut griff.

Ein leises Lächeln glitt über die Züge des Dichters, während er den Gast zur Türe geleitete.

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