Ausgabe 
5.8.1929
 
Einzelbild herunterladen

Von musikalischen und musikliebenden Vögeln wollen wir gar nicht erst anfangen, selbst die stimmlich begabten unter ihnen haben oft, wie wir schon oben an der Taube gesehen haben, musikalischen Sinn. Ich selbst besah eine Dohle, welche mit größtem Vergnügen die musikalischen Leistungen eines Grammophons aufnahm. Sie machte dabei aber große Unterschiede und hatte ihre Lieblingsplatten, die sie mit Flügelschlagen und entzücktem Ruf zu begrüßen pflegte, sobald die ersten Takte eines geliebten Stückes an ihr Ohr schlugen.

Sprechende Stahlbänder.

Reue Erfindungen der Schallwiedergabe.

Von Frank Warschauer.

) Wir haben uns derart an die Merkwürdigkeiten der Technik gewöhnt, daß uns komplizierte Vorgänge, die nur durch eine Kombination inten­sivster Gedankenarbeit zustande gekommen sind, nicht mehr erstaunen. Das Radiogerät gehört schon zu den Selbstverständlichkeiten unseres Lebens, und die Kinder, die damit aufwachsen, müssen überhaupt erst einmal lernen, sich darüber zu wundern ... Einer anderen Generation ging es ähnlich mit Telephon, mit Automobil und Flugzeug.

Das Problem der Schallwiedergabe ist gerade in den letzten Jahren seiner definitiven Lösung entgegengeführt worden. Wenn noch vor zehn Jahren der Freund der Schallplatte etwas über die Achsel angesehen wurde und als ein Sonderling galt, so ist jetzt die Schallplatte fast eben­so weit verbreitet wie das Buch; es ist uns nachgerade selbstverständlich geworden, daß wir kleinere und größere Werke in unserem eigenen Zim­mer fast naturgetreu reproduzieren können. Gewiß, fragt man sich manchmal, wie ist das möglich, gewiß, betrachten wir mit einer Art von Ehrfurcht die feinen Rillen, welche den Klang enthalten aber im all­gemeinen macht man sich keine Gedanken darüber.

Es ist bekannt, welche gesteigerte Bedeutung diese Technik der Klang­wiedergabe jetzt durch die fieberhafte Entwicklung des Tonfilms gewinnt, von der man ja auch in Deutschland genug spüren kann. Die dabei be­nutzten Verfahren gehen entweder den Weg einer Fixierung des Klanges auf Schallplatten oder durch Umsetzung in Lichtwerte auf den gleichen Film, der auch das optische Bild enthält. Nun aber ist auch eine andere Technik soweit entwickelt worden, daß sie für die praktische Anwendung Y im Tonfilm reif ist; und hierbei handelt es sich um eine technische Merk­st Würdigkeit, die auch dem Abgestumpften höchst wunderbar erscheinen muß.

InTausend und einer Nacht" wird das Märchen erzählt von der Tür zu den verborgenen Schätzen, die sich auf das ZauberwortSesam" öffnet. Wie so viel Märchen, so ist auch dies jetzt, und zwar gerade mit Hilfe der zu schildernden Erfindung Wirklichkeit geworden. Der Mann, der diese Technik bis zu dem jetzigen Grade der Vollkommenheit durch­gebildet hat, machte sich vor kurzem den Spaß, ein ähnliches Gebilde wie jene Zaubertür zu konstruieren; da er sehr viel Humor hat, so richtete er den Mechanismus so ein, daß zwar nicht das WortSesam", wohl aber das WortPaulchen" genügte, um eine verschlossene Tür zu öffnen. Man stelle sich dies vor: Man steht in einem Zimmer, man sieht und läßt sich demonstrieren, daß eine Tür mit allen mechanischen Mitteln fest geschlossen ist der Erfinder spricht laut und mit lächelndem Munde das WortPaulchen" und daraus springt die merkwürdige Tür auf. Nun, das war nur die witzige Anwendung eines Prinzips, das in der Praxis eine große Bedeutung hat. Aehnlich konstruiert sind andere Apparate des Erfinders, zum Beispiel ein Wagen, der sich auf ein Kommando in Be­wegung setzt und auf ein anderes Kommando hält, und sonstige Zau­bereien, die auf rein technisch-naturwissenschaftlicher Basis zustande kom- * men. Es ist das gleiche Verfahren, wie es schon seit einiger Zeit an verschiedenen Stellen praktisch erprobt wird so zum Beispiel der akustische Spiegel" der Rundfunkversuchsstelle an der Hochschule für Musik.

Hier vor diesemakustischen Spiegel" erlebt mancher unangenehme Momente. Man spricht in ein Mikrophon hinein, aber man braucht dabei keine besondere Rücksicht zu nehmen, man kann näher oder weiter ent- scrnt sein; man unterhält sich in einem Raum, in dem ein Mikrophon steht, das wiederum mit dem sog. Stillschen Schreiber verbunden ist und wenn man geendet hat, so kann man sich selbst nebst allen anderen, die an der Unterhaltung beteiligt waren, unmittelbar darauf genau so hören, wie man hineingesprochen hat. Es ist eine Art mechanisch funktio­nierendes Echo, das man hier vor sich hat; und der Spaß, den man in den Bergen' oder sonst in der Natur an einem Echo empfindet, wieder­holt sich hier, freilich mit anderen Empfindungen gemischt.

Wer zum erstedmal dahineinspricht, erlebt eine merkwürdige Sensa- tion: Er weiß, daß er sich selbst hört aber dennoch glaubtt er es nicht. Kein Mensch weiß, wie seine eigene Stimme klingt. Diese erstaunliche Tatsache stellt sich hier heraus. Der Apparat ist von größter Bedeutung sür alle künstlerischen und technischen Experimente, die auf Rundfunk und Schallplatte Bezug haben. Gibt er doch zum erstenmal dem Künstler die Möglichkeit, sich selbst zu hören, wie er wirklich im Lautsprecher oder in der Sprechmaschine klanglich erscheint.

Dieser Stillesche Schreiber ist nach jenem Verfahren konstruiert, das jetzt eine erhöhte praktische Bedeutung auch für den Tonfilm gewinnt. Betrachtet man den Apparat, so sieht man als seinen Hauptbestandteil zwei über Rollen laufende Stahldrähte, deren Bewegung durch einen I Elektromotor geregelt ist. Und wie so häufig bei technischen Meister­werken, so ist auch hier nicht viel Merkwürdiges daran zu erblicken. Der \ Techniker aber sagt uns, daß es dieser dünne, rasch vorbeilaufende Draht sst, der die Klangaufzeichnungen enthält; daß er somit die gleiche Funk­tion erfüllt, wie sonst eine Schallplatte oder der für akustische Wiedergabe bestimmte Teil des Tonfilms aber in einer Weise, die gegenüber den anderen Mitteln der Tonfixierung ganz beträchtliche Vorteile bietet. Vor allen Dingen ist wichtig, daß man die Aufnahme sogleich selber abhören kann, und zwar nicht nur einmal, wie dies bei Schallplattenaufnahmen auch möglich ist, sondern beliebig oft; das ferner der Länge der Auf­nahme überhaupt keine Grenze gesetzt ist. Man kann stundenlang in den ( Apparat ytneinsprechen, wenn es einem Vergnügen macht.

Diese Wirkung wird ermöglicht durch einen Umsetzungsvorgang, der in seinen Grundelementen überhaupt nichts durchaus Neues bietet, hier aber durch geistreichste Kombination zustande gekommen ist. In jedem Telephon befindet sich ein Elektromagnet, der je nach der Stärke des durchfließenden Stroms mehr oder weniger stark erregt wird, und seiner­seits zur entsprechenden Anziehung einer Membran dient, die wiederum durch eine mechanische Bewegung Tonschwingungen hervorbringt. Dieser Vorgang ist es, der uns am Telephon hören läßt. Und bei dem hier ent­wickelten Verfahren wird nun die wechselnde Magnetisierung auf einem stets fortlaufenden Draht festgehalten, und zwar derart, daß sie in der gleichen Weise, wie sie aufgetragen ist, auch bestehen bleibt.

Dem Mikrophon kommt der Schall entgegen; die Membran schwingt, und in dem Maß ihrer Bewegung entstehen Schwankungen elektrischer Ströme; diese werden dem geschilderten System zugeführt und genau in dem Maße ihrer Veränderung auf dem Draht festgehalten. Bei der Wie­dergabe wird der Vorgang einfach umgekehrt; der Draht läuft zwischen zwei magnetisch empfindlichen Membranen durch, wodurch diese stärker oder schwächer angezogen werden, Schwingungen geben, welche durch einen Verstärker zum Lautsprecher geleitet werden, und hier somit den gleichen Klang reproduzieren, der vorher dem Apparat anvertraut wor­den ist.

Es ist klar, daß ein solches System für den Tonfilm von sehr großer Bedeutung sein kann. Gibt es vor allen Dingen die Möglichkeit, eine Aufnahme unmittelbar, nachdem sie erfolgt ist, sogleich abzuhören, wäh­rend dies sonst erst nach Entwicklung des Tonstreifens, also nach vielen Stunden, möglich ist. Ist also irgendein Fehler erfolgt, hat ein Schau­spieler falsch gesprochen oder sich dem Mikrophon gegenüber unrichtig verhalten so kann dies sofort korrigiert werden. Um nun diese An­wendung bei dem Tonfilm zu ermöglichen, war es notwendig, den Draht durch ein Stahlband zu ersetzen. Ein Hauptelement der Tonsilmwirkung ist ja die Gleichzeitigkeit von Bild und Klang. Wer einmal den komischen Eindruck gehabt hat, daß diese gestört wurde, der Personen auf der Leinewand reden und zappeln sah, während aus dem Lautsprecher ganz andere Töne klangen, die einige Minuten vorher richtig angebracht waren der weiß, daß diese sog. Synchronisierung für den Tonfilm das eigentlich zentrale technische Problem bedeutet. Um diese nun mit Sicher­heit erreichen zu können, muß das magnetisierte Stahlband derart perfo­riert sein, daß es genau im gleichen Tempo und in der gleichen Weiss wie der dazu gehörige Filmstreifen abläuft. Ein besonderer Vorzug be­steht auch noch darin, daß die Magnetisierung ganz leicht ausgelöscht werden kann wodurch das gleiche Stahlband sofort für eine neue Aufnahme verfügbar ist.

Das Verfahren hat eine Reihe von wichtigen Vorzügen: außer den genannten noch die Unentflammbarkeit des Materials, die Billigkeit und die verhältnismäßig gute Qualität der Wiedergabe. Wenn es einmal ge­lingt, es derart durchzuarbeiten, daß es mit Sicherheit die Klangwerte auf beliebig lange Zeit festhält, so wird es alle anderen Tonfilmver­fahren verdrängen. Die Wiedergabe unmittelbar nach der Aufnahme ist verblüffend gut aber, ob sich diese Magnetisierung wirklich genau so sicher und genau so gut hält, wie auf der Schallplatte oder der auf dem Filmstreifen fixierte Schall, das ist noch nicht geklärt. In jedem Fall eröffnen sich hier Ausblicke auf neue Möglichkeiten der Technik; viel­leicht wird unseren Enkeln unser heute übliches System der Schallwiedev, gäbe von Schallplatten als kuriose Unzulänglichkeit erscheinen.

Der Stabtpfeifer.

Von Wilhelm Heinrich Riehl.

(Fortsetzung.)

lieber den hinteren Teil des Wagens war ein Linnentuch gespannt darunter saßen die jungen Eheleute. Es war gar nicht unbehaglich, sich in der Ecke unter der Leinwand aufs Stroh zu kauern und der Musik des ringsum durch die Blätter niederrauschenden Regens zu lauschen, wäh­rend selten ein Tröpfchen durch das Tuch hereindrang.

Da pflogen die Leutchen nun das traulichste Gespräch, woben goldene Träume, wie es für eine Hochzeitsreise sich schickt, und wenn sie auch in Philipp Kellners Leiterwagen gemacht wird. Der arme Stadtpfeifer ließ die Erinnerung seliger Vergangenheit, die Hoffnung seliger Zukunft an seinem Ohre vorüberrauschen wie ein Kind; es war ja noch süßere Musik darin, als in dem draußen niederrauschenden Sommerregen, und nur selten führte ein Dämon seine Hand nach der Hosentasche, daß es ihn durchzuckte, wenn er auf einen Augenblick des einzigen Krontalers ge­dachte. Aber schon in der nächsten Minute war er wieder unermeßlich reich. Ja, der Stadtpfeifer war ein Kind, eines von den Kindern, von denen geschrieben steht, daß wir nicht ins Himmelreich kommen sollen, wenn wir nicht werden wie ihrer eines.

So verging die Zeit der langen Fahrt, und keines wußte wie, dek Fuhrmann, weil er schlief, die Liebenden, weil sie träumten. Da schreckte das Gesicht Philipp Ketters, das grinsend zum Leinwanddach herein­schaute, auf einmal den Stadtpfeifer und seine Frau aus dem an­mutigsten Gespräche.Schauet rechts die Lichtung hinauf; da kommt eine ganze Rotte Franzosen!" Und als ob das gar nichts zu bedeuten habe, kroch er rasch wieder unter seine Wollendecke und ließ den Wagen schnur­stracks den Franzosen entgegengehen. Der Stadtpfeifer lupfte die Lein­wand und starrte hinaus nach der drohenden Gefahr. Allein ob auch in seinen Zügen bewegte Gedanken zuckten, sprach er doch kein Wort, gleich als wenn er samt dem Philipp verhext wäre.

Christine sah den beiden eine Weile zu; dann machte sie sich hervor, riß dem Holzklotz, dem Philipp, Zügel und Peitsche aus der Hand und trieb den Gaul seitab in den Wald hinein. Und wie der Wagen auch drohend rechts und links schwankte auf dem ungleichen Boden, Christine brachte ihn durch ins Dickicht und hielt dann still.

Die Soldaten mochten den Wagen noch nicht erblickt haben, oder es gelüftete sie nicht, das unansehnliche Fuhrwerk, bei dem Unwetter von den ohnedies trügerischen Pfaden abweichend, in den dicken Wald zu verfolgen.