wickelte die Tafeln geschenkmäßig tit Seidenpa pler und band gar ein dlußblaues Seidenband herum. Er bedankte sich, zahlte und ging dann in ein Schreibwarengeschäft. Er suchte eine Gratulationskarte aus. Sie mär wundervoll: Einen fidel schmunzelnden Dienstmann sah man daraus, der in jedem Arn, einen großen Blumentopf hielt. Zu feinen Füßen stand hi goldener Schnörkelschrift: „Die herzlichsten Glück- und Segenswünsche zum Wiegenfeste". Der Knabe betrachtete das schöne Bild recht wehmütig, stellte sich hinter das Schreibpuit und malte, mit mühevoller Schönschrift, auf die Rückseite: „Von Deinem tief unglücklichen Sohne Jochen. Und sei mir nicht mehr böse, liebe gute Mama. Viele Küsse und lebe mohli"
Als er gezahlt hatte, besah er noch fünfzehn Pfennige. Er nahm feine Karte, klemmte sie unter die Seidenschleife des Schokoladenpäch- ckiens und lief schnell auf die Straße hinaus. Ihn überkam jetzt große Rührung wegen feines Schicksals. Und nun, auf der Straße, fanden sich auch Tranen ein. Sie rannen ihm über die Backen, und er schluckte tapfer und ging mit gesenktem Kopf.
Im Hause überfiel ihn große Angst. Wie ein Indianer auf dem Kriegspsade schlich er sich die Stufen hinauf und vor die Tür Er öffnete die Klappe des Briefkastens und warf sein Geschenk hinein. Das machte Lärm, und er bekam Herzklopfen. Doch in der Wohnung rührte sich Nichts, Eigentlich hätte er >a nun schnell fortlaufen und irgendwo sehr rasch sterben müssen! Aber er brachte das nicht ohne weiteres fertig, sondern drückte zaghaft auf die Klingel und rannte dann ein Stück die Treppe abwärts ... Er wartete. Es rührte sich nichts, nichts ... Da wagte er sich noch einmal bis an die Tür. Und er klingelte wieder. Und wieder versteckte er sich im Treppenhaus.
Und wieder war nichts zu hören!
War sie denn gar nicht in der Wohnung? Wenn ihr etwas passiert wäre! Vielleicht hatte sie den Gashahn aufgedreht, um sich vor Kummer zu vergiften? Er stürzte zur Tür zurück, klingelte, klopfte, schlug an den Briefkasten, hieb mit den Fäusten gegen die Türfüllung. Er rief durchs Schlüsselloch: „Mama, Mama! Ich bin's! Mach mir doch auf!"
Dann sank er schluchzend auf dem Strohdeckcl in die Knie. Nun war alles aus!
*
Die Mutter war vergeblich in den benachbarten Straßen herumge- lausen. Sie hatte in allen Geschäften, wo man sie kannte, gefragt, ob man ihren Jungen gesehen hätte. Niemand wußte etwas zu sagen. Sie fragte den Schutzmann, der an der Verkehrskreuzung stand. Der schüttelte bloß den Kops und fuhr fort, mit beiden Armen den Fahrzeugen zu winken Lange stand sic neben ihm, mutlos und mit eilig irrenden Augen. Endlich ging sie nach Hause. Vielleicht war er im Keller? Sie rannte über die Straße, durch den Hof ins Haus.
Da hörte sie im Treppenhaus, daß jemand weinte. Das war er! Sie lachte froh und nervös und rief: „Jochen!" und von oben klang es: „Mama! Mama!" Und dann begann von unten und von oben her ein Rennen über die Treppen!
Auf halbem Wegs trafen sie sich und fielen sich in die Arme. Sie streichelten sich unermüdlich, ob es auch wahr sei, daß sie sich wieder- yatten. Sie saßen auf den Treppenstufen, flüsterten sich dummes und verliebtes Zeug zu, lächelten und baten sich jeden Kummer ab. Dann hockten sie ganz still und müde nebeneinander, wußten nichts, als daß sie glücklich waren, und hielten sich bei den Händen ...
Endlich sagte sie: „Komm, mein Junge! Wir können doch nicht immer hier sitzen bleiben. Wenn uns jemand sähe!"
„Ja, das geht nicht. Dis würden das nicht verstehen", gab er zu.
Nun kletterten sie mühsam treppauf, als wären sie lange krank gewesen und versuchten wieder die ersten Schritte ... Als die Mutter aufgeschlossen hatte und mit ihm in der Küche war, flüsterte er ihr ins Ohr: „Mutti, guck mal in den Briefkasten!"
Sie tat es, klatschte in die Hände und rief: „O, es war ein kleiner Geburtstagsmann da!"
„Ja, ja! Nicht wahr?" sagte er, heimlich auf sich stolz, und lachte. Und es klang ein versteckter Schluchzer mit.
„Ein guter kleiner Geburtstagsmann. Wo mag er denn aber nun stecken?"
„Na hier," rief er, „hier steckt er doch!"
Er sprang ihr an den Hals und wünschte furchtbar viel Glück und alles, alles Gute.
Die Rückseite der Gratulationskarte las sie dann, ganz heimlich, beim Kaffeekochen, und noch viele Male am Abend, als Jochen längst im Bett lag. Da meinte sie sogar noch ein bißchen. Aber jetzt machte ihr das Weinen geradezu Freude.
Peter Viecher.
Zu feinem 400.Todestage.
Von Dr. Paul Landau.
Im verflossenen Jahre hat die ganze gebildete Welt Dürers 400. Todestag begangen. Der Beginn des neuen Jahres bringt uns dieselbe Gedächtnisfeier für seinen größten Landsmann, dessen Name man von altersher mit dem feinen zusammen nennt: Peter Vischer, den Schöpfer des Sebaldusgrabes, den man zum Unterschied von seinem genialen Sohn als den Weiteren bezeichnet. Aber während Dürers Leben, Denken und Schauen uns nicht nur aus der großen Zahl feiner Werke, sondern auch aus Briefen und Bekenntnisfen erschlaffen ist, so daß wir trotz mancher Dunkelheilen ihm uns ganz nahe suhlen, können wir dis Persönlichkeit des gewaltigen Bildgießers nur ahnen, sehen sie nur in ungewissen Umrissen aus den Arbeiten seiner Gießhütte hervortreten. Wob! ist eine ganze Anzahl von Schöpfungen mit seinem Namen oder Zeichen versehen, manches auch dalieri, aber das bedeutet nach dem Brauch des damaligen Handwerks nur die Herkunft aus feiner Werk- statte, nicht die eigenhändige Herstellung. Bischer steht noch ganz in dem unpersönlichen Betrieb der mittelalterlichen Zunftordnung, unter die die
Tätigkeit des Erzgießers gehörte. Vom Vater hat er fein Handwerk ererbt, hat feine Kunst weitergegeben an seine Sühne und Enkel, lieber ein Jahrhundert bis in das vierte Geschlecht können wir die Werke der Vischerschen Giehhiitte verfolgen, von den mittelmäßigen Grabplatten feines Vaters Hermann über die Höhen seines eigenen Schaffens und der Schöpfungen seiner Söhne, besonders des jüngeren Peter, bis zu dem Verfall unter dem Enkel Georg. Die kunstgeschichtliche Forschung bemüht sich feit langem, die Werke der verschiedenen Hände zu unterscheiden, das Schaffen des älteren Vischer gegen das der Söhne abzugrenzen: man hat ihm bald alles gegeben, bald das Meiste genommen. Aber soviel steht fest, daß er der „große Werkmeister" war, der den Ruhnr seiner Gießhütte über alle andern Derartigen Werkstätten erhob, der neben Dürer als ebenbürtiger Meister aufgeführt wird und als Stolz Nürnbergs und Deutschlands gefeiert wurde. So tritt er doch strahlend hervor aus dem Dunkel des mittelalterlichen Werkstattbetriebes, der erste aus der langen Reihe genialer Handwerker, dessen Persönlichkeit dis starren Schranken des Zunftgeistes sprengt, wie Künstler an der Wegscheids zweier Welten, des Mittelalters und Der Neuzeit, und Der ein» 3 ge, Der diese ungeheuren Gegensätze der Gotik und Renaissance in seinem Schaffen zu verschmelzen wußte, der einen rein deutschen, klassisch- harmonischen Stil schuf.
Das Einzigartige Der Erscheinung Vischers, diese urdeutsche Befreiung Der Persönlichkeit von Den Fesseln des Mittelalters, kommt zum Ausdruck in Dem Selbstbildnis, das er am Sebaldusgrabs angebracht hat: da steht er in seinem Schurzfell, sein Werkzeug in der Hand, eine ftänim.ge, breitschultrige Gestalt, mit Dem vollen Bart um das offene Gesicht, ruhig und sicher ins Leben schauend, ein ehrlicher Handwerker im Arbeitsgewand, „daß Symbol Der schlichten Tüchtigkeit unseres Volkes," wie Der Kunsthistoriker Dshio sagt, „und dieser Mann war zugleich eine stolze Zierde Des bekannten Nürnberger Kunstfleihes, „dermaßen berühmt," wie Johann Reudörfer berichtet, „Daß, wenn ein Fürst herkam ober ein großer Potentat, er selten unterließ, daß er ihn nicht in seiner Gießhütte besuchte". Während Dürer „nach der Sonne Venedigs fror", während er ein großer Herr sein wollte und kein Schmarotzer, hat Peter Vischer dis Vereinigung von Zunftmeister und Künstler aus seinem Wesen heraus gefunden, dessen wunderbare Einheit und Harmonie ihn auch zu einer geschlosseneen Formenklarheit kommen lieh, ohne nach Dem fremden, Dem italienischen Muster zu schielen.
Sein Lebensgang war der eines Handwerksmeisters; nichts von Dem tragischen und bewunderungswerten Ringen Dürers um Bildung und Wissen, mit Göttern und Dämonen, Dürfen wir bei ihm vermuten. Vom Vater übernahm er Die Werkstatt, in Der er als Lehrling gelernt und bann bis fast zum dreißigsten Lebensjahr als Geselle tätig war. So wuchs er langsam in seine Eigenart hinein, führte viele Grabdenkmäler in dem Durchschnittlichen Stil und der Technik seines Vaters aus und entfaltete erst die Flügel feines Genius, als er selbständig geworden war. Mit Derselben weisen Zurückhaltung hat er bann später, als die Söhne Die neue Kunst von jenseits Der Alpen leiDenschaftlich verfochten, der Jugend Den Platz geräumt und sich im Alter auf die mehr technische Leitung Der Werkstatt beschränkt, Deren Rus unterbauen bis weit nach Polen ’gebrungen war. In Der Zwischenzeit, seiner eigenen Blüte- und Reifezeit, von etwa 1490 bis 1514, hat er sich organisch zu immer reicherer und edlerer Vollendung entfaltet, ohne die Konflikte und Hemmungen eines Dürer, so selbstverständlich und natürlich wie ein Baum seine Aeste immer weiter ausbreitet. Er steht ganz auf Den Schultern feiner Vorgänger, Der großen Deutschen Bildhauer des Mittelalters. Er ist nie in Italien gewesen, hat wohl nie eine antike Standfigur gesehen, aber wir wissen von ihm, daß er der erste Sammler altdeutscher Plastik war und an Die 400 Stücke in seinem Hause zusammengebracht hatte. Bon Diesen Meistern der Hochgotik, Den Schöpfern der «Skulpturen von Bamberg und Straßburg, hat er gelernt, n cht von Den Italienern, wie lange Zeit behauptet wurde. Das ist gerade seine einzigartige Bedeutung, die Simon Meller In seinem schönen Buch über ihn und seine Werkstatt aufqeberft hat, baß er bis feinblichen Mächte seiner Zeit, Gotik und ’Rcnaiffaitce, in seiner Kunst zu vereinen wußte. Das Große vollbrachte, das Goethe in der Vermählung von Faust und Helena symbolisiert, „der einzige Vertreter Der auf eigner Vergangenheit aufgebauten, auiochthonen deutschen Renaissance" wurde.
Man hat in neuester Zeit die einzelnen Abschnitte dieser Entwicklung ziemlich klar an einigen Hauptwerken seiner Hütte aufgezeigt. Der Entwurf des Sebaldusgrabes in feiner Urgestalt von 1488 weist noch ganz Die gotische Unübersichtlichkeit und Ueppigkett feiner jugendlichen Phantasie auf. Die meisterhafte Bronzefigur des Münchner „Astbrcchers" von 1490 zeigt die Bändigung eines kühnen Realismus durch eine freie und geschlossene Form, und in den späteren Werken, befonders in dem Grabmal in Magdeburg, glätten sich immer mehr die leidenschaftlichen Wirbel Der Spätgotik. Die Apostelgestalten des Magdeburger Denkmals heben Den jungen Peter Vischer auf eine Höhe, auf Der ein großer Zug Die Fülle köstlicher Einzelheiten zur monumentalen Wirkung zusammen- schließt, und die Apostel des Sebaldusgrabes, die wohl sämtlich ober zum größten Teil von ihm herrühren, führen diese Linie fort zum Gipfel höchster Meisterschaft. Hier und in seinen beiden letzten Werken, den Erz» figuren des Arthur und Theoderich am Grabe Maximilians in Inns- druck, waltet eine Lebenswirklichkeit und Formschönheit, eine innerliche Klarheit und glückliche Ruhe wie kaum je sonst in deutscher Kunst. Solche deutsche Harmonie hat Vifcher auch dem ganzen Sebaldusgrab in Nürnberg verliehen, das doch von ihm erdacht und gemacht ist, mag auch in Dem Fabelwesen des Sockels und in vielen Einzelheiten die italienische Formenfülle und Phantastik Des Renaissancekünstlers Peter Vischer des Jüngeren deutlich hervortreten. Der ausgleichende, allumfassende Geist des älteren Vischer hat das Sebaldusgrab zu einem nationalen Heiligtum gemacht, einem Wunderwerk deutscher Kunst. Als solches ist es von den besten Geistern unferes Volkes gefühlt und bewundert worden. Gerhart Hauptmann bekennt einmal, daß eine Photographie des Sebaldus- grabes stets in feinem Arbeitsraum fei, und er sagt von dem Werk, daß er mit Goethes „Faust" eng verwandt nennt: „Dieses reiche deutsche


