Ausgabe 
2.8.1929
 
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Ahr sich wild durch die schön gepuderten floate,jetzt sind mir alle Kirmessen im Juli verhagelt durch das Kriegsvolk!"

Das hat keine Not," beruhigte Philipp, sich selbst mit dem zwölften Glase beruhigend,die Franzosen tanzen mit; sie sind artige Leute und gar nicht so schwarz, wie sie der Hofbäcker brennt, wenn er im Ritter beim siebenten Schoppen angekommen ist. Seht, vorgestern sind die Franzosen eingerückt. Am selben Tage hadert einer ihrer Husaren mit der alten Nickelin und massakriert sie; am Abend wird dem Mörder der Prozeß gemacht, und gestern morgen ist er auf der Heide am Wind- Hof füfiliert worden. Was sagt Ihr dazu, Stadtpfeifer? Ich sage, die Franzosen sind prompte Leute."

Ei, geht zum Teufel, Philipp! Prompter wäre es doch gewesen, wenn der Husar die Nickelin gar nicht massakriert hätte" und schlich sich hinaus, damit die anderen seine Verwirrung nicht merkten. Prinz Camille hatte schwerlich geahnt, in welche Verlegenheit er den Weil­burger Siadtpfeifer dadurch brächte, daß er seine Truppen lahnaufwärts ziehen ließ. Ja, der Stadtpfeifer war sehr leichtsinnig gewesen! In seiner Tasche trug er zwei große Geldstücke, das waren zwei Krontaler im Augenblicke sein ganzes bares Vermögen. Mit dem einen Krontaler sollte der Ueberzug nach Weilburg bestritten werden; der andere bildete den ganzen Kapitalfonds, womit er die neue Haushaltung begründen wollte. Er gedachte aber gleich in den ersten Tagen auf den Kirmessen ein schönes Stück Geld zu verdienen, und dann wäre es schon weiterge­gangen. Jetzt drohten die Franzosen die Rechnung zu verderben. Der Krieg war auch in Weilburg. Wer wird tanzen wollen, wo die fran­zösischen Husaren gleich mit Mord und Standrecht ihren Einzug halten? Es ward dem Stadtpfeifer himmelangst, da ihm die nächsten Wochen heiß vor die Seele traten. Und wie stand es gar in den nächsten Mo- paten, wenn das Ding so fortgehen sollte?

Als Heinrich Kullmann, von solchen Gedanken gequält, vor die Haus­türe trat, kam ein altes Weib auf ihn zu.Das ist ein Hochzeitshaus," sprach sie,und Ihr tragt den Rosenstrauß im Knopfloch und seid der Bräutigam. Euer Ehrentag ist mein Unglückstag!"

Was ist Euch begegnet, Mayerin?" fragte der Stadtpfeifer, der das Weib wohl kannte, das in einem kleinen, einsamen Häuschen an der Dillenburger Straße wohnte.

Ich bin eine Vettelfrau geworden über Nacht", antwortete sie schluch­zend.Die Franzosen haben mir alles genommen, die Kühe wegge­lrieben, das Haus niedergebrannt, ja selbst die Apfelbäume, die doch unser Herrgott so schön wachsen ließ, haben sie zufammengehauen. Des Teufels Barbiere sind diese Heiden, denn ein Elsässer, der mir die köst- Uchsten Würste gestohlen, sagte mir in seinem Hundedeutsch, die ganze Straße müsse rasiert werden wegen der Festung, ich solle mich trösten, das sei Kriegskunst; und dabei biß er in eine Wurst, daß mir vom bloßen Zusehen das Wasser in die Zähne und in die Augen trat."

Dies aber erzählte die Frau unter so kläglichem Gewimmer, daß der Stadtpfeifer am Schluß in die Tasche griff und gab ihr den einen Kron­taler der war bestimmt gewesen, die Haushaltung anzufangen; dann wandte er sich rasch um und ging wieder hinauf zum Hochzeits­tische und ward nun so lustig, als habe er tausend Krontaler gewonnen.

An anderen Tage gab es kurzen Abschied zwischen Eltern und Kin­dern, wie das Bauernart ist. Aber ernst und tiefempfunden war das Lebewohl dennoch; denn jedes gedachte der ungewissen Zukunft und der Not des Augenblicks. Allein sie war hüben so groß wie drüben, und der Stadtpfeifer mußte zurück auf seinen Turm. Philipp Setter hatte schon dreimal zum Aufbruch gemahnt, schon dreimal den Valettrunk getan, da bestieg das junge Ehepaar endlich seinen Leiterwagen.

Cs war kein lustiger Reisetag. Ein durchdringender Sommerregen rauschte in Strömen herab. Selbst der dichtbelaubte Buchenwald konnte keinen rechten Schutz mehr geben; die Pfade waren schlüpfrig, und die zahlreichen Bergwasser wuchsen zusehends, jede Rinne füllte sich zu einem neuen Bach. Darum war es kein Wunder, daß Philipp Pferd und Wagen auf den holprigen Holzwegen kaum vorwärts bringen mochte. Er hatte sich aber auch wider den Regen so tief in eine wollene Decke gewickelt, daß der Schimmel so ziemlich feinen eigenen Gedanken nach­sehen konnte; und nur wenn der Wagen wider einen Stein oder eine Wurzel stieß, als ob alle Räder brechen müßten, rief der Fuhrmann dem Pferde chintendrein eine Vermahnung zu, den Kopf ließ er aber doch Mi der Decke.

(Fortsetzung folgt.)

Gedanken zur künstlerischen Erziehung.

Von Paula Messer-Platz, Gießen.

Gar manchen hat wohl schon die Frage beschäftigt: ist es denn ein fo weltfremdes, idealistisch-überspanntes Verlangen, daß die Schule auch künstlerische Werte übermitteln solle? Nicht übermitteln freilich im hand- langerischen Sinn, wobei man glaubt, das erkenntnismäßige Wissen an einfach weitergeben zu können. Hat diese Nürnberger- Trichter-Methode schon bei der Entwicklung des Verstandes versagtz so daß das Gemeinsame all der verschiedenen Schulreformen darin besteht, das passive Hinunterschlucken des Lehrstosfes in ein aktives Zerkauen und Anelgnen umzuwandeln, hat diese Methode schon bei der logischen und gedachtmsmaßigen Bildung versagt, um wieviel ungeeigneter muß sie bann erst für die Bereicherung des Gefühls (ein. Denn überhaupt vor- zudrmgen bis zum Gefühl, mehr noch: dieses Gefühl zu packen und zu innerer Anteilnahme zu bewegen, das ist eine noch viel persönlichere sub- M,er;!(-*nb«r^rro^ri9e.re. Aufgabe als etwa historische oder naturwissen- schastliche Tatsachen beizubringen. Wo es sich aber um künstlerische Er­ziehung handelt, da muß das Gefühl ergriffen werden, sonst ergibt das n ±eeker(iefern etwa von Fachausdrücken, Techniken und äußeren Unterscheidungen eine nach hoffnungslosere Oede als die mechanische Her- anbildung des Verstandes. Manchen Lehrern, meist solchen, die selber künstlerisches Empfinden besitzen, ist es gewiß schon aufgefallen, daß sehr hauM die sog. unbegabten Schüler, Schüler ohneBücherverstand" nach ver künstlerischen Seite hm besonders begabt sind. Meist hungern sie um­

sonst nach Anteilnahme und Verständnis für ihr« Sonderart. Und doch wäre es oft eine Erlösung für diese als dumm und unfähig verschrienen zungen Menschen, die häufig in den letzten Reihen sitzen und verträumt und uninteressiert in die Luft starren. Es wäre oft eine Erlösung für sie, wenn das Verständnis des Lehrers ihnen zum Bewußtsein brächte, daß sie nicht die rettungslos Dummen und Ungenügenden sind, sondern daß auch sie Talente besitzen, die Beachtung und Wertschätzung verdienen, aus denen sich mit Fleiß und Ausdauer etwas machen läßt. Wie manchem Jungen könnte auf diese Weise Selbstvertrauen und frische Energie wie­der gegeben werden, die ihn dann auch bei anderen Fächern über die gewohnte Trägheit und den ergebenen Stumpfsinn Hinwegzureißen ver­möchten.

Künstlerisch begabte Schüler in den oberen Klassen neigen meist mit dem Radikalismus der Jugend zu moderner und allermodernster Kunst­richtung. Der Kubismus etwa und die sog.gegenstandslose Malerei" erregen häufig ihre uneingeschränkte Bewunderung. Alles andere gilt als bürgerlicher Kitsch. Es wäre nun gefehlt, mit Spott oder Mißachtung über diese Kunstrichtungen herzufallen, das würde nicht solche Rich­tungen, sondern solche Lehrer bei den extrem gestimmten Schülern zur Seite drängen. Sondern der Lehrer versuche einmal, sich ganz jung und neu und liebevoll in solch eine unverständlich erscheinende Kunstrich­tung zu versenken und dem jungen Menschen gerade das Wertvolle aus ihrer Tiefe herauszuholen und zu zeigen. Man lasse sich durch bizarre Aeußerlichkeiten nicht so rasch abstoßen: denn in diesen modern­sten Kunstrichtungen, wie etwa in der neuen gegenstandslosen Malerei, steckt oft das Verlangen und die Sehnsucht ganzer Künstlergenerationen und die selber verlangende und sehnende Jugend suhlt mehr als sie es versteht dieses Drängen und Revolutionieren und gibt sich ihm hin. Der Künstler selber hat ja so viel Kindliches, Irrationales in sich. Zwar ist der moderne Künstler viel häufiger wieder Denker, aber meist fein Philosoph, d. h. er vermag es selten, seine Grüblerarbeit auch in reinliche Begriffe zu schmieden. Er wirft der Welt seine Halbfabrikate zu und überläßt es der Zeit, daraus Fertigware zu machen.

So z. B. scheint es ein Irrtum der neuenreinen" Malerei zu sein, daß sie behauptet, ihre Werke hätten die Formen überwunden und ab­gelegt. Und doch hat sie in ihrer Behauptung recht. Wenn man nämlich versteht nicht was die neue Kunst sagt, sondern was sie meint. Ist das aber nicht überhaupt das Wunder des Verstehens und muß das nicht gerade den echten Lehrer zur Ergründung reizen, der in der Schule stündlich darum ringt, nicht bloß das zu verstehen, was man sagt, son­dern das, was man meint?

Der Künstler behauptet also, diereine, gegenstandslose, absolute" Malerei drücke kosmische, weltumspannende Gefühle aus, ohne sich dabei der Form zu bedienen (und gerade dieses Kosmische, Undefinierbare und Formfremde fühlt auch der junge Mensch in sich, und dies zieht ihn an). Der kritische Laie dagegen erblickt auf diesen Bildern Ringe, Flecken, Linien; findet mit wahrer Entdeckerfreude hier ein Rund, das etwa ein Ei fein könnte, dort eine Spirale, die sich etwa zu einer Schlange umdeuten läßt. Hat so der Laie sich aus dem Meer des Nichts auf eine scheinbar feste Planke gerettet, auf das Anschauliche, dem Intellekt Zugängliche, so fühlt er schnell wieder den Mut zum Kopf­schütteln und Verdammen. Vom Unbekannten ins Bekannte steuern ist nämlich nicht bloß das qualvolle Entzücken und Schicksal der ganz Großen: es ist auch die tägliche Befriedigung des rubrizierenden, in Fächer ordnenden Durchschnittsmenschen, dem Erkennen Platzanweisen bedeutet.

Auch der reinste Jünger derreinen" Malerei kann nicht leugnen, daß seine Bilder Flecken, Linien, Runde enthalten also Formen. Aber das ist es auch nicht, was er leugnen will. Sondern daß er Formen von Gegenständen bedürfe. Hier liegt fein Wesentliches und Neues. Daß feine Farbführung nur in Formen zu uns sprechen kann, ist eine unvermeidliche Notwendigkeit. Also ein Unpersönliches, im Künstlerischen zu Ignorierendes, Daß seine Farbführung aber nicht in Gestalten von Gegenständen zu uns redet, das ist das Gewollte, Wesent­liche. Das ist das, worauf es ihm ankommt.

Das, worauf es dem anderen vor allem ankommt, sollte man immer zu erst zu verstehen suchen. Ob er die richtigen Wege zu seinem Ziel damit gewählt hat, bleibt eine spätere Frage, eine Sache der Kritik und der Erfahrung. Wer niemals so jung war, daß er zu der Weltnein" gesagt, wer nie so jung war, daß ihm die Schönheit nur ein Hindernis bedeutete, dem wird das Ziel derabsoluten" Malerei überhaupt unbe­greiflich bleiben. Sollen wir aber z. B. die höhere Mathematik verwerfen, weil nur wenige der höheren Mathematik gewachsen sind! Das muß freilich zugegeben werden: Die Kunst unserer neuen Zeit wird immer unsinnlicher, abstrakter, eine Linie übrigens, die unabdrängbar durch die ganze Menschheitsentwicklung geht. Die Kunst unserer Zeit wird aber auch immer einsamer, weil es stets die Wenigen sind, die für Un- anschauliches Begabung haben. Es sind immer die Führer, dienicht sehen und doch glauben", denen Sehen und Besitzen nicht den letzten Grad der Gewißheit bedeutet. Freilich ist der noch kein Führer, der nur glaubt und nichts sieht. Der wahre Führer und Lehrer aber ist berufen, den Glauben zu belohnen, indem er ihn sehend macht.

Man muß also vor allem begriffen haben, auf was es in derreinen" Kunst antommmt. Nämlich auf das Geben des Inhalts ohne Umklei­dung Verkleidung durch die gegenständliche Form. Diese Kunst ist darum eine Konzentrierung, ein Heraustreiben, eine Hinaufsteigerung ins Inhaltliche. Es liegt ihr der Wille zugrunde, das Vorletzte zu opfern, um des Letzten teilhaftig zu werden. Jener Wille, der unserer besten Jugend eignet und der stets dabei war, wenn Menschheitsgeschichte geschrieben wurde. Freilich, wem ist jene Entwicklungslinie ins Abstrakte, ins Geistige ganz bewußt?! Wem dieser bohrende Wille vom Vorletzten ins Letzte? So bewußt, daß er davon sprechen, nicht bloß stammeln könnte?! Dem malenden Künstler wohl nicht, darum eben malt er. Vielleicht dem Philosophen in Platos Sinne, der ein Lehrer, ein Weiser, ein Kunst-