Ausgabe 
1.11.1929
 
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rrhoben. Unbewußt In scheuer Gebärde, wie wenn sie ein ohnmächtiges Verlangen trüge, ihrer Einsamkeit zu entfliehen und eines Menschen Wanne zu suchen. Ich konnte nicht verstehen, was sie sprach, und ich glaube, daß ihre Worte einen anderen Weg gingen als ihre Hände, daß sie mit Witten Gleichgültiges redete und Worte aneinanderreihte, nur um an eines Menschen Tür zu stehen und ihre Sehnsucht zu verströmen vor Hannas übermütig spielendem Lachen.

Als sie mich kommen hörte, glitten ihre Hände nieder wie ertappte Diebe, und sie grüßte mit einem ruhigen Neigen ihrer schönen Stirn. Hätte mich das Leben nicht feige gemacht, ich würde vielleicht ihre Hand ergriffen und gesagt haben o lüge nicht das Leben an, Thomas Wiehl, denn niemals würdest du haltgemacht und ein gutes Wort zu Sidonie Beeskvw gesagt haben, niemals, solange Hanna in der Tür stand und lächelte, lässig und voll grausamer Jugend!

Seht, ich ging mit gesenkten Augen und hastig vorüber, ich eilte vor­wärts, um in mein Zimmer zu kommen, obwohl kein Brief und keine Blume mich dort erwartete! Und schob den Riegel vor, was ich sonst nicht tue. Ich war zornig auf Hannas Lachen und auf meine Feigheit, ich schämte mich bis auf den Grund meiner Seele. Immer aber sah ich zwei arme, sehnsüchtige Hände, die einen Menschen suchten und um Güte bettelten.

Wie oft habt ihr schon vergebens gebettelt und seid erdrückt von Scham geflohen!? Ausgescheucht von der Stätte, wo ihr glaubtet, Ruhe zu finden für Zeit und Ewigkeit! Warum mußtet ihr hierher kommen in meine und Hannas Nähe?

Und Ancht überfiel mich, daß Sidonie Beeskow ihre Hände eines Tages auf Hanna legen und ihre Jugend mir stehlen könnte. Wahr­haftig, ich bin ein schöner Narr, der von Stehlen spricht, wo mir nichts gehört! Ich bin ein Bettler, der einem Bettler die Sonne neidet!

Mein liebes und einsames Fräulein Beeskow, es nützt Ihnen gar nichts mehr, einen Schild vor mir aufzurichten und Ihr armes Leben dahinter zu verbergen, denn Ihre Hände haben Sie verraten! Ich weiß, was ich weiß, und sehe tief in Sie hinein: ich grabe geduldig einen Stollen, bis ich auf die Ader stoße. Denn Thomas Wiehl hat Zeit, wenn er etwas ergründen will. Ich kann uralt werden, wenn es nötig ist.

Von allen, die unter meinen Augen hier wohnen und in den Tag hineinleben, ist Sidonie Beeskow das wunderlichste und ärmste Geschöpf. Sie kauft Grabstätten und ist in ihrem Herzen menschenleer, trägt Wun­den, die nicht heilen und nachts bluten! Wollen wir wetten, daß ihr Leben bedeckt ist mit Striemen und daß es ihr so schlecht ergangen ist wie einem vertrauensseligen Hunde unter Menschen!? Jetzt ist sie müde und friert und wittert von ferne Hannas wärmendes Blut.

Sieh dich vor, du arme Sidonie Beeskow von allen Tieren, die Gott der Herr schuf ,ift Hanna das gefährlichste! In ihrem Lachen schwirren vergiftete Pfeile. Ich rede aus großer Erfahrung und nicht ins Blaue hinein. Thomas Wiehl hat eine Frau und Percy, feinen Sohn, er hat einen Freund auf Sandhamm und einen zweiten in Forte bei Marmi. Und dennoch: was lebt er hier jahraus, jahrein am See, vertut die Zelt und kann kein Ende finden!?

*

Nach dem Abendessen, wenn Mutter Berg mit verbindlichem Lächeln die Tafel aufgehoben, spazieren die Gäste noch ein wenig auf der Terrasse und im Garten auf und nieder, und für jeden steht ein Täßchen Kaffee bereit mit einem winzigen, zuckerbestreuten Stück Kuchen daneben.

Dem reichen Herrn Zollinger aus Stuttgart kommt es gar nicht darauf an, für uns alle noch einen Kirsch ober für die Damen einen Curaoao zu bestellen, wenn er gerade dazu in der Laune ist. Fräulein von Gillfeldt behauptet zwar, Kirschwasser und Euraoao seien durchaus nichts Feines, und auf dem letzten Familientage in Hannover habe es siebenerlei verschiedene Schnäpse gegeben, einer noch erlesener als der andere denn erlesen und edel ist alles, was Fräulein von Gillfeldt im Munde führt ober Onkel Josua und ich, die wir ein wenig abseits in der Laube sitzen, nehmen es nicht so genau und sind der Meinung, daß es doch dem Menschen zu Zeiten sehr prächtig anstünde, aus dem Vollen zu schöpfen und nach Belieben kleine Freuden austeilen zu können. Und von früh bis spät nicht allzu sehr rechnen zu müssen!

Da tritt Florian zu uns, quer über den Rasen, wiegend und ge­wichtig wie ein Mann, der ein Sägewerk sein eigen nennt. Behutsam fängt er an zu reden; er möchte gern weit ausholen und den dreimal­klugen Kaufmann spielen, von diesem und jenem sprechen und dann unmerklich auf seinen wohlbedachten Zweck kommen. Vom Sägewerk spricht er denn wie sollte Florian auch anders beginnen? und den neuen Maschinen, die über alles Erwarten vorzüglich arbeiten, aber auch sehr viel Lärm machen und die Nachbarschaft leider stören.

Oho, mein kluger Herr Florian, ich weiß schon, wohinaus das will! Ich habe das längst erwartet, aber ich lasse ihn ruhig sein Garn spinnen und stelle mich dumm. Lärm? Nicht daß ich wüßte, Herr Florign, und von stören kann keine Rede sein, denn wenn ich arbeite, dort unten in meinem Schuppen, so höre und sehe ich nichts von dem, was in der Welt vorgeht. Florian merkt wohl, daß er auf diese Weise mit mir nicht weiter kommt, und ändert kurz entschlossen seine Taktik. Er bietet mir für meinen Schuppen, den er höflich Atelier nennt, einen schönen Preis, einen besseren, als mir jemals ein anderer werde bieten können, denn wegen des Lärms seiner großen Sägen ich verstünde ihn wohl sei der Platz für jeden andern wertlos!

Das ist klar und deutlich und gewiß auch sehr kaufmännisch gespro­chen, aber der junge, kluge Herr Florian kommt zur unrechten Stunde, denn er weiß Eines nicht, was mir viel wichtiger ist als Geld und alle seine Pläne: daß ich nämlich heute morgen mit Hanna ein Gespräch hatte, als ich sie zum Baden begleitete, und daß Hanna mir versprochen hat, in meinen Schuppen am See zu kommen und mir Modell zu stehen für eine Arbeit, an der mir viel liegt! So viel, daß ich nicht zu sagen ver­möchte, woran in dieser Welt mir heute noch mehr läge!

Darum kann ich spröde tun vor Florians Angebot und ein bißchen meine Kunst herauskehren, von der er nichts versteht und die in seinen Augen ein überflüssiger Zeitvertreib ist. Nein, mein Herr, ich verkaufe noch nicht, unter gar keinen Umständen, und wenn Sie mir das Zehn­fache böten! So ein großer Meister bin ich heute! Mein Schuppen ist beileibe kein gewöhnliches Atelier Fürstinnen setzten ihren Fuß hinein, und vielleicht wird eine Königin mich dort besuchen!

Aber warten Sie ein Weilchen, mein bester Herr Florian, Sie sind noch jung, und eines Tages wer weiß!? bin ich des Schuppens müde, weil er feinen Sinn erfüllt hat, und Sie kaufen ihn billig, und vielleicht gar schenke ich ihn weg! Weil die Fürstinnen gegangen sind und die Königin mir den Rücken wandte. Dann, aber nicht früher, mag Florian ihn haben und niederreißen, um Hallen darauf zu bauen und mit singenden, blitzenden Scheiben das duftende Holz zu fügen. Thomas Wiehl ist kein Kaufmann o er ist weit davon entfernt, aber was den Schuppen angeht, so ist er sehr auf seinen Vorteil bedacht und denkt zuerst an sich!

*

Ich habe diese Tage und Stunden, in denen Hanna mir vergönnt, mein Werk nach ihrem Maß zu formen, feit Jahren ersehnt und seit Monaten an nichts anderes gedacht. Jetzt seid ihr da, jetzt seid ihr bald schon wieder vorbei: ich steh' in einem müden Rausch,' und wenn ich jemals ein Künstler gewesen bin, so war es sicherlich in diesen Stunden. Das ist mein tiefstes Glück! Einmal muß unser Traum sich gestalten, und nur was Form annimmt, ist uns Erlösung.

Aber laßt es gut fein, redet nicht davon! Es ist eine schlechte, scham­lose Sitte, viel Worte um die Erfüllung zu machen. Hanna und ich wir sind beide erfüllt von unseren Tagen, bas ist genug! Vielleicht wird mein Werk bleiben, länger als ich und länger als Hanna!

Ich habe nasse Tücher über den Lehm geworfen, damit nichts ein« trocknet, und das Gestell noch tiefer in den Schatten gerollt. Hanna ist müde, und wir wollen uns eine Weile ausruhen und plaudern. Wir haben sehr fleißig gearbeitet, mehr als drei Stunden, und ihre Gelenke sind ganz steif geworden.

Die Fenster des Schuppens und die Tür stehen weit offen, der ganze Raum ist wie eine strahlend durchsonnte Veranda nach dem See geöffnet, und Licht, Seeduft und Frische fluten breit und wärmend herein. Ich reinige meine Spachtel und Messer, und Hanna schreites derweilen mit ihren hohen, schlanken Beinen und den knabenhaften Schultern neugierig und heiter durch Kaskaden von Licht. Sie geht ganz ohne Scheu und in großer Natürlichkeit, wie wenn sie zeitlebens auf einer Insel der Süd­see gelebt hätte. Sie macht durchaus kein Wesens von ihrem Körper, vor dem selbst die Cherubim ihres Amtes vergäßen. So schön und untadelig ist Hanna!

Lasse ich Spachtel und Messer sinken und meine Augen mit dem Wohl­klang ihrer Glieder sich füllen, so nickt sie mir zu, lächelnd und stolz, dreht sich blitzschnell auf den Zehenspitzen und weitet wie ein Vogel ihre Arme. Freilich weiß Hanna, daß sie schön und wie ein Wunder der Natur ist; warum sollte sie es nicht wissen? Auch wenn Thomas Wiehl nicht wäre, so würde jeder Spiegel es ihr sagen und hat es so oft genug ge­sagt. Wer weih und was geht es mich an, wer es ihr sonst noch ge­sagt hat!

Hanna breitet einen Teppich aus in der offenen Tür, schneidet den Kuchen in schmale Stücke und nippt ein wenig von dem herben, kühlenden Landwein. Dann streckt sie sich auf dem Teppich aus und blinzelt behaglich wie eine Katze über die mittagsstille Wasserfläche, die in tausend blitzenden Lichtern sprüht. Die Luft ist schwer und warm von Sommersumsen und müdem Gezirp.

Traumhaft verwundert lasse ich mich durchströmen vom Glück des Daseins. Denn das Glück unseres Daseins ist da-sein. Unter Hannas Schulterblättern, die Grübchen tragen, spielen Sehnen und Muskeln ein holdseliges Spiel wie schnelle Tiere unter seidener Decke. Ich streichle ihre Kühle und atme ihre Wärme, danke dem Schicksal und segne ihre Jugend, segne sie aus tiefstem Herzen. So vergehen die Stunden.

Hanna trägt ein feines, goldenes Kettchen um den Hals, an dem ein rosenfarbener Amethyst hängt. Von bestem Schliff und ebenso wie das Kettchen von alter, sehr schöner Arbeit. Als ich frage, läßt sie den Stein durch ihre Finger gleiten und lächelt. Sieh da, Fräulein Beeskow hat ihn ihr geschenkt vor ein paar Tagen! Sie haben eines Abends zusammen Sidoniens Schmuck durchstöbert, den sie in einer rotledernen Kassette verwahrt, und als Hannas Hände den seltenen Amethyst be­wundernd hielten, hat Sidonie Beeskow sie gebeten, ihn zur Erinnerung von ihr anzunehmen und stets zu tragen.Ich hätte nicht zu bitten ge­wagt, nein, niemals sagt Hanna und lächelt ein kleines Frauenlächeln aber ich glaube, sie könnte mir nichts versagen!"

O wie schlau du bist, kleine Hanna, und wie scharf deine Augen den Menschen ins Herz sehen! Dir ist Macht verliehen, und Jugend ist herrisch. »

Der Himmel steigt höher und höher hinauf, es ist ein Sieden in der Luft, das ihn emportreibt, weg von uns in blaue und immer blauere Unendlichkeit. Wie schön ist Hanna, und ein Bettler streckt die Hand nach ihr aus! Wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Sidonie Beeskow mit flehenden Händen ... bedenkenlos verschenkt sie Hab und Gut. Kette und Stein, nur um ein kleines Wort von ihrem Munde! So dumpf bin ich vor Zorn und Verlangen, daß ich meine Hand zum Schlag erheben könnte gegen Hanna, aber seht mich Prahler! in einer heißen, schluch­zenden Liebkosung versinkt mir alles! Sie atmet tief; in ihren Augen steht Wissen und die Gier der Jugend.

Nach einer Weile frage ich, weil es mich schmerzt und quält bis in die Eingeweide hinein:Was ist mit Sidonie Beeskow?"

Nichts ... es ist nichts" und ihre Augen gleiten ins Weite.

Ich habe ihre Hände gesehen ... und wie sie dich ansah!" (Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch-und Steindruckecei, D. Lange, Giehen.