Der Doktor seufzte und legte die Hände auf den Rucken. Gebunden saß er da, und Warzenede untersuchte ihn. Er entnahm der linken Westentasche die Uhr, der inneren rechten Brusttasche das rmds- lcderne Etui mitsamt den Zigarren, den lichten, schlanken Colorado- Claro, die er sich immer aus Stuttgart schicken lieh.
Der Gauner lieh es sich nicht nehmen, die Nase hlneinzustecken: steine Nummer". Dann machte er sich von neuem an die Arbeit, visitierte ohne Ergebnis die rechte Rocktasche, zog aber vom Goldfinger des Arztes den Ehering. Währenddessen roch der Arzt seinerseits den Geruch des Mannes, den er als Muffigkeit aus dem Haar, Schweiß aus den Aermeln, Fusel aus dem Gesicht und Erde aus den Händen bestimmte. Wie peinlich mochte, trotz Antisepsis und Morgenbrause, fetn eigner Geruch den Patienten sein, dachte er aus einmal, und lachte kurz.
„Du bist wohl kitzlig?" erkundigte sich der Verbrecher.
Jahrelang hatte er die Leute untersucht; nun war die Reche an ihm.
„Sie sind ja schwer krank", sagte Doktor Kreuzmann plötzlich und stand auf.
„Willste wohl stille sitzen!"
„Ich denke gar nicht daran."
„Dann soll ick wohl mit'n dicken Aujust kommen. Ede nahm den Revolver in die Linke und hob die Faust, um den Arzt zu puffen.
„So hören Sie doch."
„Sie wollen mir wohl veräppeln?"
„Ich sagte Ihnen doch, ich bin Arzt —"
„Ihnen ist wohl unwohl?"
„Also gut."
Der Doktor nahm wiederum Platz.
Machen Sie weiter, mir kann's ja egal sein."
„Ick bin den Umständen nach wohl. Ick spüre sogar eene ordentliche Zunahme."
„Wenn Sie es so leicht nehmen."
Der Dieb fuhr fort, den Arzt sachkundig auszuplundern; in der kleinen rechten Westentasche entdeckte er einen silbernen Bleistift, in der linken Hosentasche hingegen lediglich eine Schachtel Streichhölzer. Es war rundum völlig still; die Unterhaltung war eingescylafen. Plötzlich hielt er inne: , ,,, _ _. ,
„Was soll mir denn fehlen?" Der Arzt antwortete nicht. Der Dieb trat etwas zurück und senkte den Revolver.
„Wat mir fehlen soll, sag' ick. Willste jesälligst das Maul aufmachen." ,, , _
„Sie glauben mir ja noch nicht. Und übrigens habe ich nach Lage der Dinge gar kein Interesse, Ihnen das Leben zu retten."
„Wat quasselste?"
Der Doktor betrachtete den Himmel, an dem alles Spiel des Lichtes
längst aufgehört hatte.
„Wie kommst du denn da druff?"
Der Revolver hing senkrecht schlaff in der Linken herunter. „Du willst mir doch nur blefsen." Die Rechte glitt am oberen Schenkel hin und her. „So'n uffjelegter Schwindel." Der Arzt zuckte die Achseln.
„Mensch, reden Sie," schrie Ede jetzt, „ober ich hau' Ihnen eins übern Deetz, daß Sie nid) mehr Pip sagen."
„Und Sie gehn ein!"
Ede trat auf den Doktor zu. Er bat.
„Mensch — Herr Doktor — Herr Rat, sagen Sie et mir doch."
„Sann machen Sie mir erst die Hände frei."
„Det kenn' ick. Dadruff hab' ick nur jewart't, Dafür such'n.Sie sich man 'nen andern aus."
„Ich bitte Sie, sich zu versehen und mich bann gehen zu lassen. Meine Frau wartet auf mich."
Der Gauner stand unschlüssig und sah auf den Arzt; der sah da, korpulent in seiner schwarzen Jacke, mit grauen Strümpfen, und baumelte die einwärts gestellten Zehen. Ebe bat.
„Helfen Sie mir doch, Herr Rat."
Der Doktor auf dem Baumstumpf erwiderte:
„Legen Sie erst den Revolver fort."
Ede blickte mißtrauisch, aber der Anblick des gebauchten Mannes schien ihn zu beruhigen, und er legte die Waffe — der Doktor fah jetzt, daß es ein mehrläufiger, ganz neuer Browning war, offenbar ganz frisch gestohlen — neben die Laterne.
„Binden Sie mich los!"
Ede zauderte. Der Doktor herrschte ihn an:
„Wie lange soll ich noch hier sitzen! Entweder Sie haben Vertrauen zu mir, oder nicht! Denken Sie, ich weih nicht, daß. Sie ein Messer in der Tasche Haden? Daß ich (eins fyabe, wissen Sie ja. Aber wenn Sie nicht sofort parieren, kriegen Sie kein Wort zu hören."
Ede band ihn los.
„Geben Sie mir die Stiefel her."
Ebe tat das. „Danke." Der Arzt zog schnaufend die Stiefel an, Panb auf und vertrat sich die Beine.
„Mania — Mania necativa. Wünschen Sie, daß ich Sie untersuche?"
„Woran wollen Sie denn bet merken?" fragte Ebe, teils geängstigt durch bas Lateinische des Ausdrucks, teils mißtrauisch durch die Unverständlichkeit. „Ick jloobe, Sie woll'n mir doch nur verramschen, und ick bin Onkel. Da soll ick mir hinlejen, und Sie — nee, Männecken, bet machen wir nid)."
Er nahm mit raschem Ruck die Waffe wieder auf. Der Sanitätsrat sagte:
„Ich bin meinetwegen bereit, Sie zu untersuchen, während Sie den Bromning in der Hand haben. Wenn ich Ihr Vertrauen mißbrauche, können Sie ja schießen ober stechen. Wie Sie wollen."
Er glotzte ihn an; bie Unterlippe schob sich vor Staunen auf die obere, so baß ber Unterkiefer sich ganz hochgeschoben hatte und er einem Nigger ähnelte; er grinste, halb verlegen.
,Ma benn man rin."
„Machen Sie sich, bitte, frei."
dem seh-
''Herrgott, Sie sollen die Brust frei machen; ich muß Ihr Herz untersuchen. Waren Sie benn nie beim Arzt?'
E^entblößte eine ungewaschene, strotzend behaarte Brust. Der Doktor bückte sich, schnallte bie Geburtstasche auf und entnahm ihr bas Hörrohr das er im Dorf dazugepackt hatte; währenddessen senkte und hob sich der Lauf des Revolvers. Das Besteck spiegelte im Schein ber Blendlaterne.
„Teure Ware", äußerte Ebe.
„Sie wollen jetzt nur burch bie Nase atmen unb ben Mund ge- schlossen halten." . ,
Der Arzt behorchte ben kräftigen Körper des Mannes, ber einige dreißig Jahre alt fein mochte; bas Herz gab trotz Fufel unb Spelunken volle starke Schläge. Der Doktor freute sich.
„Holen Sie Atem, bitte, nochmals — tiefer noch!"
Der Mond war nicht mehr sichtbar. Die Luft war grauweiß. Seltsam unzweckmäßig stand bie Laterne am Boden.
„Zeigen Sie bie Zunge!"
Er betastete bie — unsauber fettigen — Mandeln des Patienten.
„Bekleiden Sie sich!"
Ede schloß die Jacke.
„Setzen Sie sich." Ede zauderte. „Sie sollen sich setzen!
Ede saß. Der Doktor beklopfte mit dem Hammer seine Kniescheiben, die scharf zuckten. Ede hatte schon ganz vergessen, daß ihn ber Doktor angreifen könnte. Dem tag auch nichts ferner als dies. Er strich den Schnurrbart unb wiegte ben Kopf hin unb her:
„Ernste Sache. Noch ein, zwei Jährchen werden Sic so weiter machen. Vor allen Dingen: Sie saufen, lieber Freund, und bas hält aus die Dauer auch bie stärkste Konstitution nicht aus. Zweitens: Sie rauchen. Täglid) zehn Pfeifen. Sagen Sie nichts. Kenne ich. Knaster. Davon ist Ihre Lunge schon jetzt schwarz wie Tinte. Dabei sinb Sie erst breiund- breihig. Wie alt sinb Sie?"
Ede bestätigte es schüchtern. ,
„Na, sehen Sie! Bei so jungen Jahren. Unb Ihr Herz tanzt Schuh-
Plattler."
„Wa--?"
„Sie haben ein Bierherz, ober Schnapsherz, wenn Sie wollen. Doppelt so groß, wie's bei Ihren Jahren sein sollte."
Ede fühlte sich gedrängt, sich zu verteidigen.
„Hab' doch keen Jeld zu een Doktor jehatt."
Er verzog bie Lippen zu einem Flunsch unb sah zu Boden. In langsam wachsenden Licht des Tages bemerkte der Doktor, daß er , . müde aussah, er hatte offenbar lange nichts gegessen. Er langte nach dem Portemonnaie, aber bie Tasche war leer.
„Ach so — geben Sie mir, bitte, meine Sachen."
Brieftasche, Bleistift, Etui, Börse, Ring, Uhr kehrten zurück. Der Doktor orbnete sie ruhig ein und entzündete sich bann eine Zigarre.
„Sie schienen Ihnen zuzusagen, aber ich biete Ihnen absichtlich
keine an."
Dann hakte er bie Pelerine von der Kiefer.
„Vor allen Dingen, trinken Sie keinen Schnaps mehr. Maßige- Leben — sinb Sie verheiratet?"
„Nein."
„Na ja, wie gesagt: solides Leben, ruhiger Beruf — haben 6« denn was gelernt?"
„Uff Tischlerei." _ ,
„Auf Tischlerei. Da können Sie zu Jahren kommen. Sonst ist die Sache in absehbarer Zeit letal."
„Was?"
„Tödlich."
„Sagen Sie man das nid), Herr Rat!"
Ede sprach vor Angst beinahe hochdeutsch.
„Mehr kann ich Ihnen jetzt nicht helfen. Wenn Sie mich in meinet Sprechstunde aufsuchen wollen, vormittags 8 bis 9, nachmittags 2 bis 4. Meine Name ist Dr. Kreuzmann. Meine Wohnung sagt Ihnen jedes Kind. Guten Morgen."
Voltaire.
Zu seinem 150. Todestage.
Natur endlich ein !_
sämtlichen Ahnherren in sich begreift uuu uue angedeuteten Anlagen vereinigt und vollkommen ausspricht. Ebenso g e es mit Nationen, deren sämtliche Verdienste sich wohl einmal, ®enL, glückt, in einem Individuum aussprechen. So entstand in Ludwig ** ■ ein französischer König im höchsten Sinne, und ebenso inBoUa ,, der höchste unter den Franzosen denkbare, der Nation gemaßeste Wi
Dies schrieb Goethe in seinen Anmerkungen zu „Rameaus Neffe - etwa ein Vierteljahrhundert erst nach Voltaires Tode (1804) seltsam, noch heute, nach einhundertfünfzig Jahren empfindet man o i Urteil als aktuell, also keineswegs veraltet. Aber hat nicht die TratW‘», Nation bann nach ihm, erst im neunzehnten Jahrhundert jene i steiler gehabt, bie Stendhal, Balzac oder Staub e r t, oie nicht bloß zu ben vielgenannten, sondern auch wirklich gclcfenen, o zählen kann — während bie siebenzig Bände des einstigen „PO“ . von Ferney" zwar noch als hübscher Besitz gelten, nun aber men „£ Sammler ober in den Bibliotheken verstauben? Und doch suhlen " M in Goethes Worten noch das Wahre, als sei diese Blüte, diese Inka » des „esprit gaulois“ trotzdem etwas Einmalig-Gewesenes, einzige rung nur und zugleich Verausgabung von Kräften, die in dieser a wiederkehren konnten unb können. Zum Begriff und Typus allem
Von Dr. Karl Nerthus.
Wenn Familien sich lange erhalten, so kann man bemerken, daß di« Individuum hervorbringt, daß bie Eigenschaften |<tw ren in sich begreift unb alle bisher vereinzelten u»


