«nb tief, da er in ihrem Gesicht nichts Zweifelerregendes fand, vertrauensvoll in ihre Arme.
„So, da sind mir und da bleiben mir!" rief Toby, keuchend im Zimmer umherlaufend. „Hier, Onkel Will — Ihr seht, hier ist ein Feuer! Warum komm! Ihr nicht ans Feuer? Ha, da sind mir und da bleiben mir! Meg, mein Herz, wo ist der Kessel? So — er rnird augenblicklich kochen!"
Trotty hatte wirklich während seines wilden Hin- und Herrennens den Kesiel aufzuheben gewußt und über das Feuer gesetzt, während Meg in einer rnarmen Ecke vor dem Kind niedergekniet war, um ihm die Schuhe auszuziehen und mit einem Tuch die nassen Füßchen zu trocknen. Ja, und sie lachte „aud) über Trotty — so vergnügt, so herzlich, daß Trotty sie augenblicklick) hätte segnen mögen, denn er hatte ja beim Eintreten gesehen, wie sie in Tränen vor dem Feuer saß.
„Ei, Vater," sagte Meg, „du bist, glaube ich, diesen Abend ganz närrisch. Ich weiß nicht, was die Glocken dazu sagen würden. Die armen Füßchen, — wie kalt sie sind!"
,A sie sind jetzt wärmer!" rief das Kind. „Sie sind jetzt ganz warm!"
„Nein, nein, nein", sagte Meg. „Wir haben sie noch nicht halb genug gerieben. Wir sind ja so fleißig! So fleißig! Und wenn sie ganz warm iinb, dann wollen wir das feuchte Haar auskämmen. Sind wir damit ertig, so wollen wir mit ein bißchen frischem Wasser einige Farbe in das arme blasse Gesicht bringen, und dann wollen wir so froh, so heiter und glücklich fein!"
Das Kind umschlang in einem Anfall von Schluchzen ihren Hals, streichelte mit seinen Händchen ihre Wange und sagte:
„O Meg! o liebe Meg!"
Tobys Segen hätte nicht mehr tun können. Wer wäre auch imstande gewesen, mehr zu tun?
„Ei, Vater!" rief Meg nach einer Pause.
„Do bin ich und da steh ich, mein Lieb!" sagte Trotty.
„Gütiger Himmel!" rief Meg, „er ist ganz von Sinnen! Setzt er da das Hütlein des lieben Kindes auf den "Kessel und hängt den Deckel hinter die Tür!"
„Ich habe dies nicht mit Absicht getan, mein Lieb", entgegenete Trotty, indem er hastig sein Versehen wieder gutmachte. „Meg, mein Kind?"
Meg blickte nach ihm hin und sah, daß er sich mit Vorbedacht hinter den Stuhl seines männlichen Gastes gestellt hatte, wo er mit vielen geheimnisvollen Gebärden das Sechspencestück, das er eingenommen, in die Hööhe hielt.
„Als ich hereiokam," sagte Trotty, „habe ich irgendwo auf der Treppe eine halbe Unze Tee liegen sehen; auä) glaube ich wahrhaftig, daß ein Stückchen Speck dabei tag. Ich entsinne mich nicht mehr recht auf den Platz, will aber hinoehen und sehen, ob ich's nicht finde."
Unter diesem unergründlich scharfsinnigen Vorwande entfernte sich Toby, um die besprochenen Lebensmittel für bares Geld bei Frau Chicken- stalker zu kaufen. Er kam bald wieder zurück und sagte, er habe die Sachen anfangs in der Dunkelheit nicht finden können.
„Aber da sind sie endlich," sagte Trotty, das Teegeschirr aufsetzend — „alles richtig! Jät wußte es ja, daß es Tee und eine schöne Schnitte mar. Da, seht selbst. Meg, mein Herzchen, wenn du den Tee zurichten willst, während dein unwürdiger Vater den Speck röstet, so wird alles bald fertig sein, 's ist eine kuriose Sache," fuhr Trotty fort, indem er mit Hilfe der Röstgabel seine Kochkunst betrieb, „kurios, aber allen meinen Freunden wohlbekannt, daß ich für meine Person mir niemals weder aus Tee noch aus Speck etwas machte. Ich sehe es nur gern, wenn andre Leute sich's dabei wohl fein lassen," sagte er in sehr lautem Tone, um seinem Gast die Tatsache recht bemerklich zu machen, „obschon diese Nahrung mir jelbft durchaus nicht behagt."
Doch schnüffelte Trotty den Wohlgeruch des zischenden Specks ein — ah! — als ob er mit Freuden selbst hätte zulangen mögen, und als er das kochende Wasser in den Teetopf goß, blickte er sehnsüchtig in dessen Tiefe hinunter und ließ sich gern den würzigen Dampf um die Nase kräuseln und den Kopf von einer dichten Wolke bekränzen. Aber trotzdem genoß er nichts weiter davon, als im Anfang der Höflichkeit halber einen einzigen Bissen, der ihm ungemein gut zu schmecken schien, obschon er erklärte, daß er sich nicht das mindeste daraus mache.
Nein, Trottys Beschäftigung bestand darin. Will Fern und Lilian essen und trinken zu sehen, und das gleiche war bei Meg der Fall. Und nie fand ein Zuschauer bei einem Stadt- oder Hofbankett einen solchen Hochgenuß darin, andre — ja, wäre es sogar ein König oder ein Papst gewesen — schmausen zu sehen, als unser Pärlein an jenem Abend. Meg lächelte zu Trotty hinüber, Trotty lachte Meg an. Meg nickte und tat, als klatsche sie mit den Händen, um Trotty ihren Beifall zu erkennen zu geben, während Trotty in stummer Zeichensprache Meg eine unverständliche Geschichte erzählte, wann und wo er seine Gäste gefunden hatte. Und sie waren glücklich — sehr glücklich.
„Obgleich ich sehen muß, daß Megs Verlobung gelöst ist", dachte Trotty bekümmert, als er Megs Gesicht betrachtete.
„Nun, jetzt werde ich Euch was sagen", begann Trotty nach dem Tee. „Die Kleine schläft bei Meg."
„Bei der guten Meg!" rief das Kind, sie liebkosend. „Bei Meg."
„So ist's recht", sagte Trotty. „Und es sollte mich nicht wundern, wenn sie Megs Vater einen Kutz gäbe. Was meinst du, Kind? Ich bin Megs Vater."
Trotty war hochentzückt, als sich ihm das Kind schüchtern näherte, ihn küßte und bann wieder zu Meg zurückkehrte.
„Sie ist verständig rote Salomo", sagte Trotty. „Da kommen und da gehen — nein, das meinte ich nicht — ich — was wollte ich denn sagen, meine liebe Meg?"
Meg blickte auf ihren Gast, der sich an ihren Stuhl gelehnt hatte und, während er das Gesicht von ihr abwandte, den in ihrem Schoß verborgenen Kopf der Kleinen streichelte.
„Natürlich", sagte Toby. „Natürlich! Weiß ich doch wahrhaftig nicht, was ich heute abend treibe. Ich bin heute ganz zerstreut, glaube ich. Will
Fern, Ihr kommt mit mir, denn Ihr seid todmüde und völlig erschöpft weil Ihr so lange nicht geruht habt. Kommt mit mir."
Der Mann spielte noch immer mit den Locken des Kindes, lehnte noch immer mit abgewandtem Gesicht an Megs Stuhl. Er sprach kein Wort, aber in seinen rauhen Fingern, die sich im Haar des Kindes ballten und wider lösten, lag eine Beredsamkeit, die mehr als alle Worte sagte.
„Ja, ja", fuhr Trotty fort, der unwillkürlich die Frage beantwortete, die auf Megs Gesicht stand. „Nimm sie mit dir, Meg. Bring sie zu Beit. So! jetzt will ich Euch zeigen, wo Ihr liegen könnt, Will, ’s ist zwar sticht viel Plag, sondern nur Heuboden; aber ein Heuboden ist, wie ich immer sage, die größte Beguemlichkeit, wenn man in Ställen wohnt; und bis dieser Schuppen und der Stall besser vermietet werden, leben wir hier sehr billig. Droben ist viel vortreffliches Heu, das einem Nachbar gehört und ein so reinliches Lager bietet, als es Hände und Meg nur machen können. Frischauf! Laßfs Euch nicht nahegehen. Für jedes neue Jahr ein neues Herz!"
Die Hand, die sich aus dem Haar des Kindes losgemacht hatte, war zitternd in die unfers Toby gefallen, und letzterer führte nun seinen Gast, in einem fort sprechend, so zärtlich hinaus, als wär« dieser gleichfalls ein Kind.
Da er vor Meg wieder zurückkam, so horchte er einen Augenblick an der Tür ihrer an die »tube stoßenden kleinen Kammer. Die Kleine murmelte ein Nachtgebet, mit dem sie auch den Namen der „lieben Meg" in Verbindung brachte — dann hörte Trotty, wie sie innehielt und nach dem seinigen fragte.
Es dauerte eine kleine Weile, bis der törichte alte Knabe sich so weit fassen konnte, um das Feuer nachzuschüren und seinen Stuhl an den warmen Herd zu ziehen. Als es aber endlich geschehen war und er das Licht geputzt hatte, nahm er seine Zeitung aus der Tasche und begann zu lesen, anfangs gleichgültig, indem er rasch über die Spalten hinslog, sehr bald aber mit großem Ernst und trauriger Aufmerksamkeit.
Denn diese schreckliche Zeitung lenkte Trottys Gedanken abermals auf den nämlichen Pfad, auf dem sie den ganzen Tag über, namentlich infolge der erlebten Ereignisse, gewandert waren. Sein Interesse an den beiden Wanderern hatte ihn zwar für eine Weile in «ine glücklichere Stimmung versetzt; sobald er aber wieder allein war und die Verbrechen und Gewalttaten der Leute las, versank er wieder in die frühere zurück.
Endlick) kam er zu einem Bericht (und es war nicht der erste derartige, den er las) von einer Frau, die verzweiflungsvoll Hand nicht nur an ihr eignes Leben, sondern auch an das ihres jungen Kindes gelegt hatte. Dieses schreckliche Verbrechen wirkte so empörend auf ihn, daß er, als er dabei an Megs Liebe dachte, das Zeitungsblatt fallen ließ und entsetzt in seinen Stuhl zurücksank.
„Unnatürlich und grau; 'm!" rief Toby. „Unnatürlich und grausam! Rur Leute von ganz verstoc.em Herzen, die schon schlecht geboren werden und auf Erden eigentlich nichts zu schassen haben, können solche Taten verüben. Was ich heute den Tag über gehört habe, ist nur zu wahr, nut zu erwiesen. Wir sind schlecht.
Die Glocken nahmen die Worte so plötzlich auf und ertönten so laut, so klar und voll, daß er meinte, ihre Stimme bringe aus seinem Stuhl hervor.
Und was sagten sie?
„Toby Veck, Toby Beck, wir warten auf dich, Toby! Toby Veck, Toby Deck, wir warten auf dich, Toby! Komm, besuch' uns; komm, besuch' uns! — Schleppt ihn zu uns, schleppt ihn zu uns — hetzt und jagt ihn, hetzt und jagt ihn! Soll nicht schlafen! Soll nicht schlafen! Toby Veck, Toby Veck, die Tür steht offen, Toby —" bann begannen sie biefen Gesang wieder von vorn und klangen dermaßen, daß die Töne sogar aus den Ziegeln und dem Mörtel hervorzuguellen schienen.
Toby lauschte. Einbildung, Einbildung! Das waren wohl nur die Gewissensbisse, weil er ihnen diesen Abend entlaufen war? Nein, nein. Nichts der Art. Aber wieder und wieder, ja noch dutzendmal erklang es: „Hetzt und jagt ihn — schleppt ihn zu uns, schleppt ihn zu uns!" di« ganze Stadt betäubend.
„Meg", sagte Trotty leise, indem er an ihre Türe klopfte. „Hörst du nichts?"
„Ich höre die Glocken, Vater. Sie sind heute abend sehr laut.
„Schläft sie" fuhr Toby fort, diese Frage als Vorwand benutzend, um hieinschauen zu können.
„So ruhig und glücklich! Aber ich kann sie noch nicht verlassen, Vater — schau nur, rote sie meine Hände festhält!"
„Meg!" flüsterte Trotty. „Höre nur auf die Glocken!"
Sie kehrte ihrem Vater das Gesicht zu und lauschte; ober in ihren Zügen ließ sich keine Veränderung vemerken. da sie die Glockenstimmen nicht verstand. Trotty entfernte sich, nahm wieder bei dem Feuer Platz und lauschte abermals allein. So verblieb er eine Weile.
Aber nein, unmöglich konnte er es länger ertragen; denn ihre Ausdruckskraft war zu schrecklich. ‘
„Wenn die Turmtür wirklich offen ist," sagte Toby, indem er hastig seine Schürze beiseite legte, ohne jedoch an seinen Hut zu denken, „was hindert mich dann, hinaufzugehen und mich zu überzeugen? Ist sie aber geschlossen, so brauche ich keinen weiteren Beweis mehr. Dann ist s genug.
Er glitt ruhig auf die Straße hinaus, fest überzeugt, daß er die Turmtüre geschlossen und verriegelt finden werde; denn er kannte die Tür wohl und hatte sie selten, vielleicht in seinem ganzen Leben nicht mehr als dreimal, offen stehen sehen
Aber wie groß war sein Erstaunen, als er barhäuptig zu der Kirche kam, mit der Hand in die dunkle Nische tastete — wiewohl er gute Lust hatte, sie schaudernd wieder zurückzuziehen, weil er fürchtete, sie möchte unerwartet gepackt werden — und mm bemerkte, daß die Tür, die nach mißen aufging, wirklich halb offen stand!
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. *S. Lange, Gießen.


