Ausgabe 
6.5.1929
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |929 Montag, -en 6. Mai Nummer 35

Furchen.

Von Leo Sternberg.

Von jeder Furche, die dein Antlitz pflügt, weiß ich die Not, die sie gefügt

O, daß wir uns zerstören, wenn wir uns tief gehören!

Klebt nicht an allein Schweiß und Blut, was mir dein Herz zuliebe tut?

Laß doch, es macht mir Freude! Vergeude mich, vergeude!

Und werden meine zarten Hände rauh und meine Mädchenzöpfe grau Tod kann nicht davon kommen, da Liebe mir's genommen."

Die Opfergabe.

Von Ernst Lissauer.

Der starke Wind, der vor etlichen Jahren das Dach der Dominikus- kapelle am Weberberg davontrug, blies auch einen alten Landfahrer aus feinen langen Wanderschaften in die Seßhaftigkeit. Er wohnte sich, ab­seits vom Dorf, in eine Hütte ein, die sich vor Zeiten ein Schäfer als Unterschlupf gezimmert hatte, half hie und da beim Mähen und Korn­binden, wußte auch bei der einen und anderen Hantierung als Töpfe- und Körbeflicker zuzugreifen, nahm es aber insonderheit auf sich wenn sie nicht gar zu eilig waren und vom Alter minder beschwerte Füße erheischten Botschaften über Land zu bringen. Solcherlei Gänge mach­ten ihm seine vormaligen fahrenden Freuden neuerlich ausleben; in festem Trott, wie geführt von inwendigem Sang und Takt, jung die Wangen von Wanderglut, wehend das Haar, zog er über Landstraßen und Waldsteige und legte kaum jemals seine Botschaft hin, ohne einen gerundeten Spruch gleich einem breiten Jnsiegel aufzupressen. Bisweilen mußte er alsdann bei einer Schale Sauermilch verweilen, um die Leute auch an dem fremden Ort mit den Künsten zu ergötzen, die ihn daheim Sein' Pfarrer wie dem Schulzen, den Großbauern wie den Kätnern, Bräu, Kaufmann, Junker, Männer, Frauen, Kindern wert und angenehm machten.

Er barg nämlich in sich die schwere Menge Lieder zu Tanz, Trunk, Trutz, Wanderschaft, Schnurren von saufender Sucht, verliebtem Wesen, tälplichter Torheit, von rheinischen Rittern, welschen Aebtissen, türkischen Königen, ernstliche Legenden, von heiligen Martyrn und Wundertätern, Florian und Nepomuk, Susanna und Afra, sonderlich aber von Jesu Christo und feiner holdseligen Mutter; wie eines reichen Bauern Lade voll ist von silbernen Nadeln und Geschnür, er braucht nur hineinzu­langen, gleich hängt ihm eins zwischen den Fingern, so war er voller Sage und Sang. Oft wurde er von den Mädchen in die Spinn-Nächte gerufen und machte ihnen die langen mit feinen Mären wie Juninüchte kurz, die Wirte luden ihn ein, weil sich die Gäste zu ihm ansetzten wie die Fliegen im Hochsommer zum bunten Papier, und wenn eins krank war, so holte man nicht nur den Bader, sondern auch ihn. Da er aber verlautbart hatte, man habe ihn in feinen guten Tagen überall auf der Welt den Erzpoeten geheißen, dies aber den Bauern zu lateinisch war, so nannten ihn alle im Dorf den Erzsinger. Es war demnach nicht mehr als billig, wenn er von den Leuten ohne viel Müh' und Rede das erhielt, was. er zu seines Lebens Notdurft brauchte. Ging er über die Gaffe, so sprang wohl da und dort ein Fenster auf, es gab ein Stück Brot, ein Trumm Geiskäs, ein Stück weihen Schinkenspeck, daran manchmal auch ein paar Flocken Schinken hingen er pflegte das mit einer Wolke im ersten Abendrot zu vergleichen, die Kinder kamen gelaufen und brach- lev ihm einen Bruch Zuckerkandis, und bei den Gaffenfchänken am Kolber- und Bruckbräu durfte er feinen Krug nach Begehr unter den Haßhahn halten wie unter einen Waldguell. So brauchte er nicht zu bet= teln und plagte sich dennoch nicht allzu hart auf feine späten Jahre, son- dern hockte den meisten Tag allenthalben wie eine gewöhnliche Wiesen- bliune, im Wald zwischen den Farnen, am Wegrand in Gras und graben, vor der Kirche unter der Sonnenuhr, saß, stand, lag, lungerte unb tat nichts, es sei denn, daß er entfremdeten Blickes zu Boden starrte oder auch mit leiser Stimme vor sich hin sprach, als ob er etwas befühlte ober rundete. Niemals aber war er zu sehen, ohne daß er zwischen den N,rr>alen, behaarten Fingern oder auf dem Schoß wie eine Dohle etwas Blankes hielt.

Dies war ein Bruchstück gemeinen Spiegelglases, nicht mehr als zwei J)anbe breit, aber freilich keine Stadthände, sondern Ackerhände, welche neben Stadthänden sind wie ein Taler neben einem Groschen. Das ließ er m der Sonne funkeln als ein Geschmeide, behauchte es und ließ es winken als ein Stück alten Silbers; er füllte Mengen puren Himmels

hinein wie Waschblau in einen Zuber, fing nachts darin Sterne roi« goldene Käfer. Von diesem Glas pflegte er oftmals zu erzählen. Bis­weilen gab's allerlei nahrhafte Schnurren und Sagen, etwa: es sei ein Stück Nordmeer, geronnene Welle und seltene Kostbarkeit, weil di« Wasser nur alle hundert Jahre einmal, in der Neujahrsnacht, fo ge­frieren; ober: es stamme aus einem Glasbergwerk weit fern in den Kar­pathen, wo das Glas wunderlich wie in einer Tropfsteinhöhle wachse und gebrochen werde; oft aber, ob auch die grobglotzigen Bauern bann un­ruhig hin- und herruckten und das Bankholz scheuerten, als fei Groß- reinemachen an der Zeit, träufelte er, wie ein Raucher lose Ringe und Bänder, allerlei sinniererisches Gezeug. Etliche feinere Köpfe aber hörten auch diesen Reden nicht unwillig zu. Dann hob er bas Glas auf bet platten Hanb empor und wies es aller Augen als feinen Duzgesellen und Bruber im Handwerk, gleich ihm teilhaftig der sagenden Kunst und voller Schnurren und Lieder von Erde und Himmel:Ihr tut was, und wir zwei auch; wir schauen euch zu, und tuns dann noch einmal. Aber nicht hier, nicht auf der Erde" er machte eine Bewegung gegen das Firma- ment, zuckte die Achseln, und auf seinem Angesicht lag es dämmericht in der Luft irgendwo wo anders. Du webst; ich auch" und er er­zählte das andächtige Weben jener wackeren Kreszenz von Sauerlach, die in den Frostnächten aussaß und dem hölzernen Herrgott an der Winter­straße einen Mantel spanndu kämpfst; ich auch", und er summte einen Kriegsgesang, darin Tritt und Trommeln ziehender Soldaten er­dröhnteda fahren die Wolken, und hier " er strich sich mit dem Zeigefinger quer über die Stirnfahren sie auch. Und hier in meinem Glas fahren sie wieder; da ist alles drin, wie in der Arche Noah; du auch, Bauer am Gries, und ich auch". Und er tätschelte bas Glas wie einen tüchtigen Hund und schaute voll hinein, daß es feine gefalteten Züge trug und mit feinen Augen blickte.

Als er nun eines blanken Sommervormittags auf einem Haufen Schottersteine faß, der an der Straße aufgeschichtet tag, hörte er ferne eine harte Musik heranwandern und sah alsbald etwas Dunkles heran- ziehen, das je zuweilen blau und rot auffunfelte. Auf einer hölzernen Trage, dahergesührt von zwölf weißgewandeten Mädchen, zog ein Bild- werk der Mutier Gottes durchs Land; Priester schritten voran, es gleiß­ten auf den Kleidern die gekreuzten Stolen, hochhängende Wimpel, mit dem Abbild des Lammes gestickt, glänzten vor ihr her; hinter ihr aber, je zwei und zwei gereiht, gingen Bauern und Bäuerinnen in langem Ge- folg der Erzsinger kannte sie manchenteils wohl von Erding und von Udlding, vom Reutershos und aus der Rotschwaige; wie Klatschmohn und Kornblume brannte der Sonntagsstaat der Frauen. Aller Hände aber trugen entzündete weiße, rote und schwarze Kerzen, und aller Lippen riefen, dumpf und immer in gleichem Maß, den Bet sprach empor: Heilige Maria, bitt für uns!" Der Erzsinger stand von seinem steiner­nen Gestühl auf, hob den Hut vom Kops und drehte feinen Scherben wie einen Rosenkranz. So schritt der Zug dahin. Und als er nun ein Stück landein gekommen war, da ward so Menschenleib als Fahnenholz, ward Tracht und Wimpel, Kreuz und Kerze gelöst all in einen großen Schein: ein Heerhauf Licht und Farbe war auf bem Marsch, geleitet von bem Klang bes Betspruchs wie von einem gesungenen Trommeln, hoch ob ihm aber ragte die Jungfrau wie eine Kaiserin.

Doch als der Glanz aufgesogen war in bas Licht des Tags, als di« Betrufe fern verschollen, da saß der Erzsinger auf seinem Steinhaufen in ber Mittagshelle wie in einer Düsternis. Er wäre wohl gern ben Ker­zen und dem Gesang gefolgt, allein er mochte nicht dunkel gehen, wenn die anderen Licht durchs Land trugen zu Ehren ber Mutter Gottes; und faß, und bas Haupt hing ihm von Leib beschwert herab auf die Knie, weil er arm war und ausgeroiefen von den Festen, welche die liebliche Jungfrau in ihren hohen Hallen gab. Dann gedachte er irgend wen um ein Stück Geld anzugehen, daß er eine Kerze kaufen könne, oder von dem Wachszieher eine zu erbitten; aber weil er stets ohne viel Anfrage und Bittstellerei alles wie von selbst bekam, so war ihm das Vetteln fremd und hart, und der Stolz stand in ihm auf wie in einem Kriegsrat ein Edelmann, wenn etwas Schimpfliches zu Antrag steht, und ver­bot es. So saß er lange, hob sich, schwer von Traurigkeit durch­sickert, endlich auf, ging heim in feine Hütte und faß da leer nieder.

Aber wie durch die Fenster der Kirche im Sonnenlicht bunte Flimmer auf die Fliesen spielen, so spiegelten vor feinen Blicken rote und blaue Farben über den Boden hin, und ob er auch mit dem Stock bohrte und grub und grübelte, sie loschen nicht. Und ob er auch hart aufstanb und fest durch die Hütte stapfte, um die Gedanken abzurütteln, wie ihn ehemals Wanderweh in die Sonne ferner Länder, nach Italien und Portugal bis in die Türkei um und um getrieben hatte, fo lag das Fest wie eine heiter glühende Fremde vor ihm, lockte, frohlockte; bis er end­lich, zumal er ja auch ohnedies in ben Ork müsse, da er vom Halber- wirk auf die sechste Stunbe geloben fei, sich fest versprach, nur ganz von weitem als Zaungast, ber er war, hinzuschau n, unb forteilte.