dichtet sie. — In diesem Augenblick bricht der Hexensabbath herein: in phantastisch tollen Klangfarben wogt das Präludium. Aufreizende Signalrufe, wie aus der Höhe, aus der Tiefe, von fern. Und von fern naht die „geliebte Melodie", — als Gespenst und als „Dirne", erniedrigt, in der ordinär klingenden Ls-Klarinettel Jetzt scheint sie angelangt. Wildes Fortissimo, heulender Orchesterjubel! Nun kann's beginnen! Das Motiv des „Hexenrundtanzes" kündigt sich an. Die Glockenklänge des „Dies irae" schlagen dazwischen. Höhnisch, in toll verschobenem Rhythmus, werden sie von Holzbläsern und Streichern zerrissen. Und nun setzt, in wilden Sprüngen, mit der „idee fixe" an der Spitze, der teufeltolle Tanz der Hexen ein. In Form einer Fuge. Das tobt und kreischt im Rhythmus der „idee fixe" in rasendem Galopp-Sechsachtel-Takt.
In der Brust des revolutionstrunkenen jungen Liszt „zischen alle Schlänglein freudig empor", die darin nisten. O — diese großartig-geniale Idee von Berlioz, den Blocksbergtanz in die verhaßte Form einer Doppelfuge zu pressen, die „geheiligte" Form der „Klassiker", die man ebensogut wie sie zu handhaben versteht, zu verhöhnen! Wie der Kerl das abgebrauchte Gewand mit weltumstürzlerischem Inhalt zu erfüllen versteht!
Heinrich Heine, der dem Orchester nahe, im ersten Rang, sitzt, glaubt bandförmige Luftströme zu sehen, die den Flöten und Labialpfeifen entsteigen, mit feurigen Zungen nach dem Komponisten lecken. Von oben gesehen blidete das in den wüsten Haarwald scharf eingeschnittene Dreieck, die Spitze der Nase und des Kinnes drei infernalische Winkel. Dem Dichter, der bei Musik immer Bilder sieht, ist, als führe das Orchester die Symphonie nicht alleine auf. Als ergriffen von oben herab manchmal schlanke, schöne Hände helfend mit in die Instrumente. Ja — dunkle Riesenschwingen gefallener Engel schweben und schatten über dem Men- schcnorchester! Sehnsüchtig — jetzt ganz nahe, streichen sie tief, — streifen das Haupt des Komponisten ... Das Bild ist fort. Der Dichter erhebt sich mit verschleierten Augen, denn soeben fuhr in rasender Umschlingung und Ueberwindung das Thema des Hexentanzes mit dem „Dies irae" zur Hölle.
Die Symphonie ist aus! — Der „Gestorbene" bahnt sich aus keiner Ecke durch die beifallklatschende Menge den Weg zum Dirigenten. Seine Bewegungen sind die eines Automaten, Hände und Füße scheinen durch Schrauben zu funktionieren. Es ist Paganini. Das lange, schwarze Haar liegt dunkel um das Leichengesicht! Er erhebt das tote Auge. Sprechen kann er nicht mehr, die durch viele Operationen durchlöcherte Kehle gibt schon lange keinen Laut mehr. Mit der Geberde eines geprügelten Hundes wirft er sich vor Berlioz auf die Knie — vor dem Sieger!
Das Publikum rast, allen voran „Ophelia"! Sie hat sich weit vorae- beugt und klatscht — ruft: „Hoch! Hoch!"
Die Genialität des Werkes wird von der Künstlerin in ihr intuitiv erfaßt. Sie hat dem Komponisten die Frau gewonnen!
Die Türken vor Wien.
Zur Erinnerung an die erste Türkenbelagerung am 22. September 1529.
Von Dr. F. Ernst.
(Nachdruck verboten.)
„Die Türken vor Wien!" so klang der Kampfruf im Sommer des I Jahres 1683 und wir erinnern uns an all die heldenhaften Taten, an alle Anekdoten und Geschichten, die sich um den letzten großen Vorstoß des Ostens gegen den Westen gesponnen haben, an den Uebermut Kara Mustaphas, der aus der Flucht in Belgrad durch lieber« sendung der verhänigsvollen seidenen Schnur sein klägliches Ende fand, an die entschlossene, überlegene Verteidigung Rüdiger von Star- Hembergs und die glorreiche Entsatzschlacht beim Kahlenberg und Nußdorf.
„Die Türken vor Wien!" war ober schon einmal früher ein Kampfund Schreckensruf in Deutschland gewesen, die Gefahr, daß damals, anno 1529, die ganze Christenheit vom osmanischen Ansturm verschlungen wurde, war mindestens ebenso groß, die Heldentaten der Verteidiger nicht minder; und trotzdem läßt sich sagen, daß die Belagerung Wiens durch S o l e i m a n den Prächtigen im Sommer 1529 nicht im entferntesten so bekannt und volkstümlich ist wie jene im siebzehnten Jahrhundert.
Sultan Soleiman war wirklich ein großer Herrscher, der Gewaltigste, den der «stamm der Osmanen hervorgebracht hat, er faßte den Gedanken einer Moflemherrfchaft über die ganze Erde und fetzte ihn im ersten Jahrzehnt feiner Regierung auch mit Glück in Gang. 1521 fiel Belgrad in feine Hände, ein Jahr darauf eroberte er Rhodos, das die Johanniter vergeblich gegen feine Ueberzähl verteidigten, 1526 knechtete er fast ganz Ungarn durch den Sieg bei Mohärs, und fetzte den entarteten Johann Z a p o l y a als feinen Vafallenkönig ein.
Nun spannen sich ein paar Jahre lang Verhandlungen, an denen König Franz I. von Frankreich einen verräterischen, überaus schädlichen Anteil hatte, indem er dem türkischen Großherrn den Rücken stärkte, um bei einem Türkensiege über Deutschland im Trüben zu fischen. Dann im Sommer 1529 zog Soleiman aus, um die christliche Welt zu erobern. In Mohärs küßte Johann Zapolya den Saum seines Gewandes und lieferte ihm die heilige Stephanskrone aus, in Ofen schon standen aber 700 deutsche Landsknechte auf der Burg und boten der .Viertelmillion der türkischen Streiter Trotz. Elf Stürme wiesen sie ab;'als die Burg nach der türkischen Beschießung einem Steinhaufen glich, verhandelten sie auf freien Abzug, erhielten ihn auch, wurden aber beim Ausmarsch bis auf den letzten Mann »iedergemetzelt.
Ein deutsches Heer, das im Felde Widerstand hätte leisten können, war noch nicht vorhanden; bei Linz an der Donau sammelte es sieh langsam, aber ehe es auch nur zur Hälfte sich eingefunben hatte, überschritt Soleiman die Grenze, donauaufwärts, nach Mahren und Böhmen. Da warfen sich die Feldhauptleute des Kaisers nach Wien und beschlossen, die nicht einmal stark befestigte Hauptstadt zu halten. Die Belagerung begann, sechzehn Lager, 250000 Mann, legten sich rings
um die Stadt, 25 000 Zelte waren aufgeschlagen, ungeheure Beute zusammengeschleppt. Nikolaus von Salm, aus dem alten rheinischen Dynastengeschlecht, befehligte neben anderen Führern, es waren an 17 000 Streiter, deutsche Landsknechte, Böhmen und Spanier die Werke wurden in Verteidigungszustand versetzt, die Vorstädte nieberqe- brannt, Proviant in die Stadt geführt. Die Wut der Verteidiger stachelte die Kunde von maßlosen Zerstörungen, Mordbrennereien und Scheußlichkeiten an, die sich die streifenden Banden der Türken, die „Renner und Brenner", im umliegenden Land« zuschulden kommen ließen. Damals wurden in Massen deutsche Frauen, Männer und Kinder gemartert, erstochen oder in die türkische Gefangenschaft geschleppt, und ein Schriftsteller berichtet, daß die Sklavenmürkte damals richtig überlastet gewesen seien. Jener Holzschnitt eines deutschen fliegenden Blattes, der einen türkischen Reiter zeigt, wie er gleich Schlachttieren ein deutsches Bauernpaar an einem Seile fortschleppt, während auf feiner Lanze ein Säugling aufgespießt ist, übertreibt sicher nicht. An der Verteidigung Wiens nahm der Kriegsadel Oesterreichs ruhmvoll Anteil, die Schwarzenberg, Starhemberg, Auersberg und Lichtenstein fochten mit den anderen in gelungenen Ausfällen, und bei den Stürmen der dreihundert Geschütze des Großherrn hatte Wien nur zweiundsiebzig gegenüberzustellen und die schwachen Befestigungen der Stadt lagen bald an mehreren Stellen in Trümmern, besonders aber setzten die türkischen Ingenieure der Umwallung mit Mienen zu. Am 9. Oktober flog eine zwischen der Hofburg und dem Kärtnertor auf, die Janitscharen stürmten mit ihrem Kriegsruf an, aber die Landsknechte riefen dagegen ihr „Her! Her!", und gegen ihre Spieße und Feuerrohre vermochte der türkische Sturm sich nicht zu halten. Fünfmal wurde, auch noch an anderer Stelle, der Angriff wiederholt, vergeblich; Wien hielt sich. Da brach ein rauher Spätherbst hinein, das ausgeraubte Land ernährte die türkischen Massen nicht mehr, Krankheiten brachen aus und Soleiman der Prächtige, der beim Losgehen der letzten Mine nicht einmal mehr einen Angriff gewagt hatte, zog sich eilig nach Ungarn zurück. Ungarn sollte noch ein Jahrhundert lang das türkische Joch tragen müssen.
Wenn auch der Zusammenbruch des Soleimanschen Angrasfs nicht durch einen Feldzug beroirtt'rourbe wie 1683, so war doch der tapfere, entschlossene Widerstand Wiens entscheidend gewesen. Dunkle Schatten waren die zerstörten Dörfer und Siedlungen, die Tausende von verkauften Sklaven, das barbarisch auf Jahre hinaus verwüstete Land.
Damals und 1683 wurde der östliche Vorstoß abgewehrt, endgültig, schrieben die Geschichtswerke. Der Weltkrieg hat uns Vorsicht bei solchen Dingen gelehrt. Nichts ist endgültig, die Welle des Völkerlebens hebt sich, senkt sich, hebt sich wieder. Auf den Stoß aus Osten folgte der Gegenstoß aus Westen, von den Zeiten P r i n z E u g e n s bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Jetzt gleitet die Welle wieder zurück, und wer weitsichtig ist, sieht östliche Kräfte, keine Türken natürlich, wieder gegen den Westen vorrücken; nicht mit kriegerischem Spiel, sondern mit blutgetränkten bolschewistischen Ideen.
Fünf Dinge.
Von I. W. von Goethe.
Was verkürzt mir die Zeit?
Tätigkeit!
Was macht sie unerträglich lang?
Müßiggang!
Was bringt in Schulden?
Harren und Dulden!
Was macht Gewinnen?
Nicht lange besinnen!
Was bringt zu Ehren?
Sich wehren!
Seltene Gläser ans seltenen Erden.
Von Professor Weilburg.
(Nachdruck verboten.)
Von allen Werkstoffen der heutigen Technik sind die Gläser die klarsten und durchsichtigsten; aber daraus folgt noch nicht, daß uns auch ihr Wesen klar und durchsichtig erscheint; es gibt uns im Gegenteil in vielen Fällen mehr Rätsel auf als einfachere, minder zusammengesetzte Stosse.
Als ich kürzlich Professor W e i d e r t, früher einer der Leiter der neuerdings mit Zeiß verschmolzenen Optischen Werkstätten von C. P. Goerz, jetzt Professor an der Technischen Hochschule zu Berlin, in seinem Laboratorium besuchte, stellte er vor mich auf einen Tisch einige Gläser. Sie zeigten die bekannten Formen von Fruchtschalen, Weingläsern usw. Aber sofort fesseln sie den Blick: Wohl zeigen sie untereinander Unterschiede, aber eines ist allen gemeinsam: Sie wechseln ständig die Farbe; manche schillern, je nachdem wie der Blick auf sie fällt und ob sie von Tageslicht ober künstlichem Lichte getroffen werden, von blau bis rot, andere vom Grünen ins Gelbgrüne hinein, in dünnen Schichten haben sie sogar mitunter einen bräunlichen Ton. Auch wenn man die Gläser bewegt, schlägt die Farbe vielfach um, denn durch die Bewegung ändert sich natürlich die Dicke der Glasschicht, die das Licht durchsetzen muß, um in unser Auge zu gelangen.
Noch viel merkwürdiger als diese Erscheinungen sind aber die, die zu ihrer Erklärung herangezogen werden. Professor Weidert entwirft im verdunkelten Raum ein Spektrum, leuchtende, satte SRegenbogenfarben. Nun gibt er mir ein paar von seinen Glasplättchen in die'Hand. Sie sind tnapp zentimeterdick und erscheinen dem nicht besonders aufmerksamen Blick als vollkommen farblos und klar durchsichtig. Erst bei schärferein Zusehen merkt man ganz geringe Spuren einer grünen, bräunlichen oder rötlichen Farbe. Nun aber sehe ich durch das Glas nach dem Farbenband


