Jahrgang |928
Dienstag, den 3|. Juli
Kummer 6J
SiehenerKmilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Dss Mädchen.
Von Werner Bock.
Wenn mich der Abendwind mit Düften segnet Und auf den heißgebrannten Wiesenpfaden Die Schar der Schnitterinnen mir begegnet, Berg ich mein Haupt im Meer der reifen Saaten.
Ihr Halme mit der süßen Schmerzenswunde, Erblüht, um sterbend zu beglücken:
Auch ich bin reif und warte meiner Stunde, Da mich geliebte Hände pflücken.
Bummel irr Bayreuth.
Bilder aus der Aestspielfkadt.
Von Gustav Manz.
Ein begeisterter Franzose hat einmal kurz vor dem Weltkrieg in einem Buche über Richard Wagner geschrieben, man könne auf alle mögliche Weise nach Bayreuth kommen, — eigentlich aber müßte man wie zu einer Wallfahrt auf den Knien hinrutschen. Ich weih nicht, ob der Verfasser dieses Ausspruches noch lebt und sich davon überzeugen kann, daß bei der Menschheit heutiger Zeit keine Neigung für das Knie- rutschen besteht. Im Gegenteil, es kann den Söhnen und Töchtern unseres technischen Zeitalters gar nicht schnell genug gehen! Der einst so verschlafene und vergessene deutsche Winkel, den sich Richard Wagner ausgesucht hotte, weil der „liebliche Hügel", auf ivelchem sein Tempel der Kunst eiftehen sollte, so fern vom Industriequalm war, — diese stille Markgrafenstadt am Roten Main wird heute durchrattert von den Kraft- wagen aller Herren Länder. An den Spieltagen bauen sich Wagenburgen um den großen roten Ziegelsteinbau auf, zu welchem man früher mit einer gewissen betonten Feierlichkeit zu Fuße hinaufpilgerte. Natürlich sind es deren auch heute noch Hundert« und Aberhunderte, denen Einfachheit der Gesinnung und Bescheidenheit des Geldbeutels diesen be- behaglichen Schlenderschritt vorschreiben. Sie lassen neidlos die fauchenden Ungetüme an sich vorüberbrausen. Und sie wissen ganz genau, daß das Kunstverständnis durchaus nicht immer Schritt halt mit der Anzahl der maschinellen Pferdekräfte, über welche der Besitzer eines Opelwagens, eines Buick oder eines Rolls-Royce verfügt. Soll es doch Amerikaner geben, von jener Sorte, die da nicht reifen, sondern gereift werden, deren Festspielbesuch also aussieht, sie fahren in ihrem Auto den Festspiel- Hügel hinauf, einmal um das Festspielhaus herum und dann wieder hinunter in die Stadt, hinaus ans der Stadt — zu weiterer Expreßbesichtigung des schönen Landes „Germany“! Drüben im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten aber erzählen sie stolz, sie seien bei den Bayreuther Festspielen gewesen.. .
Dem Himmel sei Dank, nicht alle sind sie so, welche der Dampf ober dec Motor hierherbefördertl Und gerade unter den Ausländern, welche von diesseits ober jenseits des Ozeans hierherkommen, habe ich manchen gesunden, der es an Verständnis und Begeisterung mit den beharrlichsten deutschen Stammgästen Bayreuths ausnehmen kann. Aber auch dazu haben wir Deutsche ein gutes Teil beigetragen! Deutsche Künstler sind es ja, die in London und Paris, in Chikago und Nenyork den Ruhm des Wagnerschen Kunstwerkes zu denen getragen haben, die sich früher nur durch italienische oder französische Kunst die Langeweile vertreiben liehen. Die Pioniere des deutschen Gesanges haben dem verwöhnten und blasierten Publikum der fremden Weltstädte den Respekt vor dec deutschen Kunst beigebracht. Es ist eine wahre Freude, zu fefyert, wie unbedingt di« Ernsthaftigkeit des deutschen Kunstgenusses auch die Ausländer erfaßt hat. Hier ist jeder vünktlich zur Stelle! Bei der dritten und letzten Trompetenfanfare hat sich jeder auf seinem Platz eingefunden, und in dem Augenblick, in welchem die Lampen erlöschen, erstirbt das schwirrende Gespräch. Eg tritt jene unvergeßliche, spannende Stille in dem gewaltigen A«ume ein, die Umschaltung aus dem Alltag in die erschlossene Bereitschaft der Seele.
Tausendfach ist sie geschildert worden, diese geheimnisvolle Stimmung °es Bayreuther Hauses, immer wieder erschütternd für den, der sie rennt und seltsam aufwühlend für den Neuling: ganz einerlei, ob aus »mystischen Abgrund" des versenkten Orchesters die Sehnsucht des ■Wischen Liebespaares aufseufzt, ob der feierliche ^s-Dur-Klang des sparstfalvorspiels emporschwebt, oder ob sich über dem ungeheuren Orgel- punkte des Rheingolds das Wellenspiel des rauschenden Stromes cnb Welt. Doch ich will nicht zum tausendundersten Male wiederholen, was L, weiß, der einmal hier gewesen ist, und was keiner ahnen kann, knuL nidlt «rlebt hat! Ich schreibe diese Zeilen ja auch nicht, um als
!wr Beckmesser die künstlerischen Leistungen abzuschätzen. Dies mögen andere tun, denen es ihr nicht gerade beneidenswerter Benis sichre,bt. Ich selber bin [eit drei Jahrzehnten überzeugter Festspiel
bummler. Sa, ich will die ketzerische Bemerkung nicht unterdrücken- ehe ich da bin, freue ich mich auf die Erlebnisstunden in dem zaubervollen Hause; wenn aber zwei oder drei Tage lang die Tonfluten in mich hineingerauscht sind, dann freue ich mich um so mehr auf die spielfreien Tage, auf die fröhliche Erholung, auf den sorgenlosen Bummel durch Stadt und Land. Und auf einmal merke ich, daß ich angesteckt bin vom Geiste des Schulmeisterlein Wuz, der sich immer auf etwas freute, — vom Geiste des in „Bier und Tränen seligen Kneipanten" Jean Paul, der draußen auf dem stillen Bayreuther Friedhof alle „Rosen- und Dornenstücke" des Lebens auf immer vergessen hat.
meinte einmal, schon um der spielfreien Tage willen hatte „Bayreuth' erfunden werden müssen. In dieser Ueberireibung liegt doch ein Körnchen Wahrheit. Zukünftiges keuchtet vor. Besinnliche Na- < ” möchten gerne in sich etwas aufnehmen von der Kulturluft der alten Markgrafenstadt, die im Laufe der Zeiten allerlei bunte Schicksale erlebt hat; im fünfzehnten Jahrhundert haben die Hufsitien hier bös gehaust, im sechzehnren war es Albrecht Alcib indes, der als ein fürstlicher Raubritter seine Stadt Bayreuth schließlich ins Unglück stürzte; hundert Jahre später brandschatzten und erpreßten die Kaiser- ■taten und Wallensteiner die unglückliche Stadt; erst im achtzehnten Jahr- hundert fand sie Frieden und stieg unter Markgraf Friedrich zu Glück und Glanz empor. Das prunkvolle alte Opernhaus entstand; die beiden Schlösser in der Stadt und der Sonnentempel auf der Eremitage zeugen heute noch von der Großzügigkeit jener Tage. Das ist es, was Bayreuth anderen Mittelstädten gegenüber das besondere Gepräge verleiht. Man spürt, hier hat einmal fürstliche Freigebigkeit offene Hand gehabt, und daneben ist ein ruhiges, arbeitsames Bürgertum durch stille Biedermeierzeit hürdurch bis in unsere Tage zu behaglichen Lebensverhältnissen gekommen. Auch die neueste Zeit, in welcher die Industrie ihren Einzug gehalten hat, in welcher sogar ein Flughafen die Stadt an den Weltverkehr anschlietzt und auf diese Weise alle Eisenbahnsünden wieder gutmacht, — auch sie hat den eigentlichen Charakter der Stadt nicht merklich ändern können.
Und so schlendert man ferienfroh durch ihre sauberen, breiten Hauptstraßen ober durch die winkligen Gassen der Altstadt; man betrachtet alte und neue Sehenswürdigkeiten: Park Wahnfried mit der großen Granit- platte, die Wagners sterbliche Ueberrefte deckt, den schattigen, von Vogelgezwitscher erfüllten Hofgarten, das Wagner-Museum mit dem Sebent« zimmer für den getreuen Biographen Glasenapp im neuen Schloß. Man wandert ober führt hinaus nach der Eremitage mit ihren Wasser- spielen und den sonstigen Erinnerungen an den höfischen Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts; man besucht das anmutig gelegene Schloß Fantaisie. Der und jener erinnert sich wohl mich daran, daß dieMart- gräfin Wilhelmine, Friedrichs des Großen geistvolle und scharfzüngige Schwester, in der ehemaligen Schloßkirche, der heutigen katholischen Pfarrkirche, begraben liegt.
Wie so mancher gehöre auch ich zu den sonderbaren Käuzen, die in jeder Stadt die Kirchhöfe besuchen. Und nun gar ein Gang über den Bayreuther Friedhof! Ich habe es niemals unterlassen, dort eine stille Stunde zu verbringen. Ein kleines Mausoleum umschließt die Körperlichkeit von Franz Liszt, diesem großen und gütigen Menschen; ein Granitblock erinnert an Jean Paul, den Dichter, der einst, den Dachsranzen umgehängt, zur Rollwenzelei wanderte, um der Wirtin die neuen Einfälle feiner krausen Phantasie vorzulesen. Einen dankbaren Zoll der Erinnerung entrichtet man am Grabe Julius Knieses, dieser ernsten Kantorgestalt, des Mannes, der die weltberühmte Bayreuther Chordifziplin geschaffen und seinem Nachfolger Hugo Rüdel zu weiterem Ausbau hinterlassen hat. Aber wieviel neue Gräber sind hier seit den Jahren des Weltkrieges hinzugekommen! Weithin dehnen sich die Reihen- und Massengräber deutscher, russischer, rumänischer und italienischer Soldaten, die hier für immer von Weh und Wunden genesen. Und noch zwei Gräber suche ich auf. Auch sie sind Ruhestätten von Kämpfern, von Soldaten des Geistes; sie schlummern in der Erde, auf der sie und für die sie gestritten haben: Hans Richter, der erste Meistersinger- unb Festspieldirigent, und H. St. C h a m b e r l a in , dieser Deutsche aus Leidenschaft und Ueberzeugung.
Doch kehren wir zurück von den Toten zu den Lebenden! Zur not« wendigen Atzung und zum fröhlichen Umtrunt findet man sich in den Abendstunden nach den Vorstellungen ober an den spielfreien Tagen in den wohlbekannten Gaststätten, für die es ebensogut eine „Tradition" gibt wie für die Hüter des künstlerischen Erbes von Richard Wagner. Ein Haupivunkt dieses Gastverkehrs ist nach wie vor der so bequeme, in Bahnhofsnähe gelegene Garten des Hotels zur Post, in welchem ich elber seit dreißig Jahren mein Obdach gefunden habe; Dutzende von Gasthäusern, Wirtsck-aften, vom vornehmen Anstrich des erftflaffigen Hotels bis zum bescheidenen Charakter der bürgerlid)en Herberge, sorgen für Unterkunft und Verpflegung. Wie anheimelnd berührt es den alten ! Bayreuther Bekucker, beim ersten Gang durch die Stadt festzustellen,


